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du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Noël 1 - Teil 4"

 

 


„Salut, Mathéo“, hörte er die vertraute Stimme. Doch Mathéo konnte sich noch immer nicht bewegen. Da stand Maxime in der Tür! So plötzlich! Erst als sich Vic freudig an ihm vorbeidrängelte, um den neuen Besucher zu begrüßen, nahm er seine Umgebung wieder wahr. Hinter ihm tauchte dann auch Celine auf.
„Wer ist es denn, Mat?“, fragte sie, dann hörte er ein überraschtes ‚Oh‘ von ihr. Er blickte ihr hilfesuchend entgegen, doch statt ihm zu helfen, schritt sie auf Maxime zu und streckte ihm die Hand entgegen.
„Schön, dass Sie gekommen sind. So kann ich Sie auch einmal kennenlernen. Möchten Sie nicht hereinkommen? Einen warmen Tee trinken?“ Maxime begrüßte Celine auf seine unnachahmlich galante Art, schlug jedoch die Einladung vorerst aus.
„Ich würde sehr gerne hereinkommen, doch möchte ich mich zuvor erklären und hoffe, dass Mathéo mir diesmal Gelegenheit gibt, zuzuhören. Wenigstens eine Minute.“

Maximes berühmte Anwalts-Minute. Mathéo kannte mittlerweile dessen Vorgehensweise. Wenn er mit seinen Mandanten oder auch der Gegenpartei nicht mehr weiterkam, schlug er eine Stunde Pause vor, dann bat er um eine Minute Zuhören. Nichts weiter. Man musste nicht antworten oder sich rechtfertigen oder sonstiges. Nur zuhören. Seine Strategie ging bisher immer auf. Dass Maxime ihm gegenüber taktisches Anwaltskalkül anwenden wollte, zeigte ihm, wie unsicher dieser sonst so selbstbewusste Mann war. Und wie wichtig ihm das hier alles sein musste.

Er nickte. Celine zog sich in die Küche zurück, während sich Maxime erleichtert bedankte und dann mit Erzählen begann.
„Als ich ganz frisch ausgelernt hatte, wurde ich mit einem älteren Kollegen zu einem Fall in die Bretagne geschickt. Nahe Brest in ein sehr kleines Dorf. Wir blieben einige Tage dort und waren in dem einzigen kleinen Hotel im Ort untergebracht. Der Fall war nicht schwierig, nur mit unheimlich viel Papierkram belastet. Abends aßen wir natürlich in dem Hotel unten. Elena, die Kellnerin war eine sehr aufgeweckte und robuste junge Frau in meinem Alter. Schon damals war ich mir sehr sicher, dass ich ausschließlich Männer mochte. Doch diese Frau näherte sich mir mit ihrer guten Laune und ihrem frischem Charakter auf so natürliche und normale Weise, dass ich sie eher wie einen meiner Kumpel sah, statt einer Frau, die mehr von mir wollte. Grundsätzlich sind mir Frauen kein Gräuel, ich habe keine Probleme mit ihnen. Sie sind nur einfach als Lebenspartner nicht für mich gemacht. Wir redeten viel miteinander. Über alles Mögliche konnten wir quatschen. An einem nebeligen Morgen zeigte sie mir den kleinen Ort und die nähere Umgebung, ihre Lieblingsplätze. Sie war eine Naturliebhaberin und konnte sich nicht vorstellen in einer größeren Stadt, geschweige denn gar in Paris zu leben. Ihre einfache, fröhliche Art war toll, etwas ganz neues, dass ich so noch nicht erlebt hatte. An unserem letzten Abend plünderte sie das Weinlager des Restaurants. Am nächsten Tag mussten wir abreisen. Es war traurig, da wir keine Zeit hatten, uns näher kennenzulernen. Wir wussten beide, dass wir uns nie wieder sehen werden. Umso mehr Wein tranken wir, bis spät in die Nacht. Als ich am nächsten Morgen erwachte, fand ich sie neben mir ihm Bett. Wir wussten beide nicht, wie es dazu gekommen war und hatten auch an dem Erlebnis an sich keine wirkliche Erinnerung. Sie lachte auf ihre echte schöne Art, dass die blauen Augen nur so leuchteten und lud mich zu Café au Lait und Croissant ein. Wir bereuten nichts, außer uns trennen zu müssen. In nächster Zeit, wenn ich auf Arbeit ein wenig gute Laune brauchte, dachte ich an Elena und ihr Lachen. Und dann, einige Monate später, rief sie mich an…“ Maxime machte eine Pause und blickte Mathéo in die Augen.

