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du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Vogtländisches Weihnachten: Grüne Klöße und ein starkes Nilpferd"

"Ha ha ha! Echt mal, Michi, was du für Leute kennst… Zum Glück ist der nicht noch zum Abendessen geblieben. Der hätte uns alles weggefuttert!"

Um nichts Böses auf diese gemeinen Worte seiner Schwester zu erwidern, saß Michael starr auf seinem Stuhl und blickte stur auf den festlich gedeckten Tisch. Den hatten er und Mathias im Vorfeld gemeinsam schön eingedeckt und geschmückt, so wie sie Michaels ganze kleine Wohnung gemütlich weihnachtlich dekoriert hatten, damit sich Michaels Eltern und seine Schwester Sabrina zum Heilig Abend wirklich wohlfühlen konnten.

Denn dieses Jahr hatte Michael darauf bestanden, dass sie Weihnachten bei ihm in seiner ersten eigenen Wohnung feiern sollten. Er hatte es sich so harmonisch ausgemalt und jetzt saß ihm seine Schwester gegenüber und sprach so gehässige Worte. Währenddessen nahm sie gerade die Soßenterrine von Vater entgegen und gab sich reichlich davon auf den Teller, um die Roulade, das Rotkraut und die grünen Klöße effektiv in einem kleinen See zu ertränken.

Ja. Zum Glück war Mathias nicht zum Abendessen geblieben - bei solch einer gemeinen Schwester. Sie hatte Mathias schon den ganzen Nachmittag über mit Sprüchen gepiesackt und Mathias hatte entschieden, vorzeitig zu gehen, damit Michael einen schönen Abend haben konnte. Aber wie sollte er einen schönen Abend haben, ohne seinen Mathias, dafür mit geistlosen Kommentaren.

"Ja. Wirklich. Der kam ja kaum die Treppen rauf. Da hat er schon geschnauft wie ein Nilpferd", pikierte sich seine Mutter, als sie sich einen Kloß auftat.

Michaels Finger hatten bis eben mit den Zipfeln der Tischdecke gespielt, jetzt ballte er sie wütend zusammen. Als ob seine Mutter nicht selbst zu viele Pfunde auf den Hüften hatte.

"Hilde, iss doch mal. Das schmeckt gut", nuschelte sein Vater, der schon fast einen ganzen Kloß verdrückt hatte, bevor die anderen überhaupt mit dem Essen begonnen hatten. Das war ein Würgen und Malmen in diesem Mund, dass es Michael nur so grauste, seinem Vater beim Essen zu beobachten. Immerhin sagte er nichts über Mathias.

"Der hat bestimmt keine Freundin", erklärte seine Schwester weiter. "Wer will schon ein schnaufendes Nilpferd umarmen?", lachte sie noch eine Spur lauter.

"Keine Frau will das, Liebes", stimmte Mutter ihr zu und zerpflückte ihren Kloß. "Und was er für Kleidung trug. Wie aus dem Altkleider-Container. Dass er überhaupt etwas in seiner Größe gefunden hat…", schüttelte sie ihren Kopf und schob die Kloßstücke in die Soße und vermengte alles zusammen mit dem Rotkraut.

Altkleider?! Mathias hatte zwar eine Jeans an, aber dazu hatte er eines seiner guten Jacketts und ein einfaches hübsches Hemd getragen. Dazu Wildleder-Schuhe. Gewiss nichts aus dem Altkleider-Container! Wütend biss er die Kiefer zusammen.

"Nun iss doch mal, Hilde. Lass den Jung und seinen Freund. Die Roulade wird noch kalt…", mampfte Vater weiter, als hätte er die letzten Tage nichts zum Essen gehabt.

Oh ha! Hatte sein Vater gerade von ‚Freund' gesprochen? Sollte er gar, sein Vater, die unsensibelste Person im Universum, gemerkt haben, dass Michael heute seinen Freund vorstellen wollte? Und damit auch klarstellen wollte, dass er wirklich schwul war? Oder war ihm das nur so herausgerutscht?

Vaters Aufforderung wurde erhört und tatsächlich nahm seine Mutter auch endlich eine Gabel voll Gematschtes. Sie schob es im Mund von rechts nach links und zurück und kam wohl zu einem befriedigenden Ergebnis.
"Ja, stimmt Karl. Ganz hervorragend. Als du uns vorgeschlagen hast, Heilig Abend hier zu verbringen und sogar das Essen zu kochen, war ich schon am Zweifeln, Michi. Echte grüne Klöße selbst zu machen, ist nicht leicht, schon gar nicht in deiner kleinen Küche. - Wenn ich nicht wüsste, dass du sie selbst gemacht hast, könnte ich schwören, dass sie genauso gut sind, wie die, aus dem Restaurant, in das du uns zum 1. Advent eingeladen hattest. War ja alles sehr nobel dort. Sogar ein Michelin-Stern."

