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"Tierarzt Doktor Jens Schreiter, Guten Abend!“ Der junge Arzt klingt etwas müde, aber auch besorgt, fragend; nebenbei reibt er sich die kalten Hände warm, die beim Schneeschippen fast abgefroren wären, trotz der dicken Handschuhe. Sein Blick fällt seufzend auf den heißen Kakao, der vor ihm steht und lockend Wärme verspricht.

„Rudi is’ krank!!“ Die tiefe Stimme am anderen Ende des Telefons keucht leicht, gibt der Mann aber keine weitere Erklärung ab, schnauft nur erleichtert, da er endlich einen Arzt zu so später Zeit gefunden hat.

„Was hat Rudi denn?“, fragt Jens ruhig nach, fast schon ahnend, dass sein leckerer Kakao bis morgen hier unangerührt stehen bleiben wird. „Weiß nich’. Ist ganz schwach, zittert und die Nase is’ ganz heiß. Liegt nur im Stroh und bewegt sich nich’.“

„Wie lange liegt er schon?“

„Als ich heut’ morgen füttern war, war er noch putzmunter. Aber hat sein Hafer nicht ganz gefressen. Den anderen geht es prächtig. Stehen alle auf der Weide. Aber ich hab’ Rudi heut’ drin gelassen und eine Decke um ihn gewickelt.“

„Gut, ich werde sofort vorbeikommen. Vielleicht hat er nur eine Erkältung, eine Kolik ist auch möglich. Mit beiden ist aber nicht zu spaßen. Geben Sie mir Ihre Adresse bitte, dann bin ich gleich da.“

„Wohn’ weit draußen. Vielleicht fahr’n Se einfach zu „Betty’s Cake“. Ich wart’ dort.“

„Gut, ist in Ordnung. In einer viertel Stunde werde ich dort sein.“

***

Allein in der Dunkelheit auf der Straße unterwegs, tauchen erst nach etlichen Minuten endlich die Lichter des Motels mit dem kleinen gut besuchten Restaurant und Cafe auf. Vor der gläsernen Tür zum Restaurant lässt Jens den Wagen halten, schaut sich weiter um, lächelt als jemand in den Lichtkegel seiner Scheinwerfer tritt und ihm winkt.

„Ich bin Ihnen so dankbar, dass Sie so schnell da sind. Rudi geht’s immer schlechter.“ Mit einem derben Händedruck wird der junge Arzt von dem riesigen Mann begrüßt; die dicke Jacke spannt sich über dem gewaltigen Bauch. „Kommen Sie. Fahr'n Sie einfach mir nach. Aber aufpassen, es geht durch den Wald."

***

„So, da sin’ wir. Rudi is’ in der letzten Box da.“ Jens hat Probleme den raumgreifenden Schritten des Mannes nachzukommen. Er nickt nur zu den Worten, schaut sich etwas in dem Stall um, ist nur etwas überrascht, als er einen großen, roten Pferdeschlitten stehen sieht, dessen Kutscherbank einzig frei ist. Der restliche Platz ist von einem riesigen Sack aus rotem Stoff belegt.

„Grantpa!!! Endlich bist du da. Rudi schnieft ganz komisch und macht die Augen nicht mehr auf.“ Ein kleines blondes Mädchen rennt auf sie beide zu, die lockigen Haare fest in einem Zopf geflochten.

„Ah, Christl. Das ist Docktor Schreiter. Er wird Rudi helfen.“

„Wirklich?! Können Sie das? Sie müssen es schaffen. Rudi darf nicht sterben!“

Beruhigend lächelt Jens das kleine Mädchen an, stockt dann mitten im Schritt, als er die Box betritt.

„Aber…Ich dachte…kein Pferd?“, stammelt er etwas, betrachtet sich das Tier mit dem mächtigen Geweih am Kopf. Gutmütig lacht der große Mann hinter ihm auf, klopft ihm auf die Schulter.

„Tut mir leid. Vergaß es wohl am Telefon. Rudi is’ doch ein Rentier. Könn' Sie ihm trotzdem helfen?"

„Ich habe noch nie ein Rentier als Patient gehabt. Aber es wird sich nicht soviel unterscheiden. Christl, gibst du mir meine Tasche? Und können Sie noch ein paar Decken holen, Mister… äh.“

„Mr White. Oder einfach Bob“, lacht der große Mann wieder, geht gleich aus dem Stall, um die Decken zu holen, während der Arzt dem Tier über das Fell streicht, die Ohren betrachtet, die sich nur wenig bewegen.

***

„So! Jetzt wärmen Se sich erst mal auf. Glühwein ist da immer das Beste. Ich dank’ Ihnen, dass Sie Rudi so schnell helfen konnten“, spricht Bob erleichtert, reicht den Glühwein an den vor dem Kamin Sitzenden weiter.

„Ja, danke, Doktor Schreiter. Onkel Niki wird da auch froh drüber sein“, bedankt sich auch Christl artig.

„Sagen Sie, Doktor: Was wünschen Sie sich eigentlich zu Weihnachten?“ Den Glühwein sichtlich genießend, blickt Jens verblüfft zu dem großen Mann auf.

„Ich? Wünschen? Ich weiß nicht. Ich habe mir noch nie was gewünscht. Na ja. Außer eine Familie vielleicht. Aber das ist ja nichts, was man schön mit Geschenkpapier und Schleife verpacken kann.“

„Na. Es muss ja nich’ alles mit Schleife sein“, lächelt der große Mann wieder. Jens sieht allerdings nur die Lachfältchen um die Augen herum, das restliche Gesicht ist vom Bart verdeckt.

„Ja. Da haben Sie recht. Ich werde jetzt aber wieder fahren müssen. In den nächsten Tagen werde ich wegen Rudi noch mal reinschauen. Jetzt kenne ich den Weg ja.“

„Sie können auch viel öfter kommen. Sie sind viel netter als Onkel Niki. Der is’ manchmal so brummig. Da, als Wegzehrung“, drückt Christl den jungen Arzt so kräftig sie kann und reicht ihm noch einen großen Lebkuchen.

„Danke. Du bist auch sehr nett, Christl.“

„Das sagt Onkel Niki und Grantpa auch immer. Jetzt bringe ich dich aber noch zur Tür. – Bis morgen dann, Onkel Jens.“

Ende

(11.11.2004)