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du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Weihnachtsentscheidungen 1 - Vorweihnachtstag - Teil 1"

 

 


 

Tristan wischte sich nochmals über die Stirn, strich die nassen Strähnen aus dem Gesicht. Den ekeligen Schneeregen hielt das natürlich nicht ab, ihn weiterhin durchzuweichen. Seine Klamotten waren schon längst bis auf die Haut durchnässt und er fröstelte vor Kälte. Aber auch Schmerz, Wut und Scham ließen ihn zittrig aufschluchzen, als er zu dem Einfamilienhaus hinüber schaute. Hier war er eigentlich 17 glückliche Jahre aufgewachsen, bis ein Streit Tristan vor zwei Jahren aus dem Haus trieb. Das letzte, was ihm sein Vater noch gesagt hatte, war: "Ich werde immer hier sein."

Damals hatte Tristan darüber noch abfällig gelacht. Wer würde schon zu einem Vater zurückkehren wollen, der ihn wegen dem Coming Out aus dem Haus geworfen hatte? Und nun stand er doch hier an der dunklen Straßenecke und blickte zu dem kleinen Häuschen hinüber, das er damals so fluchtartig verlassen musste.

Und noch schlimmer war es, dass es so kurz vor dem Weihnachtsfest war. Er liebte Weihnachten, hatte es immer gern gefeiert und wollte nicht mit Seelenschmerz dieses schöne Fest begehen. Das Fest wohl auch nicht, denn entgegen der Jahreszeit, wo eigentlich alles in schönem Weiß liegen sollte, gab es nur rutschigen Schneeregen, der auch noch alles gefährlich über Nacht vereiste.

Er wischte nochmals die Tränen aus den Augen, die sich so harmonisch mit den Regentropfen verbanden, schulterte die kleine Reisetasche fester und rückte den Rucksack zurecht, bevor er endlich die wenigen Meter hinter sich brachte. Die niedrige Gartentür quietschte etwas, als er sie aufschob und endlich stand er unter dem schmalen Vordach an der Haustür. Ohne weiter zu Zögern betätigte er die Klingel, nicht, dass er sich noch anders entschied.

Ihm war bewusst, dass es schon lange nach Mitternacht war und er einige Minuten warten musste, und klingelte erst nach einigen Momenten nochmals; im tiefen Schlaf überhörte man gerne mal ein einfaches Läuten.

Bald sah er Licht im Flur angehen und schon gleich darauf den Schlüssel innen im Schloss klappern und die Tür sich öffnen. Nach zwei langen Jahren sah er seinen Vater wieder. Er wusste nicht, was er erwartet hatte, aber er war erstaunt, dass er einfach noch immer so aussah, wie er ihn kannte. Nun, etwas müde vielleicht.

Martin hatte eine karierte Pyjamahose an, die nur so leidlich auf seinen Hüften hing und Tristan peinlicher Weise auf komische Gedanken brachte, obwohl es doch sein Vater war und er eigentlich grad ganz andere Sorgen hatte. Aber der hatte auf ein Oberteil verzichtete und präsentierte recht vorteilhaft seinen vom Mountain Biken trainierten sehnigen Körper, als er sich durch die schlafbedingt wuschelig verwuselten Haare strich und gähnte.

"Was gibt's?", nuschelte er, bevor er den nächtlichen Besucher erst mal richtig ins Auge fasste. Doch dann war die Lässigkeit fort und eine gewisse Spannung trat in den Körper.
"Tristan? Was… was machst du …? Um Gottes Willen, komm' doch rein. Du bist ja schon ganz nass."

Tristan wusste nicht, was er sagen sollte und ließ sich einfach hineinziehen. Er trat in den Flur und fühlte sich fremd, obwohl alles noch so aussah, wie er es kannte. Etwas gemütlich, etwas modern. Helle Farben und schlichte Eleganz. Auf dem Schuhschränkchen stand eine kleine hölzerne Weihnachtslandschaft aus schneebedeckten Tannenbäumchen und Waldtieren.

"Ich… ich…", stammelte er und kam nicht weiter.
"Egal. Raus aus den nassen Sachen und unter die Dusche." Dabei nahm ihm sein Vater die Tasche aus der Hand, stellte den Rucksack beiseite und schälte ihn aus der nassen dünnen Jacke. Dann hielt er ihn an den Schultern fest und blickte ihm in die Augen.
"Ich freue mich dich zu sehen, Tristan. Aber jetzt geh erst mal hoch. Es ist alles so, wie du es kennst."

