zurück zur Bibliothek

 

 

du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Noël 1 - Teil 1"

 

 


Mathéo war fix und fertig. In dem kleinen Pausenraum, der ihnen zur Verfügung stand, zerrte er mit ein wenig Gewalt die schwarze Kellnerschürze mit der stilisierten weißen Katze von sich, knüllte sie zusammen und warf sie wütend in die Ecke. Dann ließ er sich auf einen wackligen Hocker fallen, schlug die Hände vors Gesicht und ließ nun doch die Tränen laufen.

Er liebte seine Arbeit im Le Matou Noir(2), doch heute hätte er eigentlich gerne alles hingeschmissen. Aber dazu war er zu pflichtbewusst und liebte das kleine Café auf der Champs-Élysées zu sehr, als einfach die Gäste rauszuschmeißen und abzuschließen, nur weil es ihm nicht so gut ging. So hatte er seine Schicht also durchgezogen.

Und er liebte die Adventszeit. Er mochte das besinnliche geschäftige Treiben in der Stadt. Die wunderschöne Beleuchtung umher. Den allgegenwärtigen Duft von allerlei Leckereien wie heiße Mandeln, Glühwein, Zimt- und Vanillekeksen. Er mochte den Schnee, wenn er denn mal da war. Er liebte es, seine kleine Wohnung zu schmücken und mit Freunden selber Kekse zu backen, um diese wiederum als Geschenke für die Familie hübsch zu verpacken.

Er liebte auch das etwas robuste traditionelle Weihnachtsfest bei seinen Eltern und Großeltern auf dem Land. Da war alles etwas einfacher, nicht zu überladen und nachdem Mathéo dann schon ab Mitte November über sämtliche Weihnachtsmärkte Paris‘ gestromert war, ein perfekter ruhiger Ausklang des Jahres.

Und er liebte es, seine Familie und Freunde zu beschenken. Daran hatte er so viel Spaß, dass er bereits im Sommer schon mit kleinen Basteleien begann. Denn er verschenkte nie nur etwas Gekauftes. So hatte er sich ein wenig Nähen und Stricken selbst beigebracht, da er schnell herausgefunden hatte, dass gerade die Frauen, besonders seine Mutter, Mützen mit passenden Handschuhen mochten. Weil sein Vater so gerne Tierfiguren sammelte hatte er sich ein wenig mit Holz- und Sandsteinschnitzerei befasst, die er auch als Geschenke zwischen den Jahren nutzen konnte. Seine Oma liebte Blumenaquarelle. Sein einer Opa mochte urbane Bilderstrecken, sodass Mathéo möglichst immer seine kleine Kamera dabei hatte und jedes Jahr ein Fotobuch oder Jahresfotokalender drucken konnte. Sein anderer Opa liebte Krimis à la Sherlock Holmes. Mathéo hatte bereits sieben kleine Krimis für ihn geschrieben, und sein Opa war hellauf begeistert. Für seine Nichten und Neffen hatte er dieses Jahr kleine Kuscheltiere genäht. Für jeden das Lieblingstier.

Seine beste Freundin Aurélie sagte einmal zu ihm, dass er doch der perfekte Sohn vom Weihnachtsmann wäre und ihn sicher im Krankheitsfall ohne Probleme vertreten könne. Sie lachten gemeinsam über diesen kindischen Gedanken und Mathéo plante, seiner lieben Freundin auch dieses Jahr wieder ein Paar warmer gekringelter bunter Socken zu schenken. Sie freute sich ehrlich darüber, denn sie hatte ständig kalte Füße, auch im Sommer, und wünschte sich stets neue Bett- und Sofasocken.

Aurélie! Sie brauchte er jetzt. Sie war die einzige, die ihn verstehen und mit ihrer fröhlichen aber bestimmten Art beruhigen konnte. Er zog sein Smartphone hervor und musste es einige Augenblicke klingeln lassen, bis sie endlich ranging.

