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du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Samtpfötchen - Teil 1"

 

 


 

Hauke konnte nicht behaupten, dass es ihm nichts ausmachen würde. Aber er konnte sagen, dass er sich daran gewöhnt und mit seinem Schicksal seinen Frieden geschlossen hatte. Ostern war für ihn nicht so ein wichtiges Fest und Sylvester war eine Feier, die er bisher immer mit vielen Freunden verbrachte.

Doch Weihnachten war nun mal DAS Familienfest und da waren auch seine Freunde alle bei ihren Lieben. Nur Hauke nicht. Er hatte keine Familie mehr und so verbrachte er Weihnachten seit einigen Jahren allein.

*

Hauke hatte sich nach seinem Realschulabschluss für eine Ausbildung als Tischler entschieden. Er hatte schon immer gerne mit Holz gearbeitet und liebte es, wie wandelbar es war. Seine Spezialität dabei war es, aus einem einzigen Stück ein ganzes Teil zu fertigen. Sollte er einen Stuhl bauen, sägte er sich keine Latten und Holme zurecht, um diese dann mit Schrauben, Winkel und Dübel zusammen zuschustern. Nein. Hauke nahm sich einen ganzen Baumstamm und arbeitete aus diesem einen Stück den Stuhl heraus. Dabei ging er auch gerne mit der Kettensäge ans Werkeln. So hatte er zwar Tischler gelernt und darin auch seinen Gesellenabschluss gemacht, doch eigentlich war er eher Bildhauer.

Auf seiner knapp 4-jährigen Walz erlebte Hauke viel. Er lernte, seinen eigenen Stil immer mehr zu verfeinern. Er lernte viele neue Menschen kennen, mit denen er heute noch Kontakt hatte. Er lernte, erfinderisch zu sein. Und er entdeckte, dass seine Liebe zu Holz ihm schon immer seinen Lebensweg gezeigt hat.

Das war es auch, was ihn über die schwere Zeit rettete. Eigentlich wollte er noch einige Zeit weiter auf Wanderschaft gehen, doch ein unerwarteter Anruf machte dies zunichte. Die Polizei war am Telefon. Es hatte einen alles zerstörenden Brand in seinem Elternhaus gegeben. Nichts war mehr übrig und mit einem Schlag hatte Hauke seine Mutter und seinen Vater, seine kleine Schwester und seine Oma verloren. Keiner hatte es mehr aus dem brennenden Haus geschafft. Als Hauke nur wenige Stunden nach dem Anruf vor Ort ankam, stand er im dämmrigen Morgengrauen vor einer rauchenden Ruine.

Hauke verlor sich. Nur noch bruchstückchenhaft kann er sich an die Wochen nach dieser Tragödie erinnern. Es gab viel zu tun, denn der Tod war nicht nur traurig, er war vor allem kompliziert und nervenaufreibend in einer Zeit, wo man doch eigentlich nur seine Ruhe wollte. Viel Papierkram musste bearbeitet und viele Entscheidungen getroffen werden und da war die Beerdigungsfeier noch das kleinste aller Herausforderungen.

Er kam wieder zu sich, als er auf der Terrasse eines kleinen Baumhauses stand und auf den See hinausblickte, der still den wunderbaren Sonnenuntergang spiegelte. Die Herbstblätter leuchteten in sämtlichen Rot- und Orangetönen. Auf dem kleinen Pachtgrundstück hatte sein Vater vor Jahren ein Baumhaus für die Familie gebaut, damit Hauke mit seiner Schwester da spielen konnten, und Hauke hatte daran mitgebaut, obwohl er noch selbst Kind war. Aber schon damals war er mit heller Begeisterung beim Bau dabei gewesen. Das war also der Ort, der ihn wieder zur Besinnung gebracht hatte. Es war erschreckend, dass er nicht mehr wusste, wie er hier her gekommen war oder was er die letzten Tage gemacht hatte.