"Mja… schmeckt", ergänzte Vater schmatzend.

Jetzt blickte Michael auf und schaute alle einzeln am Tisch an, vor allem seine Mutter und seine Schwester hielt er fest im Blick.

"Nun, da es euch so ausgezeichnet schmeckt, kann ich euch versichern, dass ihr jederzeit solch hervorragende Klöße bekommen könnt. Schließlich habt ihr den Eigentümer und Chefkoch dieses Restaurants heute persönlich beim Kaffeetrinken kennengelernt. Und gewiss wird er seine zukünftige Familie nicht aus seinem Restaurant schmeißen, selbst wenn sich einige davon so derart daneben benehmen."

Stille!

Seine Schwester guckte geschockt. Seine Mutter atmete pikiert, verstand aber wohl kein Wort. Sein Vater kaute.

"Bist du bekloppt?", durchbrach seine Schwester endlich mit schriller Stimme die Stille.
"Von was redest du da?", fragte seine Mutter. Sie hatte noch nichts verstanden. Oder wollte nicht.
"Hmm…", brummte Vater. Der hielt sich wohl vorerst aus der Sache raus und schob sich lieber noch lecker Kloß mit Soße in den Mund. Weiter ging das gnadenlose Zermalmen.
"Ich rede von Mathias", sagte Michael aufgebracht.
"Dem schnaufendem Nilpferd? Was hat er mit unseren Klößen zu tun?"
"Mutter! Er heißt Mathias!", erwiderte Michael nachdrücklich.
"Von mir aus. Aber was hat er mit unserem Essen zu tun?"
"Er hat es gekocht. Heute Morgen. Extra nur für euch in meiner kleinen Küche. Denn er ist der Chefkoch des Restaurants. Er ist der Eigentümer des Restaurants. - Und er ist mein Gefährte!"

Jetzt war es heraus! Eigentlich hatte er das alles ganz anders mit Mathias geplant gehabt. Aber da hatte er auch noch nicht gewusst, dass seine Familie sich so derart daneben benehmen würde. Nun, zumindest die weiblichen Mitglieder. So kannte er sie doch eigentlich gar nicht. Und das stimmte ihn genauso traurig, wie die Tatsache, dass sie wohl seinen Liebsten nie akzeptieren würden.

Er fühlte Tränen in seinen Augen aufsteigen. Zitternd legte er die Serviette beiseite und stand auf.
"Ich wünsche euch noch einen schönen Heilig Abend", sagte er leise und ging in sein kleines Schlafzimmer davon. Schnell hatte er einige wenigen Sachen zusammengesucht, seine dicken Winterstiefel und die warme gefütterte Jacke angezogen und die Wohnung verlassen. Es tröstete ihn zu wissen, dass Mathias auf ihn wartete.

*

In der Wohnung war es kurz still.
"Ist der bekloppt?", wiederholte die Schwester noch einmal völlig außer sich. "Von wegen schwul. Der spinnt doch!"
"Wer ist schwul?", fragte Hilde verwirrt. "Der Koch?"
"Mama! Michi behauptete gerade er ist mit dem schnaufenden Nilpferd zusammen! Und der ist der Koch von dem noblen Restaurant! Das ist doch total krass. Seit wann habe ich einen schwulen Bruder?"

"Was? Du - du meinst, mein Sohn und - und das Nilpferd?", fragte Hilde mit entsetzten großen Augen!

Ein lautes Besteckklirren ließ beide zu Karl herumschauen. Der hatte mit einer recht rüden Geste Messer und Gabel auf seinen leeren Teller fallen lassen.
"Hervorragend, Hilde! Das hast du ganz toll gemacht! Unser Sohn wollte uns was Wichtiges sagen und du hast nichts besser zu tun, als ihn aus seiner eigenen Wohnung zu treiben! Zu Heilig Abend wohlgemerkt."
"Aber Paps, Michi ist…"
"Du hältst endlich deine dumme Babbel! Was lernt ihr eigentlich heutzutage in der Schule? Wie man andere fertig macht? Vor allem den eigenen Bruder? Schämst du dich denn gar nicht?", zeigte Karl mit dem strikten Finger auf die Tochter. Beleidigt verschränkte sie die Arme und lehnte sich eingeschnappt in ihrem Stuhl zurück.

