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du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Das Mädchen im Schnee"

 

 


Der Mantel war viel zu dünn für die Kälte. Die Schühchen viel zu flach für den hohen Schnee. Die Hose geklaut, viel zu groß und das zerschlissene Hemdchen hielt nicht wirklich warm. Doch es war ihr egal.

Sie hatte das plötzliche Chaos in der Gastwirtschaft genutzt, als eine Kutsche aus der großen Stadt davor hielt und fünf Edelleute eintraten; um Essen und Nachtlager baten. Sie wirkten gar nicht hochmütig, nur mehr erschöpft von einer langen Reise und das Mädchen hatte sich noch gefragt, wer zur Heiligen Nacht so eine lange Reise unternahm. Natürlich war der Gastwirt und sein Eheweib um die Edelleute herumgekrochen, katzbuckelten und taten alles, um sich möglichst effektvoll anzubiedern, nur um so viele Kupfermünzen wie möglich extra zu bekommen. Diesen Moment nutzte das Mädchen und stahl sich davon. In die kalte weiße Nacht hinaus. Weg von diesen beiden Menschen, die eigentlich für sie sorgen sollten und sie doch immer nur schlugen, hungern ließen und schlechter als die Tiere im Stall behandelten.

Entschlossen stapfte sie weiter. Sie hatte schon den Weg vom Dorf hinter sich, war über die Brücke gegangen und hatte den flackernden Schein der Brückenlaterne hinter sich gelassen. Statt dem Hauptweg in die nächste große Stadt zu folgen, wendete sie sich dem Wald zu. Hier waren noch vereinzelt Spuren von Menschen: dem Holzfäller, dem Jäger, von Kindern, die tagsüber auf dieser Seite des zugefrorenen Flüsschens spielten. Doch diese verloren sich alsbald und sie musste sich ihren eigenen Weg suchen.

Die unberührte Schneedecke lag vom Sternenlicht glitzernd vor ihr und brachte ihr friedvolle Stille. Die hässlichen Stimmen in ihrem Kopf wurden leiser, die geschlagene Wange schmerzte weniger. Doch sie wollte ganz vergessen. Sie schaute nicht noch einmal zurück.

Bald spürte sie schon gar nichts mehr. Ihre Füße nicht, ihre Hände nicht. Der ganze Körper war taub vor Kälte. Doch sie konnte plötzlich frei atmen.

Sie war an einer kleinen Lichtung angekommen, nachdem sie sich einfach quer durch den Wald gekämpft hatte. In der Mitte lag ein kleiner See, vom Eis ganz bedeckt. Ihr gegenüber stieg der Wald an. Hier begannen also die Berge, die sie vom Dorf aus immer so sehnsuchtsvoll betrachtet hatte. Sie war an ihrem Ziel angekommen.

Erstaunt spürte sie Wärme an ihrer Wange. Mit zittrigen Fingern fühlte sie danach und erkannte, dass sie weinte. Sie war frei! Das zu tun, was sie wollte. Ohne Angst, ohne Strafe, ohne Zwang. Und sie wollte Ruhe und Frieden. Sie setzte sich also in den Schnee an den Rand des Sees. Hier wollte sie bleiben.

***

Sie saß noch nicht lange, als eine Bewegung auf der anderen Seite des Sees ihre Aufmerksamkeit suchte und als sie den Blick schärfte, sah sie den Wolf. Er saß aufrecht, die Ohren neugierig aufgestellt und sie beobachtend. Sie blickte zurück, ohne Angst aber mit offener Neugierde. Dann lächelte sie. Es war ein wunderhübsches Tier. So groß und kräftig. Ein ganz weißes Fell bedeckte ihn von den Ohren bis hin zur Schwanzspitze.

Der Wolf legte den Kopf seitwärts, blickte das Mädchen noch intensiver an. Dann beugte er sich weiter nach vorn. Die Lefzen bewegten sich über die langen Fänge, und zitternd zog die Wolfsnase den Geruch des Mädchens auf. Ruckartig zog er den Kopf zurück, nieste laut und bellte kurz, um die verwirrenden Gerüche aus der Nase zu bekommen.

