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du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Der Weihnachtsdrache"

 

 


 

Drachen waren sehr besondere Wesen. Denn Drachen wussten schon sehr früh, was sie später einmal werden wollten. Die meisten wollten natürlich groß und stark werden und sehr viel Feuer oder Eis spucken können. Manche wollten ein Glücksdrache werden, andere ein legendärer Drache, der alle Ritter verspeiste, die ihn in seiner Höhle aufsuchten. Manche spezialisierten sich auf Jungfrauen, obwohl es davon weit weniger gab als Ritter. Dafür waren sie schmackhafter, weil sie ganz zart und leicht verdaulich waren, was wohl vor allem daran liegen mochte, dass an einer Jungfrau weniger Blech dran war. Meistens nur ein luftiges Nachthemd.

Doch Darrel war anders, er wollte weder ein Glücksdrache noch ein angsteinflößender Drache sein. Darrel wollte ein Weihnachtsdrache sein!

Und er glaubte, auch alle Voraussetzungen dafür zu haben: er hatte riesige Flügel, die ihn mühelos um die ganze Welt brachten. Seine Schuppen waren am Rücken in einem tiefen satten Rot gefärbt und gingen zum Bauch und zur Schwanzspitze hin in ein warmes Gold über. Das waren doch die perfekten Weihnachtsfarben. Und er konnte hervorragend Feuer spucken, und Feuer machte nicht nur heiß, sondern brachte auch Licht.

Also stellte sich Darrel eines Tages frohen Mutes beim Weihnachtsmann vor. Doch der wollte ihn gar nicht haben. Er hatte doch seine Rentiere und allen voran war da Rudolph mit seiner leuchtenden Nase, die angeblich genug Licht machte. Unglücklich zog Darrel von dannen und verkroch sich zu seinem Cousin Oni, der in der Nähe eine bequeme Höhle hatte. Oni versuchte Darrel aufzuheitern, doch Darrel wollte einfach nur traurig sein.

Kurze Zeit später geschah aber etwas ganz Wunderbares. Über die Höhle von Oni flog etwas einher, und bevor Oni weiter darüber nachdachte, fuhr er aus seiner Höhle heraus, schnappte zu und kam vergnügt schmatzend zurück. Endlich etwas zu futtern! Oni war nämlich recht hungrig gewesen, denn im Winter kamen weit weniger Ritter vorbei.

Als Darrel zu Oni hinüber blinzelte, weil es leise klingelte, erkannte er ein stattliches Geweih und ein Riemen mit Glöckchen daran. Er stürzte aus der Höhle hinaus und tatsächlich: nur wenig entfernt lag im Schnee der Schlitten vom Weihnachtsmann. Dieser stand daneben und hielt nur noch leere Riemen in der Hand. Darrel stellte sich erneut einem tieftraurigem Weihnachtsmann vor, versicherte sein ehrliches Beileid und auch, dass er gewiss damit nichts zu tun hatte. Der Weihnachtsmann musste nicht lange überlegen. Immerhin hatte er heute Nacht eine wichtige Aufgabe zu erfüllen. So hielt er Darrel das Geschirr hin und der Drache schob seinen großen Kopf hindurch.

Und so war es seit jener Nacht, dass es ein Drache ist, der den Weihnachtsschlitten durch den Himmel zieht. Und wehe jemand behauptet etwas anderes - den frisst Oni!

Ende. Ende.

10/ 2018

 


 

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