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du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Ein neues Zuhause"

 

 


 

Kjell lebte schon sein ganzes Leben lang in diesem Baum. Und das konnte schon was heißen. Denn der Baum war alt und riesig und in seinem Stamm konnte man gut über die kalten Winter kommen und im heißen Sommer spendete die mächtige Krone ganz wunderbar Schatten.

Dafür, dass er hier leben durfte, kümmerte Kjell sich um den Baum. Schädlinge wehrte er mit einfachen kleinen Zaubern ab und Wunden an der Borke gab er ein wenig Heilmagie. Im Frühling lockte er die frischen Blätter hervor und jetzt, im Herbst, half er mit sachter Windmagie, alte Blätter vom Zweig zu lösen. Bei einem besonders schönen bunten Blatt setzte er sich darauf, hielt sich links und rechts gut fest, und ließ sich mit dem Blatt zur Erde gleiten. Das machte Spaß!

Zudem schaute er nach den Tieren, die wie er im Baum ein zu Hause gefunden haben. Vögel, Eichhörnchen, nützliche Insekten und am Fuße unter einer hohen Wurzel wohnte eine Igelfamilie. Manchmal kam auch eine kleine Haselmaus von nebenan zu Besuch.

Doch es kam der Tag, an dem Kjells Welt ins Wanken geriet. Große Maschinen rollten heran und der Mann, der seit neuesten in dem Menschenhaus in der Nähe des Baumes wohnte, begann Büsche und Bäume aus der Erde zu reißen und klein zuhäckseln.

Kjell saß im Baum oben in der Krone und schaute besorgt diesem Treiben zu. Was machte der Mensch denn da? Der konnte doch nicht einfach sein zu Hause zerstören! Als die Sonne unterging, stoppte der Krach, der Mensch verschwand im Haus und Kjell wagte sich näher an die Geräte heran, die der Mensch heute alle benutzt hatte. Er spürte die Elektrizität, die durch diese Metalldinger floss und hatte sofort einen passenden Zauber parat. Er konnte kleine Blitze erzeugen und jagte diese in die Geräte, bis es zischte und rauchte. Dann schlich er sich zu seinem Baum zurück.

Seine Magie war nicht sehr kräftig und er konnte sie nur in kleinen Mengen anwenden. Verbrauchte er zuviel, musste er sich gut ausruhen. So kletterte er in den Baumstamm und schlief schnell tief und fest.

Der nächste Morgen begann mit lauten Gezeter und Geschimpfe. Kjell gähnte, guckte aus seinem Baumstamm heraus und sah den Menschen wild vor seinen Baumfressern auf und ab gehen. Er raufte sich dabei die Haare und Kjell konnte darüber sogar etwas lachen. Zufrieden, dass die Monster tot waren, kümmerte Kjell sich wieder um seinen Baum und dessen Bewohner.

*

Doch keinen Tag später wurde Kjell wieder von lauten Geräuschen geweckt. Sie waren jetzt deutlich näher und er spürte die Angst der Tiere, die in seinem Baum lebten. Er kam hervor und sah den Menschen mit neuen oder reparierten Geräten schon fast bei ihnen. Nur noch ein paar Büsche trennten sie voneinander. In aller Hast warnte er die Tiere, damit sie flüchten konnten. Dann musste er die Igelfamilie wecken, die doch schon Ruhezeit hatte, da es fast Winter war.

Nur träge ließen die Igel sich aufscheuchen, doch noch gerade rechtzeitig brachte Kjell sie in einer nahen Hecke in Sicherheit. Da hockten sie nun und mussten mit ansehen, wie ihr großer Baum einfach so gefällt wurde. Kjell verstand es nicht, war wütend auf den Menschen und auch auf sich selbst, da er doch alles versucht hatte, um dem Baum zu helfen. Doch seine geringe Magie reichte eben nicht aus, um große Wirkung zu haben.

Außerdem schmerzte der Tod des Baumes Kjell auch körperlich. Überall zog und zerrte es an ihm, und seine Magie schwand. Er war ein Baumgnom und nur in Verbindung mit einem Baum konnte er auch Magie wirken.

