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du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Glühwein mit Schuss"

 

 


 

Jean-Pierre, Chefkoch des exklusiven Château Soleil, und Träger eines Michelin-Sterns, schnitt sich sorgfältig ein Stück vom kurz gebratenen Rinderfilet ab, Black Angus übrigens, und genoss das zarte Fleisch ausgiebig.

Es war ein sehr edles Stück Fleisch, genau wie alle anderen Zutaten. Das begann bei der Suppe mit edlen Pfifferlingen und ging bei den Jakobsmuscheln für den Zwischengang weiter. Dann das herrliche Rinderfilet. Die Mousse au Chocolat für das Dessert bestand aus feinster dunkler Schokolade mit echter Bourbon-Vanille. Und zum Abschluss hatte Jean-Pierre sich durch die heimische Käsevielfalt gestöbert. Französischer Käse war nun mal der Beste der Welt. Nicht zu vergessen die guten Weine.

An der Menü-Zusammenstellung und den Vorbereitungen hatte er mehrere Tage gesessen, denn er hatte Familienbesuch. Das hieß, seine Eltern mit Bruder und die Schwiegereltern mit der jüngeren Schwester seiner Frau waren da. Eigene Kinder hatte Jean-Pierre noch nicht, aber er hatte sich von seiner Frau zu einem Jack Russell Terrier überreden lassen, auch wenn er Tiere eigentlich nicht so mochte.

Aber gerade in den letzten Tagen war ihm bewusst geworden, wie sehr er Chico gern hatte. Die ruhigen Spaziergänge gehörten nur ihnen beiden und waren eine willkommene Abwechslung zu den Strapazen im Haus: seine Mutter hatte grundsätzlich an allem etwas auszusetzen. Seine Schwiegermutter wusste stets was das Kochen betraf alles besser, ließ sich selbst aber nie in der Küche blicken. Sein Vater war der Smartphone-Technik verfallen und fotografierte alles und jeden, sogar das Essen und verschickte es in alle Welt. Sein Schwiegervater war Antiquar und echauffierte sich über Jean-Pierres moderne schlichte Wohneinrichtung. Die beiden Jugendlichen waren sich aus irgendeinem Grund spinnefeind und schwiegen sich nur an. Und zu guter Letzt hetzte seine Frau erst gegen seine Mutter, dann seinen Bruder und dann sogar gegen Chico, weil der kleine Vierbeiner mal raus musste.

Nur Chico war ganz anders: er lag zumeist friedlich schlummernd im Körbchen, fand Jean-Pierres Kochkünste immer sehr köstlich, freute sich über ein paar Streicheleinheiten, regelmäßige Spaziergänge, frisches Wasser - und das Stück Black Angus, was ihm Jean-Pierre gerade reichte.

Es war genug da. Jean-Pierre hatte reichlich gekocht. Er hatte auch den Esstisch gedeckt, zwischen all den Disputierenden, hatte klassische Weihnachtschöre aufgelegt und dann mit Servieren begonnen. Das lockte zwar alle an den Tisch, aber ruhig war es deswegen nicht. Die beiden Mütter diskutierten über die Notwendigkeit von Jakobsmuscheln, wenn es doch schon Pfifferlingsuppe gab. Die hätten beide sowieso ganz anders zubereitet. Ein Piepen verriet, dass schon jemand ein Foto ihres Essens kommentiert hatte. Die schlichten weißen Teller waren für Weihnachten nicht edel genug. Die beiden Jüngsten waren von ignorieren zu beleidigen übergegangen und traten sich mit den Füßen unter dem Tisch und seine Frau fand sich in ihrem Kleid zu dick und fragte, ob Jean-Pierre so fett kochen würde, um sie extra zu ärgern.

So hatte Jean-Pierre nach der Jakobsmuschel entschieden, den Glühwein nicht erst zum Käse zu reichen, sondern schon mit dem Hauptgang zusammen. Auch diesen hatte er selbst angesetzt und aufgekocht, mit reichlich weihnachtlichen Gewürzen - und nun mit diesen besonderen Extra-Schuss. Er prostete allen zu, und während er das erste Stück vom Rindersteak abschnitt, trat plötzlich diese herrliche Ruhe ein. Arsen wirkte eben immer noch am zuverlässigsten.

Er seufzte zufrieden auf, aß in aller Ruhe sein Menu inklusive dem Dessert und dem guten Käse. Danach zog er sich Schuhe und Jacke an, nahm Chicos Leine und machte mit seinem Hund einen letzten Spaziergang. Danach würde er die Polizei anrufen und bei einem guten Whisky mit Chico gemeinsam auf dem Sofa sitzend auf die Beamten warten.

 

 

Fröhliche Weihnachten

 


 

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