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du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Noël 1 - Teil 2"

 

 


Mathéo beschloss nach einem ungewöhnlich deftigen Frühstück, das jedoch den letzten Alkohol aus dem Körper vertrieb, bereits noch vor dem Mittag abzureisen. Ursprünglich war geplant, dass er und Maxime erst am Abend mit dem Auto zu Mathéos Familie aufs Land fahren wollten, da dieser noch einen wichtigen Termin am Mittag hatte. Doch nun, da Maxime augenscheinlich andere Feiertagspläne hatte, suchte sich Mathéo eine sehr frühe Zugverbindung heraus und schickte seinem Vater eine SMS mit der Bitte um Abholung am Bahnhof.

Aurélie wollte Mathéo erst am Zug verabschieden und so fuhren sie in einer zur frühen Stunde wenig besetzten Métro bis zum Gare de l’Est(1), wo er in einen Regionalzug wechselte. Kurz bevor er in den Zug stieg, überreichte er ihr ein kleines Weihnachtspäckchen. Mit einem kleinen Kuss verabschiedeten sie sich.

***

Mathéo war mit dem Zug sehr gut durch den Schnee durchgekommen, hatte auch alle seine Geschenke dabei und wurde von seinem Onkel Olivier und dessen 5jährigen Enkel kurz nach Mittag am Bahnhof abgeholt. Sie begrüßten sich herzlich und Mathéo freute sich, wieder bei seiner Familie sein zu können. Auf der Fahrt vom Bahnhof zu dem kleinen Gutshof seiner Großeltern plauderte der kleine Jean-Luc über alles, was ihm in den Sinn kam. Besonders hatten ihm es die zwei Friesenmischlinge Balzac(2) und Dumas(3) angetan, die ganzjährig mit den anderen Tieren draußen auf der Weide standen.

Auf dem alten aber gut gepflegten Landgut, wurde Mathéo mit einem wahren Begrüßungsmarathon von allen Anwesenden in Empfang genommen. Taktvoll umging jeder die Frage, was denn nun mit Maxime sei, und als er alle innig umarmt hatte führte ihn seine Oma in die Küche ab. Es gab noch etwas vom deftigen Pot-au-feu(4), genau das Richtige bei der Kälte. Während er aß und dabei die schwarze Katze Jules Verne(5) auf der Bank neben sich kraulte, kam seine Schwägerin herein. Celine war Aurélie ungewöhnlich ähnlich, auch wenn beide behaupteten sich nicht zu kennen oder gar verwandt zu sein. Unangenehm direkt kam sie zum Punkt.
„Mathéo, wir freuen uns alle, dass du da bist. Doch du wolltest doch noch jemanden mitbringen. Er heißt Maxime Au… wie war der restliche Name?“
„Auteuil“, nuschelte Mathéo unhöflich mit vollem Mund. Er wollte nicht darüber sprechen.
„Ja, genau, Maxime Auteuil. Dein Staranwalt! Mat, ich hatte mich so gefreut ihn kennenlernen zu können. Und nun? Was ist passiert?“

Mathéo grummelte vor sich hin. Die Familie wusste schon, warum sie gerade Celine vorgeschickt hatte. Er konnte ihrer offenen, neugierigen aber lieben Art nichts abschlagen. Er bat sich aus, seinen Eintopf noch aufessen zu dürfen und bekam von Oma, die sich in der eigentlich aufgeräumten Küche ungewöhnlich strebsam im Hintergrund hielt, sogar noch ein Stück Clafoutis aux cerises(6) hingestellt, von dem sich Celine jedoch den ersten Happen wegklaute und genussvoll die Augen verdrehte. Dann lauschte sie seiner Erzählung. Im Grunde wiederholte er nur das, was er bereits Aurélie erzählt hatte und hängte seinen Abend auf dem Weihnachtsmarkt mit an, der dann zu seiner Entscheidung führte, bereits jetzt hier zu sein. Sie schaute Mathéo eine Weile schweigsam an, dann sagte sie nur „… es ist schön, dass du da bist, Mat. Die Kinder freuen sich so sehr auf dich. Sie wollen mit dir zu den Pferden und durch den Wald spazieren.“ Damit gab sie ihm einen flüchtigen Kuss auf die Wange und ließ ihn mit Oma, Jules Verne und einer Tasse Kaffee allein.

