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du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Wolfgers Problem"

 

 


 

Eigentlich liebte Wolfger seinen Job am Glühweinstand. Weihnachtsmärkte hatte er schon immer gemocht und jetzt als Student hier sein Geld zu verdienen war für ihn perfekt. Nur heute hatte er ein Problem. Dieses Problem hieß Wim, war gleichfalls ein Student und sein Arbeitskollege für die Abendstunden. Doch Wim war heute spät dran und als er endlich auftauchte sah er traurig aus und hatte verweinte Augen. Sowas konnte Wolfger gar nicht haben und noch ehe es sich Wim versah, hatte er von Wolfger eine Tasse Glühwein hingestellt bekommen. Und zwar mit so einem Nachdruck, dass Wim gar nicht erst auf den Gedanken kam, abzuwehren.

Und wirklich, nachdem er seine Tasse langsam getrunken hatte, sah Wim schon etwas besser aus und konnte endlich mitbedienen. Wolfger hätte gern gewusst, was den anderen jungen Mann so mitnahm, doch fragen konnte er nicht. Er war einfach kein Mensch großer Worte. So schob er Wim nach einer gewissen Zeit noch einen Becher Glühwein rüber. Auch diese wurde brav ausgetrunken.

Jetzt begann Wim sogar mit den Gästen ein paar mehr Worte zu wechseln, als nur das Nötigste. So gefiel das Wolfger schon besser. Wim war eigentlich immer gut drauf, hatte stets ein Lächeln auf den Lippen und hatte durch seine liebe, offene und unbekümmerte Art oft gleich mehrere Glühweine verkauft, weil die Gäste gerne für eine zweite oder gar dritte Runde an ihrem Stand stehenblieben.

Außerdem linste Wim immer wieder zu ihm rüber. Was wollte Wim? Noch einen Glühwein? Er machte einen Becher für ihn fertig, dabei kam Wim zu ihm heran: "Danke, Wolf", lachte er und so schnell, dass Wolfger es gar nicht recht bemerkte, hatte er ihm ein Küsschen auf die Wange gegeben.

Das beschäftigte jetzt Wolfger doch. Hatte Wim nicht einen festen Freund? Oder bedeutete der Kuss gar nicht so viel? Aber schön war es trotzdem. Er grinste vor sich hin, während er weiter fleißig Glühwein verkaufte, dazwischen Neuen ansetzte und immer wieder zu Wim schielte. Der kam jetzt häufiger zu ihm, wollte dies und das, kramte in den Kisten hinter ihm. Dass er ihn dabei immer wieder berührte, war sicher nur Zufall.

Das war alles ganz schön, doch hatte Wolfger jetzt noch ein Problem. Denn Wim schwankte zwischenzeitlich sehr. War der schon betrunken? Von drei Glühweinen verteilt über den Abend? Anscheinend vertrug Wim nicht viel Alkohol - und dann hatte er vielleicht über seinen Kummer nichts gegessen? Das konnte es wohl sein. Er überließ dem verwirrten Wim für wenige Minuten den Stand allein und kam mit einer ordentlichen Portion Falafel wieder. Die hatte Wim schon einmal gegessen, das hatte Wolfger die Tage zuvor beobachtet. Verblüfft hielt Wim nun seine frittierten Kichererbsenbällchen in der Hand und wusste gar nicht, was er sagen sollte. "Essen!", bestimmte Wolfger und Wim aß.

Es ging auf Mitternacht zu, als auch endlich die letzten Buden für heute geschlossen wurden. Wolfger sperrte noch die kleine Seitentür ab, dann konnten auch sie gehen. Wobei ‚gehen' für Wim wohl nicht mehr in Frage kam. Er hing in Wolfgers Armen und schlief schon fast. Der letzte Glühwein vor wenigen Minuten hatte ihm wohl den Rest gegeben. Und jetzt? Er konnte ihn doch nicht einfach so hierlassen? So packte er ihn mit festem Griff und nahm ihn mit zu sich nach Hause.

Den nächsten Abend trafen sie beide gleichzeitig am Glühweinstand ein, was nicht verwunderlich war, da Wolfger nun nicht mehr allein wohnte und gut auf seinen Wim aufpasste…

 

 

Fröhliche Weihnachten

 


 

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