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du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Marzipan-Dieb"

 

 


 

Das gab's doch nicht! Da war sie extra noch kurz vor Ladenschluss hier her gehetzt, um das Marzipan für ihre besonderen Kekse zu kaufen und da war nur noch ein Päckchen gewesen. Sie wollte es greifen, doch war jemand anders schneller gewesen. Im Gerangel um das Päckchen stieß sie auch noch andere Backzutaten im Regal daneben an und dann war sie grummelnd und leise fluchend dabei, alles wieder vom Boden aufzuheben.

Und da waren diese diebischen Hände schon wieder, die ihr beim Aufheben halfen.
"Bitte. Entschuldige. Ich wollte dich nicht anrempeln", entschuldigte sich der Dieb äußerst höflich und Inka kam sich veralbert vor.
"Völlig egal, wen du anrempelst. Aber nicht, was du klaust?", fauchte sie ihn an, während sie die Sachen ins Regal sortierte.
"Klauen? Ich glaube, wer zuerst da ist, mahlt zuerst. Oberste Mühlenordnung!"
"Ach!" Besserwisser. Als wenn sie das nicht wüsste. Trotzdem war er ein Dieb. Nämlich ein Dieb ihres Weihnachtens. Wie sollte sie jetzt die Geschenke für ihre Familie zubereiten? Marzipan-Kekse waren ihre persönliche Spezialität und alle liebten sie.

Sie drehte sich nun endlich dem Dieb direkt zu und wollte ihm erklären, dass hier gerade eine ganze Welt unterging - als ihr die Worte im Munde stecken blieben. Was war das denn für ein attraktiver Dieb? Nein, nein! Nicht ablenken lassen.
"Das ist mein Marzipan. Da steht mein Name drauf!", erklärte Inka also ernsthaft und sehr nachdrücklich und schob sich ihre langen Locken aus dem Gesicht, die sich in der wilden Hatz aus dem Zopf gelöst hatten. Ihre Erklärung brachte aber den unverschämten Kerl nur zum Lachen.
"Wo denn?"
"Gib her, ich zeige es dir", erwiderte sie.
"Lieber nicht, dann würde ich nämlich mein Marzipan nicht mehr wiedersehen."
"Ganz recht. So wie es sein soll. Es gehört mir, ich brauche es für meine Kekse. Sonst geht die Welt unter."
"Ja, wenn das so ist. Das darf ich natürlich nicht zulassen." Sie hatte Hoffnung. Wäre er wirklich bereit, das Marzipan abzugeben?
"Also, ich brauche nicht so viel davon. Vielleicht magst du teilen?", schlug er dann aber vor.
"Teilen? Wie meinst du das?" Das klang hinterhältig, da wollte sie schon mehr wissen. Dieben war nicht zu trauen, auch so hübschen nicht, mit weichen braunen Wuschelhaaren unter grüner Strickmütze.
"Ganz einfach. Du begleitest mich zu mir nach Hause. Dort backen wir gemeinsam Plätzchen."
"WAS? Das geht doch nicht!"
"Was spricht dagegen? Ich habe alles da, was es fürs Plätzchen backen braucht. Eine große Auswahl an Ausstechförmchen, Marmelade, Schokotropfen, Rum und zum Trinken kann ich Glühwein, Tee oder heiße Schokolade anbieten. Nur das Marzipan fehlte noch."
Der Dieb lächelte sie mit einem weiten offenen Lächeln an. Konnte man da éNein' sagen?

Nur wenige Stunden später stand Inka in einer fremden Küche und probierte den ersten gebackenen Weihnachtskeks gemeinsam mit dem liebsten Marzipan-Dieb, den sie je getroffen hatte.

 

 

Fröhliche Weihnachten

 


 

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