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du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Weihnachten im August"

 

 


 

Veit seufzte frustriert auf. Eigentlich sollte er schon seit Stunden tippen, tippen, tippen. Doch bisher hatte er nur zwei Tassen Kaffee getrunken, an einem Kanten trocken Toast gekaut und auf den leeren Bildschirm gestarrt.

Verdammt! Wie kam Gabi auch auf die Idee, dass er ein fantasievolles Weihnachtsbuch schreiben sollte? Gabriella Schneider war unschlagbar als seine Managerin, aber manchmal hatte sie echt obskure Einfälle. Sie wusste doch sehr gut, dass er ausschließlich realistische Kriminalfälle schrieb. Dafür war er bekannt. Er, Veit vom Hohenberg, war ein angesehener Krimi-Autor mit einer Vorliebe für komplizierte Mordfälle, komplizierte Bösewichte und einen noch viel komplizierteren Detective.

Er war ihm vor Jahren durch Zufall auf dem Papier erschienen und er hatte so einen Gefallen an seiner Figur gefunden, dass er jetzt schon sieben Romane mit ihm herausgebracht hatte. Detective Christian Hayes war zwar undurchschaubar und oft sehr unkonventionell, trotzdem hatte er immer Erfolg. Nur ein Mörder ist ihm bisher entwicht, den er also seit sieben Büchern versuchte zu schnappen. Veits Bösewicht ist genauso kompliziert wie sein Detective, umso mehr Spaß machte es, die beiden umeinander herum schleichen zu lassen. Was alle seine Fans noch nicht wussten, war, dass der Bösewicht gar kein Mörder war, sondern selbst auf der Suche nach der Wahrheit. Dabei kreuzte er immer wieder Chris Hayes' Wege.

Veit freute sich schon diebisch, denn die zwei würden sich noch weitaus näher kennenlernen, als alle ahnten. Doch leider musste er erst einmal seine beiden Lieblingsjäger beiseitelegen und dieses vermaledeite Weihnachtsbuch schreiben. Gabriella hatte diese Idee bereits seinem Verleger so schmackhaft gemacht, dass er das Buch bis zum Oktober fertig haben musste, damit es noch rechtzeitig für den Weihnachtsverkauf in den Schaufenstern der Büchergeschäfte liegen konnte.

Jetzt war es Mitte August und er hatte noch kein einziges Wort geschrieben. Wie auch? Draußen waren seit Tagen über 30 Grad und die Sonne strahlte vom blauen wolkenlosen Himmel. Wie soll man da etwas zu Weihnachten schreiben? Noch dazu wollte Gabriella fantastische Geschichten; er aber schrieb realistisches, nichts mit Sagengestalten und Fantasiewesen.

Er seufzte erneut und knabberte verdrossen weiter an seinem Toast, als sich von hinten eine raue, weil unrasierte Wange an sein Gesicht schmuste. Er schob seinen Kopf näher an seinen Freund und genoss das stille Willkommen. Hmmm… Volker roch wieder so gut: nach Sonne und nach seinem frischen Parfüm, das ihn immer ein wenig an ihren Urlaub am Meer erinnerte. Darunter mischte sich frischer Schweiß. Diese ganze Melange war für Veit einfach nur verführerisch.

Dann endlich wandte er sich um, kniete rückwärts auf seinem äußerst bequemen Meisterschriftsteller-Stuhl, der ihm heute noch nichts gebracht hat, und küsste Volker. Na das war doch mal eine hervorragende Ablenkung.

"Hallo, Schatz", brummte Volker mit seiner tiefen Stimme irgendwann. "Du warst so abwesend, das du mich gar nicht kommen gehört hast. Wie sieht's aus mit deinen Weihnachtsgeschichten?" Veit grummelte nur unleidlich. Das und der leere Bildschirm des Laptops sollten Volker doch eigentlich alles sagen.

"Mach mal ne Pause. Geh eine Runde am See schwimmen. Das hilft dir bestimmt, deinen Kopf frei zu kriegen und vielleicht kommen dir dabei ein paar Ideen." Veit überlegte ein wenig und ließ sich derweilen noch etwas küssen. Ja. Eigentlich klang das gar nicht mal so übel. Der See lag nur wenige hunderte Meter um die Ecke, hatte reichlich schattige Plätze und zu dieser Stunde… wie spät war es eigentlich? Veit schielte auf die große Wanduhr und erschrak. Es war schon Zwei Uhr nachmittags!!! Er hatte jetzt nicht vier Stunden am PC herumgesessen und nichts geschrieben?! Na den Tag konnte er in die Tonne klopfen. Da war heute nichts mehr zu machen. Seufzend knabberte er sich über Volkers Hals, als ihm bewusst wurde, dass sein Schatz ihn allein zum See schicken wollte.