Wie in Trans erklomm Tristan die Stufen. Keine Vorwürfe. Keine bösen Worte. Wirklich nur ein ehrliches Lächeln. Es war so anders und so … so normal. War sein Vater nicht sauer mitten in der Nacht aus dem Schlaf gerissen worden zu sein? Oder dass er so plötzlich vor der Tür stand? Oder dass er damals überhaupt so plötzlich verschwunden war?

Ganz automatisch fand Tristan den Weg ins kleine Badezimmer, das hier oben neben seinem ehemaligen Kinder- und Jugendzimmer war. Das andere Schlafzimmer war unten und man kam durch das Wohnzimmer dahin oder über die Terrasse, wenn die Balkontür dazu bereits offen war. Im oberen Bereich war tatsächlich nichts verändert und er fand auch ein großes frisches Duschtuch im kleinen Badschränkchen.

Er drehte das Wasser auf und wartete etwas, bis auch endlich warm oben ankam. Dann erst fiel es ihm auf: sein Vater hatte anders gerochen! Nach einem Parfüm, das nicht ihm gehörte. Etwas frisch und leicht süßlich fruchtig. Na Prima! Da hatte er also auch seine Freundin mit geweckt. Tristan war nicht so naiv zu glauben, dass sein Vater auf Ewig allein bleiben würde.

Er war ein sehr attraktiver Mann. Martin war noch keine 40, super trainiert und hatte einen gewissen frechen Charme. Er strahlte frische positive Energie aus. Dazu die dunklen Haare und einnehmende sturmgraue Augen. Auf der Straße schauten ihm die Frauen sicher in Scharen hinterher.

Seltsam, dass er damals nie eine Frau mit nach Hause brachte. Im Nachhinein erkannte er die Rücksichtnahme. Wie hätte er, Tristan, darauf reagiert, wenn sein Vater immer wieder One-Night-Stands mitgebracht hätte? Oder gar eine Frau, die seine ‚neue' Mutter werden sollte?!

Nur langsam nahm er wahr, wie das heiße Wasser ihn wieder aufwärmte. Er gab sich einen Ruck und duschte sich endlich zügig. Ins große flauschige Handtuch gewickelt tappte er bald rüber in sein Zimmer. Auch hier war alles noch so, wie er es damals verlassen hatte. Nur aufgeräumter. Tja, sein Vater war halt schon immer ein ganz Ordentlicher. Im Fenster hing ein Weihnachtsstern, der beleuchtet werden konnte und unten auf der Straße zu sehen war.

"Trisi." Tristan schreckte auf, bemerkte erst nun, wie er gedankenverloren in die Luft gestarrt hatte. Jetzt mit einem T-Shirt bekleidet stand sein Vater in der Tür und hatte seine Taschen dabei. In der anderen Hand hielt er einen dünnen Pullover, der trotzdem warm und gemütlich aussah, und eine seiner üblich karierten Schlafhosen. Und dicke Socken.
"Du bist tatsächlich noch etwas gewachsen. Daher gebe ich dir ein paar meiner Sachen", lächelte er Tristan an und kam näher.
"Dir geht es sonst gut? Körperlich meine ich?" Tristan nickte nur. Wie erwartet, konnte er seinen Gemütszustand vor seinem Vater nicht verbergen. Warum auch sonst sollte er hier sein?
"Möchtest du reden? Oder lieber erst mal ausschlafen?"

Tristan schluckte, dann rang er sich endlich zum Sprechen durch.
"Reden!" Sein Vater nickte und legte ihm die Sachen aufs Bett.
"Dann komm runter, wenn du soweit bist. Ich möchte dir jemanden vorstellen. Ich bitte dich, mich anzuhören, dann darfst du mir alle Fragen stellen, die du möchtest. Ich denke, wir beide sind nun soweit, uns wirklich zuhören und erklären zu können."

Zur Antwort nickte Tristan nur wieder, bevor Martin ihm zulächelte und ihn allein ließ. Jemanden vorstellen! Er würde seines Vaters Freundin kennenlernen und so wie er das sagte, war es wohl etwas Ernstes. Es klang wie eine feste Partnerschaft. Mit Hochzeit sogar?

