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du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Weihnachtsabenteuer in Island."

 

 


 

Eigentlich war alles ganz anders geplant gewesen. Matthias' Reise sollte zwei Wochen dauern, nicht länger, bei gutem Gelingen eher kürzer. Das Deutsche Institut für Geologie hatte alles akribisch für seinen Mitarbeiter vorbereitet. Er wäre also noch Mitte Dezember wieder zurück in München gewesen und hätte zu seiner Schwester Alina nach Österreich fahren können, um bei ihr und ihrer Familie die Feiertage zu verbringen. So wie jedes Jahr.

Doch das Überprüfen, Einstellen und Installieren der alten und neuen Sensoren an der Hekla war nicht ohne Zwischenfälle passiert. Starke Schneefälle bescherten den Fluggästen beim Landeanflug auf Reykjavik schon heftige Turbolenzen und verzögerten schon mal die Fahrt in den Süden, da die Straßen dicht waren.

Erst einige Tage später konnte er mit seinem geliehenen Jeep los und erreichte während eines herrlichen Sonnenuntergangs die isländischen Highlands und den Ort Landmannahellir. Im Accommodation Centre wurde er an ein Cottage verwiesen, in dem bereits sein Bergführer auf ihn wartete. Nebenher las er, dass von hier aus auch regelmäßig Reitwanderungen starteten, was ihn schon interessieren könnte, wenn er mehr Zeit gehabt hätte. Er war von Island schon immer begeistert gewesen und hatte sich ohne einen zweiten Gedanken zu verschwenden sofort für diese Reise freiwillig gemeldet.

Nach einer kurzen Nacht begann ihr Aufstieg. Da Matthias aber eine äußerst schwere Mess-Ausrüstung dabei hatte, kamen sie nur langsam voran. Sein Bergführer hatte dies bereits im Voraus bedacht und hatte einen Weg gewählt, der nicht direkt zum Vulkankrater hinaufging, sondern einige Zwischenstationen einlegte. Außerdem nahm er ihm kommentarlos einiges der Ausrüstung ab.

Kleine ehemalige Schäferhütten waren zu Schutzhütten ausgebaut worden und waren so recht bequem, vor allem, wenn man wie Matthias nur noch den Wunsch hatte, sich hinzulegen. Er war kein unsportlicher Typ und hatte schon regelmäßig an Bergwanderung teilgenommen, aber diesmal war alles ein wenig anders. Das Wetter war rauer und unbeständiger, die Ausrüstung schwerer, die Gegend einsamer und verlassener. Seit zwei Tagen hatte er nur seinen Bergführer gesehen.

Am dritten Tag erreichten sie noch vor Mittag die 5 Kilometer lange Vulkanspalte der Hekla und Matthias nahm sich ein paar Minuten, um die Landschaft um sich herum zu betrachten. Das Land war ja so ganz anders als in Bayern, dachte er sich lächelnd. Vor allem aber gab es hier einsame Weite. Wenn man Ruhe suchte, hatte man sie hier gefunden. Vorausgesetzt der Vulkan war gerade nicht am Eruptieren.

Dann suchte er per GPS die Messeinheiten, die Matthias auslesen musste und neu einstellen sollte. Zusätzlich stellte er einen weiteren Seismografen auf und installierte einen neuen Niederschlagsmesser. Die Geräte sollen in Zukunft noch genauere Daten über die seismischen Aktivitäten sowie über die Ausdehnung der Magmakammer, Aufheizung und die Art der Entgasung liefern. Es sollen dadurch nicht nur die Veränderungen vor einer Eruption festgestellt werden, sondern auch eine genauerer Vorhersage zum Schutze der Bevölkerung gemacht werden können.

Der Rückweg war leichter, da Matthias weniger Ausrüstung mitschleppen musste. Sein Führer drängte jedoch zur Eile, da sich schon wieder dicke, dunkle Wolken heranschoben. Sie mussten rechtzeitig in der Schutzhütte sein, die sie schon sehen konnten. Es war gar nicht mehr weit, als Matthias auf losem Geröll wegrutschte. Der Schmerz im Fuß ließ in aufschreien und Tränen standen in seinen Augen. Die letzten wenigen Meter zogen sich, als er gestützt auf dem Bergführer den Weg zur Hütte humpelte. Gerade so schafften sie es. Der Wind war bei ihrer Ankunft bereits so stark, dass sie die Tür kaum schließen konnten.

Nun saß Matthias also in der kleinen Hütte und starrte frustriert ins Feuer. Denn zu seinem Unglück hatte er nicht nur einen dick geschienten Fuß, sondern das Wetter hatte sich noch einmal so stark gegen sie verschworen, dass an kein Wegkommen gedacht werden konnte. Und die Funkverbindungen waren auch fast alle nicht zu gebrauchen. Das Handy war sowieso zwecklos.

Zum Glück funktionierte noch das Telefon und die Station gab ihnen Auskunft, dass weder ein Hubschrauber noch irgendein anderes Gefährt sie derzeit abholen kommen könnte. Sie müssten sich einige Tage in der Hütte gedulden.

