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du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Der Friseur - Teil 1"

 

 


 

"Ach, junger Mann. Ihre Sachen, die Sie tragen. Ist das nicht schrecklich eng und unbequem? Und Ihre Frisur. Duldet Ihr Vorgesetzter diese schrecklich grelle Farbe? Und dieser schreckliche Ohrring - Männer tragen keine Ohrringe. Das ist doch schrecklich. Übrigens habe ich mir gestern neue gekauft. Sind sie nicht toll? Sie haben gar nicht viel gekostet. ICH spare nämlich mein Geld. Nicht wie die vielen jungen, schrecklichen Leute heute, die schrecklich viel Geld aus dem Fenster werfen, das schrecklich große Auto von Vati fahren und dann immer so schrecklich schnell…"

Diese Alte kann von Glück reden, dass ich meinen Beruf liebe und die Schere wirklich nur zum Haareschneiden verwende. Es gibt schon schlimme Leute, aber diese schreckliche Schrapnell. Ah! Zum Haareraufen! Oh, lieber nicht, sonst muss ich nachher neu gelen.

Zum Glück war das der letzte Kunde heute. Noch einmal silbergrau tönen und Dauerwelle hätte ich nicht mehr geschafft. Nie kommt mal einer vorbei, der etwas Farbe haben will. Immer nur alte, keifende Waschweiber. Jetzt mach ich aber erst mal noch schnell sauber, damit der Chef nicht meckert und dann - Feierabendweihnachtsmarkt!

***

Nur wenige Minuten später steht Manuel schon auf dem riesigen Weihnachtsmarkt in der dicht gedrängten Menge. Die lange Straße zieht sich weit dahin, von gebückten Fachwerkhäusern gesäumt und mit Weihnachtslichterketten erhellt. Der feine Schnee bedeckt graue, scharfe Kanten und in weißen Kristallen glitzert manchmal sogar das Weihnachtslicht. Nur auf der Straße ist das Weiß von tausenden von Füßen zu grauem Matsch zertreten, der gerne an sauberen Hosen haften bleibt.

Ohne sich selbst viel zu bewegen, lässt sich Manuel einfach von der Meute mitschieben. Von fast jeder Bude dudelt Weihnachtsmusik, klassisch oder "Wham".

Alle paar Meter zieht der Duft von Räucherstäbchen oder leckerem Glühwein in seine Nase. Es gibt viel Süßes, ganze Buden, die nur Kerzen anbieten, dicke Schals und Mützen, Felle, Keramik, Holzdekorationen, Geschenkideen, in mancher Ecke werden noch Bäume verkauft. Und Manuel ist schon geschickt zwei verkleideten Weihnachtsmännern ausgewichen. Welches Kind fällt schon auf einen Weihnachtsmann herein, der einen viel zu dünnen oder gefälschten Bart trägt, keinen wirklich dicken Bauch hat und nicht mal die 1,75 schafft. Von dem gefiepten "HoHoHo" ganz abgesehen. Allein die große Glocke in der Hand hat sie in der Menge verraten.

Aber eigentlich hält Manuel nicht nach gefälschten Weihnachtsmännern Ausschau, sondern nach seiner besten Freundin. Die hat nämlich jedes Jahr eine kleine Bude gemietet und verkauft den besten Glühwein der Stadt, ach, der ganzen Welt! - und dazu die besten Vanillekipferln der ganzen Welt. Und die Betonung liegt hier auf Vanille. Ohne das Zeug wäre die Süße nämlich nicht lebensfähig. Und die Kipferln auch nicht. Doch bisher hat er sie noch nicht finden können. Entweder hatte sie dieses Jahr keine Zeit oder - ah! Dort hinten! Fast am Ende des Weihnachtsmarkts!

