zurück zur Bibliothek

 

 

du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Der Friseur - Teil 2"

 

 


***

„Hallo! Was kann ich für Sie tun?“, fragt Rina den neuen Besucher an ihrem Stand. Es ist nun schon recht spät, trotzdem sind noch viele Menschen unterwegs. Zu Schneien hat es auch wieder begonnen.

„Zwei Glühwein“, brummt der fein gekleidete junge Mann. Mit diesen Worten zieht er einen als Weihnachtswichtel verkleideten Jungen mit an die Bude, klopft dabei aber missmutig von seinem langen, camel-farbenen Wollmantel etwas Schneematsch ab.

„Oh! Noch ein Wichtel! Ihr gebt euch ja richtig Mühe. Aber bist du sicher, dass du Glühwein willst, Wichtel? Der Kleine von vorhin hat ihn nicht gut vertragen.“

Ganz anders als der schüchterne Tjal von vorhin, beugt sich dieser Wichtel jetzt nahe zu Rina hin und schaut mit ernstem Gesicht zu ihr auf. In seine funkelnden blauen Augen hängen einige braune Haarfransen hinein.

„Anderer Wichtel? Wo ist er?“

Etwas skeptisch schaut der Wichtel schon drein, als das Mädchen ihn anlächelt, als wenn er was niedlich Kleines wäre. Doch sie gibt noch die erhoffte Antwort.

„Nun, Manuel hat Tjal mit zu sich nach Hause genommen. Der Kleine hat etwas Schlaf gebraucht.“

„Tjal?! Tjal hieß er? Wo wohnt dieser Manuel. Ich muss meinen Bruder finden!“, fragt der Weihnachtswichtel hektisch nach. Dann blickt er zu dem jungen Mann neben sich, der scheinbar völlig unbeteiligt den Glühwein trinkt, genüsslich einen Vanillekipferl verdrückt, ihn dann aber doch mit finsterer Miene mustert, als er die Blicke des Wichtels spürt. Nun gut! Wenn man plötzlich umgerannt wird, kann man schon böse gucken, aber Reik sucht schließlich seinen Bruder. Tjal war noch nie in der Menschenwelt gewesen. Und dass er gleich noch diesen verflixten Alkohol trinken musste! Jedem jungen Wichtel wird immer wieder gesagt, er solle das nicht anrühren.

„Du musst mir zeigen, wo das ist“, bestimmt er den jungen Mann als seinen Führer entschlossen und verschränkt die Arme vor der Brust. Erstaunt blickt Christian zu dem Wichtel hinab. Was denkt der Wicht sich? Ich werde bestimmt nicht noch einen dieser Sorte freiwillig suchen. Wollte doch nur schnell einen Glühwein und etwas entspannen.

„Seien Sie nicht so“, wendet sich nun auch Rina an den jungen Mann. „Helfen Sie ihm. Tjal sah ganz fertig aus. Vielleicht hat er seinen Bruder auch schon die ganze Zeit gesucht. Es ist doch Weihnachten. Sie müssen auch den Glühwein nicht bezahlen.“

Von einem herzlichen Lächeln gebeten und von zwei blauen, blitzenden Augen schon gerade zu gezwungen, seufzt Christian nur auf.

„Wo wohnt denn dieser Manuel“, wendet er sich noch einmal an Rina.

„Gar nicht weit weg. In dem großen, neuen Wohnblock gleich am Park. Nummer 9 in Hauseingang 12. Ganz oben.“

Wie vorhin Christian den Wichtel an die Bude gezogen hat, so schnappt sich jetzt Reik den großen Mann am Ende des Schals und stapft energisch in die Richtung, in welche Rina zeigte. Ergeben folgt ihm Christian.

„Wohin jetzt?“, fragt bald Reik, als sie unter einem geschmückten Tor stehen, das den Weihnachtsmarkt begrenzt.

„Da, rechts entlang. Das Haus gleich“, antworte Christian und übernimmt nun die Führung, bis sie vor der gläsernen Haustür stehen. Den richtigen Namen hat er am Klingelbrett auch gleich gefunden und zögert nicht lange.

Erst nach dem dritten Klingen hören sie endlich eine verschlafene Stimme, die etwas verpennt nachfragt, wer denn unten stehe.

„Ich suche Tjal. Er ist mein Bruder. Ein Mädchen vom Glühweinstand hat mich hergeschickt. Mach mal auf!“

Nicht gerade höflich, aber direkt. Christian schüttelt über den etwas rüden Weihnachtswichtel den Kopf. Doch der Gestörte lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Vielleicht ist er auch nur noch nicht ganz wach.

„Mmmhh… ja. Tjal schläft. Ich lass’ dich rauf.“

Gleich darauf folgt das Summen der Türverriegelung und Reik stürmt schon fast in den Flur und die Treppen hinauf. Hie und da hängt einiger Weihnachtsschmuck in den Fenstern oder stehen kleine Tannenzweige in Vasen neben Wohntüren. Christian sieht sie nur nebenbei und folgt eilig dem Wichtel.

