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Eigentlich sollte es schon längst schneien. Es waren nur noch wenige Tage bis Weihnachten und draußen lag keine einzige Schneeflocke. Sheila hockte auf der breiten Fensterbank mit den vielen bunten Kissen und blickte traurig aus dem Fenster in den Garten hinaus.
"So, Spätzchen. Ab ins Bett mit dir", scheuchte ihr Papa sie von ihrem gemütlichen Aussichtspunkt. Sie krabbelte hinüber in ihr Bett und ließ sich gut zudecken.
"Papa, warum schneit es nicht?"
Er setzte sich zu ihr ans Bett, baute ihre mit Decke und Kopfkissen eine wohlige Schlafhöhle, wie sie es am liebsten mochte.
"Weißt du, Sheila, es schneit, wenn im Himmel oben ordentlich Kissen und Decken aufgeschüttelt werden, dass die Federn und Daunen nur so fliegen. Und wenn sie auf die Erde fallen, sind es Schneeflocken. Irgendetwas muss dieses Jahr passiert sein, dass keine Kissen und Decken aufgeschüttelt werden."
"Kann man denn da nicht hinauf und das für die Engel erledigen? Wenn sie so viel zu tun haben, könnte ich das doch machen?"
Da lachte ihr Papa und erklärte, für so eine anstrengende Reise müsse sie aber nun ordentlich schlafen. Das war auch Sheila klar und nach einem Guten-Nacht-Kuss schloss sie die Augen und noch ehe ihr Papa die Tür geschlossen hatte, war sie schon fest eingeschlafen.

Mitten in der Nacht wachte sie auf. Sie fühlte sich ein wenig müde, aber als sie aus dem Fenster blickte, gab es noch immer keinen Schnee. Nur der Mond leuchtete voll und rund über ihr. Musste sie also doch hinauf in den Himmel. Und zwar jetzt. Warum länger warten? Sie schlich über den Flur im Treppenhaus, nachdem sie vorsichtig gelauscht hatte, ob ihr Papa noch wach war. Aber im Haus war alles ruhig. Unten an der Eingangstür zog sie sich ihre Winterstiefel an, denn auch wenn es keinen Schnee gab, war es kalt, und zog über ihr Nachthemdchen die warme Jacke an.

Im Garten fand sie recht schnell die Holzleiter für den Obstbaum. Sie hatte einige Schwierigkeiten sie in die richtige Position zu bringen, doch endlich hatte sie es geschafft. Die Leiter lehnte gut und sicher am Mond. Sie ruckelte sicherheitshalber noch einmal kräftig daran, doch die Leiter stand stabil. Also begann Sheila hinauf zu klettern. Es war ein ganz schön langer Weg, und nur allmählich kam sie dem Mond näher. Sie war ganz schön aus der Puste, als sie endlich oben angekommen war. Der runde volle Mond begrüßte sie und fragte, was sie denn hier oben wolle. So erklärte Sheila, dass sie den Engeln helfen wollte, die Kissen und Decken aufzuschütteln, damit es auf der Erde doch schneien möge.

Der Mond nickte, das konnte er gut verstehen. Doch so viel zum Aufschütteln gab es gar nicht, erklärte er und zeigte auf ein dunkles Etwas im Himmel. Es war ein einziges riesiges Kissen in dunklem Nachtblau, sodass man es von der Erde aus gar nicht sehen konnte.
"Siehst du? Von diesem Kissen muss nur die Ecke weggezogen werden. Das hat dieses Jahr noch keiner geschafft und ich komme da nicht heran. Aber ich kann dir einen Schubs geben. Dann kannst du es erreichen."

So machten sie es. Der Mond gab Sheila einen kräftigen Schubser und sie schwebte durch den schwarzen Nachthimmel zum Kissen. Sie dachte schon, es würde nicht reichen, da bekam sie gerade noch den Zipfel zu fassen. Jetzt hing sie da, blickte zum Mond zurück und sah hinter ihm die Erde. Ja, jetzt würde es gleich schneien. Sie ruckelte und zog an der Ecke und da - der Zipfel riss und heraus quoll eine wunderschöne dicke samtig weiche Daunenwolke, die Richtung Erde fiel.

Sie ließ sich zurück zum Mond fallen und dankte ihm noch einmal für seine Hilfe. Er versicherte ihr, dass er ihr gerne auch in Zukunft helfen würde, sollte sie noch einmal Hilfe brauchen. Außerdem hatte er sich sehr über so einen netten und aufregenden Besuch gefreut. Sie winkte ihm, bevor sie zur Leiter ging, um zurück zur Erde zu steigen. Als sie unten ankam, lag schon eine ordentliche Schneedecke. Sie stellte die Leiter an das Gartenhäuschen zurück und schlich dann wieder leise ins Haus. Es war noch immer alles ruhig und dunkel. Ihr Verschwinden war also nicht bemerkt worden. Sie freute sich schon auf den Morgen, wenn ihr Papa überrascht aus dem Fenster schaute und den wunderbaren Schnee entdeckte.

*

"Sheila! Aufwachen, Kleines. Na du hast ja einen festen Schlaf."
Sheila drehte und wendete sich noch ein wenig in der Decke, bis ihr Vater sie rollte wie eine Frühlingsrolle. Sie lachte und ließ sich noch ein wenig kullern, bis ihr wieder ihr nächtliches Abenteuer einfiel. Sie schlug die Decke zurück.
"Papa. Hat es geschneit?"
"Und wie. Wir können Schlitten fahren."
"Au ja. Und einen Schneemann bauen", rief sie und plante ihren gemeinsamen Tag. Sie schaute auch aus dem Fenster und wirklich, alles strahlte in reinstem Weiß.
"Weißt du Papa, ich bin heute Nacht zum Mond hinaufgestiegen und er hat mir das große Kissen gezeigt, dass ich aufgemacht habe. Dann hat es geschneitů"
"Da hast du aber einen sehr spannenden Traum gehabt."
Sheila blickte ihren Vater einen kurzen Moment nachdenklich an, dann nickte sie dazu.
"Ja. Ein sehr abenteuerlicher Traum", bestätigte sie.
"Komm. Ziehen wir dich an, damit wir Frühstücken können. Ich habe auch schon den Schlitten aus dem Gartenhäuschen geholt.
Etwas war aber seltsam. Unsere Leiter stand anders, als ich sie letzten dort hingestellt habe. Außerdem habe ich Fußspuren dort gefunden."
"Die habe bestimmt ich in meinem Traum dort hinterlassen", erklärte Sheila ganz ernst. Jetzt schaute ihr Vater sie nachdenklich an.
"Ich hoffe, du warst vorsichtig bei deinem Abenteuer", war er besorgt.
"Klar, Papa. Außerdem hat der Mond auf mich aufgepasst. Und nun los, wir wollen doch in den Schnee."

Sheila und ihr Papa hatten einen ganz wunderbaren Tag zusammen. Sie fuhren Schlitten, bauten Schneemänner, machten eine Schneeballschlacht, bauten sogar ein Iglu und machten natürlich Schneeengel.

Schöne Wintertage..

 


 

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