"Du kommst nicht mit schwimmen?", fragte er daher quengelnd.
"Ich komme grad von der Arbeit, mein liebster Meisterschriftsteller. Während du nur deine feinen Fingerchen bewegt hast, habe ich bereits Millionen von Briefen und Päckchen an ihren Bestimmungsort gebracht. Jetzt muss ich meine Beine erst einmal hochlegen."
Veit grummelte wieder. Nur weil er kleiner war musste Volker doch nicht immer auf seinen kleinen Händen und Füßen und seiner süßen Nase und seinem niedlichen kleinen Po herumhacken. Er mochte sich so wie er war und Volker hatte oft genug betont, dass er für ihn auch perfekt war.

Außerdem war Volkers Aussage mal wieder völlig übertrieben. In ihrem kleinen Ort gab es gar nicht so viele Menschen, dass er Millionen Postsachen gehabt hätte. Und wie immer hat er die letzte Post zu ihrem kleinen Landhaus auf dem Berg mitgebracht. So hatten sie sich vor Jahren auch kennengelernt, als Veit dieses wunderschöne Cottage auf dem Hügel gekauft hatte und in diesen ruhigen beschaulichen Ort umgezogen war. Eigentlich war es eine Flucht vor der Großstadt und dem Ex und dem alten Leben gewesen und eigentlich hatte er überhaupt keine Absicht gehabt, eine neue Beziehung einzugehen. Doch da stand Volker vor der Tür, leicht außer Atem, da er mit seinem gelben Fahrrad den Berg hinauf gemusst hatte und hielt ihm ein Päckchen von Gabi unter die Nase. Es war ein kleines Einzugsgeschenk seiner Freundin gewesen, die natürlich seine neue Adresse wusste. Aber viel besser gefiel ihm der junge Postbote mit dem fröhlichen Gemüt und den immer lachenden blauen Augen.

Und jetzt wurde er von seinem Liebsten allein vor die Tür gesetzt.
"Na gut", stimmte er Volkers Vorschlag zu und kramte nach seinen Badesachen. Im Sommer waren die nie weit weg. Er angelte sich zum Abschied noch einen Kuss und trollte sich zum See davon, nachdem Volker ihm noch ein Sandwich und eine Wasserflasche eingepackt hatte.

*

Veit hatte ein wirklich schönes Plätzchen gefunden und war erst ein paar Runden geschwommen, dann hatte er sich im Halbschatten ein wenig hingelegt, das Sandwich gegessen und gedöst, bevor er wieder ins kühle Nass tauchte. In seiner Nähe war ein junges Pärchen mit einem Border Collie, der eine wahre Wasserratte war und nur allzugern den Stock immer wieder aus dem Wasser holte, der von den jungen Menschen geworfen wurde. Sogar Veit musste einmal den Stock werfen, als der nasse Hund ihn entdeckte und freudig hechelnd vor ihm stand und um Aufmerksamkeit bettelte. Ja, ein Hund wäre noch das perfekte Familienmitglied für sich und Volker. Das musste er mit ihm mal noch bereden.

Fast drei Stunden verbrachte Veit am See und hatte das Weihnachtsbuch völlig vergessen. Als er Hunger bekam packte er seine wenigen Sachen und schlenderte zum Cottage zurück.

*

Etwas war nicht in Ordnung. Schon von weitem sah er, dass die Außenläden der Fenster zugeklappt waren. Alles lag still und ruhig. Es wurde ihm mulmig zumute und unruhig schlich er näher. Das Handy hielt er griffbereit in der Hand, um den Notruf sofort wählen zu können, falls es nötig wurde.

An der Eingangstür hing eine Jacke und als Veit ankam entdeckte er einen Zettel, der gut sichtbar an der Tür klebte.

‚Hallo, mein Meisterschriftsteller. Wie war das kühle Wasser? Bitte zieh die Jacke an - und dann darfst du endlich zu mir kommen.'

Was sollte das denn? Was hatte Volker vor? Und warum sollte er in der verdammten Hitze auch noch eine Winter!-Jacke anziehen? Aber er wollte seinem Schatz die vorbereitete Überraschung nicht verderben, zog also die Daunenjacke an und öffnete die Eingangstür.

