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du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Noël 1 - Teil 5"

 

 


Sie waren dann doch endlich noch in den Schnee gekommen. Celine hakte sich den hübschen Etienne einfach unter und freute sich an seiner außerordentlich attraktiven Gesellschaft. Wenige Meter hinter ihnen führte Maxime seinen Kater im Arm, der sich zwar mit Schokolade aus der Steinschale zum Spaziergang überreden lassen konnte, aber von Maxime wollte er sich nicht trennen. Und dann war es genauso, wie Mathéo es sich all die Tage erträumt hatte. Die Sonne schien, wärmte sie und brachte den Schnee zum Glitzern. Die Luft war frisch und klar.

Sie liefen an den Weiden vorbei, bei denen Mathéo die Rinder und Schafe weit hinten zeigte, über die kleine Brücke und kamen recht bald in den Wald. Sie brauchten kaum eine halbe Stunde, um den See zu erreichen. Die Gemeinde hatte hier einen richtig tollen Platz gestaltet:

Um den See herum waren mehrere Bänke aufgestellt, um sich im Sommer dort sonnen zu können.

Auf den See selbst ging ein breiter Steg mit vier kleinen Anlegestellen. Wenn kein Winter war, gab es hier kleine Boote, um gemütlich über das Wasser zu schippern. Ansonsten durfte man hier nach belieben baden, auch im Winter, wer sich traute.

Etwas Abseits am Waldrand stand eine kleine Hütte mit Herzchen in der Tür. Daneben war der Biokompost aufgestellt, sowie ein kleiner überdachter Verschlag, der Feuerholz innen liegen hatte.

Daneben war eine kleine Fläche von Bäumen befreit, auf denen die Pferde und der Schlitten standen. Dumas und Balzac waren ausgespannt und kauten zufrieden und leise schnaubend auf Heu und Möhren herum und hatten einen Wassereimer neben sich. Warme Decken waren über ihre dampfenden Rücken gelegt.

Dann gab es einen fest gemauerten Grill. Die Holzkohle glühte, der Rost war reich belegt mit Würstchen, Steaks und sogar ein wenig Gemüse. Herr über das Brutzelimperium war Mathéos Vater. Nathan stand dort und wirkte sehr professionell. Neben ihm hielt sich Pierre auf und wartete darauf, dass er einen neuen vollen Teller Grillgut zu der restlichen Familie tragen konnte.

Diese saßen zusammen im überdachten Pavillon nebenan. Auf den Holzbänken waren Decken und Sitzkissen verteilt. So konnte man gemütlich in großer Runde sitzen. In der Mitte war der runde Tisch ausgeschnitten und eine feuerfeste Stelle gemauert. Da drinnen knisterte Feuerholz, verbreitete wohlige Wärme und darüber hing an einer Kette ein Kessel, in dem es verdächtig nach Fruchtpunch duftete.

Victor kündigte sie an, da er freudig bellend auf den Platz lief, sich zuerst nicht entscheiden konnte, und dann doch zuerst zum Grill hin sprang, um sich von Nathan kraulen zu lassen und tatsächlich Wurst abbekam, als Belohnung für seine hervorragende Leistung die Nachzügler sicher hergebracht zu haben. Dann trollte er sich zu den Pferden, stupste sie mit der Nase an den Nüstern an und bediente sich am Wassereimer, um sich anschließend ein wenig durch Wald und Schneewiese zu schnüffeln. Irgendwann später lag er oben auf dem Schlitten, wo er eine Decke unbewacht gefunden hatte und den ganzen Picknickplatz gut im Blick hatte.

Als sie vier die Lichtung betraten, freute sich Mathéo und gleichzeitig war er sehr nervös. Wie würden alle auf seinen Liebsten reagieren? Wie darauf, dass er gleich noch einen unehelichen Sohn mitbrachte? Trotzdem konnte er ein stolzes Lächeln nicht ganz verbergen.

Die Kinder kamen ihnen entgegen gerannt und begrüßten sie alle. Louis und Solène freuten sich, ihre Mutter wieder wohlauf zu sehen und Jean-Luc hatte sich bereits auf Etienne gestürzt. Der arme Junge wurde genauestens ausgefragt und er musste den dreien Rede und Antwort stehen. Überraschend geduldig ließ Etienne sich darauf ein. Er kniete sich zu ihnen herunter und stellte sich zuerst einmal vor und fragte nach den Namen der drei. Dann begann er die wichtigsten Fragen zu beantworten. Wo er herkäme, was er hier machen würde und ob er Geschenke dabei hatte. Dabei führten sie ihn zum Pavillon hin, um ihn mit Fruchtpunsch und Salat zu versorgen. Celine folgte ihnen, um Etienne auch den Erwachsenen vernünftig vorstellen zu können. So erfuhren alle, wie alt er war, dass er seinen Vater Maxime zu Weihnachten besuchen würde und dass er ebenfalls in einem kleinen Ort auf dem Land aufgewachsen war und Vic ihn sehr mochte. Damit hatte er fast alle für sich eingenommen, und als er auch noch so lieb lächelte, waren auch die Großeltern ganz für ihn.