Entschlossen stemmt sich Manuel jetzt gegen die Flutwelle weihnachtssüchtiger Menschen und kämpft sich auf die Seite durch. Das Gedränge wird immer größer, je näher er den Buden an der Seite kommt; ein spitzer Regenschirm sticht in seine Seite, eine volle Tasche quetscht sich in seinen Rücken, ein riesiger, dicker Mann schiebt ihn plötzlich ganze fünf Schritte weiter, bis er ihn bemerkt und - stomp! Schon sitzt er im nassen Schneematsch. Irgendwas flinkes Schlankes in grün hat ihn eben über den Haufen gerannt.

"Hey. Aufpassen, Junge", ruft der Riese, packt Manuel einfach unter den Armen und stellt ihn auf die Füße, gleich neben die Bude seiner Freundin, die er unbedingt erreichen wollte, und schon bewegt sich der Mann in der Menge gemütlich weiter.

"Pha! Von wegen: Kleiner. Nicht jeder kann so ein Riese sein."

Noch immer ganz durcheinander, klopft Manuel sich erst einmal die Hose ab, grummelt über die Flecken, die im Jeansstoff haften bleiben und blickt sich dabei um.

Erschrocken entdeckt er das kleine Grüne, was ihn umgehauen hat. Kaum drei Schritte entfernt sitzt ein schmaler Junge von kaum 14 Jahren auf der Straße, wie Manuel wohl vom Sturz noch durcheinander und hält sich die Hand. Ein paar dicke Tränen rinnen schon aus den Augen. Wie der Riese zuvor, packt diesmal Manuel den Jungen unter den Armen und stellt ihn hin, beugt sich etwas zu ihm und klopft den dreckigen Schnee von dem grünen Rock. Rock?!

"Hey, du Wicht. Du musst schon ein bisschen aufpassen, wo du hinrennst."
"..el"
"Hä! Was?"
"Wichtel."
"Wie: Wichtel?"
"Ich bin ein Wichtel, kein Wicht."
Oh, Gott. Jetzt schon Wichtel zu den Weihnachtsmännern. Aber gut verkleidet ist er schon.

Erst jetzt betrachtet sich Manuel den schmalen Jungen vor sich. Der Kleine hat tatsächlich ein komplettes Wichtelkostüm an. Ordentliche, feste Stiefelchen, rot-weiß gekringelte Socken, einen grünen Gehrock und eine grüne Mütze, deren Spitze hinten etwas umgeknickt ist. Unter der Mütze lugen blonde Haarfransen hervor und sogar an die langen, spitzen Ohren hat man gedacht. Alles in allem eine echt gute Verkleidung und der Junge passt sogar dazu. Ihm kann man einen Wichtel wirklich gut abnehmen. Eine große Konkurrenz zu den Weihnachtsmännern, obwohl der Wichtel so klein ist.

"Na ja, du Wichtel. Pass demnächst besser auf, wo du hinläufst, o.K.?"

Der schmale Junge nickt etwas, schaut nur auf den matschigen Boden und versucht die letzten Schmutzflecken von seinem Rock zu putzen. Die rechte Hand behält er jedoch eng an seinen Körper gedrückt. Das zarte Gesicht ist traurig und die Lippen vielleicht vor Schmerzen, aber vor allem vor Bitterkeit fest zusammengedrückt. Sogar die Spitzen der Ohren wirken etwas geknickt und die lange Mütze hängt lustlos am Rücken des Wichtels hinab.

Leicht aufseufzend beugt sich Manuel wieder etwas zu dem Jungen hin und streicht eine dieser so honighellen Haarsträhnen aus dem Gesicht.

"Tut dir die Hand weh?"

Auf das Nicken hin schnappt sich Manuel einfach die Hand, hält sie gut fest, damit der Wichtel sie ihm nicht wieder entziehen kann, und schlingt schließlich seinen langen Schal um Hand und Gelenk. Zum Schluss zieht er noch eine große Schlaufe, die er dem Wichtel um den Hals und unter dem linken Arm hindurch zieht.

