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Seufzend ging der junge Mann die Park Avenue entlang. In der einen Hand trug er eine Tasche mit Lebensmitteln, die er für ein paar wenige Dollar ergattern konnte, weil heute das Haltbarkeitsdatum ablief. An der anderen Hand hielt sich Cynthia fest, die aufgeregt neben ihm herhüpfte.

Die 6-jährige wollte unbedingt durch die große Straße mit der langen Baumalle, da seit gestern die ersten Wohnvillen mit Weihnachtsdeko schick gemacht worden waren und jetzt in der Dunkelheit alles schön beleuchtet war.

Er fand es übertrieben, jedes Jahr wurde es mehr und stets versuchten sich die Hauseigentümer zu überbieten. Hatte der dicke Rechtsanwalt einen großen Weihnachtsmann winkend im Garten stehen, hatte der kleingeratene Unternehmer ihm gegenüber ein Jahr später den Weihnachtsmann und den gesamten Schlitten mit Rentieren dazu.

Und er, Darius, schaffte es kaum seinen knapp 20 Kleinen ein einfaches Festessen zu gestalten, an Weihnachtsgeschenke brauchte er erst gar nicht denken. Die einzige Weihnachtsdekoration bei ihnen waren die selbst gebastelten Sterne, Rentiere und Tannenbäumchen aus dünnem Bastelpapier, die sie in die Fenster gehängt hatten und an den Tannenzweig im Eingang. Den hatte Darius zufällig auf der Straße gefunden. Der war bestimmt von einer riesigen Tanne, die jetzt irgendwo in eins von diesen hell beleuchteten Wohnzimmern stand, beim Transport abgebrochen.

Cynthia freute sich am Lichterglanz und erzählte aufgeregt vom Fest. So brauchten sie lange bis sie endlich nach Hause kamen. Das Mädchen stürzte gleich zu ihren Freunden und berichtete von den Lichtern und Darius trug seine Beute in die Küche. Es wurde auch höchste Zeit. Er musste endlich das Abendessen für alle vorbereiten. Zwei der älteren Mädchen kamen auch gleich zu ihm, um zu helfen.

***

Später am Abend war es still geworden in dem großen Haus. Die ganz Kleinen schliefen schon lange, die Älteren hatten sich gerade von ihm verabschiedet. Darius saß allein im Wohnzimmer auf dem kurzen Sofa vor dem dunklen und kalten Kamin, mit einer Tasse heißen Tee in den Händen.

Er hätte zu gerne den Kindern ein schönes Fest bereitet, mit kleinen Geschenken für jeden, mit einem echten Weihnachtsbaum. Doch er hatte das Geld nicht, sein kleines Waisenhaus finanzierte sich ausschließlich über Spendengelder, und das war nicht viel. Wichtiger war es, die Heizkosten und Stromrechnungen begleichen zu können.

Seine Gedanken schweiften ab, in die Vergangenheit, wie das alles anfing, hin zu seinem kleinen Bruder, den er so sehr vermisste, und ohne den es dieses Waisenhaus gar nicht gäbe. Zu Weihnachten wurden die Erinnerungen immer besonders intensiv - besonders schmerzhaft in seiner Brust.

Er bemerkte die Tränen erst, als sie schon heiß seine kalte Wange hinab rannen. Zwei vertraute Arme legten sich da um seine Schultern und Daniel schmuste sich von hinten an ihn heran. "Hey, so allein?", begrüßte er ihn sanft. Darius kuschelte sein Gesicht in die wild struppigen Haare, die noch nach Winterluft dufteten. "Schön, dass du endlich da bist", flüsterte er Daniel zu, dann blieben sie eine Weile still und genossen das Beisammensein.

"Hast du noch was zu essen da", fragte Daniel irgendwann, was ein Magengrummeln mit der notwendigen Dringlichkeit versah. "Du Vielfraß", konnte Darius seinen Freund nur aufziehen und lief lachend vor ihm in die Küche davon. Daniel kam katzenhaft nachgesprungen und fing seine Beute am Herd. Dort stand noch ein wenig Eintopf, den Darius einfach wieder erhitzte. Dann wendete er sich in Daniels Armen um, ging auf die Zehenspitzen um seinen Freund verzeihend einen Kuss zu geben. Zur Antwort wurde er einfach hochgehoben und auf der Arbeitsplatte abgesetzt. Das war genau die richtige Höhe zum Küssen.

