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du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Die fliegende Insel - Teil 1"

 

 


 

Die fliegende Insel bestand aus einem dichten Wald, der fast die ganze runde schwebende Insel bedeckte. Am äußeren Rand fand sich ein Punkt, an dem der Grüne Weg begann. Der Grüne Weg war ein flaches steppenartiges Tal ohne jeglichen Baumbewuchs und wand sich konzentrisch von außen nach innen, indem es immer breiter wurde, ähnlich einem gewundenem Schneckenhaus. Im Zentrum der Insel war der Hügel ohne Wald, dafür von einer weiten Wiese bedeckt.

Ganz in der Mitte aber stand der Baum. Riesig war er und seine Wurzeln verliefen weit in die Wiese hinein, in alle Himmelsrichtungen gleichermaßen. Es war eine uralte Linde, die schon zu Anbeginn der Zeit hier gestanden haben muss.

Der Baum wurde vom klaren See gespeist, der direkt an seinem Fuße lag. Von diesem See gingen zwei Flüsse ab, die sich rechts und links einen willkürlichen Weg durch Wiese und Wald gebahnt haben und am Rande der Insel als Regen auf die feste Welt herniederfiel.

Wollte man vom Zentrum an den Rand der Insel oder umgekehrt, sollte man also den Grünen Weg benutzen. Der kürzere Weg durch den Wald erschien nur auf den ersten Blick schneller. Dichter Bewuchs, sowie sich abwechselnde hohe Hügel und tiefe Täler erschwerten das Wandern. Es war sogar gefährlich. Passierte etwas, gab es niemanden in der Nähe, der helfen konnte.

Das Gleiche galt für die zwei Flüsse. Sie waren manchmal seichte ruhig dahinplätschernde Wasserläufe, an anderen Stellen kämpften sie sich durch enge Hügeltäler, die das Wasser zu rasanten Geschwindigkeiten trieben.

Elfen waren die Bewohner der fliegenden Insel. Es gab mehrere kleine Siedlungen entlang dem Grünen Weg. An den Grenzen von Weg zu Wald hatten sich in den Kronen kräftiger Baumwipfel die Elfen geschickt ihre Behausungen gebaut. Aussichts- und Feuertürme ermöglichten schnelle und einfache Kommunikation untereinander. Besuch wurde mit normaler Flamme auf diesem Wege angekündigt oder Einladungen zu Festen mit kleineren mehreren Flämmchen verschickt.

Zu Feiern gab es bei den Elfen eigentlich immer etwas. Zu jeder Jahreszeit wurde ein dazugehöriges Fest ausgerichtet, von den ganzen Geburtstagen und Hochzeiten einmal abgesehen oder wenn ein alter Elf der großen Linde wieder hingegeben wurde. Doch das größte Fest war der Lindentag. Das war der Tag, an dem die ersten jungen zartgrünen Blätter der Linde nach der Winterzeit wieder austrieben. Da trafen sich alle Elfen der fliegenden Insel an dem riesigen Baum und eine Woche lang wurde gefeiert, getanzt, gelacht, gesungen…

Für Larièl gab es aber ein anderes Fest, das ihm mehr bedeutete als alles andere. Er liebte das Lichterfest im Winter. Er mochte es, wenn die Insel sich in dieser Zeit der festen Welt annäherte bis sie auf ihr zur Ruhe kam. Es schien, dass auch das sonst sehr rege Leben auf der Insel ruhiger wurde, besinnlicher. Man rückte mehr zusammen, verbrachte die Abende in gemütlicher Familienrunde in den Hütten. Der Blick hinaus über die Baumwipfel und dem freien Tal des grünen Weges zeigte alles in herrlich weißer Pracht.

Dieses Jahr war das Lichterfest für Larièl besonders wichtig. Endlich durfte er seinen Eintritt ins 4. Alter beweisen und die Reise zur festen Welt unternehmen. Er war begierig die für ihn unbekannte Welt kennenzulernen und all das mit eigenen Augen zu sehen, was er bisher von anderen Elfen nur erzählt bekommen hatte.

