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du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Lucien Montoire"

 

 


 

Nun. Jung konnte man Lucien Montoire schon nennen. Zwar existierte er bereits seit 117 Jahren auf der Erde, aber als Vampir war man damit eigentlich ein Frischling. Zumal er die ersten 29 Jahre seines Daseins als Mensch verbracht hatte, bis ein alter Vampir auf ihn aufmerksam wurde und meinte, er gäbe einen guten Gefährten ab.

Bisher kam Lucien mit seinen neuen Kräften und seinem neuen Leben auch sehr gut zurecht. Er lernte von Laurence alles, was er als Vampir wissen musste, um sich zwischen den Menschen zu bewegen, ohne ihre Rasse zu verraten. Er fand in Laurence aber nicht nur einen guten Lehrer, sondern auch einen Partner, den er nie wieder missen wollte. Er liebte ihn wirklich, nicht nur, weil er ihm ein unsterbliches Leben geschenkt hatte. Und er liebte ihn auch deswegen, weil er ihn vor Christof bewahrt hatte.

Christof war ein uralter Werwolf und seit Jahrhunderten Laurences bester Freund, weswegen Lucien sich nicht wirklich vor dem Wolf fürchten musste. Doch Christof hatte ihn fast zeitgleich wie Laurence gefunden und hätte er ihn zuerst in die Tatzen bekommen, wäre Lucien heute ein Werwolf. Das wäre nicht gerade sehr angenehm, denn als Werwolf musste man sich mit monatlichen Verwandlungszyklen und verzotteltem Fell herumschlagen. Außerdem schlugen Katzen bei ihnen immer an, egal in welcher Form die Werwölfe unterwegs waren.

Er war also mit seinem vampirischen Leben durchaus zufrieden. Nur eines machte Lucien zu schaffen. Die feierlichen Weihnachtstage waren für ihn schwer zu ertragen. Nicht das Feiern oder die Geschenke. Tatsächlich feierten viele Vampire und Werwölfe auch dieses Fest sehr gern. Laurence lud dazu viele Freunde auf sein Schlösschen in der nördlichen Provence ein und es gab Leckereien zu essen und zu trinken. Es wurde getanzt, gelacht und ausgiebig gefeiert.

Doch Lucien war noch jung und musste sich noch mehrmals die Woche mit frischem Blut versorgen. Laurence hatte ihm gezeigt, wie er von Menschen trinken konnte, ohne sie zu töten. Es war erstaunlich leicht und hatte Luciens Sorgen beschwichtigt, er müsse nun Menschen für sein eigenes Leben opfern. Er konnte sich sogar mit dem eigentlichen Geschmack des Blutes anfreunden, aber schnell stellte er fest, dass dieses durchaus unterschiedlich schmecken konnte. Auch und vor allem gerade zu Weihnachten. Und das war Luciens eigentliches Problem. Er hatte das Gefühl, dass alle Menschen zu dieser Zeit nur noch nach Zimt, Schokolade und anderem Süßkram schmeckten.

Es war sogar so schlimm, dass ihm davon schlecht wurde. So konnte er weder die Feiertage auf dem Schloss genießen, noch die frische Energie, die einen Vampir nach jedem Biss neu durchflutete. Er musste sogar aufpassen, dass er nichts wieder ausspie.

So lag er stöhnend auf einer Chaiselongue in seinen Räumlichkeiten des Schlosses, versuchte seinen rebellierenden Magen und das Sodbrennen zu ignorieren und wünschte sich, die Feiertage mögen nur schnellstmöglich vorbei gehen, als die Tür sich öffnete und Lucien scharrende Schritte auf dem Parkett hörte. Na da würde Laurence dem Werwolf wieder das struppige Fell über die Ohren ziehen, wenn er die Kratzer auf dem teuren Holzfußboden entdeckte.