Er suchte sich ein Stück Holz und begann mit Schnitzen. Er blieb die Nacht über im Baumhaus, das einzige, was er noch aus seiner Vergangenheit besaß. Er arbeitete an seinem Holz, ließ es sich von allein formen, und ließ gleichermaßen seine Gedanken und Gefühle fließen. Als er am nächsten Morgen aufwachte, wusste er, was er zukünftig tun wollte. Er griff sich das kleine Holzpferdchen mit wehender Mähne, das über Nacht entstanden war, und machte sich an die Arbeit…

*

Er baute das Baumhaus als vollwertiges kleines Wohnhaus aus, mit fließend Wasser und Strom, und baute gleich unten daneben eine offene Hütte, die seine Schnitzerwerkstatt werden sollte.

Der erste Kunde war der ortsansässige Tierarzt. Eigentlich war Hauke nur da, um eine kleine Tischlerarbeit bei Dr. Pannen zu erledigen. Doch im Gespräch kam man darauf, dass der Arzt schon immer einen großen geschnitzten Adler mit offenen Schwingen für seine Praxis suchte, aber nie einen Künstler fand, der in den Ausführungen seinen Vorstellungen entsprach. Hauke hatte gleich verschiedene Ideen, die er dem Arzt aufzeichnete. Der Doktor war von den ersten Entwürfen schon so begeistert, dass er Hauke sofort den Auftrag gab. Seitdem begrüßte der riesige Raubvogel jeden Patienten und deren Herrchen und nicht selten hatte Hauke von Dr. Pannen einen neuen Kunden zugeschickt bekommen.

Ein weiterer großer Kunde war der Zoo. Für jedes Gehege sollte am Eingang das entsprechende Tier in Originalgröße die Gäste begrüßen. Das war eine Menge Arbeit und Hauke hatte einen Dauerauftrag. Jeden Monat lieferte er ein Tier, oder wenn es kleinere Tiere waren, ein kleines Ensemble. Zusätzlich fertigte er in ruhigen Abendstunden kleine Figuren für den Souvenirshop des Zoos. Jedes Stück war ein Unikat und war nach echten Zoobewohnern geformt. Auch dadurch hatte er schon so manchen weiteren Auftrag eingeheimst. Ein kleines Extra mit der Zusammenarbeit des Zoos war die Dauereintrittskarte, die Hauke oft und gerne einsetzte, auch um sich Inspirationen zu Schnitzkompositionen zu holen.

Recht schnell hatte Hauke sich also einen Namen in der lokalen Umgebung gemacht und verdiente gut mit seiner Kunst. Er verdiente sogar so gut, dass er bald das Grundstück, auf dem das Baumhaus stand, vom Besitzer kaufen konnte.

Jetzt gehörten ihm ein großes Waldgebiet und der wunderschöne See und Hauke hatte Spaß daran, sein Grundstück ein wenig zu gestalten. Sein Baumhaus war nur über einen halb befestigten Waldweg zu erreichen, der von der kleinen Landstraße oben direkt abging. Er hatte einen lebensgroßen Grizzlybären gearbeitet und dort oben an der Einfahrt aufgestellt. Zwischen den Pranken war der Briefkasten versteckt und eine kleine Gartenlaterne ließ ihn nachts unheimlich echt wirken und man fand die Einfahrt. Hauke war sehr zufrieden. Das war doch mal eine echt großartige Visitenkarte. Besser konnte man sein Talent nun wirklich nicht vorstellen. Der Bär war also nun auch auf seinen gedruckten Visitenkarten zu finden.

Folgte man nun den Weg bis zu Haukes Häuschen, fand man hie und da kleinere Schnitzwerke, manchmal erst auf den zweiten Blick zu erkennen, da Hauke sie geschickt in Bäume integrierte. Vögel, Eichhörnchen, sogar kleine Käfer. Hauke hatte schon die ganze heimische Tierwelt durch. Aber es machte ihm Spaß.