Er hatte gegen Mittag seine kleine Reisetasche gepackt, noch einen kräftigen Gemüseeintopf gegessen und sich dann innig von seiner Familie verabschiedet. Seine Mutter versicherte sich, dass er alle Gastgeschenke auch sicher in dem Reisebeutel verstaut und vor allem das große aber äußerst leichte Segeltuch nicht vergessen hatte, dann machte er sich unter weiteren besten Wünschen auf den Weg.

Larièl hatte den weitesten Weg bis zum Rand der fliegenden Insel. Er wohnte in der Siedlung gleich an der riesigen Linde. Er warf auch dem großen alten Baum noch einen Gruß zu und hielt direkt auf die nächste Siedlung zu, die er in zwei oder drei Stunden erreichen konnte. Dort würde er seinen besten Freund Efis treffen, eine Nacht bei dessen Familie schlafen und mit ihm gemeinsam morgen weiterwandern. Auch Efis durfte die Reise zur festen Welt machen.

Über die weite Wiese des grünen Weges hinweg sah Larièl bald schon den Wegschein der Siedlung. Eine Fackel, die Wanderern den Weg beständig anzeigte. Sie leuchtete einladend und versprach warmes Willkommen. Obwohl Larièl gut und warm gekleidet war, spürte er die Kälte schon empfindlich. Sie, die Elfen der fliegenden Insel, waren eben keine robusten Schnee-Elfen und Larièl war sogar noch für seine eigene Rasse schmal und zierlich zu nennen. Die Schnee- oder Eiselfen der festen Welt waren angeblich größer, stabiler und grober. Man munkelte, sie wären Nachfahren der Eistitanen, die die Welt einst beherrschten. Doch das konnten auch nur Märchen sein, die andere Elfen der fliegenden Insel erzählten, um ihre Reise im Nachhinein spannender zu machen. Larièl wollte sich einfach überraschen lassen und freute sich schon, sein kleines selbstgeschnitztes Geschenk aus einem Stück Holz der großen Linde an seinen Gastgeber auf der festen Welt zu überreichen.

Es war schon fast dunkel geworden, als Larièl die Siedlung endlich erreichte. Er schlug mit einem Stock ans große hohle Klangrohr aus Holz, um sich anzumelden. Der Ton hallte hell über die Wiese und der Wald warf ein klares Echo zurück. Schon gleich ging die Falltür auf und Larièl konnte die Leiter zur eigentlichen Wohnsiedlung hinauf klettern.

Er wurde von Efis Familie herzlich empfangen und sofort mit warmen Getränken und Essen versorgt. Während er aß musste er von seiner Familie erzählen und wie es derzeit der Linde ging. Zwischendurch überreichte er Efis Mutter einen Sirup, den seine eigene Mutter im Sommer aus den jungen Lindenblüten gemacht hatte. Er hatte für jedes Dorf, das sie auf ihrer Reise besuchen würden, ein kleines Tonfläschchen dabei.

Sie saßen noch lange bis in die Nacht und redeten viel über das vergangene Jahr, über ihre Reise und was das nächste Jahr für sie bereithalten würde. Als Larièl aber das Gähnen gar nicht mehr unterdrücken konnte, wurde der Abend beendet. Larièl folgte Efis über eine kurze Leiter in sein kleines Zimmer hoch und machte sich nachtfertig, bevor er zu seinem Freund mit unter die Decke kroch. Er wünschte ihm eine gute Nacht, dann schlief er auch schon fest ein.

*

Der Morgen begann verzögert. Es wurde erst später hell und die lange Nacht hing allen noch etwas in den Knochen. Als Larièl und Efis endlich nach unten in den Wohnraum stiegen, drang ihnen der Duft von süßem Brei in die Nase. Am Esstisch saßen Efis jüngere Brüder und seine Mutter stand am Herd und schöpfte gerade zwei weitere Schalen mit der leckeren Masse aus Kastanienmus und Früchtepüree voll. Dazu gab es frisch gebrühten Ahornkaffee. Nach diesem kräftigem Frühstück brachen Larièl und Efis auf. Larièl wurde sogar noch ein weiterer dicker Schal mitgegeben, als die Familie sah, dass seiner doch recht dünn war. Er bedankte sich überglücklich, zumal er diesen sogar noch über seine spitzen Ohren ziehen konnte, die trotz Mütze immer schnell kalt wurden.

