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Sie kam nur schwerlich voran. Das dichte Gedränge war hier, wo sie unbedingt durch musste, am größten. Es half kein Ziehen und Zerren, ihr blieb nur übrig, sich langsam in der Menge mit voranschieben zu lassen.

Eigentlich hätte sie es ahnen können. An einem Samstagabend war der Weihnachtsmarkt generell am vollsten. Doch sie hatte keine andere Wahl. Unterhalb der Woche hielt sie die Arbeit auf Trab und sonntags war sie bereits in der Familie verplant zum Adventsessen. Da es sich über die letzten Jahre so entwickelt hatte, dass einzelne Familienmitglieder über die Feiertage in den Urlaub wegfuhren, feierte man das Fest mit allen zusammen eben schon vorher. Meistens bei ihrer Großmutter, die viel Spaß hatte, Weihnachtsbraten und Zimtpudding schon vor dem Heilig Abend zu kochen. Zum eigentlichen Fest konnte sie dann in aller Ruhe mit Opa schick im Sterne-Restaurant das 4-Gänge-Menu genießen und danach die Mitternachtsmesse besuchen.

Sie kam einige Meter weiter, bevor es erneut stockte. Jetzt ging gar nichts mehr. Hinter ihr hörte sie auch ein genervtes Grummeln und Zanken. Dann wurde sie heftig in den Rücken geschupst und ihr entkam ein erschrockener Aufschrei als sie den Halt verlor und trotz dichter Menschenmenge stürzte.

Sie fiel auf ein Knie und fühlte eklig kalten Schnee durch den Stoff der Hose dringen. Zum Glück hatte sie Handschuhe an, die sie vor den spitzen Kieselsteinchen schützten.

Eine kräftige Hand umfasste ihren Oberarm und etwas ruppig aber sicher, wurde sie nach oben gezogen. Erst als sie wieder sicher stand, ließ ihr Retter sie los. Sie schaute auf ihre dreckige Hose und Handschuhe und konnte wirklich die Tränen der Frustration nicht ganz verbergen. Etwas zittrig auch noch vom Schubsenschreck, atmete sie tief ein und wieder aus. Noch bevor sie entscheiden konnte, doch lieber umzukehren und es vielleicht lieber in der Woche noch einmal zu versuchen, spürte sie einen großen Körper viel zu dicht an ihrem. Eine angenehm tiefe und weiche Stimme fragte sie besorgt "alles in Ordnung? Ich wollte dich nicht umwerfen. Doch der besoffene Typ hinter uns hatte sein Gleichgewicht nicht mehr so gut unter Kontrolle."

Sie blickte an einer dunkelblauen Steppjacke nach oben und fand sich mit ebenfalls blauen Augen konfrontiert, die sie sorgenvoll und entschuldigend anblickten. Sie lächelte schwach, versuchte wenigstens den gröbsten Schmutz von der Hose zu bekommen. "Schon oK. Es war nur der Schreck. Danke für die Hilfe." Dabei zog sie die nassen Handschuhe aus und verpackte sie in ihrer beige karierten Umhängetasche.

"Komm. Ich gebe dir noch einen Glühwein aus, dafür dass ich dich umgerannt habe." Sie war überrascht von seiner unkomplizierten Art und fragte sich insgeheim, ob er wirklich so viel Reue hatte oder mit ihr flirten wollte oder einfach nur ein netter Typ war.

Sie nickte, aber dachte dann wieder an ihr eigentliches Ziel und warum sie überhaupt heute hier war. "Also, Glühwein ist schon gut, aber dann nicht irgendeinen. Ich wollte eigentlich zu dem da hinten an der Ecke." Sie deutete über die Leute hinweg und wo sie nur eine ungefähre Richtung geben konnte, hatte er aufgrund seiner Körperhöhe einen guten Blick direkt auf den Stand, den sie meinte.

"Hmmm", brummte er. "Da kommst du hier aber nicht weiter. Komm. Wir gehen anders herum." Er nahm sie bei der Hand, damit sie sich im dichten Gedränge nicht doch wieder verloren und sie… war erst erschrocken, doch ließ sich dann einfach mitziehen. Sie genoss die warmen Finger, die sich so anfühlten, als könnten sie auch richtig zupacken.

Er führte sie erst ein ganzes Stück weit zurück und dann in einer große Schleife eher am Rande des weitläufigen Weihnachtsmarktes in die Richtung ihres so begehrten Ziels. Unterwegs versorgte er sie beide noch mit deftiger Thüringer Bratwurst, dann einem leckeren Crêpe. Als sie selbst bezahlen wollte, schüttelte er nur den Kopf und meinte, das wäre schon in Ordnung. Sie ließ es zu und sah, dass es ihn wirklich freute. Sie vergaß darüber auch ihre dreckige Hose.

Sie unterhielten sich erst über das Gedränge auf dem Markt, dann erzählte sie kurz, warum sie nur heute konnte. Darüber kamen sie zu Reisen an Feiertagen und dann zu Reisen im Allgemeinen. Er erzählte ihr, wo er noch überall hinwollte. Sie erzählte, wo sie bisher schon war. Schwärmte wieder einmal zu viel von ihrem Lieblingsreiseland: das, wo die Männer wirklich nichts unterm Rock trugen und er lachte mit, vor allem als sie rotglühend gestand, dass es dort noch immer wilde Ureinwohner gab, die dies gerne und jedem bewiesen, wenn sie mal wieder zu viel von ihrem Nationalgetränk intus hatten. Der Pup damals war für sie wirklich eine außergewöhnliche Erfahrung gewesen.

Und plötzlich standen sie an ihrem ausgewählten Glühweinstand. "Oh. Wir sind ja schon da", sagte sie und bemerkte an der hereinbrechenden Dunkelheit, dass sie doch schon länger unterwegs waren, als gedacht. Er forderte sie auf, sich ihren bevorzugten Glühwein auszusuchen und stellte somit klar, dass er den auch für sie bezahlen würde.

Als sie schon ihren Becher in klammen Händen hielt und sich daran aufwärmte, beobachtete sie ihren Retter und so großzügigen Spender und fühlte sich wohl mit ihm. Ein wenig romantisch aber mit einer entschlossenen süßherben Note. Sie blickte in die wundervollen blauen Augen, als sie ihre Becher zu einem kleinen Trinkspruch anstießen. Noch bevor sie den ersten Schluck nahm, zog sie den Duft des Getränkes tief ein, fühlte sich dadurch und durch den so wundervollen Nachmittag bereits leicht benebelt.

Dann endlich trank sie von ihrem heißersehnten Glühweinwhisky.

Ende

(24.11.2013)