So baute er sich sein Leben ohne Familie auf. Er fand aber nach seiner langen Zeit der Walz wieder zu seinen Freunden der Schulzeit zurück und knüpfte über Vernissagen neue Kontakte zur Künstlerwelt. Zu den meisten seiner Kunden hatte er ebenfalls ein sehr freundschaftliches Verhältnis und das kleine Dorf, zu dem er gehörte, war stolz auf seinen eigenen Holzkünstler. Er durfte das Ortseingangsschild neu gestalten und auf dem Dorfplatz einen weiteren großen Bären aufstellen.

Er hatte ein gutes Leben, ein gutes Einkommen. Nur keinen Partner. Das war das einzige, das ihn noch traurig stimmte, wenn er abends hinaus auf den See blickte und die Gedanken schweifen ließ.

Es war aber auch nicht leicht. Hauke war groß gewachsen und seine Arbeit hatte ihm die Muskelmasse gebracht, die er brauchte, um schwere Holzstammteile und die große Kettensäge sicher zu händeln. Er wusste auch, dass er manchmal eher einem Wilden mit ungehemmten Bartwuchs und ungekämmten Haaren ähnelte. Wenn er sich in ein Projekt verlor, vergaß er oft Raum und Zeit.

Außerdem war ein potentieller Partner auf seiner eigenen Uferseite zu suchen. Da hatte er sicherlich reichlich Auswahl in der Künstler-Welt. Doch wollte er keinen Mann, der länger im Bad brauchte als jede Frau und bei einer kleinen Spinne an der Wohnzimmerdecke das Kreischen anfing.

So verbrachte er also auch diese Weihnachten wieder allein in seinem Haus am See, der jetzt wunderbar zugefroren war, sodass man die Schlittschuhe herausholen konnte. Im Haus hatte er ein wenig geschmückt und der Bär draußen am Weg hatte einen roten Schal bekommen.

Er hatte überlegt, ob er heuer in die kleine Kirche im Dorf gehen sollte, doch hatte er wiedermal die Zeit vergessen. Der Gottesdienst hatte bereits begonnen und bis er da wäre, wäre schon alles vorbei. So machte er es sich mit einer feinen Mahlzeit und einem guten Whisky gemütlich und genoss die winterliche Ruhe.

Bis es kläglich maunzte. Hauke schrak hoch und wusste im ersten Moment gar nicht, was ihn aus seiner Versunkenheit gerissen hatte. Dann hörte er es noch einmal. Genau vor seiner Tür hörte er ein Tier jämmerlich schreien.

Er stellte sein Glas beiseite und mit wenigen Schritten war er an der Tür. Der Lichtschein vom Wohnraum fiel durch die offene Tür und beschien das Stückchen Terrasse davor. Er konnte nichts erkennen, bis es erneut maunzte und fast schwarze Augen ihn groß und flehend anblickten. Im Schatten, direkt neben der Tür, saß eine kleine gestreifte Katze. Sie bewegte sich nicht und flüchtete auch nicht, als Hauke näher kam und sich zu der Katze hinunterbeugte.

Im dämmrigen Licht erkannte er nicht viel, nur dass es noch eine junge Katze war. Etwas zu große Tatzen, große Augen, ganz weiches Fell. Und ein ungewöhnlich langer und buschiger Schwanz. Wie kam so eine junge Katze hier her? Wo war die Mutter? Automatisch streckte er die Hand nach der kleinen Katze aus und diese schnurrte leise, maunzte aber gleich wieder.
"Na, Kleines. Willst du vielleicht mit reinkommen?", fragte er das Tier.

Dann stutze er. Was war denn mit dem Fell? Er hatte über den Rücken gestreichelt und spürte an der Flanke verklebtes Haar. Als er die Hand zurückzog, erkannte er Blut.
"Oh je. Was hast du denn gemacht? Bist du gestürzt, kleiner Tiger?" Was sollte er denn jetzt machen? Zuallererst holte er ein kleines Handtuch, und nahm damit die Katze auf. Sie ließ es sich gefallen, maunzte nur. Sicher hatte sie Schmerzen.