*

Larièl genoss es sehr mit Efis durch die Schneelandschaft zu wandern. Als Kinder waren sie sehr häufig durch die Wälder gestreift, soweit sie es durften und manchmal trauten sie sich sogar weiter hinein, weil Larièl einfach wissen wollte, was da noch so kam. Doch als sie älter wurden, wurden auch die Aufgaben in der Familie mehr und man sah sich nur noch gelegentlich zu den Festen. Und auch wenn sie diese Reise unternahmen, um ihr Jungerwachsenenalter zu beweisen, alberten sie herum wie Kinder und machten eine Schneeballschlacht und bauten einen Schnee-Elfen.

Sie wanderten die nächsten vier Tage den grünen Weg entlang von Siedlung zu Siedlung. Einmal mussten sie sogar früh im Dunklen losgehen, um die nächste Familie noch bei Tageslicht erreichen zu können. Die Familien nahmen sie immer mit viel Herzlichkeit auf und Larièl und Efis bedankten sich mit ihren kleinen Gastgeschenken. Efis hatte den frisch gemahlenen Ahornkaffee dabei. Eine Delikatesse seiner Familie.

An der vorletzten Siedlung trafen sie Aldis, einen Jungen in ihrem Alter, der gleichfalls die Reise mitmachen würde. Er war still und zurückhaltend, jedoch höflich und bot sein Bett den beiden Freunden, während er selbst zu einen seiner Brüder umzog.

Während der Wanderung des nächsten Tages, lernten sie Aldis näher kennen und Larièl mochte ihn sehr. Er war gänzlich das Gegenteil von ihm und doch verstanden sie sich richtig gut. Aldis war ein ruhiger Elf mit hohem und starkem Körperbau. Er überragte Larièl um über einen ganzen Kopf und schon bald hatte er die Führung übernommen und bahnte unbeirrt einen Weg in den Schnee, dem Larièl und Efis direkt folgten. Sie kamen erstaunlich schnell voran und erreichten noch vor Sonnenuntergang die letzte Siedlung.

Auch hier wurden sie gut aufgenommen. Sie aßen in großer Runde zusammen Abendbrot, überreichten ihre Gastgeschenke und mussten von ihrer bisherigen Reise erzählen. Aldis hatte als Geschenk eine Spezialität seiner Familie dabei: süßen samtig rot-gold schimmernden Wipfelhonig.

Zur Nacht teilten sie sich zu dritt ein Bett. Es war eng, doch Larièl in der Mitte fühlte sich an Aldis gelehnt und von Efis Armen gehalten, geborgen und sicher und schlief diese Nacht besonders gut. Er bemerkte noch nicht einmal die sanfte Erschütterung, die durch die ganze fliegende Insel ging, als diese endlich auf der festen Welt zur Ruhe kam.

*

Der Morgen empfing sie mit Nebel und Eiseskälte. Larièl wickelte sich gut in seine Kleidung und hoffte, dass der Weg nicht mehr allzu lang wäre. Die Familie erzählte, dass es höchstens noch zwei Stunden Fußweg wären, bis sie den Rand erreichen würden. Sie gaben ihnen kleine Taschenwärmer mit; schwarze runde Steine, die einmal in Feuer erhitzt über lange Zeit warm blieben.

Aldis ging wieder voran. Larièl und Efis folgten stumm. Der Nebel war undurchdringlich und sie orientierten sich an einer dunklen Waldseite, um nicht den Weg im Zick-Zack zu laufen. Als der Nebel sich etwas lichtete, war die andere Waldseite sehr nah herangerückt. Der grüne Weg wurde immer schmaler und der Wald immer höher und mehr. Es knackte und knisterte darinnen und Larièl erschrak sich öfter. Er war eben eher die weite Wiese gewöhnt und der Wald oben auf der Insel war auch nicht so dicht wie hier.

