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„Hallo, Sie. Was mach’n Sie da?“

„Nichts.“

„Man kann nich’ nichts mach’n, sagt Papa immer. Man macht immer was. Sie guck’n grad’ mich an.“

„Aha.“

„Und jetzt guck’n Sie wieder in den Himmel. Wie vorhin. Ich hab’s geseh’n.“

"Hmmm.“

„Als ich Sie geseh’n hab’, wie Sie in den Himmel guck’n, hab’ ich das auch gemacht. Also in den Himmel guck’n, mein’ ich.“

„Hmmm.“

„Und ich hab’s so lange gemacht, wie Sie auch. Also nicht wirklich. Sie hab’n ja schon geguckt, als ich Sie noch nicht geseh’n hab’, stimmt’s? Aber dann hab’ ich genauso lang.“

„Aha.“

„Ich hab’ wirklich lang’ geguckt. Die Sterne da. Papa sagt, dass das nicht alles Sterne sind. ’s gibt auch Planeten und so Kram. Ich hab’s nicht ganz verstand’n. Verstehn’ Sie’s?“

„Doch, ich – …“

„– Na, wohl auch nich’. Und als ich noch’n bisschen geguckt hab’, is’ mir kalt geword’n. Die Füße, Sie wiss’n schon. Die steh’n ja im Schnee. Und meine Finger. Da hab’ ich gedacht, Sie sind ja schon viel länger hier und guck’n, stimmt’s?“

„Ja, stimmt.“

„Da müss’n Ihre Füße ja noch viel kälter sein als meine. Und die Finger auch. Ich hab’ sogar die Handschuh’ an. Papa hat drauf bestand’n.“

„Da hatte er recht.“

„Ja, ich war dann auch froh. Ich wollt’ sie vorher nicht anzieh’n. Die Kirche ist ja warm. Na ja. Also wegen dem Guck’n. Ich hab’ da nichts geseh’n außer den Sternen und den Planeten und so Kram. Und da bin ich traurig geword’n, weil da eben nichts war und ich ganz allein da stand. Papa ist noch in der Kirche. Da hab’ ich gedacht, Sie sind ja schon viel länger hier und auch viel länger allein als ich. Da müss’n Sie ja auch schon viel länger traurig sein als ich. Und da bin ich zu Ihnen gekommen, damit Sie nicht alleine sind, und ich bin’s auch nicht mehr.“

„Das ist sehr lieb von dir gewesen. Danke.“

„Nichts zu dank’n. – Oh. Da ist Papa. Also, tschüs dann und noch Fröhliche Weihnachten.“

Ende

(12/11/2004)