Er seufzte und zog sich träge die Sachen an und obwohl sie seinem Vater gehörten, fühlte er sich in ihnen wohl. Es brachte Erinnerungen aus seiner Kindheit zurück, wo er nur allzu gern den zu großen Pullover seines Papas angezogen hatte und sich darin sicher und behütet fühlte.

Er war eigentlich fertig umgezogen, konnte sich aber nicht aufraffen, nach unten zu gehen. Wollte er wirklich diese Frau kennenlernen? Oder seinem Vater sagen müssen, dass aus der ach so großen Liebe nichts mehr übrig war außer Tränen und Verzweiflung? Ihm wurde bewusst, dass zumindest letzteres seinem Vater sicherlich bereits klar sein würde. Und er hatte seine Rückkehr überlebt; sein Vater hatte ihn nicht wieder fortgetrieben, sondern fürsorglich aufgenommen. Er würde also auch dieser Frau begegnen können! Er sprach sich Mut zu und ging dann endlich hinab.

***

Unten sah er im Wohnzimmer sanftes Licht schimmern und schielte um die Ecke. Das Zimmer war schön weihnachtlich geschmückt. An den Fenstern hingen Leuchtsterne, auf der Anrichte stand ein Adventskalender aus einer Holzbox mit 24 Fächern, die jedes Jahr neu bestückt werden konnten. Ein großer geschmückter Tannenzweig stand in einer Bodenvase vor dem vollen Bücherregal. Auf dem Couchtisch brannten einige Kerzen in winterlichen Windlichthaltern.

Sein Vater stellte gerade eine Tasse neben diese Kerzen, aus der heiße Dampfkringel nach oben entschwanden. Er sah auf und lächelte entschuldigend. "Auch wenn du kein Kind mehr bist, glaube ich, dass eine heiße Schokolade gerade das Richtige ist. Willst du vielleicht auch etwas zu Essen?" Tristan schüttelte nur den Kopf. Hungrig war er keinesfalls, aber die Trinkschokolade klang verführerisch. Er setzte sich auf das Sofa zu der platzierten Tasse und griff automatisch nach der Wolldecke, die dort lag. Martin setzte sich in den Sessel ihm schräg gegenüber, nachdem er sich einen heißen Becher Tee aus der Küche geholt hatte. Nach den ersten Schlucken rückte Tristan an die Sofalehne nach hinten, zog die Beine an und stellte die Tasse vorsichtig auf die mit der Wolldecke bedeckten Knie ab, sodass ihm der angenehme Duft nach Zimt und Schokolade beständig um die Nase zog.

"Du wolltest mir jemanden vorstellen", sagte Tristan dann. Endlich kam ein ganzer Satz heraus. Aber die Atmosphäre war entspannt, auch wenn er neugierig war, was Martin ihm wirklich sagen wollte. Den tiefschürenden Groll gegen ihn, der ihn von hier fortgetrieben hatte, war nicht mehr da. Tristan fühlte sich in der bekannten und ihn Willkommen heißenden Umgebung wohl, aber etwas aufgeregt der neuen Situation gegenüber. Es war da etwas Anderes, Neues. Vielleicht, weil er selbst auch älter geworden war; andere Erfahrung gesammelt hatte.

"Ja. Aber zuerst wollte ich mich bei dir entschuldigen. Es war nicht richtig, wie ich damals reagiert habe." Martin machte eine Pause und drehte den heißen Becher in den Händen, als er hineinstarrte. "Du meinst, wie du deinen Sohn aus dem Haus geworfen hast, weil er schwul ist?", konnte sich Tristan den direkten Vorwurf nicht verkneifen. Es kam aber weit weniger bissig hervor, als er es geplant hatte.

Martin japste. "Nein! Das stimmt nicht. Ich habe dir nie vorgeworfen, dass du Männer magst! Das meinte ich doch mit ‚ich habe falsch reagiert'." Tristan stellte seine heiße Schokolade auf den Tisch zurück. Er glaubte sich grad im falschen Film. Sein Vater hatte ihn doch ganz eindeutig aus dem Haus geschmissen.
"Was?!", rief er daher aufgebracht. "Du hast doch gesagt: ‚Wenn du mit Männern was anfängst, dann könne ich mir eine andere Wohnung suchen!' Das war doch sehr deutlich ausgedrückt."