"Keine Sorge, Larièl. Das ist nur das Holz, dem der Schnee und das Eis zu schwer sind. Oder ein kleines Waldtier", beruhigte ihn Efis und drückte zuversichtlich seine Schulter.
"Hier oben auf der fliegenden Insel gibt es für uns Elfen keine gefährlichen Tiere oder andere Wesen", sagte auch Aldis und lächelte ihm ermutigend zu.
"Und unten auf der festen Welt?"
"Da sieht es schon anders aus. Aber wir werden nicht allein sein. Meine Schwester und drei andere Elfen haben letztes Jahr die Reise unternommen. Als sie auf der festen Welt ankamen, sind sie von drei Schnee-Elfen empfangen worden."

Das beruhigte Larièl sehr und Aufregung machte sich in ihm breit. Sie würden die Schnee-Elfen also heute schon sehen. Mit neuer Energie wanderte er los und überholte sogar Aldis.

*

Sie mussten den Fluss einmal überqueren, dann erreichten sie die Klippe. Der Wald hatte so schlagartig aufgehört, dass Larièl fast vom Rand gefallen wäre. Zum Glück hatte Aldis äußerst schnell reagiert, ihn an der Jacke sicher festhalten können und sicher zurück auf den Weg gezogen.

Der Schreck machte Larièl angespannt. Auf Knien robbte er diesmal vorsichtig wieder an die Kante vor und blickte hinunter. Ins Nichts. Weiter unten war nur ein grauer Schleier zu sehen. Der Fluss, der über die Klippe stürzte, verschwand einfach darinnen. Eine Nebeldecke, die ihnen den Blick bis auf die feste Welt verwehrte. In ihrer Nähe sah ein kleiner Teil des Nebels anders aus. Es wirkte wie eine Spirale aus helleren und dunkleren Schatten. Ein lautes Pfeifen und Rauschen war zu hören. Hier also war ein Windwirbel.

"Schaffen wir das?", rief Larièl über das Getöse des Windes hinweg seinen beiden Freunden zu.
"Klar. Bisher hat es noch jeder hinbekommen. Du hast doch geübt, oder?", fragte Aldis ernst nach. Efis lachte mit Larièl gemeinsam auf. Den ersten Sprung hatten sie im Sommer gemeinsam gewagt und waren kläglich gescheitert. Sie waren in den Wipfeln der Bäume hängen geblieben… Doch sie waren fleißig gewesen und selbst das Lenken mit dem Segeltuch war nun kein Problem mehr.
"Dann los", beschloss Aldis und holte aus seinem Beutel das große Tuch hervor. Larièl und Efis folgten seinem Beispiel und suchten ihre eigenen Segeltücher heraus.

"Denkt dran. Immer gut die Handschlaufen festhalten. Und … wir sehen uns unten." Mit einem für Aldis untypisch lauten Aufjauchzen lief dieser los, drückte sich von der Klippe kräftig ab und sprang gerade in den Windwirbel hinein. Dieser schickte ihn einige Meter hoch, bevor sein Segeltuch richtig aufgegangen war, dann konnte er sich zur Seite wegdrehen und gemächlich Richtung Erde schweben.
"Perfekt", war Larièl beeindruckt.

Efis sprang als Zweites und auch er konnte sein Tuch schön aufspannen und sich dann auf die feste Welt absinken lassen. Von Aldis war schon nichts mehr zu sehen. Dieser war bereits in die Nebeldecke eingedrungen. Larièl machte sich selbst zum Absprung bereit. Es ging ihm durch den Magen. Er fiel erst, bevor ihn der Windwirbel erfasste. Mit einem heftigen Ruck wurde er nach oben gedrückt und das Tuch an seinen Händen spannte sich. Dann war er plötzlich raus aus dem Wirbel und schwebte gelassen hinunter. Er blickte zur Inselkante zurück und sah die kleine Waldlücke, wo sie gerade noch gestanden hatten.

