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du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Weihnachtsentscheidungen 1 - Vorweihnachtstag - Teil 2"

 

 


 

***

Der Morgen des 23. Dezember, ein Mittwoch, startete also ganz früh, noch im Dunklen und in der Küche mit sauren Gürkchen und Putenbrust-Sandwiches. Außerdem vertrieb extra starker Kaffee auch die letzte Müdigkeit. Irgendwann stand eine Schale mit Lebkuchen vor ihnen, die auch nach und nach leerer wurde.

Sie saßen am Tresen und Tristan ließ sich erzählen, wo Melih seine eigentlichen Wurzeln hatte.
"Er ist ein Wüstenprinz", antwortete Martin auf Tristans Frage und es klang bewundernd und verliebt.
"Ich bin kein Prinz, Tristan. Lass sich dich nicht verwirren. Aber die Wüste ist tatsächlich ein Teil meiner Vergangenheit. Wobei ich sie gar nicht richtig kenne. Meine Großmutter gehörte zu den Nomaden. Berber sind auch heute noch der größte B evölkerungsteil in Marokko, aber natürlich sind die meisten sesshaft geworden. Meine Großmutter aber lebte in ihren jungen Jahren noch nomadisch, bis sie auf einen französischen Soldaten traf. Sie verliebten sich und sie entschied sich, bei ihm zu bleiben und ihren Stamm zu verlassen. Ihr Sohn, mein Vater, ist später, nachdem Marokko wieder selbstständig wurde, ausgewandert und nach Deutschland gekommen. Hier traf er meine Mutter. Ich bin also in Deutschland geboren und aufgewachsen. Natürlich haben ich und mein Bruder Nahel das Geburtsland meines Vaters und auch unsere Großeltern schon öfter in Marrakesch besucht. Meine Heimat ist aber Deutschland."

Tristan staunte. Melih war also wirklich ursprünglich aus dem Wüstenland. Und einen Bruder hatte er auch noch.
"Ja", mischte sich Martin wieder ein. "Aber was er dir nicht verrät, Trisi, ist, dass seine Großmutter die Tochter des Stammesführer war. Also eine Prinzessin. Und der französische Soldat war auch nicht irgendein Grenadier, sondern ein echter General." Das Staunen hörte gar nicht mehr auf.
"Dann bist du ja doch ein Wüstenprinz", entschied auch Tristan und erfreute sich an dem herrlichen Erröten, das den hübschen Professor noch lieblicher machte.
"Und du hast noch einen Bruder? Ist er genauso attraktiv wie du?", konnte er es sich nicht verkneifen, Melih noch mehr zu schmeicheln.
"Hey", begehrte sein Vater da auf. "Flirten darf nur ich, Trisi", lachte er. Dann küsste er die heiße Wange Melihs und stupste seine Nase gegen dessen. "Aber er hat einfach recht, Melih. Du bist ganz und gar bezaubernd."

Melih brauchte eine Weile, um sich wieder zu fangen. Der Lebkuchen half da sehr gut und auch der bittere Kaffee lenkte ihn ausreichend ab. Endlich konnte er wieder sprechen.
"Ja. Ich habe einen Bruder. Er ist zwei Jahre älter und lebt in Weimar. Er hat auch Kunst studiert und eine Stelle an der Bauhaus-Uni gefunden. Er malt ganz wunderbar, sehr viel besser als ich, dafür hat er es nicht so mit der Bildhauerei. Er hat eine eigene kleine Galerie und fördert junge Künstler, indem er immer kleine Vernissagen veranstaltet."

Tristan fragte, ob er denn Melihs Atelier sehen durfte. Dieser versprach ihm, dass er gerne vorbeikommen könne, wenn er denn wollte. Klar wollte Tristan. Wer wollte nicht hinter die Türen eines Meisters sehen?

Die Schale, wo zuvor die Lebkuchen drinnen lagen, war leer und sorgte für den Gedanken des Nachschubs, was Einkaufen hieß und damit alle zum eigentlichen Tag zurückbrachte. Sie besprachen also den weiteren Tagesablauf. Melih und Martin wollten heute Morgen eigentlich die letzten Supermarkt-Einkäufe erledigen und einen Baum für ihr Wohnzimmer draußen auf dem ‚Tannenhof' selbst schlagen. Sie hatten ein ruhiges und besinnliches Weihnachten geplant. Jetzt wurde Tristan kommentarlos in die Planung integrierte inklusive einem Besuch bei seinem Ex. Als Tristan einschätzen sollte, wie viel sie dort herausholen mussten, bemerkte er überrascht, dass er nur ein paar Klamotten dort hatte und seine Uniunterlagen mit einigen Büchern. Seinen Laptop hatte er schon im Rucksack mitgebracht. Es war also nicht wirklich viel, alles andere gehörte Mario.