Die Eichhörnchen boten ihm an, ihn zu tragen und mit verweinten Augen nickte Kjell und krabbelte auf den Rücken eines der kuscheligen Tiere. Er wusste, er konnte nicht aufgeben. Er hatte Freunde, die für den Winter ein neues Zuhause brauchten. So zogen sie los. Es dauerte einige Tage und als die ersten Schneeflocken vom Himmel fielen und Kjell schon Angst hatte, dass er es nicht mehr schaffen konnte, erreichte er den Baum eines feuerbegabten Baumgnoms. Er war bereit, Kjells Freunde aufzunehmen, doch für Kjell war der Baum nicht geeignet, auch wenn sein Verwandter ihm gerne über den Winter geholfen hätte.

Für Kjell war das in Ordnung. Immerhin hatten die Schmerzen in seinem Inneren aufgehört und seine Freunde waren sicher untergebracht. Er trug für die Igelfamilie noch eilig frisches Laub zusammen, damit sie es schön warm hatten und half den Eichhörnchen ihre Kobel zu bauen, damit sie ein sicheres Nest hatten. Für die Vögel musste nur eine leere Spechthöhle mit Zweigchen und ein paar bunten Blättern gemütlich ausgestattet werden.

Dann verabschiedete Kjell sich von allen und versprach, sie im Frühling wieder zu besuchen. Sie glaubten ihm und winkten, bis er über das schneebedeckte Feld verschwunden war.

Kjell wusste, dass er bald einen Baum für sich finden musste, sonst würde er den Winter nicht überstehen. Doch so einfach war das nicht. Nicht jeder Baum war geeignet, einen Gnom aufzunehmen und ihn während des Winterschlafs mit ausreichend Lebenskraft zu versorgen. Dabei ging es gar nicht um das Alter eines Baumes. Die Magie musste passen. Und da fing das Problem an. Kjell war ein außergewöhnlicher Gnom. Er hatte alle Magiearten in sich, die ein Gnom haben konnte, dafür aber nicht besonders stark. Jetzt brauchte er aber einen Baum, der alle seine verschiedenen Kräfte unterstützte. Also einen genauso ungewöhnlichen Baum, wie er ein Gnom war.

*

Kjell irrte noch ein paar Tage durch das Land. Er war überrascht über die sanfte Stille, die er beobachtete. Der Schnee bedeckte alles mit einer gleichmäßigen und in der Sonne glitzernden Decke und nur manchmal sah er ein Reh oder ein paar Vögel. Da er zu dieser Zeit eigentlich schon längst schlief, hatte er einen Winter so noch nie erlebt. Es war eine seltsame, schöne und trotzdem gefährliche Erfahrung für ihn. Er merkte, wie seine Kräfte weniger wurden und er müder. Würde er nicht in naher Zukunft einen Baum finden, würde er einfach so einschlafen - für immer.

Da sah er ein Gebäude vor sich auftauchen und als er näher kam, erkannte er einen kleinen Bauernhof mit eingezäunten Weiden direkt daran. Einige Wege waren sorgsam freigeschaufelt, sodass auch Kjell sich nun nicht mehr durch den hohen Schnee kämpfen musste. Um das Haupthaus herum entdeckte Kjell viele alte und große Bäume. Hoffnung keimte in ihm auf. Da musste sich doch was Passendes für ihn finden lassen.

Er kam näher und hielt nach den Menschen Ausschau, die hier lebten. Er wurde zwar von Menschen nicht gesehen, aber er musste es ja nicht provozieren. Auf der Weide hatte er nur ein paar Pferde und Kühe und Schafe entdeckt. Doch er konnte keine Menschen sehen oder hören und so schlich er weiter - bis er von einer schwarzen Nase gestoppt wurde. Ein Hund stand vor ihm und beschnüffelte den kleinen Gnom. Kjell machte große Augen, denn da kam auch schon die übergroße Zunge hervor und leckte ihn zur Begrüßung. Ein Hundekuss! Na toll. Er schimpfte auf den Hund ein, denn das war nicht so toll.

"Hey, beschimpfe mir meine Cassy nicht. Sie ist ein sehr braver Hund, der alle hier auf dem Hof gut bewacht", wurde ihm da von der Seite her erklärt. Kjell erstarrte und schielte zur Seite. Tatsächlich! Dort stand ein Mensch, ein braunes Pony an der Führleine, und sprach mit ihm! Er schaute ihn direkt an. Das konnte doch nicht sein! Menschen konnten Gnome, Feen oder sonstiges Wesen der geheimen Welt nicht sehen.

Er blieb einfach stehen, verharrte und hoffte, der Mensch würde ihn als eine der hässlichen Figuren abtun, die in manchen Gärten herumstanden. Doch das brachte nichts. Cassy schnupperte weiter an ihm, wedelte freudig mit dem Schwanz und der junge Mann kniete sich in den Schnee zu ihm hinunter.