"Du bist wieder so betrübt heute", sagte Daniel nach etlichen Minuten und schmuste weiter mit der Nase über Darius' Gesicht. "Denkst du wieder an deinen Bruder?" Darius ließ seine Stirn auf die breite Schulter vor sich sinken. "Auch. Aber eigentlich eher daran, dass wir kein Weihnachten haben können. Es gibt zu wenig Geld für Geschenke. Und dann war ich heute mit Cynthia die Weihnachtsbeleuchtung der Nachbarn angucken. So viel und überladen und ich kann es mir nicht mal leisten auch nur einen einzigen Baum anzuputzen. Die riesige Tanne vor dem Haus hätten wir ja."

Daniel kraulte durch Darius' weiche glatte Haare. "Wir sind aber alle gesund und hier zusammen. Und wir vertragen uns alle. Ist das nicht das Schönste an Weihnachten?" "Ja, du hast ja recht", pflichtete Darius bei, schob die trüben Gedanken beiseite, um die wenigen Minuten am späten Abend mit seinem Freund genießen zu können, bevor sie beide müde gemeinsam ins Bett krochen.

***

Der Advent ging mit nasskaltem Regenwetter und nur etwas Schnee einher. Und zu Beginn fiel es gar keinem auf. Doch dann wurden in der Nachbarschaft die Stimmen und der Unmut lauter, und eines Tages stand dann auch die Polizei vor der großen Villa des dicken Rechtsanwaltes, gleich neben dem Kinderheim, als Darius aus der Stadt heimkam und einige gespendete Nahrungsmittel dabei hatte.

Er sah eine Gruppe aus zwei Polizeibeamten und neben dem Anwalt einigen weiteren Nachbarn, die sich auf dem matschig weißen Rasen vor einem kitschig blinkenden Schneemann zusammen gefunden hatten. Sie sprachen laut und aufgeregt. " und bei mir habe ich es dann gestern gemerkt. Es war nur eine, von den kleinen an der Seite des Hauses. Die sieht man nicht sofort." "Ja, bei mir auch. Eine kleine mit Eiszapfendesign. Sehr teuer, sage ich Ihnen."

Man ging weiter, ums Haus herum, und Darius konnte nicht mehr hören, was sie noch erzählten. Da klaute einer Lichterketten? Seltsam? Warum keine hässlichen Schneemänner und Weihnachtsmannfiguren? Dann müsste man die wenigstens nicht mehr ansehen.

Grübelnd ging er weiter, wurde in der alten Villa - seiner Zuflucht für Straßenkinder - von allen freudig begrüßt und vergaß über Hausaufgaben, Putzen, Kochen und Streit schlichten die ominösen Diebstähle.

Abends im Bett, an Daniel gekuschelt, fielen sie ihm wieder ein, und er erzählte davon. Daniel hörte nur mit einem halben Ohr zu, strich seinem Freund nur müßig über den Rücken und las in einem Buch. Bald war Darius tief eingeschlafen und Daniel konnte das Zimmer wieder einmal verlassen, ohne Darius zu stören.

***

Die Diebstähle nahmen zu, auch wenn es nur Kleinigkeiten waren. Es wurde aus jedem Garten etwas gestohlen, jetzt keine Lichterketten mehr, dafür ein wenig Dekokram. Darius ärgerte sich über die Polizisten, die tatsächlich fragten, ob auch bei ihm was gestohlen worden war, und darüber, dass der Dieb noch immer nicht die hässlichen Plastikfiguren mitnahm, dafür aber die schönen Sterne aus dem Garten der kleinen hübschen Villa am Anfang der Park Avenue. Der nette alte Mann, der das Haus seit langem allein bewohnte, war jetzt bestimmt sehr traurig.