***

Das Wohnhaus war sehr lang. Innen wurde es durch Flur und Treppenaufgang halbiert. Unten hatte man so links die große Küche und rechts den großen Wohnraum mit langer Esstafel und Kamin. In der oberen Etage waren früher linker Hand die Kinderzimmer, wenn man nach Rechts abbog, fanden sich die Schlafzimmer der Eltern und Großeltern. Heute waren die ehemaligen Zimmer von Mathéo und seinem Bruder umgebaut. Die Eltern hatten mehrere kleinere Gästezimmer eingerichtet, die sie im Sommer sogar an Touristen vermieteten und rechts die privaten Wohnräume durch den Ausbau des Spitzdaches fast in kleine Lofts verwandelt. Es war schön geworden, und trotz raffinierter Raumaufteilung war die Gestaltung selbst rustikal und einfach. Die Fenster der Gästeschlafräume gingen alle nach hinten hinaus und man konnte den hinteren Hof sehen, sowie die Wiesen und dahinter den Wald. Für ihn war ein Zimmer mit breitem Bett gedacht, da Maxime fest eingeplant war. Nun aber konnte sich Mathéo vollständig ausbreiten und obwohl er nur zwei Taschen und einen Rucksack dabei hatte, sah es im Raum gleich darauf aus, als wolle er hier mehrere Wochen verbringen. Die Geschenke versteckte er im Kleiderschrank.

Nachdem er sich selbst noch etwas frisch gemacht und etwas verträumt aus dem Fenster geschaut hatte, ging er wieder nach unten. Im großen Wohnraum in der heimeligen Kaminecke fand er fast alle vor. Das heißt, alle männlichen Familienmitglieder und die Kinder. Laute, aufgeregte aber fröhliche Stimmen hörte man aus der Küche. Die Frauen bereiteten also schon das heutige

Abendessen, sowie das große Weihnachtsessen für morgen vor. Männer hatten da nichts zu suchen. Er fand noch einen freien Platz auf dem Sofa neben seinem Bruder Pierre und mit wenigen Worten war er über die aktuellen Pläne informiert. Man überlegte, auch wieder auf den Gutshof zurück zu ziehen. Platz wäre ausreichend da, den Kindern gefällt es auch sehr gut. Ihre Eltern und Großeltern konnten mehr Hilfe immer gebrauchen. Man würde dafür wahrscheinlich die alte Scheune mit dem Heulager darüber ausbauen, die seit einiger Zeit leer stand. Mathéo verstand die Entscheidung seines älteren Bruders sehr gut und sprach sich für dessen Vorhaben positiv aus, doch als Pierre ihn weiterhin auffordernd anblickte, verstummte er. Er hatte begriffen. Die Familie wünschte sich, dass auch er mit aufs Land zog. Doch er fühlte sich in Paris wohl. Dort hatte er seine Freunde, eine Arbeit, die er liebte und – leider bis vor kurzem – auch einen Mann, den er liebte.

Um von der ungemütlichen Situation abzulenken stand er auf und fragte in die Runde: „Celine meinte, Balzac und Dumas wollen noch einmal besucht werden. Wer will mitkommen?“ Sofort hörte er lautes Gejubel und wenige Sekunden später hingen an seinen Beinen Jean-Luc, sowie Louis und Solène, die beiden Kinder von Pierre und Celine, 6 und 4 Jahre alt. Sie zogen sich in der Diele winterfeste Stiefel und dicke Jacken an. Und weil es schon wieder schneite, hatte jeder eine bunte warme Strickmütze auf. So konnte Mathéo sie auch im weißen Schnee immer gut sehen.

Draußen kam auch noch Victor Hugo(7) zu ihnen, der Border Collie. Er wuschelte dem noch jungen Hund einmal kräftig durchs Fell, dann scheuchte er ihn schon Richtung Hinterhof, wo sie direkt auf die Wiesen kamen… Die Kinder tollten fröhlich hinterher.
„Mathéo, attendez(8)!“, rief ihm eine Stimme nach. Ebenfalls in warme Kleidung verpackt, kam sein Vater zu ihm.
„Ich gehe mit. Eine Runde Bewegung schadet nicht.“ Mathéo blickte ihm forschend ins Gesicht. Nur der Bewegung wegen kam sein Vater gewiss nicht mit, die hatte er auf einem Gutshof genug, doch er freute sich, ihn dabei zu haben. Nathan war schon immer ein schweigsamer Mann gewesen, der nur dann etwas sagte, wenn ihm wirklich ernsthaft etwas auf dem Herzen lag. Oder wenn ein kleiner Mathéo weinend seinen Schutz gesucht hatte…