Martin schüttelte den Kopf und stand abrupt auf.
"Nein. Ich habe gesagt ‚mit diesem Mann'. Doch du wolltest mir gar nicht weiter zuhören und ich war zu sehr aufgebracht, um mit Ruhe die Sache angehen zu können."
"Was macht das denn für einen Unterschied? Mann ist Mann, egal ob einer oder mehrere, und da wird nicht so einfach eine Frau draus. Auch nicht zwei Jahre später. Ich bin doch keine Fee, die mit ihrem Zauberstab mal eben die Sache grade rückt."

Sein Vater schaute ihn an, dann begann er zu… zu kichern! Tristan kannte ihn lachend und schmunzelnd und lächelnd. Aber noch nie hatte er ihn kichern gehört. Und außerdem nicht bei Sachen, die ernst waren. Was gab es denn da zu lachen? Er fühlte sich verarscht und sprang auf. Es war falsch gewesen herzukommen. Sein Vater würde ihn nie verstehen.

Doch bevor er aus dem Wohnzimmer flüchten konnte, hielt ihn Martin am Arm fest. "Trisi. Warte. Entschuldige, dass ich lachen musste. Diese Zweideutigkeit war leider zu komisch", erklärte er sich und ließ Tristan gleich wieder los.
"Ich weiß doch, dass man seine Gefühle nicht plötzlich ändern kann. Glaube mir, wenn ich dir sage, dass ich das sehr gut weiß. Lass uns nicht den gleichen Fehler machen wie vor zwei Jahren. Da haben wir uns auch nicht zugehört. Nur geschrien", endete er leise.

Tristan blickte zurück und sah seinen Vater geknickt vor sich stehen. Ja. Sie hatten nur geschrien und jetzt abermals davon zulaufen, war auch keine Lösung. Wiederstrebend ging er zum Sofa zurück und kuschelte sich wieder in die Decke. Entschlossen auch sitzen zu bleiben, griff er noch nach der heißen Schokolade und wartete, bis sein Vater sich auch wieder gesetzt hatte.

"Trisi, mir ist es gleich, ob du mit einem Mann oder einer Frau zusammen bist. Doch du hast zielgenau den Mann für deine erste Liebe ausgesucht, der bereits bekannt dafür war, naive Jungfrauen abzuschleppen und nach einer Weile fallen zulassen, wenn er seinen Spaß hatte."
"Was? Du kennst Mario? Woher?" Immerhin hatte Tristan ihn nie seinem Vater vorgestellt.
"Aus dem Olymp", gestand Martin mit bedeutungsschwangerer Stimme. Tristan war wohl einfach zu müde, um gleich zu verstehen, was ihm da gerade offenbart wurde. Er genoss noch einen Schluck Schokolade, als ihm die Tragweite des Gesagten bewusst wurde.
"Du gehst ins Olymp!?!"
"Ich ging…", grenzte Martin ein.
"… ins Olymp!", wiederholte Tristan. "In DIE Schwulenbar schlechthin!"

"Martin, willst du es ihm nicht endlich sagen?" Die sanfte Stimme drang ruhig vom Schlafzimmer her und zog die Aufmerksamkeit beider auf sich. Tristan sah einen jungen Mann im Durchgang stehen, leger in Schlafshorts und ein bequemes Shirt gekleidet. Er sah verschlafen aus, aber lächelte freundlich. Da keiner antwortete, kam dieser näher und setzte sich zu Martin auf die Armlehne des Sessels. Martin schlang automatisch einen Arm um dessen Hüfte und drückte ihn sanft.

Tristan konnte gar nichts sagen, nur starren. Dieser junge Mann war … war wunderschön! Er wirkte wie ein Märchenprinz aus Tausend und einer Nacht, mit dunklen geheimnisvollen Augen, etwas längeren schwarzen Haaren, die sich ein wenig lockten und sogar im schummerigen Licht konnte er erkennen, dass die Haut diesen wunderbaren Bronzeton hatte. Und trotzdem war er eindeutig männlich. Was Tristan wieder ins väterliche Wohnzimmer zurückholte. Was suchte dieser Mann hier bei seinem Vater?

"Trisi, das ist Melih. Du solltest wissen, sein Name bedeutet: ‚der die Schönheit besitzt'", erklärte er stolz. Melih lachte verlegen und schlug sofort mit einem kleinen Kissen nach ihm.
"Martin. Das sollst du doch lassen…"
Und Tristan sagte nur: "Das brauchst du mir nicht extra übersetzen. Es ist ja nicht zu übersehen." Das brachte einen noch tieferen Schimmer auf Melihs Wangen. Betreten strich er sich eine Haarlocke hinter das Ohr und sagte "Danke, Tristan."