Er musste nur entscheiden, ob er jetzt noch eine Runde schlafen wollte. Er wiegelte ab, er hatte sowieso viel zu viel Kaffee intus, um jetzt noch einschlafen zu können. So war es also abgemacht. Zum Morgengrauen zogen sie sich um. Tristan bekam Hose und Pullover von Melih, da seine eigenen Klamotten in der Waschmaschine noch ihre Runden drehten. Sie passten ihm etwas besser, als die Sachen seines Vaters, da der hübsche Professor etwas kleiner war. Als Tristan sich oben in seinem Zimmer umzog, fiel sein Blick wieder auf den Weihnachtsstern im Fenster und schaltete ihn an. Er wollte ihn gerne von der Straße aus sehen können.

Wieder unten fand er die beiden anderen bereits im Flur beim Schuhe anziehen. Melih zog ihn aber noch einmal ins Wohnzimmer zurück.
"Du darfst dir das 23. Kästchen nehmen", sagte er und zeigte auf die Adventsbox. Überrascht holte Tristan eine der feinen Lindor-Kugeln heraus und verputzte es auch gleich.
"Dankeschön", freute er sich über die kleine Geste. Anscheinend war Melih Herr über den Kalender.

Dann bekam er von Martin eine warme Mütze und ein Paar Handschuhe. Da er sogar seine Winterjacke durch den hektisch-nächtlichen Aufbruch bei Mario vergessen hatte, durfte er sich auch die warme Jack-Wolfskin-Jacke seines Vaters ausleihen, während dieser den modernen anthrazitfarbenen Winterkurzmantel aus dem Schrank holte. Melih neben ihm in einem schlichten klassischen schwarzen Wollmantel sah exotisch bezaubernd aus und zusammen gaben die beiden ein wirklich schönes Paar ab.

Die warme Kleidung war sehr sinnvoll, denn es war nebelig draußen und sehr kalt. Raureif lag über allem und man konnte es fast als ein wenig Schnee sehen.

Obwohl es noch sehr früh war, stand der Besuch bei seinem Ex als erstes auf dem Plan. Tristan wollte es hinter sich bringen und sein Vater war eh immer der Meinung, Unangenehmes möglichst schnellstens zu erledigen. Dann war es gemacht und der Kopf war wieder frei für andere, schönere Dinge.

Tristan kramte am Mehrparteien-Haus angekommen nach dem Schlüssel, den er noch hatte und öffnete die Türen. In der Wohnung oben war es ruhig. Weder von Mario noch von dessen Betthäschen war irgendetwas zu sehen. Tristan sammelte seine Sachen zusammen und es war wirklich wenig. Sein Vater hatte eine seiner großen Sporttaschen dabei und packte da Unisachen und einige Klamotten rein, Melih trug einen Stapel Bücher. Tristan warf in seine eigene große Reisetasche die restliche Kleidung und sein Badzeug.

In der Küche fiel ihm noch etwas ein. Er angelte im oberen Schrank nach seiner selbstgekauften Lieblingstasse mit einem niedlichen Comic-Legolas drauf und daneben nach der teuren Trinkschokolade. Mario hatte davon sowieso nie etwas getrunken. Er würde nichts von Beidem vermissen. Zum Schluss schrieb er einige kurze Zeilen für Mario, wo er nur sagte, dass er seine Sachen geholt hätte und auch den Schlüssel zurückgab. Nichts weiter. Er ließ den Schlüssel auf dem Zettel auf dem Küchentisch liegen und zog von Außen die Türen fest ran.

Unten kam er erleichtert ausatmend am Auto an. Es war fast zu leicht gewesen, aber warum sollte er nicht auch mal Glück haben?
"So. Das war's", sagte er, als er hinten in den Ford Focus kletterte. "Jetzt könnt ihr euren Tag so machen, wie ihr es wolltet."

