zurück zur Bibliothek

 

 

du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Das Weihnachtsessen"

 

 


Florian hatte Angst! Gewaltige Angst! Vor seiner Mutter. Denn nun war der Zeitpunkt gekommen, um es ihr zu sagen. Er liebte sie, keine Frage. Doch ihr musste er es gestehen. Sagen, warum sein bester Freund, den er mitgebracht hatte, nicht nur sein bester Freund war. Sondern sein fester Freund. Seit fast einem Jahr.

Doch Felix konnte nirgendwo hin. Er hatte kein zu Hause, wo er die Feiertage verbringen konnte. Er wohnte bei Florian, seit dieser Felix im wahrsten Sinne des Wortes in der Gosse aufgegabelt hatte. Mitten im Winter. Verdreckt, halb erfroren und völlig fertig mit der Welt. - Seine Eltern hatten ihn rausgeschmissen.

Und Florian hatte Angst, dass es ihm genauso gehen könnte. Natürlich wäre es nicht dasselbe. Er hatte eine Wohnung, das Studium. Beides finanzierte er sich selbst mit der Arbeit als Grafikdesigner. Und das mit gar nicht so schlechtem Einkommen.

Eng wurde es, als Felix dazukam. In der ersten Zeit konnte dieser sowieso nichts tun. Er war schon seit längerem draußen unterwegs gewesen, hatte kaum noch Kraft zum Stehen und hatte sich eine gefährliche Erkältung eingefangen, die einfach nicht abklingen wollte. Fieber hielt beide nächtelang wach. Es wurde besser; langsam ging es mit Felix wieder bergauf und bald konnte sich Flo in das herrliche Lächeln verlieben, das Felix ihm nun Tag für Tag schenkte. Erst nur aus Dankbarkeit, dann aus echter Zuneigung.

Zum nächsten Semester konnte Felix auch sein eigentlich frisch angefangenes Studium wieder aufnehmen. Seine Eltern wollten keinen Kontakt mehr mit ihm, doch als Florian sich bei ihnen höflich vorstellte - ohne Felix - rückten diese seine Sachen heraus und waren froh, nie wieder was von ihm hören zu müssen. Florian sagte nichts dazu. Felix hatte nun zumindest seine Unterlagen fürs Studium wieder alle beisammen, und was noch viel wichtiger war, seinen Ausweis und Krankenversicherungsschein.

Ein gewisser Alltag spielte sich ein und bald konnte sich weder Florian noch Felix vorstellen, je wieder getrennt voneinander leben zu wollen. Und so war es dieses Weihnachten soweit, dass Florian seinen Freund der Familie vorstellen wollte. Und damit gleichermaßen den Fakt, dass er Männer mochte. Denn ausgesprochen hatte er es bisher nie. Nur seine Zwillingsschwester Irina wusste es und behielt es auf Flos Wunsch auch für sich.

Es gab also keine Möglichkeit, das Unvermeidbare abzuwenden. Sie packten für eine Woche ausreichend Klamotten und machten sich auf zur zwei stündigen Autofahrt zu Florians Elternhaus. Die Fahrt über sprach Florian kein Wort. In Gedanken ging er mögliche Varianten durch, wie er es seiner Mutter sagen könnte, doch keine war ihm gut genug. Nervös knabberte er an seinen Fingernägeln, wechselte ständig den Radiosender oder griff immer wieder nach Felix' Hand, der geduldig alles ertrug.

Abends krabbelte Felix von seiner Gästeluftmatratze in Florians Bett und beruhigte ihn mit Küssen bis er selbst zu müde war und einschlief. Flo bekam kein Auge zu. Was man ihm am nächsten Morgen ansah. Grummelnd ging er bei den restlichen Vorbereitungen zum Festabend zur Hand, doch die Nervosität blieb. Selbst Felix' heimliche Berührungen konnten ihm nicht helfen.

Und jetzt saßen er und Felix an diesem herrlich weihnachtlich eingedeckten Tisch, draußen schneite es wie im Märchen dicke Flocken und hier im Warmen waren alle. Wirklich alle! Seine Eltern, seine Schwester, seine Großeltern - alle viere -, seine Onkel und Tanten und Cousinen und Cousins. Er mochte jeden von ihnen, wusste aber nicht, wie sie alle reagieren würden. Seine und Felix' Taschen standen noch immer gepackt in seinem Zimmer. Man wusste ja nie.

Seine Mutter, Beate übrigens, und Schwester standen gerade auf und räumten die Vorspeisenteller zusammen, um Platz für den enormen Hauptgang zu machen. Er fand, dass dies der rechte Zeitpunkt wäre, einen besseren würde es wohl sowieso nicht geben. Felix drückte ihm ein letztes Mal aufmunternd die Hand, dann erhob sich Florian zögernd. Der Stuhl kreischte störend laut beim Zurückschieben und zog die Aufmerksamkeit aller sofort auf ihn.

"Mama, ich … ich …" Er stotterte, brachte keinen vernünftigen Satz heraus. Sein Blick fiel auf Irina. Sie lächelte ihm zu und nickte fest. So atmete er noch einmal durch:

"Mama, ich möchte dir hiermit Felix vorstellen. Nicht als Freund, sondern als meinen Freund, meinen festen Freund. Wir wohnen und leben zusammen und wollen auch in Zukunft zusammen bleiben. Es ist so und wird sich nicht ändern. Ich liebe ihn. Aber ich bin deswegen nicht anders geworden. Und ihr seid noch immer meine Familie und ich liebe euch genauso wie vorher. Und ich… ich… ich liebe Felix!", endete er entschlossen.

Florian holte Luft, fiel auf seinen Stuhl zurück und blickte angstvoll zu seiner Mutter. Die Familie guckte erst Florian ob seines plötzlichen Ausbruchs erschrocken an, dann zu ihr. Stille breitete sich aus. Alle warteten auf Beates Antwort.

"Nun, dann wäre das auch endlich geklärt", sagte sie und servierte den Gänsebraten.

 

Ende

(23.9.2013)