Oben dringt schon Licht durch den Spalt einer offen gelassenen Tür. Reik zögert gar nicht und tritt gleich ein. Auch Christian geht, wenn auch etwas langsamer, einfach in die Wohnung - …

***

Manuel gähnt gerade, als er zwei blitzende Augen auf sich ruhen spürt.

„Oh. Hi! Bin Manuel. Siehst aus wie Tjal. Nur grimmiger. Er is’ im Schlafzimmer“, deutet er nur hinter sich und macht dann leise die Tür auf. Dahinter ist nur Dunkelheit auszumachen und ein leises – ein ganz leises – Schnarchen.

„Ich bin nicht grimmig“, mault Reik den unverschämten Menschen an, schnaubt widerwillig auf und verschwindet gleich darauf in dem dunklen Schlafzimmer. Ganz sachte hört man ihn noch nach seinem Bruder rufen, dann hat er die Tür einfach ins Schloss gedrückt.

„Na ja. Dann sind jetzt eben zwei Wichtel in meinem Schlafzimmer“, überlegt Manu laut, gähnt ungehemmt und streckt sich ausgiebig. „Und munter bin ich jetzt auch wieder.“

Christian kann seinen Blick nicht von dem Stückchen Haut lösen, das zwischen dem Bund einer hellblauen Boxershorts und einem lockeren blauen Shirt mit einem kleinen Teddyaufdruck hervorspitzt, als sich dieser junge Mann vor ihm ungeniert streckt.

Hat der keine Manieren, dass er sich so hemmungslos zeigt? Ich bin auch noch hier. Er scheint aber sogar sein Bett für diesen anderen Wichtel frei gemacht zu haben. Das Sofa sieht sehr benutzt aus.

„Willst du auch ’ne heiße Schokolade? Wie heißt du überhaupt und setzt dich ruhig. Auf dem Teller liegen frische Vanillekipferln von Rina. Ihr wart bestimmt an ihrem Stand, wenn ihr meine Adresse wisst.“ Noch eilig mit dem Fuß einfach die Eingangstür zutretend, verschwindet Manu schon in der Küche, um den Wasserkocher anzustellen.

„Christian. Tee wäre mir lieber“, antwortet Chris kurz angebunden und nimmt in dem Sessel Platz. Tief durchatmend nimmt er die Brille ab und reibt fest die Nasenwurzel. Der Tag war einfach zu nervenaufreibend gewesen. Als er die Augen wieder aufmacht, blickt er direkt in das Gesicht von Manuel.

„Du siehst fertig aus, Mann. Du solltest vielleicht gleich schlafen.“ Leise lacht Chris auf. Fertig war der richtige Ausdruck. „Soll ich auch noch in dein Bett kriechen? Ich glaube, dass ist jetzt bereits voll.“ „Ja, voll. Wo hast du denn deinen Wichtel aufgetrieben?“ „Vor dem Stand dieses Mädchens. Er hat mich über den Haufen gerannt.“

Kichernd verschwindet Manuel wieder in der Küche. „Ja. Genauso ist mir Tjal über den Weg gelaufen. Ich glaube, er hat sich dabei die Hand etwas verstaucht. Und dann hat er Glühwein getrunken und war plötzlich wie besoffen, dabei hatte er nur zwei, drei Schlucke gekostet. Schon komisch, das Kerlchen.“

Nach kurzem Geschirrklappern kommt Manu schon mit einer kleinen Kanne Tee zurück und stellt sie mitsamt einer Weihnachtstasse vor Christian ab. Für sich holt er noch schnell einen übergroßen Becher Trinkschokolade und lässt sich gleich gemütlich neben Christian auf das zum Bett umfunktionierte Sofa rutschen.

„Sag mal, was machst du eigentlich? Ich meine arbeitsmäßig? Siehst irgendwie wie so ein Manager aus, oder so.“

Christian zieht erst einmal genüsslich den Duft des Weihnachtstees in seine Nase und lehnt sich endlich entspannend zurück. Dann seufzt er kurz auf: „Stellvertretender Geschäftsführer“, murmelt er nur leise.

„Wow! Da verdienst du sicher ’ne Menge Kohle. Aber fertig macht dich der Job genauso. Du wirst jetzt deinen Tee noch trinken und dann legst du dich hin und schläfst. Morgen ist Wochenende. Da musst du sicher nicht arbeiten.“

Schon während seiner Worte beginnt Manuel sein Bettzeug ein wenig auf eine Seite der Schlafcouch zu sortieren und dann noch ein kleines Sofakissen und eine Wolldecke hervorzukramen, um sie auf die nun leere Seite der Couch auszubreiten. Ob Christian hier schlafen will oder nicht, scheint ihn überhaupt nicht zu interessieren.