***

Der letzte Advent war schon rum, und Darius freute sich auf den Heiligen Abend. Eine unerwartete großzügige Spende des nahen Supermarktes gab ihm die Möglichkeit, ein tolles leckeres Weihnachtsessen zu zaubern und sogar am Morgen des 24. mit allen Kindern Plätzchen zu backen.

Wie Daniel schon sagte, es war einfach schön, dass sie alle beisammen waren. Die Kinder stritten kaum und halfen Darius und Daniel wo sie konnten. Die Jungs waren draußen und schippten Schnee, der so plötzlich mit wundervollen dicken Flocken gefallen war. Und weil sie einmal dabei waren, schippten sie sich noch einige Villen weiter entlang und kassierten ein bisschen Klimpergeld, was sie ohne Worte in Darius Hauskasse abgaben, obwohl dieser meinte, dass es ihr verdientes Taschengeld wäre.

Darius fühlte sich wohlig erschöpft am Nachmittag, als er eine kleine Kaffeepause machte. Auf der Arbeitsfläche in der Küche sitzend, baumelte er ein wenig mit den Beinen und schaute Daniel und den Kindern bei der Arbeit zu. Sie mussten nämlich die Küche aufräumen. Doch Daniel war weihnachtlich verschmust und küsste sich daher über die nach Vanille schmeckenden Lippen seines Freundes. Der saß ja grade in der rechten Höhe.

Die Kinder um sie her kicherten albern, die älteren Mädchen seufzten leise. Die Jungs waren derber mit ihren Sprüchen und scheuchten die beiden bald aus der Küche. Sie sollten gerne weitermachen, dann aber bitte in ihrem Zimmer, wo sie nicht im Weg waren. Darius lachte und ließ sich wegtragen, aber nur ins Wohnzimmer, wo sie einige Momente ruhig zusammen sitzen konnten.

"Das wird ein schöner Abend", sagte er dann bald leise, dachte auch wieder an seinen Bruder. Er hatte für sich beschlossen, nicht mehr um ihn zu trauern, sondern alles besonders gut zu machen, damit er stolz auf ihn sein konnte. Außerdem hatte er andere Kinder, um die er sich sorgen musste und wollte und vor allem Daniel.

"Ja. Das wird dieses Jahr wirklich ein schöner Abend", bestätigte Daniel und lenkte Darius noch ein wenig mit sanften Küssen ab.

***

Darius fühlte sich vollgestopft und zufrieden. Sie hatten alle Spaß am Tisch gehabt. Sein Essen war ihm außerordentlich gut gelungen, hatte für alle gereicht und die Kinder hatten sogar ein kleines Programm auf die Beine gestellt mit Weihnachtsliedern, Gedichten und sogar eine kleine Kurzvariante vom Krippenspiel.

Er war müde, wollte aber den Abend damit nicht verderben, dass er anfing mit Aufräumen. Außerdem war Daniel verschwunden. Der wollte eigentlich nur mal kurz auf Toilette gehen, das war jetzt schon ein Weilchen her. Er wollte schon die Kinder fragen, ob ihn jemand gesehen hätte, als er die geliebten Hände auf seinen Schultern spürte. "Das war lecker, Dari", bestätigte er noch einmal und küsste genießend die zimtigen Lippen.

Sie wurden von Cynthias Schrei unterbrochen. Erschrocken sprang Darius auf und kam zu ihr ans Fenster gelaufen, von wo man die Park Avenue herunterschauen konnte und auch den Eingang ein wenig im Blick hatte.

Da stand die Tanne, beleuchtet! Noch bevor er reagieren konnte, waren die Kinder schon alle an ihm vorbei und nach draußen gestürzt. Er folgte eiligst und konnte sein Staunen nicht zurück halten.

Der ganze Vorgarten erstrahlte hell mit den verschiedensten Lichterketten. Die Dachkante entlang hing auch eine Kette. Eine kleine mit Eiszapfendesign! Der Zaun war mit Dekozeug geschmückt und im Baum sah er die schönen Sterne aus dem Garten der kleinen Villa.

Die Kinder riefen vor Freude und begannen eine Schneeballschlacht. Sie verursachten dabei so viel Krach, dass erste Nachbarn neugierig die Köpfe heraussteckten, dann aber, als einige ihre eigenen Lichterketten erkannten, kamen sie ganz heran.