Dieser hatte die Geschichte angehört, doch verstand er einfach nicht, was Maxime ihm sagen wollte. Ja, er hatte mit einer Frau geschlafen, das war doch aber kein Verbrechen. Er lag doch auch schon mit Aurélie im Bett. Da er sah, dass Maxime auf eine Antwort wartete, flüsterte er schließlich.
„Ich weiß nicht, was du mir sagen willst, Maxime…“ Da griff Maxime ihn fest an den Schultern und schüttelte ihn gar etwas.
„Mathéo, verstehe doch endlich. Etienne, il est mon fils(1)!“, rief er laut.

Mathéo war zuerst erschrocken, da er so plötzlich gepackt wurde, dann versuchte er die Worte nicht nur zu hören, sondern auch zu kapieren. Und begriff!!! Etienne! Maximes Sohn! Kein neuer Lover! Die erste Erleichterung über diese Einsicht wandelte sich jedoch sofort. Mit seinem Verdacht, Maxime hätte ihn betrogen, hatte er Maxime und auch Etienne beschämt und ihnen Unglaubliches vorgeworfen. Maxime wollte ihm etwas Wichtiges in seinem Leben vorstellen und er hatte ihn, seine Gefühle und vor allem sein Vertrauen verletzt. Tränen stiegen ihm in die Augen, als er sein ganzes Verhalten erkannte.
„Es tut mir so leid“, schluchzte er auf. Gleich darauf zog Maxime ihn fest in die Arme, wuselte ihm zärtlich durch die Haare.
„Alles ist gut. Wenn du nur bei mir bleiben willst“, flüsterte Maxime. Mathéo konnte aufgrund seiner vielen Tränen nur nicken. Wie konnte Maxime so etwas nur fragen? Natürlich wollte er bei ihm bleiben. Dann endlich löste er sich etwas, schluckte die letzten Tränen herunter und fragte im Gegenzug.
„Willst du mich denn noch bei dir haben?“ Maxime lachte weich.
„Natürlich, mon petit matou(2)“, sprach er leise seinen Kosenamen. „Außer du möchtest nicht, dass Etienne bald bei uns wohnen wird.“

Mathéos Augen wurden immer größer. Maxime fragte ihn gerade, ob sie zusammenziehen wollten! Seine Freude überwältigte ihn dermaßen, dass er mit einem kleinen Hüpfer seinem Freund die Arme um den Hals warf und sich festklammerte. Maxime nutzte den Schwung und drehte sie beide lachend im Kreis. Als er Mathéo wieder absetzte, stand dieser im Schnee und fühlte die nasse Kälte in seinen einfachen Hausschlappen. Aber das war völlig egal. Er schaute hinauf in die stürmischen Augen seines Geliebten und konnte nicht glauben, dass er je an ihm gezweifelt hatte.
„Wie geht es denn Etienne? Habe ich ihn sehr verletzt?“, fragte er dann.
„Hmmm… frage ihn doch selbst. Zumindest euer Hund hat ihn schon als Freund willkommen geheißen“, antwortete Maxime und deutete auf den Hof und zu seinem schicken wintertauglichen Mercedes GL hin. Dort versuchte gerade Vic Schneebälle zu fangen, die Etienne für ihn warf. Offensichtlich hatten beide viel Spaß zusammen.

„Oh. Ihr habt den armen Jungen einfach im Auto warten lassen? Kommt doch endlich rein. Der Tee und auch Kaffee sind fertig…“ Celine war gleich ganz Mutter und machte sich Sorgen um den Jungen. Sie lockte mit einem kurzen Pfiff Vic zu sich und Etienne folgte ganz automatisch dem Hund. Mathéo sah ihn jetzt noch einmal genauer an. Aber wie schon zuvor erkannte er, dass er eine ausgesprochene Schönheit war. Und so ganz anders als Maxime. Etienne hatte wundervoll honigblonde Haare und strahlend blaue Augen. Er war sehr schlank, was der lange Wollmantel noch betonte, und wirkte schüchtern, als er auf seinen Vater zu trat und nicht wusste, ob er Mathéo anschauen konnte oder nicht. Maxime schlang einen Arm um Etienne und drückte ihn aufmunternd an sich.
„Etienne, ich möchte dir Mathéo vorstellen“, sagte Maxime schlicht, ohne auf Mathéos peinliches Verhalten Tage zuvor einzugehen. Auch Etienne schien beschlossen zu haben, das letzte Treffen zu vergessen und reichte seine Hand, sagte leise „Salut“. Mathéo war das ganze zu kühl. Entschlossen zog er den überraschten Jungen in seine Arme und drückte ihn fest.
„Salut, Etienne“, antwortete er dann und lächelte ihn offen an.