Mathéo war überrascht, als er das sah, wurde aber von Maxime zum Grill gelenkt. Mit weiten Schritten ging dieser auf Mathéos Vater zu und Mathéo wusste nicht so recht, wie er sich benehmen sollte. Er blickte zu seinem Bruder hin und sah in dessen Augen Misstrauen und Abneigung. Es tat Mathéo weh, dass Pierre ihn nicht einfach so akzeptieren konnte, wie er war. Doch vorerst wurde er von der Art der Begrüßung abgelenkt. Maxime reichte Nathan die Hand hin, stellte sich mit den Worten „Nathan, ich bin Maxime. Ich danke dir, dass ich herkommen durfte“ vor und wurde von Nathan dann einfach kurz umarmt, auf die Schulter geklopft und gefragt ob er nicht auch einen Rotwein mochte oder lieber nur kindertauglichen Fruchtpunch.

Mathéo hatte das Gefühl, irgendetwas verpasst zu haben. Nathan und Maxime gingen nicht so um, als würden sie sich eben zum ersten Mal sehen. Im Gegenteil wirkten sie, als würden sie sich schon gut kennen und doch war sich Mathéo sicher, dass die beiden sich noch nie begegnet waren. Pierre guckte genauso irritiert. Doch er kam gar nicht dazu zu fragen. Er bekam von Nathan ein Brötchen mit Grillsteak in die Hand gedrückt und die kurzen Worte „Schön, dass ihr da seid. Es ist von allem noch da. Kartoffelsalat steht am Tisch.“

So biss Mathéo erst einmal in sein Brötchen, weil er wirklich schrecklichen Hunger hatte, und beschaute sich das Schauspiel, wie Maxime ganz locker von Nathan ein Weinglas entgegen nahm und dann endlich Pierre begrüßte. Mathéos Bruder war sonst eher sprachgewandt und nicht leicht einzuschüchtern, doch als der Anwalt aus Paris ihm auf seine seriöse, sichere Art die Hand schüttelte, sich und Etienne drüben am Tisch noch einmal kurz vorstellte, wusste er nichts drauf zu antworten. Er brauchte ein paar Momente, dann stichelte er doch.
„Ach, Ihr Sohn?!“ Was soviel hieß wie „Ich wusste es. Echte Männerliebe gibt es nicht.“
„Nenne mich Maxime, Pierre. Schließlich bin ich nicht bei der Arbeit. Und ja. Etienne ist mein Sohn. Damals war es nur ein Ausrutscher und gleichzeitig hat es mir deutlich gemacht, dass ich – nun, sagen wir, ich habe erkannt, wo meine Präferenzen wirklich liegen. Heute bin ich mir sicher, möchte aber meinen Sohn nicht mehr missen. Ich liebe ihn sehr. Genauso wie Matou“, wurde er dann leiser und schob einen Arm um Mathéos Hüfte, drückte ihn an sich.

Mathéo konnte ihn nur verliebt anlächeln, da er ja an seinem Steakbrötchen mupfelte. Sein Geliebter lachte nur etwas, sprach dann gleich zu Pierre weiter, als dieser irgendetwas Unverständliches vor sich hingrummelte.
„Ich habe lange Zeit gebraucht, den richtigen Mann zu finden. Dann habe ich Mathéo kennen gelernt und möchte ihn nicht mehr hergeben. Er ist meine passende zweite Hälfte. Genauso wie du sicherlich Celine als deine zweite Hälfte gefunden hast. Sie ist eine wunderbare Frau und ihr habt auch zwei sehr tolle Kinder.“

Es war erstaunlich, wie Maxime mit ein paar einfachen Worten seinen Gegenüber zurechtwies, ihm aber gleichzeitig ein Kompliment machen konnte, sodass Pierre sich gar nicht erst angegriffen fühlen konnte. Und Mathéo war von dieser völlig unerwarteten Liebeserklärung sprachlos. Vor allem vor einem verstummten Pierre. Er senkte das Brötchen und schaute mit Tränen in den Augen seinen Geliebten an. „Maxime“, hauchte er leise, dann bekam er einen sanften Kuss auf die Wange.
„So, wie ich es fühle, mon Matou“, sagte Maxime leise. Dabei merkten sie gar nicht, wie sich Pierre, mit vollem Grillteller, entfernte, zum Häuschen hinüber schlenderte und fast wie nebenbei Celine begrüßte. Er fragte sie, ob es ihr besser gehen würde und mit einem zärtlichen Kuss schien auch der letzte Streit vom vergangenen Abend vergessen zu sein.