"Was willst du hier, Christof? Das Fest ist unten…"
"Laurence sagte, ich solle mal nach dir schauen. Dir geht es nicht gut?"
"Hmmm…"
"Dir ist wieder schlecht?", fragte der Werwolf und setzte sich zu Lucien, strich ihm zärtlich einige Strähnen aus der Stirn.
"Wenn ich still liege, geht es…", erklärte Lucien und schmiegte sich in die große Tatze. Christof hatte nicht wirklich ein zotteliges Fell. Es war eigentlich ganz weich und hatte eine sehr seltene Farbe. Im Mondlicht wirkte es immer wie flüssiges Silber.
"Willst du von mir trinken? Du weißt, ich esse nicht so gerne süße Sachen."
"Nein, lieber nicht…", wehrte Lucien schwach ab. Er hatte noch nie von Christof getrunken und wollte es auch nicht. Er hatte Angst, dass das Blut, das er so stark riechen konnte, ihm den Verstand rauben würde. Und er liebte doch Laurence!

"Es täte dir gut. Es hilft, deinen Magen zu beruhigen. - Und Laurence hat es erlaubt."
"Dann ist ja alles gut, wenn Laurence es erlaubt hat…", lachte Lucien trocken auf und wunderte sich, warum Laurence das gesagt hatte. Er wusste doch genau um das starke und verführerische Blut dieses Werwolfs.
"Na komm, nur einen kleinen Schluck. Dann wird es dir gleich wieder so gut gehen, dass du zum Fest herunterkommen kannst. Laurence vermisst seinen Sonnenschein an seiner Seite. Er ist ganz unleidlich deswegen."
"Daher also die Sorge. Er ist verdrießlich und verdirbt dir die Feierlaune."
"Nein. Ich mache mir auch Sorgen um dich. Du weißt doch, ich liebe dich, Lucien", flüsterte der Werwolf leise, hauchte Lucien einen zarten Kuss auf die Lippen und ritzte sich dabei die Zunge an seinen eigenen spitzen Zähnen. Lucien konnte nicht anders, als die wenigen Tropfen Blut von seinen Lippen zu lecken. Sofort spürte er die sinnesraubende Wirkung des alten Blutes.

Seine Zurückhaltung war dahin. Er schlug seine Zähne in den starken Hals des Werwolfs, trank das herrliche Blut und ließ sich fallen: in den Rausch des Blutes und die Empfindungen, die die großen Hände Christofs auf seinem Körper auslösten.

Er hörte Stöhnen und Keuchen und irgendwann wurde ihm bewusst, dass er selbst das war. Er konnte und wollte nichts gegen sein schamloses Verhalten tun und brachte sich den wissenden Händen des Werwolfs entgegen bis seine Gier gestillt war.

Schwer atmend lehnte er danach in Christofs Armen.
"Na, besser, junger Vampir?", hörte er samten neben seinem Ohr lachen.
"Ja, besser", schnaufte Lucien. In jeglicher Hinsicht besser. Außer seinem schlechten Gewissen gegenüber Laurence. Was würde sein Liebster dazu sagen? Abgesehen davon, dass der alte Vampir mit seinen ausgezeichneten Sinnen das Geschehen hier oben bereits wahrgenommen haben musste. Er wusste also schon längst Bescheid.

Er richtete sich auf, verspürte wirklich keinerlei Übelkeit mehr und wendete sich seinem Kleiderschrank zu. Er musste sich frisch machen, bevor er zum Fest nach unten gehen konnte. Großzügig übersah er dabei Christof und dessen beobachtenden Blick, bis er soweit wieder vorzeigbar war.

"Komm, lass uns zu Laurence gehen", sagte er und hielt Christof auffordernd die Hand hin. Der richtete sich langsam auf und ging ernst auf Lucien zu, bis sie sich an der Tür trafen.
"Lucien, ich liebe dich wirklich", sagte er schlicht.
"Ich weiß, Christof", antwortete Lucien. Er hauchte dem Werwolf einen kleinen Kuss auf die Stirn, bevor er mit entschlossenem Schritt das Zimmer verließ.

Ende.

(14.08.2017)

 


 

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