Erst als sie die letzten Gebäude des Bauernhofes hinter sich gelassen hatten, begann Nathan zu sprechen.
„Wir freuen uns wirklich alle, dass du gekommen bist, Mathéo. Besonders deine Großeltern machten sich Sorgen.“
„Warum Sorgen?“ Das war etwas ganz neues für Mathéo; ging es ihm doch gut. Er verdiente vernünftig Geld mit ehrlicher Arbeit, trieb sich nicht in irgendwelchen einschlägigen Gegenden herum und hatte vernünftige Freunde, die die Familie zum Teil kannte, wie zum Beispiel Aurélie. Und mit Maxime hatte er sogar einen Partner, der weit mehr war, als nur ein einfacher Angestellter irgendeiner Firma. Der Name Maxime Auteuil war weit über Paris hinaus bekannt und seine Anwaltskanzlei „Auteuil-Associés: cabinet d'avocats(9)“ war in ganz Frankreich als eine der besten angesehen. Dass seine Liebelei mit diesem Mann so ausgehen musste, kurz vor Weihnachten, hatte nun nichts mit seinem Lebensstil zu tun.
„Sie haben Angst, dass deine Art zu lieben dich unglücklich macht“, antwortet Nathan ohne Umwege.
„Quoi(10)!?“, erschrak sich Mathéo laut, fast hysterisch. Sollte das alles wieder von vorne beginnen? Hatte er nicht schon vor Jahren seinen ganzen Mut zusammen genommen und über Tage und endlose Diskussionen und Erklärungen hinweg allen deutlich gemacht, dass er schwul war? Wollten sie jetzt alle wieder zweifeln? Oder ihn gar hier auf dem Lande vor anderen Männern wegsperren, immer unter Kontrolle und Aufsicht haben? Er wollte doch nur so leben, wie er sich wohlfühlte. Und in Paris fühlte er sich wohl. Mit oder ohne Maxime. Was war jetzt verkehrt an seinem Leben? Was war an ihm verkehrt?

Mathéo war sich gar nicht bewusst, dass er stehen geblieben war. Er starrte mit tränenblinden Augen auf die weiße Wiese vor sich, sah weiter vorne bunte Punkte im Schnee tanzen, und versuchte zu verstehen, warum seine kleine Welt so plötzlich zusammenbrach. Maxime ließ ihn fallen, wie ein altes Kleidungsstück, weil er ein hübscheres gefunden hatte; seine Familie wollte ihn einsperren, wie einen Kriminellen.

Erst eine ganze Weile später merkte er, dass er sich in die Umarmung seines Vaters klammerte und dieser mit ihm sprach. Es dauerte noch einige Momente bis er auch wirklich begriff, was Nathan da zu ihm sagte. Zuerst waren es nur die übliche Phrasen, die ihn aber trotzdem beruhigten. Ja, es würde alles gut werden. Wenn sein Vater das sagte, glaubte er es auch. Dann erzählte Nathan, wie sich seine Großeltern, seine Mutter und auch sein Bruder Gedanken über seine Partnerschaft machten. Es hatte nichts mit Maxime selbst zu tun, aber damit, dass sie nicht glauben konnten, dass ein Mann tatsächlich einem anderen Mann auf Dauer treu sein kann. Vor allem nicht ein Mann mit so viel Reichtum und Einfluss. Wie würde das in der Öffentlichkeit aussehen? Warum sonst hätte er sich einen einfachen Garçon(11) eines kleinen Cafés ausgesucht, und nicht einen Mann aus seinen eigenen Kreisen? Und leider hatte sich ihre Meinung nun bestätigt.

Mathéo lauschte einfach still den Worten Nathans und wischte sich letzte Tränen aus den Augen. Dann war es eine ganze Weile still, bevor er leise gestand, dass dies alles Gedanken waren, die er oft genug selbst im Kopfe hin- und hergeschoben hatte. Er hatte sie sogar Anfang der Adventszeit Maxime gestellt. Dieser war tatsächlich so verblüfft gewesen, dass er zuerst keine Worte fand, was bei ihm sonst nie geschah. Dann hatte er ihm seine Liebe erneut geschworen und gemeint, dass er sich auch gerne der Familie vorstelle, damit er ihm Glauben schenken würde. Und nun?

„Tu l'aimes vraiment, pas(12)?“, fragte Nathan ihn nur und schaute ihn ernst aber mit einem ehrlichen Lächeln an.
„Oui(13)“, flüsterte Mathéo nur mit tiefem Seufzen.
„Dann ist ja gut“, sagte Nathan leichthin und bevor Mathéo nachfragen konnte, was sein Vater damit meinte, kam Jean-Luc auf ihn zu gerannt, um ihn ungeduldig zu der Weide zu ziehen.