***

Tristan fühlte sich komisch, als sie an dem großen Supermarkt ankamen. Der Gedanke sich von Mario zu trennen, war ihm in der Nacht ganz plötzlich gekommen, war aber unumstößlich und ihm überraschend leicht gefallen. Jetzt ging er mit seinem Vater einkaufen, wie sie es in der Vergangenheit auch schon getan hatten, als wäre er nie weg gewesen. Automatisch sprang er schon aus dem Auto, um den Einkaufswagen zu holen, während Martin noch das Auto parkte.

Er tapperte in Gedanken vertieft hinter Melih und Martin her und grübelte darüber nach, ob es einen schlechten Menschen aus ihm machte, wenn er einen Partner so plötzlich und locker abservierte. Martin bekam davon nichts mit; der war in seine Einkaufsliste vertieft und ging zielstrebig die Regale ab.

Doch dann sprach Melih ihn an, als er vor dem Nutella-Regal stand.
"Na. Schon die richtige Größe gefunden?", fragte er Tristan, der zwischen einem normalen Glas Haselnusscreme und einer Festtags-Übergröße entscheiden musste.
"Na ja. Ich werde wohl der einzige sein, der das isst. Dann reicht sicherlich die kleine Menge. Andererseits ist das große Glas umgerechnet günstiger."

"Ach, ich glaube, das große ist schon gut. Aber vor allem müssen da mindestens zwei mit", lachte Melih und packte in beschwingter Vorfreude zwei Monstergläser Nutella ein. Tristan guckte Melih etwas schräg an; er hätte den anderen Mann nicht als solch eine Naschkatze vermutet. Andererseits kannte er ihn ja gar nicht. Er kannte nur die Schwärmereien der Studenten und die hatten ein übergöttliches Bild von diesem Professor gezeichnet. Das war so ganz anders, als was er vor sich hatte. Melih wirkte nicht distanziert, lehrerhaft oder gar künstlerisch in einer anderen Welt existierend, sondern eher jugendlich unbeschwert und mit sich und der Welt zufrieden. Mit dem beständigen Hauch Wüstenzauber um sich herum. Und als er jetzt so dicht bei ihm stand, nahm er auch diesen frisch-fruchtigen Geruch wahr, der ein wenig nach Orange duftete. Das war sehr winterlich, vor allem da Melih zu seinem schwarzen Mantel einen feinen weinroten Schal trug. Wenn das alles nicht Weihnachten pur war.

"Außerdem, bei deinem traurigen Gesicht werden die wohl schnell alle sein. Nutella und ein Löffel können gut trösten." Damit verschwand das Lächeln und Ernsthaftigkeit zeigte sich. "Was macht dir so zu schaffen, Tristan? Ich dachte, du wolltest nicht mehr mit Mario zusammen sein?"
"Ja. Das ist richtig. Aber… darf so eine Entscheidung so leicht fallen?"
Melih blickte ihn nachdenklich an, bevor er antwortete.
"Nun, du bist mitten in der Nacht bei uns aufgetaucht, in nicht gerade bestem Zustand. Leicht war also deine Entscheidung ganz sicher nicht. Und wenn du jetzt mit ihm bereits abgeschlossen hast, zeigt das nur, dass ihr beiden einfach nicht zusammen gepasst habt."
"Aber wir waren zwei Jahre fest zusammen. Da muss doch mehr sein. Ich habe ihn doch geliebt?", war das eher eine Frage, als eine Feststellung.
"Trisi", übernahm Melih die Koseform des Vaters. "Du warst 17. Ein Teenager, der versuchte erwachsen zu werden mit überschüssigen Hormonen und einem Outing. Und Mario, ich kenne ihn nicht, scheint wohl ein Mann mit beeindruckendem Äußeren zu sein, der ein Händchen dafür hat, noch unbedarfte junge Männer zu umgarnen. Du siehst zwar ganz anders aus als Martin, Trisi, aber du bist genauso hübsch. Etwas sanfter und feiner als dein Vater, aber genauso anziehend." Melih lächelte aufmunternd und strich Tristan in einer fürsorglichen Geste über die Wange. Als dieser skeptisch schaute, erriet er sofort seine Gedanken.
"Keine Sorge. Ich liebe Martin. Aber ich bin auch Künstler und weiß Ästhetik zu schätzen. Und Mario wohl auch. Du warst bestimmt genau sein Beuteschema. Aber sage mir eins: seit du heute mitten in der Nacht verschwunden bist, wie viele Nachrichten hast du von ihm bekommen? Wie oft hat er dich angerufen? Hat er dich gesucht? Sicher wird er sich denken können, dass du zu deinem Vater gegangen bist."