"Du musst keine Angst vor mir haben, kleiner Baumgeist. Ich tue dir nichts. Mein Name ist Rin. Und guck nicht so erstaunt. Ich habe mehr mit dir gemeinsam, als du glauben magst. Aber viel wichtiger: was machst du noch hier draußen? Es ist mitten im Winter", wollte der Mensch wissen.

Kjell gab auf und tätschelte Cassy die große Schnauze. Dann ließ er bedrückt die Schultern hängen. Wie sollte er denn erklären, dass sein Baum gefällt worden war?
"Ist dein Baum gestorben?", riet Rin und Kjell nickte.
"Vielleicht kann ich dir helfen. Magst du hier bleiben, wenn du könntest?" Klar wollte Kjell hierbleiben. Die großen Bäume und die Tiere, die er bisher schon gesehen und gespürt hatte, waren toll. Voller Leben und glücklich. Doch wie wollte der Mensch ihm helfen?

"Komm, wir müssen in den hinteren Garten gehen", sprach der junge Mensch und hielt Kjell die offene Hand hin. Nach kurzem Zögern kletterte er also auf die Hand und hielt sich gut fest.
"Wir müssen nur Keila eben auf die Weide bringen", erklärte Rin und als das Pony glücklich auf die Weide zu ihren Freunden trabte, wendeten sie sich wieder dem Haus zu. Während dieser Zeit schaute sich Kjell weiterhin aufmerksam um und es gefiel ihm hier immer mehr. Und er nutzte die Gelegenheit und spürte näher in den jungen Mann hinein und war überrascht. Er erkannte magische Spuren in ihm.
"Du bist einer von uns", sprach er jetzt selbst und wusste, dass er auch verstanden wurde.
"Nun, ich habe nicht viel von meinem Feen-Vater in mir. Aber ich kann euch Wesen sehen und weiß über euch Bescheid. Und hier ist meine kleine Sorge…" deutete Rin auf den kleinen Ahorn, der in seinem Garten hinter der Küche stand und ein wenig kümmerlich aussah.
"Was hältst du von ihm? Könnte er dir gefallen? Ich glaube, der Kleine braucht einen Baumgnom, der sich um ihn kümmern möchte."
Kjell ließ sich absetzen und kaum hatte er einen Zweig des Baumes berührte, spürte er die gleichen Magiekräfte. Sie waren sogar noch sehr viel harmonischer, als die seines alten Baumes. Funken sprühte von ihm zum Baum und zurück und der Baum hieß ihn herzlich willkommen. Kjell war sich sicher, dass dies der perfekteste Baum für ihn war, den er je hätte finden können.

Sein unverhofftes Glück trieb ihn die Tränen in den Augen. Er blickte sich zu seinem Retter um, umarmte aber den schmalen Baumstamm und nickte heftig.
"Ich sehe schon. Ihr zwei passt perfekt. Wenn das mal nicht ein wunderbares Weihnachtsgeschenk für euch beide ist. Dann lege dich nun zur Ruhe. Sollte etwas sein, scheue dich nicht, nach mir zu rufen. Außerdem werde ich täglich vorbei kommen und nach euch schauen."
Damit war Kjell ganz einverstanden. Er winkte Cassy und ihrem Menschen noch einmal zu, dann verschwand er in dem Stamm des kleinen Ahorns.

*

Nun hätte das ein ruhiger Winter für Kjell werden können, doch Ruhe fand er nicht wirklich. Er schlief fast einen vollen Tag, dann wachte er wieder auf. Er war noch immer müde und noch nicht ganz bei Kräften, aber er war neugierig. Er wollte gerne sehen, wie der Winter wirklich war. Und er wollte gerne seinen Retter näher kennenlernen.

So kletterte er aus dem Stamm heraus und wurde von seinem Ahorn begrüßt, indem dieser ein Blatt schüttelte, das voller Schnee war und verpasste damit Kjell eine ordentliche Ladung kalten Zeugs. So was Fieses. Wie konnte man so nur begrüßt werden? Er schimpfte mit dem frechen jungen Ahorn, dann lachte er. Er war ja froh, dass es dem Baum jetzt schon besser ging, dass er für solche Scherze aufgelegt war.