"Damit die Hand wenigstens etwas gestützt ist… Und jetzt bekommst du noch einen guten Glühwein. Dann verfliegt auch der letzte Schrecken."

"Ich…ich darf nicht", wispert der Junge erschrocken.

Doch Manuel hört diese Worte schon gar nicht mehr. In lautem Jubel geht die feine Stimme des Wichtels einfach unter. Denn nun hat ihn auch endlich Rina in der kleinen Bude entdeckt. Sofort hat sie Manuel zu sich hinein befohlen. Wie sie ihn an ihren üppigen Busen drückt und ihn fest zur Begrüßung umarmt, da wird es Manuel schon ein bisschen Bange, doch lässt er sich nicht entmutigen und steht alles tapfer durch. Denn diesem herzlichen Lächeln in dem lieben Gesicht seiner Freundin kann keiner entgehen. Schon allein dieses Strahlen bringt Wärme in die kalten Glieder zurück. Der Glühwein tut sein Übriges.

"Was kann ich dir Gutes tun, Manu? Einen Glühwein sicher."

"Danke, aber ich brauch' zwei."

"Zwei? Wen hast du dabei?! Wie sieht er aus? Wie alt? Was macht er? Auf der Arbeit kennen gelernt?"

Diesem Ansturm an Fragen kann Manuel gar nicht Herr werden. So zieht er einfach einen sich sträubenden Wichtel mit in die Bude hinein und schiebt ihn Richtung Rina.

"Keine nähere Bekanntschaft, Rina. Aber dieser kleine Wichtel. Wir hatten gerade einen heftigen Zusammenstoß. Er braucht jetzt deinen kräftigen Glühwein, damit er sich vom Schreck erholen kann."

"Oh! Weihnachtswichtel!!! Das ist aber schön. Diese alten Weihnachtsmänner da sind langweilig. Aber Wichtel bringen bestimmt neuen Schnee mit her. Schönes Kostüm. Wie heißt du Wichtel denn?"

Während Rina den kleinen Wichtel begrüßt, hat sie schon gleich zwei große Becher Glühwein fertig, die sie an Manuel und den Jungen weiterreicht. Dann bedient sie eilig noch drei Kunden, bevor sie ihre Aufmerksamkeit zurück auf den Wichtel richten kann.

"Tjal", wispert der Junge fast nur und hält unentschlossen den heißen Becher in der unverletzten Hand.

"Tjal. Schöner Name! Und jetzt trink! Kalt wirkt der Glühwein nicht mehr."

"Aber…aber ich darf nicht", versucht es Tjal noch einmal, dabei nachdenklich in seine Tasse schauend. Viel zu leise auch diesmal wieder. Verschüchtert blickt er sich noch einmal um. Sehr angeregt unterhalten sich die zwei Freunde, während das Mädchen immer wieder diesen Glühwein an weitere Weihnachtmarktbesucher ausgibt. Auch ihre Kekse lassen sich sehr gut verkaufen.

Auf Tjal achtet keiner mehr. So schnuppert er erst einmal vorsichtig an seinem Punsch. Es duftet gut und warm. Etwas umständlich stellt er den Becher kurz auf der Theke ab, stippt einen Finger in das Getränk und leckt ihn schließlich ab. Sehr überrascht von dem fruchtig-würzigen Geschmack und dem kribbelnden Gefühl, das sofort seinen Körper durchläuft, nimmt er gleich einen weiteren Schluck. Schon nach dem dritten schmeckt dieser Glühwein um noch vieles besser. Er fühlt jetzt auch schon dieses Kribbeln in seinen Zehen und den Fingern. Sogar seine Nase scheint etwas wärmer zu sein.

Neben sich hört er Manuel und Rina weiter munter erzählen. Ab und zu fällt sein Name. Wahrscheinlich berichtet Manuel gerade, wie er ihn umgelaufen hatte. Mit Schuldgefühlen blickt er gleich wieder zu ihm hoch.

