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du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Wie der Schuh zur Mütze kam..."

 

 


Das konnte auch wirklich nur ihr passieren. Wie verrückt suchte Lena ihren Schuh. Das konnte doch nicht sein. Klar war sie gestern ziemlich betrunken nach Hause gekommen, aber sie hatte doch beide Schuhe an! Vor allem bei der Kälte.

Sie machte eine Suchpause und überlegte, wie sie nach Hause gekommen war. Ja, Firma, Tür und Jacke. Hmmm… dann ein Auto? Und Grün. Grün?! Helle grüne Augen? War es ein Traum? Sie wusste es nicht mehr. Sie schaute sich weiter suchend um und da fiel ihr die Mütze in den Blick.

Sie griff sich den Stoff. Das war nicht ihre! Wo kam die denn her? Es war eine dicke warme Wollmütze. Passend zu dem kalten Wetter draußen, aber gar nicht passend zu ihren Klamotten. Nie würde sie so eine tragen.

"Ach verdammt", rief sie genervt aus. Jetzt musste sie also die anderen Schuhe anziehen. Sie zog sich dafür noch einmal um, damit alles farblich zueinander passte, dann endlich machte sie sich auf den Weg zur Arbeit. Die Mütze nahm sie mit.

Zum Glück hatte das Büro Gleitzeit und sie kam kurz vor halb Neun an. Ihre Abteilung war voll besetzt. Das hätte sie nicht gedacht nach der Feier gestern Abend. Die Weihnachtsfeiern ihrer Firma waren immer schon etwas exzentrisch und entsprechend ausgelassen. Da der Chef dieses Jahr einen so misslichen Terminplan hatte, wurde die Feier ungünstig mitten in der Woche ausgerichtet und der Einfachheit halber sogar im eigenen Firmengebäude, und wer nicht schnell genug war um sich Brückentage zu sichern, hatte Pech. Ihre Abteilung, die Buchhaltung, sowieso. Sie war zu Überstunden verdonnert worden. Und so guckten auch alle, und als sie ein "Morgn" in den Raum nuschelte, kam Grummeln und Stöhnen als Antwort zurück.

Sie holte sich erst mal einen Kaffee aus der Miniteeküche nebenan, während der PC hochlief. Während sie ihre Programme startete und erste Mails empfang fragte sie die Kollegen nach ihrem Schuh. Es kam nur Kopfschütteln und Achselzucken als Rückinfo. Dann schreib ich eben eine Mail, beschloss sie. Immerhin waren das ihre Lieblingsschuhe. Vielleicht hatte sie Glück. Sie tippte ein paar grüßende Worte und schenkte jedem ein Bit Mitleid, der heute hier arbeiten musste, dann beschrieb sie kurz den Schuh und versprach sogar Finderlohn. Männliche Finder durften sich einen Kuss abholen und Weibliche Helfer eine kostenlose Modeberatung und Shoppingtipps. Mit dem Betreff "suche Schuh" schickte sie die Mail an "alle".

In dem Augenblick, in dem sie gesendet hatte, kam eine neue Mail bei ihr rein: "suche Mütze" stand da und sie musste lachen. Absender war Gerrit Ritter. Wer ist Gerrit Ritter? Den kannte sie nicht. "Wer ist Gerrit Ritter?", fragte sie dann auch in die Runde ihrer lustlosen Abteilung. Erneut nur Kopfschütteln und Achselzucken. Doch da! Eine Stimme. Ihre Kollegin direkt gegenüber. "Der is neu. Glaube bei der EDV oder so. Geh doch mal gucken und bring was Süßes vom Automaten mit."

"Hmmm…ja gut", stimmte Lena dem Vorschlag zu und sammelt etwas Kleingeld aus ihrem Portmonee. Sie raffte die Mütze heran und machte sich auf den Weg einmal quer durchs gesamte Gebäude. Am Süßigkeitenautomaten neben der Colabox zog sie diverse Riegel für alle Kollegen ihrer Abteilung, die hatten Aufmunterung dringend nötig.

Sie angelte noch die letzten aus dem Schacht unten und kam mit Schwung hoch, stolperte dabei an jemanden, der hinter ihr stand. "Huch", kam es überrascht von ihr, dann korrigierte sie ihren Blick noch um mehrere Zentimeter nach oben. Wow! Was für ein Gesicht, sonnengebräunt und sommergrüne Augen. Ein herrliches Lächeln, ein starkes Kinn, kräftiger Hals und breite Schultern. Das ging alles so weiter bis nach unten hin und ihr kam nur ein staunendes "ein Ritter" heraus, da so ihr Traum eines wahren Helden aussah.

"Äh, ja. Ich bin Gerrit. Gerrit Ritter. Neu in der EDV. Schon vergessen?", fragte er lachend. "Und außerdem habe ich mir eine Belohnung verdient." "Häh?" Sie machte bestimmt ein sehr intelligentes Gesicht, doch war sie zu sehr von diesem Körper und vor allem diesem Lächeln abgelenkt.

"Na. Du hast doch einen Finderlohn ausgeschrieben", erklärte er und hielt dabei ihren verlorenen Schuh hoch.
"Oh! DU hast ihn? Wie das denn?"
"Er lag heute Morgen an der Garderobe, ganz hinten, vermutlich lagen da einige Jacken drüber. Ich habe ihn dann gleich in die EDV gebracht, damit er nicht abhanden kommt. Aber wie konntest du den überhaupt verlieren?"
"Ich weiß nicht. Und warum habe ich deine Mütze bei mir zu Hause gefunden?"
"Na weil ich dich nach Hause gebracht habe, als du so niedlich voll vergeblich versuchtest deine Jacke anzuziehen; auf einem Bein hüpfend. Und bei dir habe ich meine Mütze dann wohl einfach vergessen. Du weißt es wirklich nicht mehr", stellte er enttäuscht fest.
"Hmmm… tut mir leid. Ich weiß, dass jemand mit mir war, aber weder wie ich nach Hause kam, noch was dann passierte." Sie schaute ihn auffordernd an.
"Keine Sorge", grinste er provozierend unverschämt. "Wir sind natürlich wild knutschend im Bett gelandet und hatten total heißen Sex." Sie wurde rot und er lachte.
"Mensch, keine Sorge. Du warst so weg, ich habe dich einfach nur zum Bett gebracht und bin dann gleich wieder gegangen. Es ist nichts passiert."

Er seufzte auf, als täte ihm der Umstand, dass wirklich nichts passiert war, ausgesprochen leid. Dann zuckte er mit den Schultern. "Ist ja auch egal. Wir haben beides wieder. Und ich warte noch immer auf meinen Finderlohn." Sie wurde rot, dann kam sie dichter und als sie ihm den versprochenen Kuss auf die Wange geben wollte, drehte der gemeine Hund den Kopf und ihre Lippen trafen sich. Für lange genussvolle Minuten.

 

Ende

(28.11.2013)