"Aber was macht er hier?", platzte es aus Tristan recht unhöflich heraus. Noch weigerte sich sein Kopf das zu akzeptieren, was er da vor sich sah.
"Ja, nun. Aktuell schlägt er mich mit Kissen", lachte Martin, doch Melih stieß ihn ernsthaft an.
"Martin, halte deinen Jungen nicht noch länger hin. DU wolltest schließlich auch reden und alles klar stellen. Also - jetzt sprich! Und beginne am Besten von vorne."
"Genau. Hör' auf deinen Mann!", brauste auch Tristan auf und hatte sich ganz plötzlich mit dem fremden hübschen Mann verbündet. Wer auch immer er war, er schien ihm im Moment vernünftiger als sein Vater.

"Also gut. Ihr habt ja recht." Tristan merkte sehr wohl, wie schwer es seinem Vater fiel, jetzt das zu sagen, was er so lange geheim gehalten hatte. Nervös fasste Martin nach der Hand Melihs und atmete noch einmal tief ein.
"Tristan, deine Mutter, Magdalena, war die erste und einzige Frau, die ich hatte. Sie war toll. Sie sah gut aus, war sportlich, was sich mit meiner eigenen Leidenschaft für Sport deckte und sie mochte auch die gleichen Dinge wie ich. Sie schaute mit mir lieber einen Actionfilm im Kino an, als mit ihren Freundinnen die neueste Liebesschnulze. Sie trank lieber mal ein Bier als Prosecco. Sie ging mit mir lieber am Wochenende wandern und zelten, als ins Wellness-Hotel. Wie gesagt, sie war toll.

Nur im Bett haben wir nicht funktioniert. Wir schliefen nicht oft miteinander. Dann war uns klar, dass wir reden mussten. Sie lüftete zuerst ihr Geheimnis: sie fand mich toll, als besten Freund, doch eigentlich liebte sie Frauen. Es überraschte mich nicht sehr und ich gestand ihr, dass es bei mir genauso war. Also dass ich eigentlich Männer mochte. Wir beide dachten, dass wir der Öffentlichkeit und der Familie gegenüber eine ‚normal' Welt vorspielen müssten. Doch so etwas kann man nicht ewig geheim halten, wenn man daran nicht zu Grunde gehen will."

Da war Tristan baff! Sein Vater wollte ihm tatsächlich weismachen, dass er schwul war. Das war unglaublich! Er wollte was dazu sagen, holte Luft und schloss den Mund wieder. Was sagte man denn da? Außerdem: da saß noch immer dieser äußerst attraktive Mann neben seinem Vater. War das nicht Beweis genug? Er beschloss, erst einmal weiter zuzuhören, was ihm sein Vater noch erzählen wollte…

"Es war eine große Erleichterung für uns beide. Jetzt endlich verstanden wir uns wirklich. Wir beschlossen, es unseren Familien mitzuteilen, doch stießen wir auf Ablehnung aus jeglicher Richtung. Dann war Magda auch noch schwanger. Mit dir Tristan. Es kam alles auf einmal, wie das im Leben so ist. Wir entschieden uns für dich und blieben zusammen und um den widrigen Umständen der Familie zu entgehen, zogen wir weg. Wir fanden recht schnell dieses Häuschen und lebten eigentlich wie eine WG. Es funktioniert wunderbar und ich freute mich darauf, Vater sein zu können. Fast mehr, als wie Magda sich darauf freute Mutter zu sein. Nach all den Schwierigkeiten fühlte sie sich einem Kind noch nicht gewachsen.

Als du schließlich auf die Welt kamst, war es ihr fast nicht möglich, sich um dich zu kümmern. Das heißt nicht, dass sie dich nicht liebte. Sie sagte immer, wie hübsch du wärest und wie schnell du lernen würdest. Dafür fiel es mir umso leichter, ein Baby zu umsorgen. Es machte mir Spaß und man merkte schnell, dass auch du zu mir eine innigere Verbindung hattest, als zu deiner Mutter.

