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du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Die Stiefel"

 

 


Die schneebedeckte Straße ist leer, kein Mensch, kein Pferdegespann, kein Bettler an der Ecke. Aus der riesigen Kathedrale dringen Stimmen. Viele, tausende. Sie alle singen. Nicht gerade sehr harmonisch miteinander, aber jeder für sich, jeder mit anderer Tonlage, und doch alle mit den gleichen Worten – den gleichen Gedanken? Die vielen Lichter der Kerzen erhellen das Gebäude tagehell. Das Gotteshaus leuchtet, als wäre der Herr selbst darin.

Und doch, wenn wir etwas weitergehen, die große Hauptstraße entlang, dann links in die kleine Gasse hinein – da entdecken wir ein weiteres Licht, nur klein. Ein enges Fenster ist beleuchtet, lädt zum Hineinschauen ein. Warm dringt der Schein einer Kerze auf die Straße, mehrfach gebrochen von den schönen Eisblumen, die ungehindert am Glas des Fensters hinauf wachsen, faszinierende Bilder schaffen. Dahinter entdecken wir einen kleinen, grünen Nadelbaum auf der breiten Fensterbank, beleuchtet von jener Kerze. Verziert ist er mit ein paar roten Schleifen, zierlichen Schmuck, aus Holz und braunen Leder gefertigt.

Der Raum geht nicht tief hinein. Unter der Fensterbank beginnt gleich der breite Ladentisch, der den schmalen Raum gerade in der Mitte teilt. So ist noch genug Platz für einen Ofen neben der niedrigen Eingangstür. Gerade erst sind zwei Scheite Holz nachgelegt worden und der schwarze Kater streckt sich genüsslich auf der Ofenbank aus, schnurrt zufrieden ob der heimeligen Wärme.

In der kleinen Nische hinter der Ladentheke arbeiten eifrige Hände. Handhaben die Werkzeuge sicher und genau. Gerade wird der letzte kleine Nagel in die Sohle geklopft, der schwarze Stiefel noch einmal poliert bis das Leder das matte Licht zweier Kerzen am Arbeitstisch wiedergibt. Ein zufriedenes Lächeln schleicht sich in warme braune Augen, dann wird der Stiefel neben den schon Fertigen auf den Tresen gestellt.

In diesem Augenblick schlägt die Standuhr die volle Stunde. Lockt ein verhaltenes Gähnen hervor und ein leises Maunzen des schwarzen Katers auf der schmalen Ofenbank. Das kleine Fellbündel reckt sich, streckt den Körper durch, macht einen mächtigen Katzenbuckel. Dann kommt es herab, umstreicht lange Beine, maunzt wieder, bis er endlich auf den Arm gehoben wird, seine wohlverdiente Streicheleinheit abholt.

Die Glocke über der Tür klingt leise. Der ältere Herr vom späten Nachmittag betritt den warmen Raum, richtet sich wieder zu voller Größe auf, als er den Türbalken und die niedrige Stufe überwunden hat. Schon sieht er die Stiefel auf dem Tresen stehen und ein Strahlen breitet sich über sein bärtiges Gesicht aus.

„Ich danke Euch. Ihr wisst gar nicht, wie sehr Ihr mir geholfen habt.“

Sichtlich erleichtert nimmt der Herr die Stiefel zur Hand, betrachtet sie sich genau, nickt schließlich anerkennend.

„Ausgezeichnet! Was verlangt Ihr für diese Arbeit?“

„Dass Ihr die Stiefel tragt und gut pflegt.“

„Das werde ich. Doch was ist Euer Lohn?“

„Es ist Heilig Abend. Da nehme ich kein Geld.“

„Aber die Arbeit. Ich habe Eure Freizeit gestohlen bis spät in die Nacht hinein.“

„Es ist gut so. Die Kirche hätte wohl doch keinen Platz für mich frei – so voll wie sie ist.“

„Es ist mir unangenehm ohne Bezahlung zu gehen. So viel Mühe völlig unbezahlt.“

„Ich bin’s zufrieden, wenn Ihr es seid. Es ist ein Weihnachtsgeschenk.“

Jetzt lacht der Bärtige gutmütig auf, packt die Stiefel schließlich in einen feinen Leinensack.

„So danke ich Euch von Herzen und wünsche Euch eine fröhliche Weihnacht.“

„Ich wünsche Euch dies ebenso.“

Auch der kleine Kater maunzt zum Abschied, blickt dem älteren Herren nach, bis er im leichten Schneetreiben draußen verschwunden ist; dem Menschen leise die Stiege hinterher springt, um ruhigen Gewissens einzuschlafen.

Das kleine Päckchen, das so plötzlich unter dem nun glitzernden Bäumchen liegt, werden beide wohl erst am nächsten Morgen finden.

 

Ende

 

(15.11.2004)