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du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Der schmale Grat"

 

 


 

Alain blickte sich im stetigen Zwielicht um, doch da war nichts. Natürlich war da nichts, doch manchmal spielte ihm sein Verstand einen Streich und vielleicht war es auch die Hoffnung, die ihn immer noch nicht verlassen hatte.

Aber eigentlich wusste er sehr gut, dass er auf diesem gottverlassenen stillstehenden Planeten allein war. Und wenn seine Zeit gekommen war, würde mit ihm der letzte existierende Mensch sterben. Der Gedanke war heute genauso traurig wie vor Jahren, als er nach der entsetzlichen Katastrophe erwachte und alles andere Leben erloschen war. Die Erde hatte mit ihrer Rotation aufgehört und nun war die eine Seite der Erde stets der glühenden Sonne zugewandt und die andere Seite schaute in die ewige Nacht. Heiß auf der einen Seite, eisig auf der anderen. Und nur dieser schmale Grat, genau mittig, ermöglichte Alain das Überleben.

Eis der ewigen Nacht konnte er in der Wärme des dauernden Tages schmelzen, so trinken und seinen kleinen Garten begießen. Heute war er auch wieder auf Eissuche etwas weiter weg von seiner kleinen Hütte. Er fand eine Stelle, an der er ohne große Mühe Eis schlagen konnte und es in seinen Tragekorb auf den Rücken legte. Als er ein weiteres Stück Eis brach, rutschte etwas anderes mit hervor. Es war ein Ast, der im Eis gefangen gewesen war. Vorsichtig legte er ihn mit in den Korb und ging dann zurück zu seiner Hütte.

Einige Stunden später saß Alain zufrieden in einem selbstgezimmerten Sessel. Mit ein wenig Stolz stellte er den kleinen Stern zu dem kleinen Tannenbaum auf den Tisch. Beides hatte er aus dem Ast geschnitzt und er war der Meinung, dass es ihm ganz gut gelungen war. Und zum Fest war es doch gerade recht. Er wusste zwar nicht, wann Weihnachten genau war, da er ohne Zeit lebte, aber er wusste, dass Dezember war, denn der Orion stand genau über ihm.

Er wollte gerade sein kleines Festtagsessen genießen - Kartoffeln und Rüben - als von draußen ein Donnern und Grollen wie von einem Gewitter ertönte. Es gab kein Wetter mehr auf der Erde, von daher war dies wirklich ungewöhnlich. Er sprang auf und lief hinaus. Und da über ihm zog ein Komet vorüber, mit langem Schweif. Er näherte sich rasant der Erdoberfläche und bevor Alain sich wirklich bewusst wurde, was er da beobachtete, krachte das silberne Raumschiff unweit seiner Hütte auf den Boden.

Nachdem sich aufgewirbelte Dreck, Eis und Staub gelegt hatte und Alain sich sicher war, unverletzt zu sein, keimte Hoffnung in ihm auf und er lief los.

Sollte dies das Ende seiner Einsamkeit sein? Es wäre ein Wunder! Ein Weihnachtswunder.

 

ENDE.

 


 

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