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du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Winterfeen"

 

 


Wenn es draußen dunkel ist, wenn der helle volle Mond den Schnee zum Glitzern bringt, wenn die frische klare Winterluft den reinen Duft des Waldes trägt, wenn die Stille gänzlich silbern schwingt und die Eiskristalle singen lässt – dann kann es passieren, dass du unerhofft ein Stück des Reichs entdeckst. Du musst nur da sein. Hier, bei der großen Tanne und noch ein kleines Stückchen rechts.

Da steht er – der Baum. So riesig, dass die Wipfel in den Himmel ragen ohne Ende. Die Äste so stark und biegsam, dass sie unendlich weit in den Wald hinein reichen. Die Wurzeln so dick und breit, dass sie ins Erdreich dringen so tief es möglich ist. Er scheint den Himmel zu tragen, die Wälder zu einen, die Erde fest zu binden.

Jetzt ist er bedeckt mit frischem Schnee, der sich gerne auf die breiten Äste setzt. Ihm für eine Weile Ruhe gibt und ihn behutsam in den Schlummer singt.

Da gehen plötzlich die Lichter an. Hier ein Schimmern, dort ein Leuchten. Ein Goldenes, ein Silbernes, ein bunt Schillerndes. Jedes Lichtlein ist ganz eigen, schwebt aufgeregt um den Baum herum. Allein, zu zweit, ein ganzer Haufen quirliger Lichtgestalten. Winter ist’s! und die Winterfeen erwachen zum Leben, erkunden die neue Welt, den neuen Schnee. Begrüßen den satten Mond und die hellen Sterne, singen mit den Eiskristallen, tanzen mit den Flocken. Sie sind munter, aufgedreht und voller Energien. Toben durch den Schnee, jagen sich, fangen sich… …

… …Bis ein weicher Lichterregen niedergeht, hinab auf den weißen Schnee, dort sich zusammenfindet, mehr wird, größer wird, eine Hand umfasst den Stab, die Krone bedeckt das edle Haupt, die dunklen, warmen Augen blicken lächelnd zu den freudigen Feen hin. Eine sachte Regung geht durch die Gestalt, bald eine jede Fee in gleichem Lichterregen untergeht und plötzlich ein kleines Stück Rinde in den Fingern hält, mit feinen Runen beschrieben.

Und schon bricht eine große Hektik los. Wollen alle in eine andere Richtung, scheint sich ein riesiges Knäuel zu bilden, aus dem alsbald die ersten Feen ihren Weg finden, dem Baum folgen, hinauf zu den hohen Wipfeln, entlang der weiten Äste oder hinab durchs warme Erdreich den Wurzeln folgend. Und anstatt eines Rindenstücks, trägt nun jede kleine Fee ein Päckchen sicher in den Händen.

***

Dem Treiben vergnügt zuschauend, lächelt die leuchtende Gestalt, sieht zu, wie die Lichtung und der Baum alsbald wieder ruhig steht; und winkt nun liebevoll dem einem zurück gebliebenen blassen Schimmer.

„Komm aus deinem Versteck, kleine Fee und erzähle mir: warum willst du kein Rindenstück?“

Die Stimme ist nur ein warmes Flüstern, dringt sanft durch den Wald hindurch und zu der kleinen Fee, trocknet schon die Tränen. Ein leichter Singsang hallt zurück über die Lichtung, fast stockend.

„Ah. Und du meinst, weil du letztes Jahr ein Päckchen verloren hast, kannst du keine Winterfee mehr sein?“

Den Stab in die andere Hand gleiten lassend, wird die kleine Fee sacht aus der Luft geholt, sicher auf der offenen, warmen Hand gehalten. Noch bevor die Fee antworten kann, ist auch sie vom Lichterregen umhüllt, hält schließlich ein Rindenstück in der Hand, liest überrascht die Runen.

„Zeige, dass auch du eine Winterfee bist. Der Weg ist nicht schwer zu finden.“

Da geht ein Strahlen von der kleinen Fee aus, ihr Licht glänzt und glitzert wieder, aufgeregt und freudig tragen die durchscheinenden Flügelchen das zarte Geschöpf, schwebt es hinauf, zögert kurz, gibt nun doch einen raschen Kuss auf eine der goldenen Wangen – fliegt dann eiligst davon, auch ein Päckchen in der Hand.

***

Geduldig wartet die ruhige Lichtung. Eiskristalle unterhalten sich leise mit dem kalten Fluss.  Leichter Wind jagt etwas Schnee vor sich her. Der Silbermond erhellt die Nacht noch etwas mehr.

Alsbald blicken die dunklen Augen wieder auf, empfangen die ersten zurück kehrenden Feen, nimmt jede sacht in die Hand, lässt die kleinen erschöpften aber glücklichen Wesen im neuen Lichterregen sanft schlafen. Noch ist die letzte Fee unterwegs, kommt noch rechtzeitig, gibt der so herrlichen Gestalt noch einmal einen eiligen Kuss, bis auch sie einschläft und im sicheren, warmen Stamm des großen, starken Baumes verschwindet.

Und nun geht die Gestalt in sachten Lichterregen auf. Verlässt den Baum, die Welt – kehrt zurück in ihr Reich – ihr Reich – das Reich der Träume… ...

Ende

(29/11/04)