Wenige Minuten später saßen sie endlich alle in der gemütlichen Küche. Mathéo hatte einen großen Becher Früchtetee vor sich und auch wieder trockene Socken an. Celine und Maxime tranken Kaffee. Für Etienne hatte sich Celine es sich nicht nehmen lassen, und hatte nach begeistertem Nicken einen frischen Kakao mit Zimt gemacht. Sie war eben eine tolle Gastgeberin und hatte ein Herz für alle.

Während sie sich wieder aufwärmten, fragte Celine ihre beiden neuen Gäste aus. So erfuhren sie, dass Etienne bald sein Baccalauréat(3) machen würde. Sein großer Traum war es, anschließend nach Paris zu ziehen, um dann dort Kunst und Kunstgeschichte zu studieren. Als Etienne bei diesen Worten seufzend in seinen Kakao blickte, fragte Mathéo verwirrt nach, warum er so traurig wäre.
„Elena will nicht, dass unser Sohn in Paris lebt“, antwortete Maxime. „Ich habe mit ihr schon viel darüber gesprochen, doch sie gibt nicht nach. Und da sie nun mal die Erziehungsberechtigte ist und Etienne erst 17, hat sie das Recht auf ihrer Seite.“ Celine fragte genau das Richtige.
„Und wie kommt es, dass er dann gerade zu Weihnachten jetzt hier ist?“
„Er ist desertiert!“, lachte Maxime und strahlte in die Runde. Sichtlich war er sehr stolz auf seinen flüchtigen Sohn.
„Er stand den Abend, bevor wir zu dir ins Matou kamen, plötzlich vor meiner Tür. Natürlich freute ich mich riesig ihn zu sehen und wollte ihn dir vorstellen. Und nachdem ich seine Mutter angerufen hatte und versicherte, dass er heil und gesund bei mir angekommen war, stimmte sie endlich zu. Elena merkte wohl endlich, wie ernst es Etienne selbst war und dass es nicht darum ging, dass ich ihr den Sohn wegnehmen will. Er darf die Feiertage bei uns bleiben und nach der Schule auch zum Studieren nach Paris ziehen. Außerdem wird er ja auch bald 18 und ich glaube, spätestens dann wäre er hergekommen. Aber so kann er direkt nach der Schule mit dem Studium beginnen.“

Mathéo bewunderte den Mut des Jungen. Manchmal hatte er früher auch daran gedacht, einfach zu verschwinden, wenn ihm alles zu viel wurde. Doch er hatte seinen Vater bei sich gehabt. Nathan war immer für ihn dagewesen, hat ihn aber gleichfalls nicht zurück gehalten, als er seine Entscheidung bekannt gab, nach Paris zu ziehen. Nathan war ein toller Vater und jetzt fiel ihm auf, dass Maxime für Etienne ebenfalls so ein toller Vater war. Und für Mathéo der perfekte Partner. Diese Erkenntnis führte dazu, dass er sich einfach zu Maxime hinüber beugte und ihn zärtlich küsste.
„Danke, dass du bei mir bist“, flüsterte er ihm zu. Maxime war nur kurz überrascht, dann aber zog er Mathéo einfach zu sich auf die Bank und küsste ihn zurück.

Irgendwann lehnte Mathéo zufrieden seufzend an Maximes Schulter und genoss das träge Streicheln auf seinem Rücken. Es waren nur zwei Tage gewesen, die sie getrennt waren, und doch hatte er ihn so sehr vermisst.
„Matou, wo sind die beiden anderen?“, fragte ihn da Maxime und Mathéo schaute sich mit einem „Hmmm?“ in der Küche um. Sie waren allein. Und weder er noch Maxime hatten es gemerkt. Er lächelte seinen Geliebten achselzuckend an, gab ihm noch einmal einen kurzen Kuss und noch einen und noch einen… und seufzte erneut. Dann stand er entschlossen auf. „Lass uns sie suchen gehen… Sie werden uns schon nicht allein gelassen haben.“

Im Flur hörten sie auch schon Etiennes und Celines Stimme aus dem oberen Wohnbereich. Sie schlichen sich recht albern nach oben und linsten heimlich um die Ecke am Treppenabsatz. Sie entdeckten die beiden in dem kleinen Zimmer hinten am Ende vom Flur, auf der Seite, wo auch Mathéo sein Zimmer hatte. Eigentlich war es früher nur ein kleiner Abstellraum gewesen, jetzt standen ein Einzelbett und ein niedriger Schrank darin. Für mehr war in dem Zimmer unterm Schrägdach kein Platz und es wurde auch nur in Notfällen verwendet, so wie jetzt. Etienne hätte sicherlich auch auf dem Sofa bei Maxime und Mathéo nächtigen können, doch war wohl allen bewusst, dass sie zwei ihren eigenen Raum haben wollten. Neben der Zimmeraufteilung hatten die beiden auch schon Etiennes und Maximes Taschen aus dem Auto geholt, die noch ein wenig unentschieden im Flur herumstanden. Vic war dabei, diese ausgiebig zu beschnuppern, als er sie zwei bei der Treppe bemerkte. Mit einem freudigen kurzen Bellen deckte er ihr Anschleichen auf. Und obwohl völlig unabsichtlich, verstummten Etienne und Celine plötzlich, als hätten sie tatsächlich heimlich getuschelt. Dann kicherten sie.