Er brachte sie in sein Wohnzimmer und setzte sie nahe dem Ofen auf dem Sessel ab, wo es schön warm war. Dann zog er sich gleich seine festen Arbeitsstiefel an und holte Jacke und Schal. Er würde das Tier zum Tierarzt bringen. Dr. Pannen hatte seine Praxis an seinem Wohnhaus; bestimmt war er mit der Familie zuhause und konnte dem Tiger gleich helfen.

Er nahm das Kleine wieder auf, schob es noch vorsichtig unter seine weite warme Jacke und hielt es auch während der Fahrt auf seinem Schoß. An der Praxis angekommen, sah er im oberen Geschoss wirklich Licht brennen. Ihm war schon klar, dass keiner zu Heilig Abend gestört werden wollte, vor allem wenn die ganze Familie da war, aber die Gesundheit des Tieres ging vor. Er klingelte also gleich zweimal schnell hintereinander, um seine Dringlichkeit anzuzeigen und wartete dann ungeduldig.

Es ging auch bald Licht im unteren Flur an und die Tür wurde ruppig geöffnet.
"Nein, danke, wir wollen nichts und wir brauchen nichts. Hier, fröhliche Weihnachten. Auf Wiedersehen!", wurde Hauke angefaucht und ein Geldschein wurde in seine Hand gedrückt. Vor ihm stand ein junger Mann, der ihn griesgrämig unter braunen Fransen und einer leichten rahmenlosen Brille her anschaute und die Tür schon wieder zuwerfen wollte.
"Hey. Ich habe hier…", begann Hauke verdutzt. Wer war das denn? Und was war los?
"Gehen Sie. Mehr gibt es nicht", wurde er angemotzt und die Tür schloss sich. Doch nicht mit Hauke. Er schob einfach seinen Fuß zwischen Tür und Angel und hielt sie so auf. Immerhin, er hatte seine dicken Arbeitsschutzschuhe mit Stahlkappen an. Da konnte der kleine knurrige Kerl noch so die Tür mit Schwung zuwerfen wollen. Da zerbräche eher die Tür.

"Was soll das? Einbruch lohnt sich nicht. Und wenn Sie nicht gehen, rufe ich die Polizei."
"Mal ganz ruhig hier. Ich habe einen Notfall."
"Kommen Sie morgen wieder."
"Sag mal! Jetzt reicht es aber! Ich habe ein verletztes Tier dabei! Wo ist Dr. Pannen?", verlangte Hauke nun zu wissen. Was hatte der Kleine für ein Problem? Jetzt schob auch der kleine Tiger seinen Kopf aus Haukes Jacke und maunzte ganz laut.
"Oh. Ein Patient…", erkannte der andere jetzt lahm.
"Henning, was ist denn los?", ertönte da vom Gang her eine zweite Stimme. Da war Dr. Pannen. Endlich jemand mit Vernunft, dachte Hauke.
"Hallo, Georg. Darf ich reinkommen?"
"Ach Hauke, natürlich, komm rein. Und du bringst einen kleinen Patienten? Ja, Mensch, Henning, jetzt mach' dem Mann doch Platz. Du siehst doch, dass er eine verletzte Katze dabei hat. Sie ist doch verletzt, oder?"
"Ja, sie saß plötzlich vor meiner Tür und maunzte. Ich weiß nicht, was sie nun wirklich hat, aber da ist recht viel Blut an der Flanke", erklärte Hauke, während er dem Doktor in die Praxis folgte, der gleich überall die Lichter anmachte. Der junge Kerl folgte stumm, nachdem er die Tür verschlossen hatte.