Tristan stutzte. Er hangelte sein Handy hervor und darauf war wirklich keine einzige Nachricht. Keine SMS, kein Anruf, keine WhattsApp. So wichtig war er also Mario.
"Du hast Recht, Melih", sagte er betrübt. Was war es dann, was sie zwei Jahre hatten? Wohl einfach nur eine Sexbeziehung.
"Sei deswegen nicht traurig, Trisi. Du hattest trotz allem eine aufregende Zeit mit Mario, hast einiges mit ihm erlebt. Versuche, das Gute dieser Zeit in Erinnerung zu behalten und vergiss alles andere. Du hast mit ihm abgeschlossen. Morgen ist Weihnachten und für deinen Vater ist es das größte Geschenk, seinen Sohn wohlbehalten wieder bei sich zu haben. Du hast ihm sehr gefehlt und es gab Nächte, da konnte er vor Selbstvorwürfen nicht schlafen und ist mitten im Dunklen Fahrrad fahren gegangen."

Melih war zu bewundern. Er konnte anscheinend in allem etwas Positives sehen. Sein sonniges Gemüt ging nun auch auf Tristan über. Er nickte also, packte noch ein drittes Glas Nutella und grinste Melih an.
"Gehen wir Paps suchen…", sagte er dazu und schritt mit neuer Energie und Entschlossenheit an Melih vorbei. Der lachte nur.

***

Sie fanden ihren Einkaufswaagen und legten ihre Beute mit hinein. Von Martin war aber nichts zu sehen. Melih wollte ihre wertvolle Schokocreme bewachen und schickte Tristan los, seinen Vater wieder aufzutreiben. Diesen fand er nach einigem Suchen bei den Kühltruhen.
"Na. Was suchst du in den Tiefen der Eiswelten?", machte er sich bemerkbar. Martin tauchte wieder auf, in den Händen eine riesige Gans.
"Unseren Festtagsbraten", freute er sich. "Und ihr zwei? Habt ihr eure Süßigkeiten gefunden?"
"Die Nutella, ja."
"Oh. Dann müssen wir nochmal in die Knabber-Abteilung. Melih ist doch ein ganz Süßer." Dass sein Vater da nicht nur die Naschvorzüge seines Liebsten meinte, war Tristan klar. Und das wiederum war … genauso süß.
"Du bist wirklich verliebt. So richtig bis über beide Ohren", stellte er neckend fest.
"Ja", lachte Martin verlegen. "Und das schon seit zwei Jahren. Er ist nach dir das Beste, was mir passieren konnte. Und du scheinst mit ihm auch sehr gut auszukommen." Tristan nahm Martin als Antwort nur den Riesenvogel ab.
"Und jetzt verrate mir, wann ihr eigentlich heiraten wollt."
"Was? Hier mitten in der Tiefkühlabteilung? Wie romantisch ist das denn?"
"Was hat das mit Romantik zu tun? Es geht ausschließlich um meine Zeitplanung. Immerhin muss ich bis dahin einen Anzug kaufen und mir das passende Hochzeitsgeschenk ausdenken. Abgesehen von der ganzen restlichen Organisation der Feierlichkeiten. Je früher, desto besser kann ich Preise vergleichen." Martin wuschelte Tristan durch die Haare.
"Komm. Organisieren wir erst mal die morgige Feierlichkeit. Dann verraten wir dir, was bereits auf unserer Hochzeitsplanungs-Liste steht und vielleicht auch schon ein grünes Häkchen hat."
"Och Menno, immer deine Geheimnisse", murmelte Tristan vor sich hin, war aber damit ganz einverstanden. Sie sammelten Melih bei den Süßigkeiten ein und verließen dann den Supermarkt.

***

Sie machten einen kurzen Abstecher zu Hause rum, um Tristans Sachen und die Einkäufe auszuladen und zu verstauen. Dann ging es direkt weiter zum ‚Tannenhof'. Der kleine Gutshof, der eine eigene Baumschule hatte, bot neben dem Selbstschlagen der Bäume auch einen kleinen Glühweinstand mit Imbiss an. Es ging auf Mittag zu und es war schon einiges los. Martin hatte eine eigene Axt dabei, als sie hinter den Gebäuden auf ein weites Feld größerer und kleinerer Bäumchen traten. Sie liefen die Bäumchen ab, konnten sich aber lange nicht entscheiden. Erst ganz hinten fanden sie eine kleine Tanne, die für ihr Wohnzimmer perfekt schien. Martin streckte ihm die Axt hin und Tristan versuchte sein Glück. Melih lachte leise.
"Ach, der Herr Professor kann es besser?", zickte Trisi und gab die Axt auffordernd weiter. Jetzt lachte Martin, denn nach nur wenigen Schlägen hatte sein Schatz den Stamm fachmännisch durch.