Nicht lange und auch Larièl tauchte in den dicken Nebel ein. Es wurde neben der Kälte noch unangenehm feucht und trotz der dicken Handschuhe waren seine Finger schon fast taub und als er genauer hinsah, sah er, dass ihm eine Handgelenkschlaufe fast abgerutscht war. Er musste die Schlaufe neu fassen, damit er das Tuch nicht verlor. Es klappte und auch den Nebel brachte er hinter sich. Es wurde etwas lichter und ein dunkler Schatten breitete sich unter ihm aus. Als er näher kam, sah er große Baumwipfel, die sich weit in alle Richtungen erstreckten. Ein riesiger Wald lag unter ihm. Nur eine kleine runde offene Stelle konnte er sehen. Er entdeckte auch die beiden anderen Segeltücher und wie Aldis und Efis bereits auf die freie Waldstelle zu steuerten.

Er wollte am Stoff ziehen, um seine Richtung ein wenig zu korrigieren, als ihn ein heftiger Stoß in den Rücken traf. Lautes Krächzen schrie in seinen Ohren und ein scharfer Schnabel hackte auf ihn ein. Flügel flatterten heftig um ihn herum und Larièl konnte nur erschrocken und schmerzhaft aufschreien. Was war das denn? Ein riesiger Vogel griff ihn an, pickte mit seinem scharfen Schnabel auf ihn ein und zupfte an seiner Kleidung. Seine Mütze ging verloren. Dann grub sich der spitze Schnabel in das Segeltuch und die Krallen zerkratzen sein Gesicht.

Mit einem scharfen Zischen schoss ein langer dünner angespitzter Stock an seinem Kopf vorbei, bohrte sich in den Leib des Vogels und riss diesen von Larièl und dem Segeltuch fort. Haltlos trudelte der Vogel zu Boden.

Aber auch Larièls Fall beschleunigte sich. Er blickte hoch ins Segeltuch, wo sich der kleine Riss schnell vergrößerte. Er schrie laut und verzweifelt auf und sah den Wald unaufhaltsam auf sich zukommen.

*

"Larièl!"
Larièl erkannte Efis' Stimme, doch dauerte es eine Weile, bis er wieder ganz bei sich war. Er schlug die Augen auf und blickte direkt Efis an, hinter und über ihnen der Wald. Mit dem Erkennen wo er sich befand, kamen auch alle anderen Eindrücke. Kälte und Schmerz. Überall. Im Gesicht, sein Kopf, der Rücken und vor allem sein einer Fuß.
"Wie geht es ihm?", fragte Aldis und Larièl sah jetzt auch den anderen Elfen neben sich auftauchen. Er versuchte sich aufzusetzen, auch wenn alles wehtat. Ihm wurde schwindelig und sein Fuß pochte gleich doppelt so doll. Tränen schossen ihm ins Gesicht und als er sie wegwischen wollte, zog er seine Finger voller Blut wieder zurück.
"Ruhig, Larièl. Du bist mitten durch die Bäume gerauscht. Zum Glück hat Leiftur dieses Mistvieh erwischt, bevor es dich ganz umbrachte." Efis hatte ein Stück von Larièls kaputtem Segeltuch in der Hand und wischte vorsichtig Larièls Gesicht sauber.
"Ist gar nicht so schlimm. Sind nur leichte Kratzer", lächelte er aufmunternd. "Was tut dir sonst noch weh?" Larièl versuchte tapfer das Lächeln zu erwidern und lauschte auf seinen Körper. Der Schmerz im Rücken war nicht so schlimm, aber sein Fuß fühlte sich geschwollen und heiß an.
"Eigentlich alles. Der Kopf, der Rücken. Mit ist schlecht. Aber besonders mein Fuß."

"Wir müssen los. Es wird bald dunkel."
Die tiefe Stimme kam von der Seite. Larièl blickte sich um und staunte. Vor ihm stand ein Elf. Natürlich. Doch wo sie, die Insel-Elfen, dunkle Haut hatten, die einen schönen warmen rot-braunen Farbschimmer aufwies, wirkte die Haut dieses Elfen wie Eis. Ein ganz helles Blau, das fast schon weiß war. Auch die Haare waren statt seidigem Braun, eine weiße ungezähmte Mähne. Einzelne Strähnen waren mit Silberspangen verziert und nach hinten geflochten, sodass man freie Sicht auf die spitzen Ohren hatte. Diese waren ungewöhnlich lang und an der Außenkante seltsam wellig. Sie wirkten ein wenig angeknabbert. Auch hier war Silberschmuck zu finden. Kleine Ringe und feine Kettchen schmückten sie.