Zum Glück waren die Hütten für solche Notfälle ausgestattet. Es gab ausreichend Lebensmittel und Wasser, genug Holz für den Kamin, auch wenn mit allem sparsam umgegangen werden musste. Aber sie wollten ja auch keine Orgie feiern. Ansonsten hatten sie sogar eine moderne Elektroheizung. Sie sparten Strom, indem sie statt Deckenlampe einige dicke Kerzen anzündeten, die hier gelagert waren.

Und zum Glück hatte Matthias Halldór. Halldór Einarsson war ein wortkarger Mann mit wilden Haaren, wildem Bart und wilden Tattoos. Trotzdem hatte er immer ein wenig mehr auf Matthias achtgegeben, als der Bergführervertrag es vorschrieb. Zudem hatte er fachmännisch seinen gebrochenen Fuß geschient und verbunden und ihn mit leckerem Essen und einem großzügigen Schluck Brennivín versorgt, der ihm auch die restliche Kälte aus den Knochen trieb.

Trotzdem war Matthias traurig und starrte vor sich hin. Weihnachten und Sylvester und die gemütlichen ruhige Tage dazwischen bei seiner Schwester konnte er dieses Jahr vergessen. Weihnachten war nämlich heute!

Neben ihm brummte es und Matthias blickte seufzend neben sich. Halldór stierte ihn an und Matthias starrte stumm zurück. Nur allmählich erkannte er, dass Halldór aufmunternd lächelte. Die Tattoos, die sogar bis in das Gesicht reichten, und die wilde Behaarung ließen die eigentlichen Gesichtszüge schwer erkennen. Doch Halldór lächelte! Und Matthias konnte nicht anders; er lächelte zurück.

"Du bist nicht allein heute", sagte Halldór in seinem deutlich isländisch akzentuierten Englisch. Dann griff er neben sich und holte ein kleines eingewickeltes Etwas hervor und drückte es Matthias recht rüde in die Hand. Feinfühlig war der Nordmann sicher nicht. Matthias drehte das kleine Päckchen in den Händen und wusste nicht, was er damit machen sollte. Halldór blickte ihn kritisch an und zog die Brauen zusammen.
"Dein Weihnachtsgeschenk!", erklärte er dann endlich. Matthias bekam große Augen! Halldór schenkte ihm etwas? Einfach so? Und er hatte gar nichts für ihn. Wie auch? Es war ja gar nicht geplant gewesen, zu zweit in einer eingeschneiten Hütte in den isländischen Bergen Weihnachten zu verbringen.

"Danke", sagte er daher gerührt und packte das recht schwere kleine Geschenk aus. Dann glitzerte ihm ein fast schwarzer Stein mit goldenen und blauen Einsprenglingen entgegen. Es sah aus wie ein klarer samtener Nachthimmel. Ein wunderbarer Phänokristall, der Matthias wunderbar gefiel.
"Hab' ich beim Aufstieg gefunden", erklärte Halldór dazu und lachte leise. Da hatte er wohl das perfekte Geschenk für den deutschen Geologen gefunden.

Matthias hievte sich in die Höhe und stolperte Halldór ungestüm in die Arme. Er konnte nicht anders. Dieser so ruhige Mann hatte sich mit seiner stoischen, wortkargen Art in sein Herz geschlichen, ohne dass er es bemerkt hatte…

***

"Ja, Alina, wir kommen pünktlich… Nein, es gibt dieses Jahr keinen Schneesturm… Nein, auch keine gebrochene Gliedmaßen… Ja, ich habe dein Lieblingsgetränk schon eingepackt… Ja, für die Kinder haben wir auch was dabei… Natürlich, Halldór kommt mit… Ja, er wird sicher auch mit den Kindern ein Iglu bauen… Nein, Alina… Nein… Nein, Halldór wird sich nicht rasieren… Alina!"

Matthias verdrehte nur die Augen und grummelte, als er im Hintergrund Halldór leise lachen hörte.
"Und du unterstütz mich gefälligst und lach' nicht nur so", murrte er Halldór an. Der Kerl machte ihn wahnsinnig.

Immer wenn er gegen seine Schwester Hilfe bräuchte, lachte der nur. Wenn Matthias schon längst die Geduld mit den Kindern verloren hatte, schnappte Halldór sie sich einfach und ging im Garten mit ihnen auf Abenteuerjagd. Wenn Matthias sich mit den Messgeräten herumärgerte, lächelte er ihn nur still an. Wenn er mit dem isländischen Wetter, den rauen Gepflogenheiten und der Zunge verknoteten Sprache seine Schwierigkeiten hatte, dann legte er ihm nur einen Arm um die Schulter und drückte ihn an sich. Matthias murrte meistens noch eine Weile vor sich hin, bis er sich von seinem Nordmann dann doch beruhigen ließ.

Doch es war genau diese unendliche Geduld und Ruhe, die er an Halldór liebte! Und noch so viel mehr…

Fröhliche Weihnachten

(08/ 2016)

 


 

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