Im Untersuchungsraum holte Hauke den kleinen Tiger endlich unter seiner Jacke hervor und setzte ihn vorsichtig auf den Untersuchungstisch, kraulte ihn liebevoll hinter den Ohren.
"Na was haben wir denn hier? Das ist aber ungewöhnlich", sprach der Doktor leise vor sich hin, während er der kleinen Katze einen Leckerbissen gab und sie streichelte, dabei schon den Körper abtastete.
"Was ist denn?", war Hauke gleich besorgt.
"Das ist eine Wildkatze. Sie sind sehr selten und vor allem sehr scheu. Es ist wirklich sehr ungewöhnlich, dass sie sich dir so freiwillig gezeigt hat und so zutraulich ist. Außerdem ist sie noch viel zu jung, um ohne ihre Mutter unterwegs zu sein. Sie hast du nicht irgendwie gesehen oder gehört?"
"Nein. Nur das Kleine hier. Saß oben auf der Terrasse direkt vor meiner Tür."

Als der Arzt zum Hinterbein strich, maunzte der kleine Tiger laut, blieb aber sitzen.
"Hmmm… Da ist mehr mit dem Beinchen. Wir machen eine Röntgenaufnahme, um zu sehen, ob das gebrochen ist, oder mehr. Henning, machst du alles bereit?", wendete er sich nun an den jungen Mann. Hauke hatte ihn schon wieder ganz vergessen, diesen unverschämten Kerl.
"Ach, Hauke. Nur wenn du das willst - weil also, na ja, die Rechnung", stotterte der Arzt verschämt.
"Klar. Mach alles was nötig ist. - Ich habe doch gerade, ähm … ". Hauke kramte in der Hosentasche nach dem Geldschein, der ihm grad so derb in die Hand gedrückt worden war. "… 5 Euro zu Weihnachten geschenkt bekommen", hielt er den zerknitterten Schein in der Hand. Diese Spitze konnte er sich an den kleinen Kerl nicht verkneifen. Der brummelte nur etwas und war dann nach nebenan in einem anderen Raum verschwunden. Licht flackerte dort auf und Hauke hörte, wie dort ein wenig hantiert wurde.

Georg blieb bei Hauke im Untersuchungszimmer und checkte die Katze einmal komplett durch, was ihm ohne große Geräte möglich war. Er hörte sie mit einem Stethoskop ab, prüfte die Temperatur, das Gebiss, die Ohren. Mit einem kleinen Kamm schaute er nach Flöhen. Der Tiger ließ ihn machen und schnupperte nur interessiert. Dann holte Georg eine Spritze hervor.

"Also, sie ist soweit völlig gesund. Das Blut kommt von einer Wunde am Hinterbein, aber es blutet schon nicht mehr. Wir schauen gleich, ob es wirklich noch genäht werden muss. Das Herz geht etwas schneller, aber das ist die Aufregung. Hältst du sie kurz fest? Ich gebe ihr schon mal etwas gegen die Schmerzen. - Und ich muss mich für meinen Neffen entschuldigen. Wir hatten gerade einen heftigen Disput. Gerade zu Weihnachten sollte man das eigentlich nicht haben. Aber er ist ein sehr fähiger Tierarzt. Er ist vor zwei Wochen hergezogen und wird in der Praxis mitarbeiten und sie später ganz übernehmen."

Aha. Es gab Familienstreit. Na gut. Aber deswegen musste man doch fremde Leute nicht gleich so mies behandeln. Hauke konnte sich nicht vorstellen, weswegen man gerade zu Weihnachten streiten musste, aber lenkte sich mit beruhigenden Streicheleinheiten für die tapfere kleine Katze ab. Ab und zu gab er auch ein Leckerli aus der Box weiter, die ihm Georg heimlich zugeschoben hatte. Bestechung funktionierte doch immer.