Da die Sonne schon am Untergehen war, glitzerten die einzelnen Schneekristalle in schönen roten Farben. So hatte Kjell das Land noch nie gesehen. Das Küchenfenster gleich dem kleinen Ahorn gegenüber war schon erleuchtet und so machte sich Kjell auf und erkletterte die kleine Mauer bis er auf dem Fensterbrett stand. Innen sah er eine urgemütliche Küche und am Herd stand Rin und brutzelte sich etwas in einer Pfanne

Kjell klopfte an das Fenster und Rin reagierte sofort. Mit zwei großen Schritten war er am Fenster und machte es auf, um Kjell hineinzulassen.
"Ist etwas nicht in Ordnung? Geht es dir nicht gut? Ist etwas mit dem Ahorn?"
Kjell musste lachen bei dieser Flut an Fragen, zeigte es, dass der Mensch sich wirklich um ihn sorgte.
"Nein, nein. Alles in bester Ordnung. Doch ich war neugierig. Ich habe noch nie den Winter gesehen."
"Na, dann. Komm rein. Ich bin gerade beim Kochen. Möchtest du etwas trinken? Tee vielleicht?"
"Wenn es schmeckt? Ich kenne mich da nicht aus. - Ach, und dann muss ich mich ja noch vorstellen. Ich bin Kjell!" Na, das war was. Sich erst ins Haus einladen, aber gar nicht vorstellen! So war Kjell sonst nicht. Aber die letzten Tage waren doch etwas viel gewesen. Da durfte man sicher auch mal durcheinander und vergesslich sein. Der junge Mann lachte.
"Hallo, Kjell. Und bitte, hier der Tee."

Rin reichte Kjell eine kleine Tasse mit Tee, die gerade so groß war, dass Kjell sie gut halten konnte. Anscheinend war Kjell wirklich nicht der erste kleine Gast, den Rin bewirtete. So machte es sich Kjell auf einem hölzernen Kochlöffel bequem, der da gerade so passend für ihn lag und schlürfte zufrieden das heiße ungewohnte Gebräu.

"Also, was möchtest du alles sehen Kjell?", fragte ihn Rin, während er sein Schnitzel drehte und Bratkartoffeln in einer zweiten Pfanne machte.
"Ich weiß nicht. Den Winter? Was machst du im Winter? Du hattest gestern etwas von Weihnachten gesagt. Was ist das?"
"Du willst also Weihnachten kennenlernen", sinnierte Rin. Da hatte Kjell sich nicht gerade das Leichteste ausgesucht. Da gab es doch sooo viel. Er machte sich sein Abendbrot fertig, gab auch Kjell davon ab und erstellte mit dem Gnom zusammen einen Schlachtplan.

Die nächsten Tage waren so voll gepackt, dass Rin gar nicht mehr wusste, was er zuerst tun sollte. Kjell wollte tatsächlich alles über Winter und Weihnachten wissen und Rin wollte ihm auch gerne alles zeigen. So waren sie auf einem Weihnachtsmarkt, beim Tannenbaum-Verkauf, in einer Kirche, machten mit Rins Ponys eine Kutschfahrt, schaufelten Schnee und machten eine Schneeballschlacht, die Kjell mithilfe seiner Magie gewann. Cassy begleitete sie dabei immer und nicht selten durfte Kjell auf ihr reiten.

Sie tranken sogar Glühwein und auch da hielt Kjell länger durch als Rin. Seine Magie schütze ihn vor den Folgen des Alkohols und so konnte Kjell den leckeren Geschmack genießen ohne am nächsten Morgen mit Kopfschmerzen aufzuwachen. Zumindest ging es dem armen Rin so, der dann doch um einen Tag Weihnachts-Pause bat. Sie suchten sich eine ruhige Tätigkeit: Kekse backen.

Am späten Abend, kurz bevor Kjell zum Schlafen in seinen Baum kletterte, saßen sie vor Rins Kamin und knabberten selbstgebackene Plätzchen. Auch das war neu für Kjell. Seine Abende hatte er immer in Gesellschaft seines Baumes und der Tiere verbracht, aber selten mit anderen Gnomen oder gar Menschen. Es war etwas ganz Neues und Besonderes für Kjell und er wollte es nicht mehr missen.

"Danke, für diesen schönen Winter", sagte Kjell, lächelte Rin glücklich an und schickte ihm einige harmlose Energieblitze, die Rin nur als leichtes Kitzeln spüren würde. Hier war wirklich sein neues Zuhause.

 

 

Fröhliche Weihnachten

 


 

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