Christian bemerkt das eigentliche Tun von Manuel nicht wirklich. Sein Blick hängt wieder auf ein wenig freier Haut. Diesmal rutschte das Shirt mit dem niedlichen Teddy drauf am Rücken hinauf, als Manu die Decke hinter dem Sofa herholte. Eilig wendet er den Blick ab und starrt lieber in seine Teetasse.

„Hey, du kannst da auf dem Sofa schlafen. Musst nicht hier im Sessel wegpennen. Ich hab dir im Bad ein Shirt hingelegt. Könnte grad so passen. Und auf dem Waschbecken liegt ’ne frische Zahnbürste und ein Handtuch.“

Erst jetzt bemerkt Christian, dass Manuel alles für seine Übernachtung vorbereitet hat. Für ihn, einen völlig Unbekannten, der nicht nur diesen Tee wirklich lecker findet, sondern auch den Kleinen - … also den kleinen Teddy da auf diesem blauen T-Shirt, verbessert sich Christian ganz schnell in Gedanken.

„Ich kann hier nicht bleiben. Ich muss nach Hause. Trotzdem Danke für das Angebot“, will er sich in aller Eile verabschieden, hat aber nicht mit dem Sturkopf gerechnet, der sich unter dem fransig, verwüstet aussehenden bunten Haarschopf verbirgt.

„Du glaubst doch nicht, dass ich dich in diesem Zustand noch nach draußen lasse. Du pennst doch schon im Stehen ein. Wie Tjal. Den musste ich schließlich die Treppen hochschleppen. Los jetzt! Fertig machen!“ Ergeben seufzt Christian nur auf und lässt alles mit sich geschehen…

***

„Siehst du, Tjal?! Hat alles geklappt“, flüstert Reik seinem kleinen Bruder zu, der sich noch ganz duselig die kleinen Augen reibt.

"Mmmh… ja“, murmelt er nur und versucht die Augen offen zu halten. Es war draußen noch ganz dunkel und einfach viel zu früh für den müden Tjal, so dass er sich einfach von seinem Bruder dirigieren lässt. Reik musste ihm sogar noch beim Anziehen helfen. Jetzt streicht er seinem kleinen Bruder noch die Haare aus dem Gesicht und setzt ihm die lange Mütze auf.

„So. Jetzt kannst du dich wieder sehen lassen. Und das nächste Mal trinkst du keinen Alkohol mehr. Auch wenn wir unseren Auftrag gut erledigt haben, es hätte dir einiges passieren können.“

Tjal lässt die Standpauke mit hängendem Kopf über sich ergehen. Reik hat vollkommen recht: nicht nur war er ohne seinen Bruder vom Wichteldorf weggegangen, auch hatte er diesen verflixten Alkohol getrunken, der zwar lecker war, aber auch sehr gefährlich für einen Wichtel werden kann.

„Tut mir leid“, flüstert er daher nur schuldbewusst.

„Ist schon gut, Tjal. Wir müssen jetzt los. Die beiden brauchen uns jetzt nicht mehr und wir haben noch einiges zu tun.“

Bevor Reik die Wohnungstür schließt, linst Tjal noch einmal kurz zur Couch, auf dem Manuel und Christian tief schlafen.

„Bist du sicher, dass es funktioniert, Reik?“

Leise lacht Reik bei dieser Frage auf.

„Du musst noch einiges lernen, mein Kleiner.“

„Ich bin nicht klein“, ruft Tjal schmollend seinem Bruder hinterher und läuft schließlich doch die Treppe hinunter. Erst draußen im dichten Flockenwirbel holt er Reik ein, der auf der weißen Winterstraße auf ihn wartet. Als eine der vielen Schneeflocken seine Ohrenspitzen berühren, zucken diese kurz.

„Und was müssen wir jetzt noch machen?“, fragt Tjal gleich neugierig weiter, seinen Ärger schon wieder vergessen.

„Na, die Vanillekipferln werden diese Weihnachten nicht weiter allein gebacken werden…“

„Versteh’ ich nicht.“

Wieder lacht Reik auf. „Ich sagte es doch. Du musst noch viel lernen. Komm!“

Seinen kleinen Bruder an der Hand nehmend, beginnt es plötzlich um sie herum zu glitzern, ein silbernes Klingen ist zu hören, dann verschwinden sie im dichten Schneegestöber…

 

Nur die feinen Fußabdrücke verraten, dass sie in dieser Welt waren…-

-… und zwei junger Männer, die sich gerade um eine Decke kampeln. Christian hat nämlich im nervösen Schlaf seine vom Sofa geschupst und sich jetzt die flauschige Daunendecke von Manu erkämpft. Dieser murrt fröstelnd auf als er so plötzlich der Kälte ausgesetzt wird und kriecht schließlich einfach zu Christian unter die Decke. Zufrieden schläft er in der warmen Umschlingung seiner Decke und Christians Armen ein.

Ende

(01.05.2006)


 

Teil 1 Teil 2