"Karl! Was ist denn los? Woher sollten wir denn wissen, dass er was zu sagen hat? Immer diese Geheimniskrämerei…", verteidigte sich Hilde.
"Er hat kein Geheimnis daraus gemacht. Ich hatte mich bereits über das gute Restaurant informiert. Warum sollte Michi uns extra dahin einladen? Wie erstaunt war ich, als ich heute zum Kaffeetrinken den Chef hier wiedersah. Da war doch alles klar." Karl schob seinen Teller von sich, stand auf und langte an der Garderobe nach seiner Jacke und Mütze.

"Aber Karl. Was ist denn nun? Wo gehst du hin?"
Karl antwortete nichts mehr, sondern verließ die kleine Wohnung, in der ein Heilig Abend so schlimm endete.

*

Es hatte frisch geschneit. Karl erkannte neue Fußspuren, die sich vom Haus wegbewegten und folgte ihnen. Er ging sogar in einen kleinen Dauerlauf über. Er machte sich ernsthafte Sorgen um seinen Sohn. Der war schon immer ein wenig sensibel gewesen und tendierte zu Kurzschlussreaktionen, die nicht immer gesund waren. Ein im Schnee lebloser Körper wollte sich in seine Gedanken schleichen, doch er ließ die Angst nicht zu. Schließlich war Michi kein Kind mehr und eigentlich ein vernünftiger junger Mann. Es beruhigte ihn, als er merkte, dass ihn sein Weg in Richtung des guten Restaurants führte. Das hatte jetzt bestimmt nicht mehr auf, aber vielleicht war ja Mathias doch dort zu finden und damit auch sein Sohn.

Er fühlte unendliche Dankbarkeit, als er das kleine Restaurant erreichte und in der oberen Etage Licht brennen sah. So wie es aussah, lebte Mathias direkt über seinem Lokal. Er suchte nach einem privaten Eingang und fand um die Straßenecke herum eine unscheinbare Tür mit Klingelknopf.

Nur wenige Sekunden, nachdem er darauf gedrückt hatte, summte die Tür und er drückte sie auf. Ein altes enges nur wenig beleuchtetes Treppenhaus ließ nur einen Weg nach oben zu und er begann mit dem Aufstieg. Von oben hörte er schon hektische Stimmen. Es klang wie ein kleiner Streit, dann war Stille und Karl konnte einen warmen Lichtschimmer sehen. Durch das Treppengeländer leuchtete ihm Licht durch die offene Wohnungstür entgegen.

Er klopfte sachte an die halboffene Tür, als er endlich oben war. Es war Mathias, der ihm ganz öffnete.
"Hallo, Mathias. Zu allererst: ist mein Sohn da?"
"Hallo, Karl", erinnerte sich Mathias, dass sie heute Nachmittag schon beim Du gewesen waren. "Ja, Michael ist hier. Aber er möchte heute keinen mehr sehen", stellte er direkt klar, auch wenn er höflich blieb. Immerhin war er mit Karl am Nachmittag gut ausgekommen, besser gesagt, Karl war einfach sehr still gewesen und hatte kaum etwas gesagt. Aber er war es, der Michi nachgegangen war! Das stimmte ihn gleich wieder etwas versöhnlicher. Michi hatte ihm gerade ganz anderes erzählt, wobei auch sein Vater nicht gut weggekommen war.

"Ja. Das verstehe ich. Das ging heute wohl alles etwas schief. Ich will ihn auch gar nicht drängen. Ich wollte nur schauen, ob es ihm gut geht. Wenn du mir versprichst, gut auf ihn aufzupassen, dann gehe ich wieder. Er ist manchmal etwas sehr emotional. Dann macht er gerne dumme Sachen", erklärte Karl.

"Ich bin überhaupt nicht emotional!", rief es da aufgebracht aus dem Flur hervor und Michi kam an die Tür gestürmt. Karl lächelte nur.
"Ihr habt die ganze Zeit nur auf Mathias herumgehackt, ohne ihn zu kennen", sprudelte es gleich weiter aus Michi hervor. "Ich wollte ihn euch doch nur vorstellen. Und auch, dass ich Männer mag und Mathias liebe. Und ich weiß, dass ihr da alle was dagegen habt und es nie verstehen werdet! Aber das ist mir egal, selbst wenn ich keine Familie mehr habe, ich bleibe bei Mathias und werde demnächst auch zu ihm ziehen!"