Mathéos Familie besaß einige Hektar Land. Früher wurden die Felder noch bebaut und im Gutshof wurden in den Ställen Rinder und Schafe gehalten, sowie recht viele Schweine. Es war eine sehr große Bauernwirtschaft und wie früher üblich mit vielen Arbeitskräften, die hier ihr Geld verdienten. Doch schon Nathans Eltern begannen dies zu ändern und Nathan tat sein Übriges dazu. Heute hatten sie nur noch schottische Hochlandrinder, die ganzjährig auf der Weide standen. Dazu ein paar Schafe, die ein Nachbar ihnen verkauft hatte, da ihm die Arbeit zu viel wurde. Die weiten Wiesen boten den Tieren mehr als reichlich Auslauf, sowie genügend Futter, sodass Nathan nur noch im Winter zu fütterte.

Zudem machte ihm ein kleines Bächlein, dass praktischerweise durch fast alle Weidengrundstücke floss, die Arbeit des Tränkens einfach. Im Winter schaute er nur immer nach, ob der Bach nicht ganz zugefroren war.

Mathéo musste sich also zum Holzzaun entführen lassen, dann lockte er mit lautem Pfeifen die Pferde heran, die man weit hinten stehen sah, zwischen den kleineren braunen Rindern und den noch kleineren, im Schnee kaum erkennbaren Schafen. Alle hoben sie die Köpfe, doch war der gemischten Herde schnell klar, dass bestimmt nur die Pferde gerufen wurden. So schoben die Rinder ihre Köpfe wieder in die kleinen Schneekuhlen, die sie gegraben hatten um an die Wiese zu kommen. Die Schafe blökten vereinzelt, suchten sich aber auch wieder ihr Gras. Die Pferde aber kamen in gemütlichen Trab zu den Kindern herüber. Nathan war so weise und hatte sogar einige Leckerlis(14) dabei, mit denen er die zwar riesigen aber gutmütigen Tiere noch näher locken konnte. Mit Schnauben begrüßten sie alle und ließen sich geduldig von den Kindern streicheln.

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1 - Gare de l’Est = Ostbahnhof, einer der 5 größten Bahnhöfe in Paris. Hier kommen Regionalzüge, ICEs, ECs, TGVs … an und auch die Métro kreuzt diesen Knotenpunkt

2 - Honoré de Balzac = 1799-1850, franz. Schriftsteller, bekannt vor allem durch das Werk „Die menschliche Komödie“ (in Anspielung auf Dantes „Göttliche Komödie“)

3 - Alexandre Dumas (der Ältere) = 1802-1870, franz. Schriftsteller, bekannt vor allem durch „Die drei Musketiere“ und „Der Graf von Monte Christo“

4 - Pot-au-feu = „Topf auf dem Feuer“ = klassischer Eintopf der ländlichen Küche Nordfrankreichs, bestehend aus Rindfleisch und Gemüse,

5 - Jules Verne = 1828-1905; franz. Schriftsteller, vor allem bekannt durch: „Die Reise zum Mittelpunkt der Erde“, „In 80 Tagen um die Welt“ und „20‘000 Meilen unter dem Meer“. Seine bekannteste Figur ist Captain Nemo und sein Schiff Nautilus; er gilt als Mit-Begründer der „Sience-Fiction“-Literatur. Heute ist Jules Verne aufgrund seiner vielfältigen Ideen zu mechanischen Geräten Vorbild für die Steam-Punk-Bewegung…

6 - Clafoutis aux cerises = französische Nachspeise, etwas zwischen Auflauf und Kuchen, traditionell mit Kirschen

7 - Victor Hugo = 1802-1885, franz. Schriftsteller, in Deutschland vor allem bekannt als Autor von „Der Glöckner von Notre Dame“ und „Les Misérables“

8 - Attendez! = Warte!
9 - Auteuil-Associés: cabinet d'avocats = Auteuil-Vereinigung: Anwaltskanzlei
10 - Quoi?! = Was?!
11 - Garçon = Kellner
12 - Tu l'aimes vraiment, pas? = Du liebst ihn wirklich, nicht?
13 - Oui = Ja.
14 - Möhren-Apfel-Leckerli = selbstgebacken mit Haferflocken, Möhren, Honig und Apfel

 


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