Der Elf hatte stabile Lederkleidung an, die mit einem engen Geflecht aus dünnstem Metall verstärkt war. Zumindest die Brust und die Beine, denn … die Arme waren unbedeckt. Überhaupt schien dieser Elf wirklich nur diese Lederrüstung und feste Stiefel zu tragen, mehr nicht. War dem nicht kalt? Larièl fror schon nur beim Hinschauen.

Als dieser ungewöhnliche Elf näher kam, wurde Larièl bewusst, wie groß dieser zudem war. Seine blauen Augen blickten ihn unverwandt an. Larièl starrte zurück. Noch nie hatte er blaue Augen gesehen. Die Elfen der fliegenden Insel hatten braun-goldene Augen in allen Nuancen.

Der große Elf machte Larièl nervös, besonders da er in der einen Hand einen stabilen Jagdbogen trug und in der anderen den Monstervogel, der ihn angegriffen hatte. An der Seite am Bein hatte er einen Köcher, in dem die Pfeile sicher verwahrt waren. Im breiten geflochtenen Ledergürtel steckten noch ein langer Dolch und eine kleine handliche Axt.

"Wir müssen los", wiederholte dieser weiße Elf in drängendem Tonfall. "Kannst du laufen?", fragte er Larièl.
"Sein Fuß ist verletzt. Können wir ihn irgendwie tragen?", antwortete Efis für Larièl.
Zur Antwort machte der große Elf, Leiftur, nur ein brummendes Geräusch. Dann drückte er Efis den großen Vogel in die Hände und den Bogen gab er an Aldis weiter, schob ihn ihm passend über die Schulter, dass er ihn ohne Behinderung gut tragen konnte.
"Kannst du sein Gepäck noch mittragen?", fragte er Aldis, der gleich nickte und Larièl seinen Reisebeutel abnahm.
"Und hoch!", warnte Leiftur Larièl kurz vor, bevor er ihn einfach griff und auf die Füße stellte. Zum Glück war Larièl so geistesgegenwärtig, den schmerzenden Fuß angewinkelt zu lassen. Allein diese Bewegung tat weh und verstärkte zusätzlich den Schwindel. Er schloss die Augen und hielt sich an den starken Armen fest.

"Und jetzt?", fragte Larièl zögerlich, als er sich soweit wieder im Griff hatte. Er hatte ein wenig Angst vor dem großen Elfen, da er so anders aussah, und doch war er fasziniert von dessen Erscheinung.
"Nun. Ich könnte dich wie meine Beute einfach über die Schulter werfen und in eine abgelegene Höhle schleppen, wo uns keiner findet", grinste ihn Leiftur wölfisch an. Larièl wusste nicht, ob der Fremde einen Scherz machte oder das ernst meinte. Er öffnete den Mund, um was zu erwidern, wusste aber gar nicht, was er sagen sollte. So schloss er ihn wieder.
"Los, auf den Rücken, kleiner Elf", lachte Leiftur und wendete sich um, so dass Larièl die Arme um seine Schultern schlingen konnte und dann hing er da wie ein Rucksack und sah die Welt von ein wenig weiter oben, als Leiftur sich wieder voll aufrichtete und ihn sicher mit den Händen stützte.

Sofort ging er los; Efis und Aldis im Schlepp.
"Wie habt ihr mich überhaupt gefunden?", wollte Larièl wissen.
"Leiftur hat gesehen, wo der Vogel runterging. Dem sind wir nachgegangen. Zum Glück hat dein Tuch noch bis zu den Bäumen gehalten, dann haben die Wipfel deinen Sturz gebremst", erzählte Efis.
"Danke", seufzte Larièl. Das ausgerechnet ihm das passieren musste.
"Es ist ja alles gut gegangen", antwortete Aldis. "Und Leiftur hat sich gleich ein Abendbrot geschossen", lachte er dazu und erntete von dem großen Elfen ein zustimmendes Brummen.