„Mathéo! Salut! Schön, dass du anrufst! Ça va(3)?“ Sie klang voller Elan. Er schniefte etwas und murmelte den Gruß zurück.
„Was ist passiert?“, rief sie sofort alarmiert.
„Ich… ich..“ und wieder brach Mathéo in Tränen aus.
„Oh, Mathéo. Sag nicht, Maxime hat…“ Sie ließ den Satz unbeendet und seufzte hörbar, dann folgte der Plan.
„Bist du noch im Matou? Ja? Ich hole dich ab, dann gehen wir Glühwein trinken. Den, den du so sehr magst. Und dann erzählst du mir alles in Ruhe, ja?! Ich bin in einer knappen halben Stunde da. Mach dich noch einmal hübsch, mon cher(4). Bis gleich.“

Sie legte auf, ohne auf seine Zustimmung zu warten. Er starrte noch einen Moment überrumpelt auf das Telefon. Aurélie hatte Recht, er musste sich beruhigen und für die Welt draußen vorzeigbar machen. Er brauchte ein wenig Zeit, um die letzten Tränen zu trocknen und sich soweit wieder herzurichten, dass die verweinten und verquollenen Augen nicht mehr so stark auffielen…

***

Bereits mit einem zweiten Becher Heidelbeerglühwein mit extra Doppelschuss nur für ihn, gingen sie Arm in Arm den langgezogenen Weihnachtsmarkt auf der Champs-Élysées entlang. Aurélie sah chic aus, wie immer. Mit hohen Stiefeln und Rock, beides in schwarz, einem intensivroten Wintermantel mit schwarzen Schal und eine zum Mantel passender roter Baskenmütze. Ihre dunkelbraunen Locken fielen um ihre Schultern und rahmten das schöne aber energische Gesicht ein. Sie war eine Frau, die genau wusste, was und vor allem wen sie wollte.

Und sie wollte damals Mathéo! Mit allen Mitteln. Und als er sie später fragte warum, zuckte sie nur mit den Schultern und sagte: „ – na weil du einfach wunderschön bist mit deinen wuscheligen Haaren und deinen tollen braunen Augen. Dich will jeder haben. Und so scheu, dass man dich irgendwann einfach übergeht. Es tut mir leid.“ Ihm tat es nicht mehr leid, denn so hatte er eine sehr gute Freundin gewonnen. Denn nachdem sie ihn mit Heidelbeerglühwein willenlos gemacht hatte und er irgendwie in ihrer Wohnung und gleich darauf nackt in ihrem Bett wieder zu sich kam, merkte auch sie, dass er nicht nur sie im Speziellen nicht wollte, sondern generell überhaupt keine Frau. Es regte sich nämlich so gar nichts bei ihm und er gestand ihr zutiefst errötend, dass sie nun mal zu viel da oben und zu wenig da unten hätte. Sie lachte darüber so sehr, dass sie sich an ihm festhalten musste, um nicht vom Bett zu fallen. Als sie sich beruhigt hatte, schmiegte sie sich an ihn, plötzlich ganz anders, nicht mehr wie eine Löwin auf Jagd, sondern einfach gemütlich. Er hatte sie einfach noch näher gezogen unter die warme Decke und so schliefen sie nackt aneinander gekuschelt ein. Seit dem Tag an waren sie beste Freunde.

„Also. Jetzt erzähl mal, Mat. Es lief doch so ausgezeichnet mit dir und Maxime. Du wolltest ihn doch sogar dieses Weihnachten deiner Familie vorstellen. Ihr hattet Zukunftspläne!“ Sie klang nicht zornig oder aufgebracht, stellte lediglich fest. Ihre nüchterne Stimme beruhigte auch ihn etwas, sodass er seine Gedanken ein wenig sortieren konnte.

Er nahm noch einmal einen tiefen Schluck. Dann begann er zu berichten.
„Eigentlich gibt es nicht viel zu erzählen. Wie du schon sagtest, lief alles wunderbar und meine Familie weiß auch schon, dass ich ihn mitbringen wollte. Doch vorhin, kurz bevor das Café schloss, sehe ich, wie er zu Tür hereinkommt. Aber nicht allein. Er hatte einen sehr jungen hübschen Mann an seiner Seite. Wer weiß, ob der überhaupt schon volljährig ist. Er führte ihn an einen Seitentisch nahe der Bar, so dass ich ihn gar nicht übersehen konnte. Sie waren sehr vertraut miteinander, berührten sich immer mal am Arm, an der Hand. Maxime hängte sogar ihre beiden Mäntel auf. Und dann setzten sie sich auch noch nebeneinander auf die kurze Bank und Maxime nahm ihn in den Arm und drückte ihn. Da ich allein im Café war, musste ich natürlich bedienen. Maxime winkte mir fröhlich zu, als wäre nichts und stand sogar auf, als ich näher kam. „Mathéo“, rief er. „Ich möchte dir jemanden vorstellen, der mir sehr viel bedeutet.“ Da hat es bei mir ausgesetzt. Da kommt er an meinem letzten Tag vor dem Urlaub in das Matou, wo ich arbeite und ihm nicht einfach aus dem Weg gehen kann und will mir erzählen, dass er einen neuen hat. Spinnt der?! Das habe ich ihm auch gesagt – und noch so einiges anderes. Ich war wohl ganz schön ausfallend“, flüsterte Mathéo nur noch zum Schluss und bevor neue Tränen kamen, nahm er lieber einen weiteren Schluck Glühwein.