"Aber Hauke, du siehst aber auch wieder wie ein Yeti aus. Klar, dass Henning dich für einen Landstreicher hielt", lachte Georg. Da grummelte Hauke nur. Er wusste ja, dass er wieder die letzten Tage fast durchgearbeitet hatte. Manch einer würde ihn fragen, ob er nicht die besinnlichen Tage ruhiger angehen wollte, doch wenn Hauke eine Idee gepackt hatte, musste er sie sofort umsetzen. Und da war es egal, ob es Weihnachten war oder Ostern oder ein ganz normaler Wochentag.

"Ich habe dich nicht in der Kirche gesehen. Wieder in der Arbeit vertieft?", sprach Georg weiter. Auch wenn er sah, dass es Hauke gut ging, machte er sich Sorgen. Der junge Mann war ihm mit seiner zwar rauen aber doch ehrlichen Art ans Herz gewachsen. Und dessen persönliche Tragödie machte, dass sich Georg für ihn einfach nur eine liebevolle Familie wünschte.

Hauke erklärte Georg, dass ihn die Kreativität wieder gepackt hatte und er es wirklich ernsthaft vorhatte, heute in die Kirche zu gehen, doch… Er zuckte nur die Schultern. Georg kannte ihn und machte ihm auch keine Vorwürfe.
"Onkel, wir können", wurden sie von Henning unterbrochen, der geschäftig aus dem Nebenzimmer zurückkam. Er hatte sich sogar umgezogen und trug nun einen dunkelgrünen Kasack. Irgendwie wirkte er damit gleich viel professioneller und auch der grimmige Gesichtsausdruck war verschwunden. Da sah er doch gleich viel hübscher aus. Haukes Herz machte einen kleinen Hüpfer. Was war das denn?

Henning ignorierte ihn dagegen mit Leidenschaft und kümmerte sich nur um den kleinen Patienten. Dabei näherte er sich dem Tiger auf sehr sanfte Art, sprach leise mit ihm und nahm die kleine Katze dann mit sicherem Griff auf. "Wir gehen sie eben röntgen. Da auf meinem Tisch steht eine Büchse mit Weihnachtsplätzchen. Selbstgebacken von meiner Enkelin. Bediene dich", erklärte Georg noch, dann war Hauke allein.

Hauke blickte sich um und entschied sich erst einmal fürs Händewaschen. Ein kleiner Eckbereich war mit Waschbecken, Desinfektionsmittel und Papiertüchern gut ausgestattet. Danach spitzte er in die Keksbüchse. Es war eine Mischung buntester Weihnachtskekse und er nahm sich einige, während er wartete.

Bald kam Georg wieder zurück.
"Also, das Beinchen ist wirklich gebrochen. Henning wird es jetzt eingipsen und dann sollte sie möglichst viel Ruhe und Schlaf bekommen und nicht auf Bäumen herumklettern. Abgesehen davon ist es eine sehr tapfere Katze."
Georg ging auch zu seinem Schreibtisch und bediente sich ebenfalls an den Keksen.
"Die sind lecker, nicht? Meine Enkelin wird ganz sicher Konditoren oder Kuchenbäckerin. Das steht mal fest."
"Ja, sie schmecken sehr gut und sehen toll aus."
Sie knusperten sich noch ein wenig durch die Keksvielfalt und unterhielten sich. Georg brachte Hauke auf den neuesten Stand der Dorfgerüchte und informierte über anstehende Veranstaltungen.

Zwar hatte Hauke schon Interesse an den Neuigkeiten, doch langsam wurde er unruhig. Wo waren sein kleiner Tiger und das grimmige Kerlchen dazu? Er machte sich Sorgen. Doch die brauchte er nicht zu haben, denn da kam Henning mit dem Tiger zurück. Etwas schlapp hing die Katze auf Hennings Arm und ließ alles hängen, was man als kleine Katze nur so hängen lassen konnte. Die Ohren, die Schnurrhaare und den langen buschigen Schwanz.