***

Das restliche Mittagessen verlief sehr angenehm. Maxime leistete Nathan am Grill Gesellschaft, nachdem er sich am Tisch noch einmal persönlich vorgestellt hatte. Es gab keine abwertenden oder negativen Kommentare. Im Gegenteil wurde Maxime für seinen tollen Sohn gelobt, und als er völlig unerwartet eine kleine Schachtel mit den besten Pralinen Paris‘ aus dem Mantel hervorzauberte und den Damen am Tisch in aller Förmlichkeit anbot, gehörten Maxime und Etienne ganz zur Familie. Mathéo war sich mit einem Male sehr sicher, dass Nathan zuvor mit der Familie gesprochen hatte. Wahrscheinlich hatte er alle darum gebeten, Maxime erst einmal kennenzulernen, bevor sie weiter über ihn oder ihre Beziehung urteilten. Nur eines verstand Mathéo noch nicht: woher zum Teufel wusste sein Vater, dass Maxime überhaupt herkommen würde?

Er bedrängte Maxime mit dieser Frage vorerst nicht. Er genoss dafür reichlich Fruchtpunch, für Erwachsene mit Wein, und fühlte sich zwischen seiner Oma und seinem Onkel Olivier sehr zufrieden und willkommen. Seit Etiennes Ankunft schien er die erste Position bei den Kindern verloren zu haben und genoss gemeiner weise diese Ruhe. Dafür wurde er von der Familie über Paris zur Adventszeit ausgefragt und er erzählte gerne, schwärmte fast ein wenig und scheute sich auch nicht, jeden einzuladen, der gerne mal die Hauptstadt weihnachtlich geschmückt sehen wollte.

Als irgendwann der Grill wie auch das kleine Feuer im Häuschen heruntergebrannt waren, war es Zeit zum Aufbruch. Alle packten mit an. Nathan spannte Balzac und Dumas wieder an und verstaute gekonnt alles im Schlitten, was ihm von der Familie hingestellt wurde. Alle fanden sie natürlich keinen Platz im Schlitten, doch bestanden die Frauen darauf, möglichst schnell zurück zukommen. Immerhin war es bereits zeitiger Nachmittag und das Festmahl zum heiligen Abend musste vorbereitet werden. So fuhr diesmal also Olivier den Schlitten zurück, nahm auch den Opa aus der Stadt noch mit, während die Kinder, Etienne und die Männer zu Fuß den Winterwald genossen. Victor konnte sich nicht entscheiden und flitzte zwischen den Pferden und den Wanderern ständig hin und her.

„Deine Familie ist sehr groß“, sagte Maxime dann irgendwann, als sie schon einige Minuten gelaufen waren.
„Ja. Die Delacroix vermehren sich reichlich“, lachte Mathéo und blickte sich um. Neben Nathan, Etienne und Maxime waren jetzt noch sein Großvater, Olivers Schwiegersohn und Pierre bei ihnen. Ihre Kinder spielten vorne mit Vic und bewarfen sich mit Schnee. Im Schlitten dagegen waren außer seinem Opa aus der kleinen Stadt, seiner Oma und seiner eigenen Mutter, noch seine Tante und Cousine dabei. Und Celine.

„Doch ich mag mein Leben in Paris. Bei dir, Maxime.“ Dann fiel ihm wieder etwas ein. „Übrigens, Maxime“, klang er jetzt sehr fordernd, was auch sein Anwalt merkte. Gespannt wurde er angeschaut.
„Wie kommt es eigentlich, dass du hier bist?“
„Ich habe dich vermisst“, antwortete Maxime sehr ernst.
„Hmmm, ja. Aber warum bist du hier?“, fragte er noch einmal.
„Na ja. Ich hatte so ein Gefühl, dass ich herkommen sollte“, redete sich Maxime heraus.
„Maxime!“, rief Mathéo. Da war doch irgendetwas!