Das erste, was er wahrnahm, war gedämpftes, flackerndes Licht und der unverkennbare Duft von Zimt und Alkohol. Dann schlug ihm Kälte entgegen. War Volker verrückt, die Klima-Anlage so kalt einzustellen? Da war er ja gleich glücklich die dicke Jacke anzuhaben. Er tastete sich vorsichtig weiter, da seine Augen sich an die Dunkelheit erst gewöhnen mussten. Zwei kleine Kerzen leuchteten ihm den Weg ins Wohnzimmer. Er sah sogar den großen Holz-Elch mit Weihnachtsschal in der Tür stehen.

Was hatte sein Schatz nur vor?

Jetzt hörte er auch leise Musik. Klassische Weihnachtsklänge drangen zu ihm in den Flur und langsam war Veit immer gespannter, was sein Liebster noch alles vorbereitet hatte. Er blickte vorsichtig um die Ecke in ihr Wohnzimmer hinein und tatsächlich: am Kamin hingen ihre beiden großen Socken mit den Namensstickereien und im Kamin selbst stand eine dicke brennende Kerze, als Ersatz für ein echtes Feuer. Auch ein großer Tannenzweig stand neben dem Kamin, schön geschmückt. Volker saß in einem ihrer zwei alten aber gemütlichen Ohren-Sessel und neben ihm auf dem kleinen Tischlein standen zwei große dampfende Tassen. Er selbst hatte eine Weihnachtsmütze auf.

Als er Veit an der Tür entdeckte, strahlte er ihn liebevoll an.
"Fröhliche Weihnachten, mein liebster Meisterschriftsteller. Komm. Ich habe heiße Schokolade mit Zimt und Rum und sogar Plätzchen." Veit fühlte sich erst veralbert, aber in Volkers Gesicht sah er einen gewissen Ernst, aber auch seine Fröhlichkeit und seine Liebe zu Veit. So ließ Veit sich also voll und ganz auf Volkers Überraschung ein und machte mit. Er wünschte auch Volker ein fröhliches Weihnachten, nahm im zweiten Sessel Platz und ließ sich die heiße Schokolade mit Zimt reichen. Sie roch lecker und nachdem er genießend einen Schluck genommen hatte und dabei verträumt in den Kamin auf die dicke Kerze geschaut hatte, fand er, dass dies ein ganz und gar ungewöhnliches und sehr spezielles Weihnachten war.

Volker hatte sogar an ein Weihnachtsgeschenk gedacht. Er holte ein schmales längliches Päckchen heraus und neugierig öffnete Veit es.

Darin fand sich eine elegante Schreibfeder aus Glas und ein kleines Tintenfässchen. Das war ein wirklich rührendes Geschenk, wie überhaupt alles, was Volker an diesem Tag für ihn gemacht hatte. Ein Weihnachten mitten im August.

Er hatte Tränen in den Augen, als er Volker voller Ergriffenheit küsste und ihn somit auf das Fell vor dem Kamin zog…

***

Gabi guckte nicht schlecht, als Veit ihr am Telefon fröhlich mitteilte, dass er seinen Abgabetermin für das Weihnachtsbuch ganz sicher einhalten würde. Mehr noch. Er hatte es doch schon längst fertig und zum Verleger geschickt.

Natürlich wollte sie wissen, wie ihm das gelungen war und warum er vor allem so voller Enthusiasmus war und schon wieder über seinen Detective und seine Jagdbeute sprach und selbst da romantische Weihnachtssequenzen mit dabei waren.

Veit lachte nur und verriet ihr nichts. Er verriet ihr auch nicht, dass die spezielle Nacht mit Volker noch viel mehr gebracht hatte. Er war regelrecht beflügelt gewesen, hatte den Weihnachtsschmuck im Wohnzimmer und an seinem Arbeitsplatz beibehalten und die kleine gläserne Schreibfeder offen sichtbar auf den Schreibtisch drapiert, sodass er ihr herrliches sommerliches Weihnachtsfest immer in Gedanken hatte.

Und das Beste: für nächstes Jahr hatte er ein zweites Script fast fertig. Es mussten nur noch kleinere Absätze verfeinert werden. Diese Information wollte er sich aber für den Sommer im folgenden Jahr aufheben, wenn Gabi ganz sicherlich für ein weiteres Weihnachtsbuch bei ihm anfragen würde.

Ende.

(07/ 2016)

 


 

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