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du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Sonne, Strand und ... Schnee?"

 

 


Susanne freute sich wie ein kleiner Schneekönig. Und das, obwohl es gar keinen Schnee gab. Sie streckte sich zufrieden auf ihrem Strandlaken aus, genoss die Sonne, das Rauschen des blauen Meeres und die Gewissheit, die Weihnachtsfeiertage bei herrlichen 32°C im Schatten zu verbringen. Morgen, zum Heilig Abend, gab es auch in ihrem Hotel ein Festessen, doch statt Gänsebraten gab es Hummer und zum Dessert ein lecker kaltes Eis. Es war ein Traum.

Ein Alptraum, denn ihr Freund Ole, gebürtiger Schwede, saß grollend neben ihr und starrte Sand und Meer und Sonnenschein zu Tode. Er wollte nicht hier her, wollte bei seiner Familie in Schweden feiern, in hohem Schnee, in Kälte, mit Elchen und heißem Glögg und echten Tannen. So, wie es sich zu Weihnachten gehörte. Doch da Susanne bereits das Jahr davor seine Familie kennen gelernt hatte und sie nach einem heftigen Streit einen Wunsch frei hatte - "… egal welchen, ich erfülle dir alles…", war seine Aussage - konnte sie sich durchsetzen und ihren Traum wahr machen: einmal zu Weihnachten in der Wärme sein. Unter Palmen die Geschenke auspacken.

Dass sich Ole nach dem dritten Tag am Strand noch immer nicht damit abfinden konnte, zerstörte dann aber doch ihre Zufriedenheit. Konnte der blöde Kerl sich nicht einmal zusammenreißen und das wie ein echter Mann durchziehen? Gab es nicht auch ohne Schnee genug Reize, um den Urlaub toll zu finden? Sie hatte sich extra neue Unterwäsche und Bikinis gekauft für romantische Stunden und gesellige Abende zu zweit.

Sie maulte ihn unleidlich an, er solle hier nicht solche Trauerstimmung verbreiten und noch ehe sie es sich versah, lag sie allein am Strand. Ihr Freund stapfte wütend in Richtung Hotel davon. Sie zuckte genervt mit den Schultern und legte sich zurück, wollte sich nicht durch ihn den Urlaub versauen lassen. Ole kam sowieso immer nach kurzer Zeit wieder zurück. Lange schmollen konnte er nicht, dafür war er ein zu fröhlicher Mensch.

Doch Ole kam nicht zurück. Am Abend machte sie sich also allein zum Restaurant auf und dort an der Bar fand sie ihren besoffenen Freund. Er guckte noch immer todbringend wie am Nachmittag und begrüßte sie laut und zickig mit "na, Zuckerschnecke". Sie seufzte, entschuldigte sich peinlichst berührt bei den Gästen in der Nähe und schleppte den großen Ole zurück auf ihr Zimmer.

Als er quer auf dem Bett lag, erklärte er, dass er der Schnuppe vorhin sagte, es solle morgen gefälligst hier schneien. Dann schnarchte er weg. Sie schüttelte über so viel Blödsinn den Kopf und starrte aus dem offenen Fenster in den Himmel. Da waren heute Abend wirklich einige Sternschnuppen zu sehen und sie wünschte sich, dass sie beiden sich wieder vertragen mögen. Sie schloss Fenster und den Vorhang um Kleinstgetier und morgen früh blendende Sonne draußen zu lassen. Dann ging sie, um allein das Abendbuffet zu plündern und sich später an der Bar mit Sex on the Beach die Sorgen wegzusüffeln.

***

Sie schliefen in der Nacht beide so tief, dass sie gar nichts merkten. Erst am späten Morgen erwachte Ole mit leicht pochendem Schädel, war erleichtert, dass die blickdichten Vorhänge die starke Sonne aussperrten und hatte einen völlig falschen Geruch in der Nase. Es roch irgendwie nach Schnee mit Südseewasser. Er verstand, dass er eindeutig zu viel getrunken hatte und fragte sich, wie seine zierliche Susanne ihn ins Bett gebracht hatte. Vorsichtig und noch nicht ganz bei sich schlurfte er ins Bad.

Er ließ sich Zeit, duschte ausgiebig und rasierte sich ordentlich. Immerhin war heute Weihnachten, da wollte er vernünftig aussehen. Er nahm sich vor, nicht mehr so blöd wie gestern zu sein und Susanne den Festtag nicht zu versauen. Sie hatte sich ehrlich auf den Urlaub gefreut, es war ein Traum aus Kindheitstagen, weil sie eben ein Sommermensch war, und außerdem machte sie sonst fast alles mit, was Ole gerne mochte. Susannes spitzer Schrei schreckte ihn aus den Gedanken und sich den Zeh am Türrahmen stoßend stürzte er ins Zimmer zurück. "Was'n los, Schatz?", rief er und starrte dann genauso doof aus der offenen Balkontür wie sie.

Schnee! Da lag Schnee! Wo sonst Sand war. Und der Himmel und das Meer strahlten türkisblau um die Wette. Das war verrückt! Das war total verrückt und … und …

Ole holte tief Luft und schrie "SCHNEE!!!" und jubelnd war er über die Terrasse raus auf den Schneestrand und warf sich in die kalte weiße Pracht. Sein Handtuch verlor er im Sprung und so wurde der Schneeengel nicht ganz so unschuldig.

Susanne freute sich über seine Ausgelassenheit und zückte umgehend die Kamera. Dieses Naturschauspiel musste festgehalten werden! Bald kam Ole ausgetobt zurück, umarmte und knutschte sie heftig, was ihr eine Gänsehaut bescherte, da er eisekalt war.

Ole genoss den Tag über Schnee und Bikini-Outfit von Susanne. Sie dagegen freute sich an Oles Lächeln und dem warmen Wasser. Sie dankte dem Wetter, der den Miniblizzard über die Insel jagte und Ole dankte der kleinen Schnuppe, die so schnell seinen Wunsch erfüllt hatte. Und beide waren sich einig, dass dies wirklich ein perfektes Weihnachten war.

Ende

(26.11.2013)