In dieser Zeit suchte ich Möglichkeiten, Magda auf andere Gedanken zu bringen. Sie musste raus und unter andere Leute. Wir fanden eine Wandergruppe, die auch über Nächte draußen zeltete. Es ging ihr zunehmend besser und dabei traf sie ihre heutige Partnerin Eva. Es war recht schnell beschlossene Sache. Magda zog zu Eva und ich blieb mit dir hier.

Wenn ich in den nächsten Jahren ausgehen wollte, ging ich ins Olymp und fand dort für einzelne Nächte immer mal einen Mann. Ich wollte keinen mit nach Hause bringen. Dieses Haus gehört uns - uns als Familie. Und so habe ich auch diesen Mario kennengelernt."

Das war alles sehr viel auf einmal. Fast zu viel. Tristan dachte immer, Martin wäre der Frauenheld schlecht hin, doch nun saß er da drüben in dem Sessel und hatte einen Mann bei sich. Es wirkte aber ganz natürlich, nicht aufgesetzt oder unecht. Und so wie Melih seinen Vater anschaute und ihm zur Belohnung einen kleinen Kuss auf den Mund gab, konnte er daran nicht mehr zweifeln.

"Hast du mit Mario geschlafen?", war das Erste, was Tristan zu allem fragte. Das war grad das Drängendste.
"Nein. Um Gottes willen. Ich habe mir immer nur Männer in meinem Alter gesucht. Außerdem ist er gar nicht mein Typ. Aber man begegnet sich", beruhigte Martin seinen Sohn, der gleich sehr erleichtert aussah.

"Aber warum hast du mir das nie erzählt?", fragte er jetzt weiter. Auch all die Dinge über seine Mutter. Sein Vater hatte nie über sie gesprochen. Es war, als existierte sie gar nicht und jetzt plötzlich war da soviel mehr.
"Warum weiß ich nichts über meine Mutter?", fügte er vorwurfsvoll hinzu. Martin schaute ihn traurig und auch ein wenig schuldig an.
"Sie wollte es nicht, Trisi. Sie hatte dich damals bei mir gelassen und sich einige Zeit gar nicht mehr gemeldet. Als sie vor ein paar Jahren wieder bei mir anrief, hatte sie Angst, sich dir zu stellen. Sie ist stolz auf dich, aber sie getraut sich nicht, uns zu besuchen."
"Das ist doch Quatsch. Was soll denn schon passieren?", fragte Tristan unwirsch. Er wollte sie doch nur einfach mal kennenlernen, wurde ihm gerade bewusst.
"Du könntest sie hassen und ihr Vorwürfe machen", war die klare Antwort seines Vaters.
"Das würde ich niemals", begehrte Tristan auf.
"Nein?", fragte sein Vater kühl zurück. "Hast du nicht auch mich zwei Jahre lang gehasst und mir Vorwürfe gemacht? Was glaubst du, wie ich mich die Zeit über gefühlt habe? Ich liebe dich, Trisi, und der Gedanke, dass du mich verachtest, war … nicht einfach", umschrieb er es harmlos.

Das traf! Tristan war so geschockt, dass er nichts darauf zu erwidern wusste. Er zog die Beine an und schlang die Arme darum, zog die Decke dabei mehr über sich. Er fühlte die Tränen und konnte sie nicht mehr zurückhalten. Martin hatte ja Recht. Er hatte eine schöne Kindheit und Jugend gehabt, hatte immer Trost und Verständnis bei seinem Vater gefunden. Und nur wegen einem Streit, wegen einem Kerl, der ihn dann doch hintergangen hatte, hatte er all das kaputt gemacht und alles nur noch mit Wut betrachtet.

Er wünschte sich irgendwohin, wo er allein sein konnte, um sich für immer zu verkriechen. Eine tiefe dunkle Höhle irgendwo am Nordpol am Besten. Doch das ließ sein Vater nicht zu. Er fühlte plötzlich dessen Arme um sich und gleich lehnte er sich dichter; kuschelte sich an ihn. Sein Papa! Selbst jetzt war er für ihn da. Er durfte weinen und es tat gut.

"Es tut mir so leid", schluchzte er irgendwann hervor, als er sicher war, wieder sprechen zu können.
"Schon gut. Jetzt können wir ja über alles reden. Und du kannst natürlich auch wieder hier wohnen. Wie gesagt, dieses Haus gehört unserer Familie. Und da gehörst du genauso dazu, wie auch - wie auch Melih", gestand Martin jetzt.
"Ja? Wollt ihr heiraten?", fragte Tristan mit noch tränenreicher Stimme. Das hatte er ja schon zuvor vermutet, als Martin ihm sagte, er wolle ihm jemanden vorstellen. Dass es nun dieser exotische Mann war statt einer Frau, änderte nichts an dem Gefühl.