Dann erhob er sich und mit geschmeidigen Schritten trabte er um den See herum auf das Mädchen zu. Sie blickte ihm entgegen, streckte sogar einen Arm nach ihm aus, bewegte sich aber sonst nicht weiter. Der Wolf lief erst einige Kreise um sie herum, bis er endlich entschlossen seine Nase in ihre Hand schob. Es war so eine kleine Hand. Und sie war so fürchterlich kalt. Er schleckte ihr einmal über das Gesicht, dann nahm er ihren Arm zwischen seine Fänge - behutsam - und zog leicht daran, bis sie verstand.

Es war nicht leicht, wieder aufzustehen. Alles schmerzte und sie hatte kaum Kraft. Schwach lehnte sie sich auf die breite Schulter des Wolfes. Dieser knurrte leise und setzte sich ganz in den Schnee. So konnte sie einfach auf seinen Rücken steigen, sich an das warme Fell schmiegen. Erst langsam, dann, als er merkte, dass sie sicher saß, immer schneller lief er zurück, folgte seiner eigenen Spur in den tiefen Wald hinein.

***

Elias lief verbissen durch den tiefen Schnee. In seinen Augen brannten die Tränen der Wut. Seine dicke GORE-TEX-Jacke hatte er sich zwar bei der überhasteten Flucht noch angezogen, aber nicht geschlossen. Genauso wie die Thermostiefel - die Schnürsenkel hingen noch lose herunter, Schnee war schon bis zu seinen Füßen vorgedrungen.

Erst jetzt, als er so plötzlich an einem zugefroren See stand, wurde er sich der Umgebung bewusst, der Kälte bewusst. Schwer atmend beruhigte er sich, blickte sich dabei auf der kleinen Lichtung um. Der See lag in seinem eisigen Schlaf ruhig und wunderschön vor ihm, der Schnee wurde vom Mond und hellen Sternen beleuchtet.

Die letzten heißen Tropfen von seinen Wangen wischend, ging er in die Knie, schnürte sich endlich die Stiefel richtig und schloss beim Hochkommen die Daunenjacke bis zum Kinn. Die friedvolle Stille brachte seine Gedanken endlich zur Ruhe. Ein Seufzen entkam ihm und er ließ sich in den Schnee sinken, setzte sich und starrte auf den See.

***

Das Knurren klang bedrohlich und schreckte Elias auf. Entsetzt blickte er über den See und sah den Wolf. Er saß ihm genau gegenüber am anderen Ufer. Neben ihm stand ein Mädchen. Sie lächelte Elias an und klopfte beruhigend den Rücken des weißen Tieres. Dann sprach sie kurz zu dem Wolf; der leckte ihr nur einmal über die Wange. Dann kam sie um den See herum zu Elias.

Erst direkt vor ihm blieb sie stehen. Sie berührte seine Wange, die so kalt war, mit ihren warmen Fingern. Dann setzte sie sich einfach neben ihn und begann zu sprechen:
"Du bist geflohen?", fragte sie. Elias brauchte noch ein paar Momente, bevor er antworten konnte. Er blickte noch einmal zu dem Wolf hinüber, der aber noch immer dort saß, wo das Mädchen ihn verlassen hatte.
"Ja", sagte er dann.
"Haben sie dir etwas getan?", fragte sie weiter.
Elias verstand die Frage nicht ganz. Getan? Nun ja. Sie wollten ihn zwingen. Überreden, dass zu tun, was er nicht wollte. "Wir haben gestritten."
"Worüber denn?"
"Über mein Leben", sagte er düster und schon wieder wollte die Wut in ihm hochkommen. Sie legte ruhig eine Hand auf seinen Arm und schaute ihn direkt an.
"Nun. Es ist dein Leben."
"Das habe ich denen auch gesagt."
"Dann musstest du sie verlassen. Wenn sie dich nicht mehr bei sich haben wollten." Elias blickte in ihre Augen zurück, sie funkelten, und da wusste er, dass ihre Feststellung nicht wahr war.

"Nein. Sie wollen mich nicht wegschicken. Aber ich will nun mal nicht Jura studieren und die Kanzlei mit meinem Vater führen. Ich will Sportpsychologie studieren. Ich will Kindern und Jugendlichen helfen, die Probleme mit der Familie oder sonstiges haben. Außerdem brauche ich Bewegung, ich kann nicht den ganzen Tag in einem Büro rumsitzen und Akten wälzen und dann im Gerichtssaal streiten. Das hat mir im Praktikum schon gereicht. Ich bewundere meinen Vater, dass er das so gut kann und die Nerven dabei nicht verliert. Aber für mich ist das nun mal nichts."