Das Beinchen war in einem dicken weißen Gips und Henning hatte sehr modebewusst einen farbigen Zebrastrumpf über diesen Gips gezogen. Wie süß.
"Ich habe ihr nochmals ein Schmerzmittel gegeben. Deswegen ist sie jetzt etwas müde. Das Bein ist gut eingepackt und die Wunde habe ich auch mit drei kleinen Stichen ordentlich vernäht. Die Nähte lösen sich mit der Zeit von selbst. Leider musste ich die Stelle um die Wunde herum rasieren. Das sieht jetzt optisch nicht so hübsch aus, aber das wächst wieder nach."

Hauke streichelte die Katze an den Ohren und wurde mit einem kurzen "Mau" belohnt. Dann nahm er sie ganz aus Hennings Händen entgegen.
"Vielen Dank. Muss ich denn irgendetwas Bestimmtes noch beachten?", wollte er wissen, denn Tiere hatte er noch nie gehabt.
"Ich nehme an, du hast nichts für ein Tier bei dir?", vermutete Georg völlig richtig. "Ich gebe dir etwas Katzenfutter mit. Zum Schlafen hast du bestimmt noch eine gemütliche Decke oder Ähnliches, damit sie es schön warm hat. Ausreichend Wasser braucht sie vor allem. Ach, einen Transportkorb gebe ich dir mit. Den kannst du uns wieder geben, wenn sie wieder gesund ist."

Henning ging schon los und suchte die Sachen zusammen. Mit Transportkorb und Futter kam er wieder. Es waren ein paar Einzelportionen Nassfutter und etwas Trockenfutter und eine kleine Tüte mit Leckerlis. Als sie die Katze in den Transportkorb setzten wollten, wurde sie plötzlich wieder munterer und sträubte sich, maunzte herzzerreißend und krallte sich an Hauke fest.
"Na, komm. Dann wieder in die Jacke, hmmm?", fragte Hauke sie und als er sie in die warme Jacke packte, war sie damit ganz zufrieden. Da konnte sie die Augen zu machen und an Haukes warmen Körper ruhig schlafen. Er zog noch den Reißverschluss etwas zu, und schon konnte man sie gar nicht mehr sehen. Nur eine kleine Beule zeigte an, dass sie da saß.

Henning guckte sehr kritisch, aber als die Katze auch mit dem gebrochenen Bein und offensichtlich sehr zufrieden dort ruhig eingepackt war, sagte er nichts.
"Also dann nur das Katzenfutter", kommentierte Georg das leise lachend. "Dann könnt ihr zwei euch wieder nach draußen in die Kälte wagen. Komm Hauke, ich lasse dich wieder raus."
"Ja. Ich danke euch. Kann ich anrufen, wenn was ist?"
"Natürlich. Jederzeit. Pass nur auf, dass sie genug Wasser hat und das Beinchen nicht überanstrengt. Bettruhe ist angesagt. Wenn du merkst, dass sie unruhig wird, wird sie sicher mal hinter einen Busch wollen. "

Hauke nickte. Das sollte er wohl alles hinbekommen. Er folgte Georg zurück zum Eingang, wo dieser ihn hinaus ließ.
"Danke nochmals. Ich hoffe, ich habe die Familienfeier nicht zu derb gestört."
"Ach, was, Hauke. Um ehrlich zu sein, es war gerade recht. Die Stimmung war schon ziemlich aggressiv. So konnte Henning sich ein wenig ablenken und die Gemüter wieder beruhigen. Außerdem hattest du ja einen wirklichen Notfall. - Aber kommt ihr zwei nun wieder gut nach Hause und noch einen schönen restlichen Weihnachtsabend."
"Danke, Georg. Dir und deiner Familie auch einen schönen Abend." Hauke winkte noch einmal, dann zog er von dannen.