„Also gut“, seufzte Maxime, da er merkte, dass Mathéo keine Ruhe geben würde.
„Ich hatte versucht dich am Abend noch anzurufen, doch dein Telefon war ausgeschaltet. Am nächsten morgen war ich bei dir zu Hause, doch du warst da schon längst fort. Ich hatte keine Zeit mehr, da ich ja noch den Termin hatte und bin zurück ins Büro. Als ich dort dann endlich fertig war, informierte mich meine Sekretärin, dass eine Dame am Empfang auf mich warten würde. Es klang sehr dringend. Es stellte sich heraus, dass sie die beste Freundin meines Geliebten war, die ich bisher noch nicht kennengelernt hatte. Also, Mathéo, ich muss schon sagen, du kennst wirklich sehr energische hübsche Frauen.“

„Aurélie war bei dir?!“, rief Mathéo ungläubig.
„Ja, Aurélie. Sie machte mir gleich eine Menge Vorwürfe, bis ich ihr endlich die Situation erklären konnte. Nicht zuletzt half auch Etienne dabei, der gerade kam, um mich abzuholen. Wir wollten noch einmal kurz gemeinsam in die Stadt. Als sie die Situation begriff, erhielt ich den Befehl, zu dir zu fahren. Sie hatte es dann sehr eilig; sie musste wohl noch etwas einkaufen.“

Mathéo atmete tief durch. Aurélie war so etwas zuzutrauen. Er würde ihr noch danken. Gleichzeitig musste er lachen. Hatte sie also noch am letzten Tag Geschenke kaufen müssen.
„Und dann bist du hergefahren“, ergänzte er Maximes Erzählung.
„Nein“, wiedersprach er. „Ich war mir nicht sicher. Ich dachte, die Feiertage solltest du dich bei deiner Familie erholen, beruhigen. Ich hatte… ja, ich hatte Angst. Etienne sagte auch: ‚Fahre hin, rede mit ihm. Er hat das sicher alles falsch verstanden.‘ Doch ich war mir nicht sicher. Einerseits: was wäre mit Etienne? Wir haben uns so gefreut, Weihnachten gemeinsam verbringen zu können. So hätte er zu Elena zurückfahren müssen. Das wollte ich nicht. Andererseits wusste ich nicht: hast du es einfach falsch verstanden oder wusstest du, dass Etienne mein Sohn ist und hattest deswegen so reagiert? Und das hat mir Angst gemacht. Wenn du meinen Sohn nicht magst, dann wäre unsere Beziehung nicht möglich.“

Dieser Gedanke erschreckte nicht nur Maxime. Auch Mathéo war von dieser Annahme entsetzt.
„Maxime, niemals! Ich mag Kinder. Und Etienne ist so lieb, den kann man nur gern haben!“
„Ja. Das habe ich dann auch erfahren. Es war Nachmittag. Da erhielt ich einen Anruf. Ein Mann war dran und stellte sich als Nathan vor. Ich wusste erst gar nicht, was er von mir wollte, da er erklärte, sein Sohn wäre allein bei ihnen angekommen. Was denn passiert wäre und dass das so nicht sein könne. Er hätte dich noch nie so traurig gesehen. Da begriff ich erst, dass das dein Vater war! Er machte sich so viele Sorgen und auch ihm erklärte ich, was denn nun eigentlich geschehen war. Er hörte erst nur still zu, dann sagte er einfach, dass er mich mit Etienne zusammen am nächsten Morgen hier erwarten würde. Und legte auf.“

„Was, Vater?“ Automatisch blickte sich Mathéo nach Nathan um und entdeckte ihn bei den Kindern weiter vorn. Er wurde gerade von den drei Kleinen und Etienne in einer Schneeballschlacht geschlagen. Sein Papa. Wenn er ihn nicht hätte. Sein Leben wäre so ganz anders verlaufen.
„Ja. Dein Vater. Es war also ein weiterer Befehl und auch Etienne stimmte diesem Plan zu. So blieb mir ja gar nichts anderes übrig, als herzukommen. Und sie hatten Recht. Es war gut so“, sagte er leise und hielt Mathéo etwas zurück um ihn küssen zu können.

Ja, das fand Mathéo auch. Es war aber nicht nur gut, es war wunderbar. Besonders wunderbar romantisch an diesem 24. Dezember in einem herrlich verschneiten Wald mit seiner Liebe spazieren zu gehen. Und zu wissen, dass seine Familie ihn und Maxime akzeptierten. Außer Pierre. Doch da wollte er jetzt nicht weiter drüber nachdenken, als sie wieder ein wenig voranschritten, um Nathan vielleicht noch helfen zu können, bevor er von der Kinderbande im Schnee vergraben wurde.

 


Teil 4

Teil 6