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du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Schneegestöber"

 

 


Welch herrlich frische Luft! Zwar frostig, aber klärt es doch den Kopf. Befreit mich von den Sorgen und dem Stress. Zudem ist es hier ruhig. Schon lange habe ich nicht mehr solch eine Stille um mich herum gehabt. Ja, sogar gespürt. Auch im Inneren. Ich hatte vergessen, wie wunderbar es ist. Die Einsamkeit machte mich blind für alles andere. Und jetzt stehe ich wieder hier. An dem gleichen Ort, den ich vor Jahren das letzte Mal besuchte. Um so erstaunter bin ich, dass ich nun hier bin. Frage mich nicht, warum ich heute diese Sehnsucht fühlte.

Es hat sich nichts verändert. Der weiße Schnee bedeckt genauso dick und dicht den Boden und die Äste der starken Bäume. Ich höre auch das leise Fallen der Flocken. Sie kitzeln im Gesicht, bevor sie auf meiner Haut schmelzen. Ich schaue den Flocken entgegen, in den Himmel hinein. In den klaren, von silbernen Sternen übersäten Himmel.

Wenn es schneit, verdecken Schneewolken den Himmel? Bist du dir sicher? Seit ich das erste Mal auf dieser Lichtung stand, sah, wie die Flocken scheinbar aus dem Nichts zu mir herab fielen, seit dem glaube ich an Wunder.

Ich atme tief ein. Lasse mich einfach in den Schnee fallen. Genieße die weiche Decke, die mich sanft auffängt. Zufrieden schließe ich die Augen, lausche auf die Geräusche des Waldes. Sie sind nicht furchteinflößend. Eher vertraut, obwohl ich so lange nicht hier war. Leichtes Ächzen der Bäume, die ab und zu leise lachend den Schnee von ihren Zweigen schütteln, um neuen Flocken Platz zu bieten. Oder ein Zapfen, der nicht länger am Ast hängen will. Ruhige Schritte eines neugierigen Rehs, das die Ohren spitzt und zu mir auf die Lichtung blickt.

Da höre ich es! Ganz leise. Und doch zerstört es die Harmonie mit einem Schlag. Ein Weinen oder Wimmern. Im Unterholz. Kurz knackt ein Ast. Das Reh zuckt mit den Ohren, stellt sie ganz gerade auf, blickt erschrocken in den tiefen, schwarzen Wald. Dann lässt es mich allein.

Zögernd gehe ich in den dichteren Wald hinein. Schon gleich höre ich erneut ein leises Wimmern, fast schon Winseln. Entdecke kleine Spuren im Schnee. Und dort! Da hinten, versteckt in einem hohlen Baumstamm, sehe ich ein blasses Leuchten.

Eilig kämpfe ich mich durch das Dickicht. Komme den traurigen Geräuschen näher, bis ich den Baumstamm endlich erreiche. Vorsichtig nehme ich wenige Äste beiseite, höre nun ein ängstliches Fauchen zwischen leisen Weinen. Und dann endlich sehe ich, was mich nun mit großen, nassen und traurigen Augen anblickt. Erschrocken zieht sich das Bündel aus klammen, Gold leuchtendem Fell, kleinen scharfen Krallen und spitzen weißen Zähnchen zurück. Drückt sich an die innere Rinde des Stammes, in das es geflüchtet ist.

Langsam strecke ich meine Hand aus, verharre, wenn die Krallen mir kleine Wunden reißen, und nähere mich weiter, wenn dieses Wesen eine Pause braucht, nur um es endlich sanft zu berühren, das seidige Fell leicht zu kämmen, bis es das furchtvolle Fauchen verklingen lässt. Trotzdem schaut es noch verängstigt zu mir auf, schnuppert leicht an meiner Hand, das Blut daran, dass es verursacht hat. Ich halte still, warte, was nun geschieht.

Eine kleine Zunge leckt plötzlich über meine Finger, stupst mit der kalten Nase daran. Der buschige Schwanz zuckt kurz nervös, dann schmiegt sich das goldfarbene Tierchen mit dem Köpfchen an meine Hand. Behutsam hole ich es aus seinem Versteck, hebe es sanft auf meine Arme. Sofort kuschelt es sich näher, kriecht regelrecht unter meine Jacke, um dort wohlig schnurrend seine Zufriedenheit zu bekunden. Das ich unheimlich kitzlig bin, scheint es nicht zu interessieren.

Auf der hellen Lichtung bleibe ich noch einmal stehen. Schaue auf das Wesen, das sich bei mir so wohl fühlt und bereits tief eingeschlafen ist. Die großen Ohren zucken leicht, wenn eine Schneeflocke daran haften bleibt, ansonsten spüre ich nur noch ein behagliches Schnurren...

Ende

(19.11.2003)