Elias atmete einmal tief ein. Er wollte gar nicht so viel reden, aber dass musste jetzt raus! Er fühlte sich gleich besser. Das Mädchen schaute ihn mit schräg gelegtem Kopf abschätzend an, genau wie der Wolf drüben am anderen Ufer.

Dann lächelte sie ihn weit und offen an. "Dann wollt ihr beiden ja dasselbe", war ihre Schlussfolgerung. Er hörte sie, ihre Worte, die nur einzeln in sein Gehirn sickerten. Doch dann begriff er. "Ja!", rief er erstaunt aus. Sie wollten beide Menschen helfen. Nur auf ihre jeweils eigene Art, die aber gar nicht so entfernt von einander waren. Helfen: juristisch und sozial! Vielleicht sogar in manchen Fällen gemeinsam.

Das war die Lösung! Wenn er es seinen Eltern auf diese Weise erklären könnte, dann würden sie auch begreifen. Gleich, nachdem er zurück war und sich entschuldigt hatte. Immerhin hatte er sie und seine jüngeren Geschwister beim Weihnachtsessen sitzen lassen. Die Stimmung war mit Sicherheit völlig dahin.

"Komm, wir bringen dich bis zur Waldgrenze zurück. Nicht, dass du dich doch noch verirrst", sagte das Mädchen und stand auf, winkte dabei zum Wolf hinüber. "Und du brauchst vor meinem Bruder keine Angst zu haben." Elias schaute noch skeptisch auf das riesige Tier, das immer größer wurde, je näher es kam. Doch das Mädchen empfing ihn lächelnd, legte vertraut die Arme um den Wolf und küsste ihn auf die große Nase. "Wir bringen Elias zur Waldgrenze, ist das in Ordnung?", fragte sie ihren Bruder aber noch; dieser zwinkerte und bellte kurz. Sie lachte auf, kletterte auf den Rücken und hielt sich mit einer Hand im Fell fest.

***

Das Mädchen plauderte fröhlich, als sie zu dritt durch den Schnee gingen. Nun, er und der Wolf gingen, das Mädchen ließ sich freudig vom riesigen Tier tragen. Ihre Worte untermalte sie mit allerlei Gesten und freute sich, Elias ihre Welt zu zeigen. Sie sprach über den Wald, die Tiere, über die Jahreszeiten und wie sich die Stimmung der Natur im Laufe eines Jahreswechsels änderte. Der aufgeregte bunte Frühling oder der geschäftige goldene Herbst. Doch sie schien vor allem den stillen Winter zu lieben.

"Heute ist Weihnachten, nicht?", fragte sie irgendwann Elias. "Ja. Desto schlimmer ist es, dass ich einfach so davongestürmt bin", gab Elias zu. "Ich bin auch zu Weihnachten gegangen. Doch es war für mich kein Festtag. Ich hätte mir damals jemanden wie dich gewünscht, Elias. Jemand, der Kindern hilft. Aber dann hätte ich Bruder Wolf nicht getroffen. Seit damals feiern wir jedes Jahr Weihnachten zusammen. Als eine Art Geburtstag unserer Freundschaft." "Das ist schön", sagte Elias und in Gedanken dachte er an seine Familie und Freunde.

***

"So, hier ist die Waldgrenze. Weiter gehen wir nicht mit, aber nun findest du sicher nach Hause", sagte das Mädchen, als sie das Licht der ersten Laterne an der Brücke sahen. Elias blickte sie betrübt an. "Ich danke dir. Du hast mir viel geholfen und ich kann dir im Moment gar kein Geschenk machen. Aber vielleicht, wenn du wartest, kann ich von zu Hause etwas holen", schlug er vor.

Doch sie lachte nur, beugte sich weit vor und gab ihm einen Kuss auf die Wange. "Ich brauche kein weiteres Geschenk von dir Elias. Du wirst vielen Kindern helfen, das ist wahrlich Geschenk genug." Damit drehte der Wolf sich um und mit wenigen Sätzen waren die beiden im dunklen Wald nicht mehr zu entdecken.

Elias seufzte, blickte zum Dorf, dann noch einmal zurück zum Wald. Die Fußspuren vom Wolf waren verschwunden. Nur seine eigenen sah er noch. "Danke", sagte er noch einmal in die Stille des Waldes hinein, dann ging er weiter zum Dorf zurück, zu seiner Familie.

 

Ende

(22.11.2013)