Tristan zog die Nase kraus. Das war gemein.
"Kommt. Ich gebe vorne einen Glühwein und das Mittagessen aus", sagte Melih und schritt mit der Axt über die Schulter gelegt davon. Martin lachte noch immer, als er schon nach dem Stamm des Bäumchens langte.
"Mach dir nichts draus, Trisi. Letztes Jahr hat er mich ausgelacht. Und jetzt schnapp dir den Wipfel. Ich habe Hunger." Was blieb ihm anderes übrig? So trottete Tristan mit der Spitze des Baumes in den Händen vorneweg, schmollend und grummelnd.

Der erste Glühwein des Tages stimmte ihn dann doch wieder milder. Der war wirklich lecker, sehr fruchtig und wärmte gut, denn es war noch immer richtig kalt. Während er noch an seinem Grillsteak in Brötchen mupfelte, beobachtete er heimlich seinen Vater mit Melih. Die standen an der Seite, ebenfalls beide Hände mit Brötchen und Trinkbecher voll, doch die Nasen berührten sich fast, sie tuschelten und lachten. Man sah die Herzchen nur so hin- und herhüpfen. Dass die zwei sich liebten, war nicht zu übersehen. Und was ihm vor allem auffiel: Martin zeigte ganz deutlich, dass Melih zu ihm gehörte. Aber nicht mit aggressiven Verhalten gegen alle potentiellen Konkurrenten, sondern mit vielen kleinen Aufmerksamkeiten Melih selbst gegenüber. Sachte Berührungen an Armen und Schultern, um zu zeigen, das er da war. Sogar Türen aufhalten oder gar Tasche abnehmen als sie vom Supermarkt wieder kamen. Immer nach ihm Ausschau halten, ob alles in Ordnung war. Trotzdem ließ er ihn Mann sein. Das musste Melih ihm nicht noch mit der Axt beweisen.

Tristan merkte, dass Mario nie so mit ihm umgegangen war. Draußen waren sie eher wie Kumpels gegangen. Nüchtern und kühl, Seite an Seite, aber niemals mit Berührungen. In Clubs dagegen hatte er ihn immer hart im Griff, den muskulösen Arm immer fest um seine Hüfte oder Schultern gelegt und selten losgelassen. Jetzt im Nachhinein wirkte es sehr einengend, sehr besitzergreifend und er war erneut froh und erleichtert, diese Beziehung beendet zu haben, auch wenn es sehr überstürzt war.

Martin holte ihn aus seinen Überlegungen heraus, indem er ihn sachte anstieß.
"Hey. Was grübelst du?"
"Ach. Nichts. Ich habe gerade nur gedacht, dass es gut ist, wie es jetzt ist."
"Prima. Dann kann ich dir ja ohne Sorgen den weiteren Tagesplan eröffnen…"
Tristan lachte. "Klar."
"Eigentlich war heute ein gemütliches langes Ausschlafen mit Frühstück im Bett vorgesehen. Aber jetzt sind wir doch schon mit allem durch und Melih würde zu gerne noch einmal auf den Weihnachtsmarkt. Vorausgesetzt du bist nicht zu müde. Wir wollen eh erst den Baum zu Hause rumbringen. Wenn du lieber da bleiben willst, ist das oK."
"Nein. Weihnachtsmarkt klingt ausgesprochen gut", war Tristan völlig dafür. War er doch dieses Jahr nur einmal da gewesen. Es war recht stressig im Dezember gewesen und Mario war nicht so der Fan von kitschigen Weihnachtsmärkten. Außerdem gab es dort sicher noch den ein oder anderen Becher Glühwein.

Er durfte noch in Ruhe sein Brötchen aufessen, bevor sie Axt und Bäumchen zum Auto brachten. Es wurde etwas pieksig eng für Tristan auf der Rückbank, da er sich den Fond mit der Baumspitze teilen musste.