Darius ahnte bereits Schlimmes. Klar würde er jetzt wieder zur Rechenschafft gezogen. Der dicke Rechtsanwalt kam schon zornesrot auf ihn zugeschritten, die Kinder blickten verwirrt und teilweise ängstlich. Sie verstanden die Wut der Erwachsenen nicht.

Daniel schob sich unauffällig an Daris Seite. Seine angespannte Körperhaltung zeigte, dass er kampfbereit war. Egal wie viele sich dem dicken Anwalt noch anschlossen. Bevor dieser jedoch in lautes Getöse ausbrechen konnte, hörte man ein einzelnes Händeklatschen. "Wunderbar, einfach wunderbar!" rief eine Stimme. Alle drehten sich zur Straße zurück. Dort stand auf seinem Stock gestützt der nette alte Mann aus der Sternenvilla.

"Wirklich. Es sieht so wunderbar aus. Und vor allem, dass ihr alle etwas an das Waisenhaus gespendet habt, finde ich großartig. Für die, die nicht so viel haben, wie wir. Was gibt es schöneres als das Lachen fröhlicher Kinder zu hören."

Der Alte blinzelte Darius und Daniel vergnügt an, dann schaute er den dicken Anwalt ins Gesicht. Ernst und abwartend.

"Äh. Ja, ja. Du hast recht. Das wollte ich auch gerade sagen. Es sieht sehr schön aus, das Kinderheim. Es war nur so überraschend, jetzt erst die Lichter zu sehen. Vielleicht können wir uns dann nächstes Jahr schon eher darauf freuen." Damit richtete er seinen Cashmereschal, hakte seine Frau unter und stelzte davon.

Andere entfernten sich nach und nach, nur so manches Nachbarkind blieb, um mit den anderen Kindern eine neue Runde Schneeballschlacht auszufechten.

Der alte Mann stand am Zaun und lachte, man wusste nicht genau, ob er den dicken Anwalt auslachte oder sich für die Kinder freute. Vielleicht war es von beiden etwas. Doch dann kam er näher an die große Tanne und somit an Darius und Daniel heran und berührte sachte einen seiner Sterne. "Sie sehen an diesem Baum wirklich sehr viel besser aus als bei mir. Achtet nur gut auf sie, es stecken viele Jahre Erinnerung in ihnen. Diesen einen hier nehme ich aber mit. Er soll in meinem Fenster hängen und zu euch hinüberschauen können."

Darius beeilte sich und pflückte den Stern aus dem Baum heraus und überreichte ihn dem Alten. "Vielen Dank, dass sie uns geholfen haben." "Ach. Nicht der Rede wert. Es war schon vom ersten Advent an belustigend zuzuschauen, wie sie sich aufgeregt haben. Doch als meine Sterne verschwunden waren, war ich schon traurig, bis zu dem Abend hin, als ich den Dieb gesehen habe. Da wusste ich, dass ich sie wieder sehen werde."

Er verriet nicht, wen er da wohl gesehen haben mochte und verabschiedete sich. Spontan lud Darius ihn aber noch zum Kaffeetrinken für den nächsten Tag ein, wenn er allein sein sollte und vorbeikommen wollte. An Daniel gelehnt blickte er dem Alten hinterher.

***

Darius krabbelte zu Daniel unter die Decke und kuschelte sich eng an ihn heran. Dann küsste er ihn lange und ausgiebig. Zu mehr war er heute nicht mehr fähig; er war fix und alle. "Danke, Daniel. Das war so ein tolles Weihnachten." "Hmmm? Für was bedankst du dich da bei mir? Du hast gekocht?" "Ja, ich habe gekocht. Andere haben derweilen anderes erledigt. Aber Daniel, versprichst du mir etwas?", fragt Darius schon halb schlafend. "Alles, was du möchtest, Liebling." "Nächstes Jahr stiehlst du bitte die hässlichen Plastikfiguren und stellst sie nicht bei uns wieder auf."

Daniel lächelte nur verträumt seinen schlafenden Schatz an.

 

Ende

(28.11.2013)