Das plötzliche Schwindelgefühl kann er gar nicht aufhalten. Ungeschickt stolpert er nach hinten, schreit leise auf und klammert sich an seinem heißen Bescher fest.

Den harten Boden spürt er nicht, aber einen Körper, gegen den er wohl gestolpert ist.

"Tjal, alles o.K.?", hört er die Stimme Manuels. Tjal versucht zu antworten, kann aber gar keinen klaren Gedanken mehr fassen.

Gerade so kann Manuel noch dessen Tasse fassen, bevor dieser sie ganz verliert. Den Jungen hält er an den Schultern aufrecht. Die Wangen des Wichtels sind ganz rot und heiß, die Augen schon fast geschlossen. Völlig verklärt blickt Tjal ihn an, ohne weiter zu reagieren.

"Tjal, was hast du?"

Nur ein leises Seufzen ist von dem Wichtel noch zu hören, dann fallen die blauen Augen ganz zu und Manuel hat zu tun, den Jungen nicht einfach auf den Boden sacken zu lassen.

"Rina, was soll ich denn jetzt machen? Dein Glühwein war wohl zu stark für ihn."
"Er hat doch kaum was getrunken. Aber am Besten nimmst du ihn einfach mit zu dir. Lass ihn sich ausschlafen. Er sah vorhin schon ganz abgehetzt und müde aus."

Sie packt noch einige Vanillekipferln für Manuel ein, damit er den langen Nachhauseweg auch gut übersteht.

"Na gut. Ist wohl das Vernünftigste. Ich komm' morgen wieder vorbei, Rina", verspricht Manuel, schüttelt den Jungen noch an der Schulter, um ihn wenigstens nicht nach Hause tragen zu müssen. Tatsächlich grummelt der Wichtel etwas und lässt sich willig mitziehen.

Geschickt hinter den Buden entlang und somit nicht quer durch die Menschenmassen, ist Manuel auch bald an seinem Wohnblock. Trotzdem muss er Tjal die letzten Stufen tragen, denn der Kleine ist mitten auf der Treppe und beim Gehen doch wieder eingeschlafen. Umso erstaunter ist Manuel, wie leicht der Wichtel ist. Er ist nicht ganz einen Kopf kleiner als er, scheint aber kaum etwas zu wiegen.

In der Wohnung legt er Tjal sogleich in sein Bett. Die Schuhe und den Schal des Wichtels macht er runter. Dann befreit er die verletzte Hand aus dem provisorischen Stützverband. So kann er auch den warmen Gehrock dem Wichtel ausziehen. Das wollene Hemd, wie auch die rot-weiß gekringelte enge Hose lässt er Tjal an. Nur noch die Mütze sollte ab.

Manuel kann es fast nicht glauben. Eine reiche Fülle des honiggelben Haares hat sich unter der Mütze verborgen. Wie ein eigener kleiner Mantel umhüllt das Haar nun den Wichtel.

Der streckt sich gerade wohlig, murmelt noch irgendetwas, zieht einmal an der Decke, rollt sich ein und bleibt dann still liegen. Etwas Honiggelb lugt noch hervor.

Ein echter Weihnachtswichtel eben, murmelt Manuel leise vor sich hin, bevor er die Kipferln auspackt und schön dekorativ auf den roten Weihnachtsteller im Wohnzimmer auslegt. Dann macht er sich an den Lernstoff für die noch ausstehende letzte Prüfung seiner Berufsfachschule in diesem Jahr, mit den Gedanken aber immer noch bei seinem kleinen Besucher.

***

Noch viel zu zeitig an diesem Abend, aber trotzdem schon richtig müde, linst Manuel noch einmal durch den Türspalt in sein Schlafzimmer. Der Wichtel liegt nach wie vor in die Decke fest eingewickelt und atmet leise und regelmäßig. Schläft wie ein Stein. Ich muss mir wohl das Sofa herrichten. Glaub nicht, dass er mir was von der Decke abgeben wird.

 


 

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