Nur eine halbe Stunde später traten sie durch einen der vier Weihnachtstorbögen, die den Markt begrenzten. Es war recht voll und man musste aufpassen, sich im Gedränge nicht zu verlieren. Die Kälte trieb die Leute zu den Heißgetränken und auch sie fanden sich zu allererst an solch einer Bude ein. Hier gab es auch alkoholfreien Apfelpunch, für den sich sein Paps entschied, da er ihr Chauffeur war. Melih nahm eine heiße Schokolade mit Schuss und Tristan blieb bei Glühwein, diesmal mit Heidelbeeren.

Tristan merkte sofort, dass Paps und Melih wirklich gerne auf Weihnachtsmärkten waren. Sie schlenderten gemächlich die Stände entlang und interessierten sich auch für die, an denen Tristan hängenblieb. Auffällig oft machten sie Halt an Buden mit süßen Leckereien. Melih schien sich systematisch von Anfang bis Ende durchkosten zu wollen. Am Ende hatte er mehr als genug Glühwein getrunken, merkte schon, wie er etwas schwankte, aber hatte auch ein kleines Geschenk für Paps und Melih gefunden, ohne dass die beiden es mitbekommen hatten.

***

Es wurde schon dunkel, als sie endlich wieder zu Hause ankamen. Der Stern in Tristans Zimmer begrüßte sie schon von der Straßenecke aus mit schönem Licht. Nach der Kälte draußen, war es im Haus kuschelig warm.
"Soll ich schon mal den Baumschmuck von oben runter holen?", fragte Tristan als er sich gerade die Schuhe auszog.
"Ja. Melih holt auch schon den Baum rein", stimmte Martin zu und verschwand in der Küche, um Tee zu kochen.

Tristan nutzte die Gelegenheit die Geschenke zu verstecken und sich umzuziehen. Im oberen Flurschrank waren früher immer die Kartons mit dem Weihnachtsbaumschmuck untergebracht und auch jetzt waren sie noch hier zu finden, ordentlich sortiert, und er konnte alle drei auf einmal packen und nach unten bringen.

Im Wohnzimmer hatte Melih bereits den Baum hereingeschleppt und bekam zur Belohnung einen frischen heißen Tee von Martin. Dabei hatten die beiden schon wieder dicht ihre Nasen beisammen und flüsterten.

"Los, ihr zwei Eskimos. Baum schmücken ist angesagt", lachte Tristan und schreckte damit die beiden aus ihrer trauten Zweisamkeit hoch.
"Eskimo? Warum?"
"Ach. Nur so." Tristan kicherte noch etwas vor sich hin, während er schon einmal die Kartons auf den Tisch stellte und öffnete. Die Baumlichter mussten zuerst ran und die dafür vorher entknotet werden. Melih gesellte sich zu ihm und half mit geschickten Fingern den Wirrwarr zu richten.

Sein Paps brachte auch ihm einen Becher heißen Tee mit ordentlichem Schuss drin. Außerdem lud er übers Internetradio einen Sender für Rock-Christmas und stellte strategisch leicht erreichbar diverse Schälchen auf, die gutes Naschwerk beinhalteten. Dezentes Räucherwerk zog ihnen bald auch noch um die Nasen.

Tristan verglich all das mit seinem letzten Weihnachten. Deko? Nicht bei Mario in der Wohnung. Weihnachtsmarkt sowieso nicht. Ein Baum? Nur wiederstrebend und nach dem 26. auch gleich wieder rausgeschmissen. Geschenke? Smartphone und DVDs; wie weihnachtlich. Der heilige Abend? Na ja, sie waren halt im Bett, aber eigentlich nichts Besonderes und recht schnell vorbei! Es war so traurig, heute, wo er daran zurückdachte.

Tristan blickte sich um und hatte plötzlich Tränen in den Augen, die er heimlich wegwischte. Der Tag heute war entgegen allen Erwartungen so schön geworden. Und das lag nicht nur an seinem Paps, der ihn mit aller Liebe wieder aufgenommen hatte, sondern auch an Melih, mit dem er sich erstaunlich gut verstand. Für ihn bestand kein Zweifel: sie waren eine Familie. Das war das schönste Geschenk überhaupt. Und er hatte es schon einen Tag eher erhalten.

Das Fest entschied sich, Tristan auch noch ein weiteres Geschenk zu machen. Dicke Flocken begannen zu schneien, während im Haus in festlicher Eintracht der Weihnachtsabend vorbereitet wurde…

 

Ende

 

(15.11.2015)

 


 

Teil 1

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