Je länger Larièl aber in den Wald schaute, desto deutlicher wurden wieder seine Schmerzen im ganzen Körper und die Welt begann sich zu drehen. Dazu wurde es ihm immer kälter. Seine Mütze hatte er auch nicht mehr und seine Ohren waren schon ganz taub vor Kälte. Er lehnte seinen Kopf dichter an Leiftur und somit in die wilden Haare. Sie waren erstaunlich weich, ganz anders als gedacht.
"Mir ist kalt", flüsterte er zitternd und dämmerte weg.

*

Sie gingen wirklich noch eine ganze Weile und erst als es zu dunkeln begann, erreichten sie die Siedlung der Elfen der festen Welt, bei denen sie die nächsten Wintermonate verbringen würden.

Das kleine Dorf war in einer natürlichen runden Talsenke gebaut, das sie durch ein Holztor betraten. Auf dem Platz stand ein großer Brunnen, einige Bänke drum herum. Die kleinen Häuschen waren alle ebenerdig gebaut und kreisförmig um den Hauptplatz verteilt. Hinter den letzten Gebäuden erhob sich der Wall, von innen in einer sanften Anhöhe, von außen steil und für Eindringlinge schwer zu erklimmen.

Das Erstaunlichste waren aber die Elfen dieses Dorfes, die alle da waren, um sie zu empfangen. Sie sahen ihnen doch recht ähnlich. Die Haut zwar etwas heller, aber lange nicht so weiß, wie die Leifturs. Die Haare und Augen auch in braunen sanften Tönen, die Ohren spitz zulaufend, aber weitaus nicht so lang wie von dem starken Elfen. Außerdem waren sie alle gar nicht so groß. Wer war Leiftur?

Leiftur machte sie drei mit kurzen Worten bekannt und erzählte vom Unfall.
"Aldis, Efis. Ihr seid bei Brims Familie untergebracht."
Efis begehrte gleich auf: "Und wo wohnt Larièl? Er ist verletzt!"
"Er bleibt bei mir. Sagt Brim er soll Máni zu mir schicken. Ich bringe Larièl jetzt sofort ins Warme." Damit drehte er ab, ging einige schmale Gässchen entlang und erreichte nach wenigen Minuten ein kleines Häuschen am Rand des Dorfes. Er trat die Tür einfach mit dem Fuß auf, brachte Larièl ins Innere.

Eigentlich war es gar nur eine kleine Hütte mit einem einzigen Raum und mehreren kleinen Fenstern. Die Seite mit dem Bett und der kleinen Truhe war durch einen Schrank mit viel Stauraum vom restlichen Zimmer etwas abgetrennt und mit Wand- und Bodenteppichen gemütlich gestaltet. Die offene Feuerstelle strahlte ihre Wärme in alle Richtungen gleichermaßen wohlig ab, sodass Larièl nirgends frieren musste. Das Feuer diente zugleich als Brat- und Kochstelle. Ein einfaches Gestell war über dem Feuer aufgebaut, an dessen Querstange ein Topf mit Wasser hing und zwei Haken, an denen ein Kaninchen und nachher auch ein großer Vogel schmoren wird.

Leiftur wendete sich dem Bett sofort zu und setzte Larièl vorsichtig darauf ab. Diesem fehlte allerdings die Kraft sitzenzubleiben und ließ sich einfach zur Seite fallen, mitten in gemütlich kuschelige Felle hinein. Er seufzte leise und dann war er auch schon eingeschlafen.

Später glaubte er, dass Efis und Aldis da waren und ein anderer fremder Elf, den er noch nicht kannte. Es war aber alles nicht greifbar. Er war müde, ließ alles mit sich machen, weil er Efis bei sich wusste und auch Leiftur, der ihn vor dem Vogel gerettet und den ganzen Weg bis ins Dorf getragen hatte. Der ungewöhnliche Elf kümmerte sich um ihn, war Tag und Nacht da und wenn es ihm heiß war, spürte er Leifturs Hand an seiner Stirn. Sie war herrlich kühl und linderte die Hitze in seinem Körper.

*


 

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Teil 2