*

Zurück im Baumhaus, hatte Hauke seinen Tiger wieder auf den Sessel gesetzt, wo es schön warm war und hatte eine kleine Schüssel mit Wasser gefüllt und sie dem Tiger unter die Nase gehalten. Erst etwas zögerlich, dann mit doch mehr Elan hatte die kleine Katze etwas getrunken, sich dann aber bald eingerollt und die Augen geschlossen.

"Gute Idee", fand Hauke und machte sich selbst auch bettfertig. Nachdenklich blickte er auf die Katze am Ofen. Dann nahm er sie auf und nahm sie zu sich mit ins Bett in der zweiten Etage. Wenn sie unruhig wurde oder Schmerzen hatte, würde er das so am ehesten mitbekommen. Außerdem mochte er das kleine warme flauschige Bündel bei sich. So schliefen sie beide sehr gut und sehr lang.

*

Am nächsten Morgen wurde Hauke von einem stetig lauter werdenden Miauen geweckt. Er gähnte und blickte in das Gesicht einer kleinen Katze, die ihn meckernd anmaunzte.
"Hey… na du? Willst du raus? Na komm…" Er nahm sie auf und latschte in Schlapfen hinaus in den Schnee und setzte die Katze an einem Busch vorsichtig ab. Während der kleine Tiger sich im Gestrüpp verlustierte, reckte und streckte sich Hauke und gähnte nochmal ausgiebig, kratzte sich den Bauch. Der Tag heute war herrlich. Kalt aber klar. Die Sonne schien und versprach einen perfekten Wintertag.

Nachdem er den Tiger wieder eingesammelt hatte, machte er sich beiden Frühstück. Während er seinen Tee schlürfte, piepte das Handy. Ah! Nachricht von seinen Freunden. Sie wünschten ihm einen schönen ersten Weihnachtsfeiertag und fragten, ob sie auf ein Bier vorbeikommen konnten. Hauke lachte. Die Frage war nur rein rhetorisch. Seit Jahren besuchten ihn seine vier besten Freund zum ersten oder zweiten Feiertag, so wie es gerade bei allen passte. Hauke wurde da gar nicht weiter gefragt. Die Bande hatte schon längst beschlossen, ihn heute zu besuchen. Die Nachricht war nur die Warnung, dass sie alle nachher zusammen hier auftreffen würden.

Hauke kannte Philipp, Dennis und Michael schon seit der Grundschule. Nur Thomas nicht. Thomas war eigentlich der Elektriker gewesen, der sein Baumhaus verkabelt hatte, doch irgendwie hatte er sofort mit in die Gruppe gepasst. Denn Hauke konnte es damals nicht verhindern, dass seine Freunde ihm beim Bau halfen. Und so hatte man Thomas beim Feierabendbier schlicht integriert und er war der Runde erhalten geblieben.

Wie spät war es eigentlich? Später Vormittag. Sie hatten ganz schön lange geschlafen. Kein Wunder das Tiger mal raus gemusst hatte und Hauke selbst so einen Hunger hatte. Dafür fühlte er sich aber gut ausgeruht

Bis seine Kumpels hier auftauchten hatte er noch Zeit. Er zog sich vernünftig an, zog auch die warme Jacke an und hielt Tiger den noch offenen vorderen Teil hin. Wenn er wollte, konnte er da hineinhüpfen und mit rauskommen oder auch im Warmen vor dem Ofen ein Nickerchen machen.

Die kleine Katze schnupperte kurz, dann kletterte sie tatsächlich in seine Jacke. Sie arrangierte sich, bis das verletzte Beinchen locker hing, sie aber oben gemütlich hinausschauen konnte. Hauke kraulte sie noch einmal ordentlich hinter den Ohren, dann machte er sich auf den Weg.

Es war ein guter Tag, für einen Inspektion. Er nahm sich zwei kleine Futterbeutel mit, die er gut tragen konnte und machte einen Rundgang um den See und somit durch sein Grundstück, um zu checken, ob alles in Ordnung war. Vielleicht hatte er auch Glück und entdeckte Tigers Familie…

 

 

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Teil 2