Maxime gab Mathéo einen kleinen Kuss auf die Wange und schmiegte dann sein Gesicht gegen seinen Hals.
„Merci(4), Matou“, flüsterte er und erzählte leise, dass Etienne immer etwas schwierig war bei Fremden, sehr scheu und zurückhaltend. Dass er sich so schnell hier wohlfühlte, war für ihn allein schon ein tolles Weihnachtsgeschenk. Mathéo w underte sich darüber sehr, hatten sie doch die restliche Familie noch gar nicht kennengelernt. Doch Maxime war sich da sehr sicher und machte sich gar keine weiteren Gedanken.

Dann fragte er nach, wo denn eigentlich alle anderen steckten. Schließlich hatte Mathéo erzählt, dass wirklich seine ganze Familie zu den Feiertagen da sein würde. Und bisher war nur Celine hier und Mathéo und der Verräterhund, der sich schon wieder einschmeichelte und den Bauch kraulen ließ. Oh – und da aus einem Zimmer kam meckernd eine schwarze Katze. Sie wirkte, als hätte man sie gerade geweckt.
„Wer bist du denn? Na? Willst du auch gekrault werden? Hey, du bist ja ein Kater – und ganz in schwarz. Hmmm… le matou noir?“ Mathéo lachte und erklärte, dass dieser schwarze Kater mit Edgar Allan Poe nichts zu tun hatte, eher mit klassischer Science-Fiction-Literatur.
„Ah, Jules Vernes also“, rief Maxime sofort. Sein schnelles und vor allem logisch denkendes Gehirn, hat ihn sofort den richtigen Namen erraten lassen. Manchmal ärgerte sich Mathéo darüber, da er oft kleine Heimlichkeiten und Überraschungen nicht lange geheim halten konnte. Andererseits kam Maximes kühle Vernunft gut gegen manchen Gefühlswirbel von Mathéo an und wo anderer Männer schon längst die Flucht ergriffen hätten, ließ ihn Maxime einige Zeit seine Ruhe, bis er für normale Worte wieder zugänglich war.

Sie wurden in ihrer trauten Zweisamkeit auf der Treppe gestört, als Celine sie aufforderte, sich für einen Spaziergang in den Wald und durch den Schnee zurecht zu machen. Sie wollten schauen, ob die Familie noch am See war und sie dort das Mittagessen mitmachen konnten. So holte sich Etienne seine kleine Tasche ins Zimmer und begann passende Sachen heraus zu suchen, während Mathéo Maxime sein Zimmer zeigte. Der lachte nur, als er das Chaos sah. Das kannte er schon und hatte für sich schnell entschieden, dass es ihm nichts ausmachte, auch wenn sie zusammen ziehen werden. Er war dafür umso ordentlicher und sah es als entspannende Abwechslung zur Arbeit, wenn er in der Wohnung etwas aufräumen konnte.

Er schob einfach ein paar Klamotten weg, so dass er wenigstens eine Seite vom Bett frei hatte und suchte sich einen wärmeren Pullover heraus. Dabei sehr darauf bedacht, die kundigen Hände seines Katers abzuwehren, der irgendwie zum Kuscheln aufgelegt war und so gar keine Lust auf Schnee und Wintermärchenwald hatte.

„Matou, heute Nacht. So lang und so viel du willst“, versprach er Mathéo mit ein paar Küssen auf Nase, Wangen und endlich den Mund. Doch er selbst konnte sich auch nicht lösen, bis es an der Tür laut klopfte und Etienne sie zum Kommen aufforderte. Dann kindisch über die unbeabsichtigte Zweideutigkeit lachte. Maxime verdrehte die Augen. Etienne war eben doch erst siebzehn. Irgendwo noch ganz Teenager und dann doch schon ein junger Erwachsener…

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1 - Etienne, il est mon fils! = Etienne, er ist mein Sohn!
2 - Mon petit matou. = Mein kleiner Kater.
3 - Baccalauréat = Abiturprüfung
4 - Merci. = Danke

 


Teil 3

Teil 5