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Es wuffte draußen. Arina schreckte aus ihren trägen Gedanken hoch und lauschte. Da bellte es noch einmal. Ein tiefer dunkler Laut. Es musste ein großer Hund sein. Und es klang, als wenn dieser direkt vor ihrer Tür war. Sie hievte sich also hoch und humpelte umständlich mit ihren Krücken zur Tür der kleinen gemütlichen Berghütte, die sie sich für ihren Winterurlaub in den verschneiten Bergen gemietet hatte. Dass sie sich bereits am ersten Tag beim Skifahren die Bänder im rechten Fuß gerissen hatte und sie nun mit fester Schiene und Krücken hier festsaß war so nicht geplant gewesen. Aber ihren Urlaub wollte sie deswegen nicht abbrechen. Nur wie sie an frische Lebensmittel kam, wusste sie noch nicht. Die gingen nämlich allmählich zur Neige.

Es wuffte ein drittes Mal, als Arina endlich die Tür öffnen konnte. Und tatsächlich: auf der Veranda saß ein großer Bernhardiner. Um den Hals hatte er einen kleinen Beutel hängen. Ein Zettel hing mit dran. Arina streichelte erst den Hund, der genüsslich die Augen verdrehte, als sie ihn hinter den Ohren kraulte, dann wagte sie sich an den Zettel: "Für den unglücklich verunfallten Gast in Hütte Nr. 5", stand dort. Kein Absender.

Sie friemelte den Beutel ab und wuschelte den Hund noch einmal kräftig. Der war aber auch lieb. Noch ein letztes Wuff und der Wauzel kehrte um und trabte gelassen einen Weg durch Schnee und Bäume hindurch zurück, wo auch immer er hergekommen war.

Sie nahm den kleinen Beutel und machte es sich damit auf dem Sofa vor dem Kamin bequem. Was da wohl drinnen war? Sie kramte eine kleine Tüte raus und hatte frische selbstgebackene Weihnachtsplätzchen in der Hand. Hmmm… die rochen ja köstlich. Sofort probierte sie einen.

Gleich am nächsten Tag hatte Arina wieder Besuch. Diesmal hatte der Hund sogar einen kleinen Rucksack umgeschnallt, in dem sie etwas frisches Gemüse, Brot und Butter, Aufschnitt und sogar eine kleine Flasche Milch fand. Als wenn der unbekannte Schenker genau wusste, was Arina mochte oder brauchte. Das Geld, das sie dem Hund daraufhin mitgab, fand sie einen Tag später mit neuen Leckereien im Beutel wieder.

Sie wollte das aber alles nicht unbezahlt so hinnehmen und überlegte, wie sie sich ohne Geld bedanken könne. Sie bastelte also aus kleinen Tannenzweigchen, die sie zur Genüge draußen fand, Sterne oder Tannenbäume. Oder sie schrieb ein kleines Gedicht oder einfach Gedanken, die ihr kamen, wenn sie den Schneeflocken beim Fallen zusah.

So gingen die Tage bis Weihnachten hin. Jeden Tag bekam sie zur gleichen Zeit Besuch vom Hund. Er blieb immer ein wenig länger, um sich ausgiebig beschmusen zu lassen. Und dann war es Heilig Abend. Im Dorf läuteten die Glocken zur Weihnachts-Andacht, als der Hund sich wieder meldete. Arina war schon ganz aufgeregt, was er heute dabei haben würde und hatte den guten Wein, den sie bei der Anreise schon mit hergebracht hatte, griffbereit neben die Tür gestellt, um sie dem Hund im Beutel mitzugeben.

Arina öffnete die Tür und begrüßte den Hund, als sie daneben noch ein paar Winterstiefel entdeckte. Überrascht korrigierte sie ihren Blick nach oben und sah in die strahlenden blauen Augen, die sie an ihrem ersten Tag hier im Tal schon einmal gesehen hatte. Es war ihr so überaus attraktiver Skilehrer. "Fröhliche Weihnachten", sagte er.

Ein gemütliches Weihnachten in der Berghütte.

10/ 2018

 


 

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