Ihm antwortete nur ein sanftes Lachen vom Sessel her. Er schielte hinüber und sah Melih lächeln.
"Du hast wirklich einen sehr schlauen Sohn, mein Schatz", sagte er und Martin seufzte.
"Trisi, das ist nicht fair. Du hast mir damit die ganze Überraschung kaputt gemacht", zürnte er gutmütig. Tristan kämpfte sich wieder hoch, um seinen Vater ins Gesicht schauen zu können.
"Wirklich? Ihr wollt heiraten?"
"Ja."
"Seit wann kennt ihr euch eigentlich? Und wo habt ihr euch kennengelernt?", getraute Tristan sich jetzt auch zu fragen und trocknete die letzten Tränen vom Gesicht.

"Ich habe Melih vor ungefähr zwei Jahren kennengelernt. Kurz nach unserem Streit. Ich habe ihn auf einer seiner Vernissagen getroffen und mich auf den ersten Blick in ihn verliebt - in seine geheimnisvolle Art und in die hübschen Augen und auch in sein ganz eigenes Wesen und in seine Kunst." Er hielt einen Arm nach Melih ausgestreckt und lockte ihn zu sich. So kam auch Melih noch auf das Sofa und ließ sich von Martin liebevoll umarmen.

"Oh. Du bist Künstler? Maler?" fragte Tristan neugierig nach.
"Nicht nur. Ich male und betreibe Bildhauerei und Schnitzerei. Aber hauptberuflich doziere ich Malerei und Kunstgeschichte an der staatlichen Universität der Bildenden Künste."
Tristan nickte, die Baulichkeiten der Kunst-Uni lagen auf der anderen Seite der Stadt in historischen alten Gebäuden. Da er selbst BWL studierte, war er in den neuen modernen Bauten unterwegs.

Dann wurde ihm etwas bewusst.
"Du bist Professor Decour!", rief er bewundernd aus. Er hatte von Kommilitonen, die in beiden Fakultäten pendelten, von dem sagenhaften Professor Decour gehört. Er wäre ein Meister seines Faches und viele schwärmten von seiner Schönheit. Nicht nur Mädchen, auch männliche Studenten machten keinen Hehl aus ihrer Bewunderung. Und wer hatte den mysteriösen Professor geschnappt? Sein Vater!
"Du Aufreißer", tadelte er ihn gutmütig.
"Nun, nur das Beste. Außerdem konnte ich so ein Auge auf dich haben…", plauderte er los, stockte dann und tat so, als wäre nichts gewesen.
"Was? Wie meinst du das?"
Sein Vater wollte nichts sagen. Auffordernd blickte er Melih an, der sich unter dem bittenden Blick schnell erweichen ließ.
"Ich hatte zufällig die neu eingeschriebenen Studenten auf der Liste eines Kollegen gesehen, mit dem ich befreundet bin, und deinen Namen dabei erkannt. Ich wusste ja, wie Martins Sohn hieß. Er bat mich daher, dich ein wenig im Auge zu behalten. Es beruhigte zu wissen, dass es dir augenscheinlich gut ging. Martin hat sich wirklich viele Sorgen gemacht."

Dass er sich Sorgen gemacht hatte, konnte er sich gut vorstellen und auch wirklich nachvollziehen, doch ihn heimlich zu verfolgen?
"Papa!", rief er empört aus. "Du bist ja ein Stalker!" Martin wusste nicht, wie er sich verteidigen konnte.
"Siehst du? Ich hab's dir ja gesagt", zuckte auch Melih nur die Schultern, lachte dann auf und erhob sich streckend. "Und außerdem ist es fast schon wieder Morgen und ich habe Hunger. Ich gehe jetzt in die Küche und mache mir was zu essen und einen starken Kaffee. Wer auch was will, kann gerne nachkommen."