„Ach, Mat. Das tut mir so leid. Aber weißt du denn jetzt, wer der junge Mann eigentlich war?“
„Nein, ich wollte das nicht hören. Maxime hat es dann aufgegeben und meinte, wenn ich nicht mehr so hysterisch wäre, würde er noch einmal mit mir reden wollen. Pha! Reden! Was gibt es da noch zu reden?! Soll er sich mit dem Jungen vergnügen und mich in Ruhe lassen.“ Er trank seinen Becher leer und steuerte direkt die nächste Glühweinbude an. Er liebte Maxime und hatte das sichere Gefühl gehabt, dass auch er ihn lieben würde. Er hatte sogar selbst vorgeschlagen, zu Weihnachten sich Mathéos Familie vorzustellen. Und sie sprachen auch schon einmal über eine gemeinsame Wohnung. Und dann so etwas. Nein! Heute wollte er nicht mehr weiter darüber reden oder nachdenken. Was half da besser als Alkohol!

Aurélie drängte ihn nicht weiter, wanderte mit ihm ziellos über den Weihnachtsmarkt der Champs-Élysées, der sich vom Place Charles de Gaulle, auf dem der Arc de Triomphe(5) stand bis hinunter zum Place de la Concorde, der mit dem Obelisken aus Luxor nicht zu verfehlen war, entlang zog. Gekonnt zerstreute sie für diesen Abend seine letzten dunklen Gedanken mit der Suche nach Weihnachtsgeschenken für ihre eigene Familie. Gerne ließ Mathéo sich ablenken und zog sie dabei wieder mal auf, dass sie mit den Weihnachtseinkäufen immer bis zum Schluss wartete, wenn es eigentlich schon viel zu spät war. So wühlten sie sich also durch Mützen- und Schalstände, Kerzenallerlei und Honig-Leckereien. Sie begegneten dem Père Noël(6) und weil Mathéo versicherte, sehr brav gewesen zu sein, bekam er sogar ein kleines Bonbon als Geschenk. Es gab Holzspielzeug, Schnörkelschmuck(7) und bunte Sofakissen. Sie naschten dabei warme Maronen und gebrannte Mandeln, aßen Austern, Foie Gras(8) und sogar Kaviar. Sie bewunderten Schnitzereien von Erzgebirgischen Lichterbögen und Figuren, obwohl sie den Namen der Schnitzerwerkstatt nicht aussprechen konnten und wunderten sich über typisch englisch verkitschten Weihnachtsschmuck. Unbemerkt blieb Mathéos Becher stets randvoll und erinnerte ihn an eine kleine deutsche Sage um einen goldenen Taler.

Es war noch gar nicht spät, als Aurélie ihn vom Weihnachtsmarkt führte. Innen warm, vollgefuttert und zufrieden ließ Mathéo sich willenlos zu seiner kleinen Wohnung bringen. Schon an der ersten Stufe scheiterte er. Aurélie lachte, packte kräftig zu und verfrachtete ihren besten besoffenen Freund sicher und wohlbehalten in sein Bett. Selbst mit genügend Alkohol im Blut fühlte auch sie sich müde, borgte sich ein Shirt aus Mathéos Schrank und kuschelte sich zu ihm unter die Decke…

------------------

1 - Noël = Weihnachten
2 - Le Matou Noir = „Der schwarze Kater“ – Das Café, in dem Mathéo arbeitet. Der Besitzer liebt Edgar Allan Poe.
3 - "Salut! Ça va?“ – Hallo! Wie geht’s?
4 - mon cher – mein Lieber, hier eher „mein Hübscher“
5 - Arc de Triomphe – Triumphbogen
6 - Père Noël – direkt: Vater Weihnachten = Weihnachtsmann
7 - Schnoerkelschmuck.de
8 - Foie Gras – gestopfte Gänseleber

 


Teil 2