Oh! So heftig wollte Michi das doch alles gar nicht sagen. Beschämt blickte er auf seine Füße und wirkte so gar nicht wie ein junger erfolgreicher Mann, der gerade das Studium beendet hatte und einen Arbeitsvertrag in der Tasche hatte. Ein tiefes Lachen und ein kleiner Kuss auf seine Wange schreckte ihn wieder hoch.
"Danke für das schöne Liebesgeständnis", flüsterte Mathias in sein Ohr und drückte ihn liebevoll.

"Ich gehe dann also wieder. Ich wünsche euch trotz dem ganzen Ärger noch einen schönen Heilig Abend", sagte Karl. Er wusste seinen Sohn in den besten Händen; das beruhigte ihn.

Michi schaute stumm seinen Vater hinterher. Wollte er nicht noch irgendetwas dazu sagen? Ließ er ihn einfach so stehen? Ein leichter Schubs in seinem Rücken gab ihm Mut.

"Paps. Warte."
"Ja? Was gibt es?"
"Ist das alles? Willst du denn gar nichts dazu sagen?"
"Sagen? Du hast doch schon alles gesagt. Da gibt es nichts hinzuzufügen?"
"Aber… aber. Bist du denn gar nicht Böse? Wegen mir und dass ich Mathias liebe?"
Karl seufzte und kam an die Tür zurück.

"Michi. Ich weiß, ich habe nie viel gesagt. Aber du bist mein Kind. Ich kenne dich doch. Ich weiß, dass du schon immer mit mehr Gefühlen zu kämpfen hattest. Ich weiß, dass du lieber einen Freund, als eine Freundin hast. Das war mir sehr zeitig klar und ich habe nur auf den Tag gewartet, dass du uns einen festen Freund vorstellst. Und jetzt hast du sogar einen, der mein Leibgericht auf die beste Art zubereitet, die ich mir nur vorstellen kann. Was also soll ich denn dann dagegen haben?"

"Paps, du hast es gewusst?"
"Ja."
Michi wusste gar nicht, was er davon halten sollte. Sein so kalt wirkender Vater hatte es schon immer gewusst - und vor allem nie etwas dagegen gehabt. Er stürzte nach vorn und umarmte ihn ganz fest.

"Jetzt kommt doch aber rein. Es ist kalt und ungemütlich im Treppenhaus", bestimmte Mathias nach einer Weile und schob die beiden ins warme Wohnzimmer durch.

Und plötzlich fand sich Michi in eine gemütliche Decke gekuschelt auf dem kurzen Sofa wieder, hatte einen Tee in der Hand, der nach Lebkuchengewürzen duftete und starrte ungläubig auf die Szenerie, die sich vor ihm darbot.

Sein Vater saß in dem bequemen Sessel, hatte einen goldschimmernden Whisky im natürlich dazu passenden Glas in der Hand und unterhielt sich angeregt mit Mathias, der über Eck neben Karl auf dem zweiten Sofa saß und sich gerade vom Edradour nachschenkte. Munter unterhielten sich die beiden erst über Klöße, Rotkraut und Rouladen, was zu Mathias' Restaurant führte, weiter über den Kauf und den Ausbau des alten historischen Gebäudes, in dem sich nun das Restaurant und diese Wohnung befand und das eben der hintere Teil noch lange nicht fertig war, weswegen man sich also derzeit noch mit einem alten Treppenhaus begnügen musste.

Michi konnte eigentlich nicht glauben, was er da sah und hörte. So hatte er seinen Paps noch nie erlebt. Sich so offen und lebhaft mit jemand unterhaltend, lächelnd, nickend, aufmerksam. Es war, als säße dort eine fremde Person und doch war es sein Vater.

Und Mathias war ganz sein fröhliches Selbst. Die gemeinen Sprüche seiner Schwester und die verschnupften Andeutungen seiner Mutter hatte er weggelächelt, als machte es ihm wirklich nichts aus und so langsam glaubte Michi ihm das auch. Was sollten ihn auch dumme Kommentare einer 16-jährigen ärgern. Er war ein erfolgreicher Koch mit eigenem Restaurant! Er hatte auf seinem Weg bestimmt schon ganz anderes erlebt, was ihn nur noch stärker gemacht hatte. Und genau in diesen starken Mann hatte Michi sich verliebt. In seinen starken, starken Mathias.

Seinen Liebsten und seinen Vater so einträchtig beieinander sitzen zu sehen, war schön. Und über den Gedanken, dass nun alles gut werden würde, schlief Michi ein, Hilde und Sabrina in seiner Wohnung völlig vergessend!

Und außerdem verpasste er Weihnachten und so bekam er sein Geschenk von Mathias erst am nächsten Morgen.


Fröhliche Weihnachten.

 


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