Damit ließ er Vater und Sohn im Wohnzimmer allein.
"Wie kommst du nur zu so einem tollen aber vor allem jungen Mann?", fragte Tristan kritisch seinen Vater, als Melih um die Ecke verschwunden war. "Sagtest du nicht, du hast dir nur Männer in deinem Alter gesucht? Der Professor könnte fast mein älterer Bruder sein."
"Was? Melih ist 32. Das ist doch völlig in Ordnung. Außerdem hat es bei ihm genauso gefunkt, wie bei mir. Es war immerhin er, der mir den Antrag machte", verriet Martin ein kleines Geheimnis.
"Oh!", sagte Tristan nur. Melih sah so sehr viel jünger aus.
"Ja. Oh! Das habe ich zuerst auch gesagt. Das war natürlich nicht die richtige Antwort", lachte Martin und erinnerte sich an Melihs süßes Schmollgesicht.

"Also hast du mich all die zwei Jahre nicht allein gelassen?", sprang Tristan mit seinen Gedanken noch mal zurück. Das ließ ihn nicht in Ruhe.
"Trisi, du bist mein Sohn. Damals dachte ich nie im Leben daran, Kinder zu haben. Ich bedauerte dies, akzeptierte es dann aber. Umso mehr freute ich mich, als Magda dann doch schwanger war. Glaubst du, ich lasse dich einfach irgendwohin verschwinden? Ich wusste wo Mario wohnte, also wo auch du wohntest. Ich wusste, dass du studieren wolltest und durch Melih dann, dass du es auch machst und gar nicht mal so schlecht bist. Aber du hattest dich entschieden, nichts mehr von mir wissen zu wollen, und ich wollte dir diese Entscheidung nicht nehmen. Du hast deine Erfahrung gemacht und ich bin traurig, dass es so schlecht ausgegangen ist. Du brauchst mir nicht zu erzählen, was passierte. Ich kann es mir gut vorstellen. Du sollst nur wissen: du kannst sehr gerne wieder hier wohnen und natürlich feiern wir auch Weihnachten zusammen."

Jetzt umarmte Tristan seinen Vater fest. Das war so viel mehr, als was er überhaupt verlangen konnte. Er hatte gedacht, eine Entschuldigung auszusprechen, für ein, zwei Nächte Unterschlupf finden zu können und dann wieder rausgeworfen zu werden.
"Danke", murmelte er in Martins T-Shirt. Dann, nach ein paar langen stillen Momenten, begann er zu erzählen.
"Mario war so toll. Er war aufmerksam und ging auch … auch im Bett ganz auf mich ein." Er spürte seine Wangen rot werden und war froh, nicht seinen Vater direkt anzuschauen. "Wir gingen abends gemeinsam aus und auch wieder gemeinsam nach Hause.

Ich habe es erst gar nicht gemerkt, doch im Bett änderte sich mit der Zeit einiges. Klar, man probiert auch mal Verschiedenes aus, aber Mario wurde immer heftiger. Er kam mit Handschellen und so Zeug an. Das wollte ich nicht mehr mitmachen. Er verschwand dann mit schlechter Laune und kam erst spät in der Nacht wieder. Er roch immer frisch, so wie gerade geduscht. Heute ist mir klar, dass er bei anderen Männern war.

Diese Nacht kam ich von einer Weihnachtsfeier der Uni spät zurück und habe ihn mit einem fremden Mann in unserem Bett erwischt. Das war's dann. Ich habe meine Tasche geschnappt und bin direkt her. Und ich werde auch nur noch einmal zurückgehen, um meine übrige Sachen zu holen."

Es blieb erst einmal still. Was sollte man dazu auch sagen? Sein Vater hatte gewusst, wer und wie Mario war und Tristan hatte es nun selbst erfahren.
"Ich bin froh, dass du wieder da bist. Aber er hat dich nicht anders verletzt?", fragte nach einer Weile sein Vater.
"Nein. Nur Fremdgegangen." Nur! Wenn es denn mal so einfach wäre. Aber er fühlte sich immer besser, vor allem bei dem Gedanken, nicht mehr bei und mit Mario wohnen zu müssen.

Sie saßen einige Zeit lang in stummer Einigkeit da, bis etwas völlig Unpassendes den zufriedenen Moment störte: Tristans Magen knurrte auf. Martin lachte nur und Tristan verteidigte sich grummelnd, dass er doch schon die ganze Nacht unterwegs wäre.
"Komm, Melih wollte doch etwas zu Essen machen." So wechselten sie in die Küche, wo frisch belegte Brote auf sie warteten.

***

 

...

 


 

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Teil 2