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du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ Cupido Keelan."

 

 


 

Keelan hatte ja gewusst, dass Weihnachten eine anstrengend Zeit war. Doch er hatte nicht geahnt, dass es ihn so mitnehmen würde. Theoretisch hatte er bis jetzt noch nichts falsch gemacht und außerdem liebte er seine Aufgabe wirklich und hatte alles dafür gelernt, was es zu lernen gab. Die ersten Aufträge hatte er in Begleitung eines erfahrenen Engels zusammen erledigt und nachdem dieser dem Chef bescheinigte, dass Keelan alles korrekt ausgeführt hatte, durfte Keelan auch alleine los.

Keelan war ein waschechter Cupido. Er hatte sogar passend zu seinem Job eine feine Roséfärbung in seinen Flügeln und seine Federn waren besonders weich und schön geschwungen. Sogar seine spitzen Ohren liefen in feinen Federchen aus und machten sein Gesicht noch etwas feiner. Für seine Arbeit hatte Keelan einen handgefertigten Bogen und Pfeile dabei und er war nicht umsonst bester Schütze im Himmel. Er hatte noch nie einen Schuss vermasselt. Und da seine Erfolgsquote bei 100% lag, bekam er viele Aufträge und vor allem sehr schwierige Aufträge.

Und jetzt, mitten in der wichtigsten Zeit, nämlich kurz vor Weihnachten, häuften sich die Aufträge und Keelan war ohne Pause unterwegs. Das merkte er auch an seinen Flügeln. Sie schmerzten und er hatte das Gefühl, dass er sie auch nicht mehr richtig bewegen konnte. Doch er musste doch zumindest zurück und den eben erledigten Auftrag im Büro abgeben, damit er ordnungsgemäß verwaltet werden konnte. Er nahm Schwung, um endlich höher zu steigen, doch ein reißender Schmerz fuhr ihm durch Flügel, Schulter und Rücken - und mit einem lauten Schrei stürzte Keelan ab.

*

Er wachte auf und wusste nicht, wo er war. Er blickte an eine Holzdecke mit wuchtigen alten Balken und als er den Kopf ein wenig drehte, erkannte er einen kleinen Raum mit einem Fensterchen. Er rappelte sich hoch, stöhnte, da der ganze Körper schmerzte und blickte aus dem Fenster. Er sah eine weite schneebedeckte Landschaft mit einer großen Weide mit braunen Wolltieren darauf und dahinter Wald. Es schneite sachte und Keelan verkroch sich fröstelnd wieder unter die Decke.

Nur nebenher bemerkte er, dass das Bett groß genug war, um auch seine Flügel zu beherbergen. Er musste sie nicht quetschen. Und trotzdem schmerzten sie, als er sie probehalber etwas bewegte. "Au." Das tat richtig weh, er musste sie beim Absturz wohl noch mehr verletzt haben.

Es klopfte an seiner Tür und ein junger Mensch trat herein. Keelan erkannte ihn wieder. Das war sein letzter Auftrag gewesen. Ein junger Mann, mit einem äußerst lieben Hund, der sich einen kleinen Bauernhof gekauft hatte und nun wollige Schafe und süße Alpakas züchtete. Neben dem Menschen drängelte sich auch der Hund mit in den Raum und ließ sich gleich von Keelan streicheln.

"Guten Morgen. Ich bin Wynn und das ist Sita", stellte der junge blonde Mann sich und seinen Hund vor, der es sich nun sogar schon auf den Beinen des Engels gemütlich gemacht hatte.
"Keelan", stellte sich Keelan auch vor und konnte nur lachen, als der Hund genussvoll die Augen verdrehte, als er ihn hinter den Ohren kraulte. Verschmuster Wolf.
"Wie geht es denn deinen Flügeln?", wollte Wynn wissen und reichte dem Engel dabei eine Tasse.
"Tun weh", antwortete Keelan, ohne weiter darüber nachzudenken. Der Mensch hatte seine Flügel bereits gesehen, was sollte er da versuchen, das Offensichtliche zu verbergen. Außerdem war er abgelenkt. Er versuchte nämlich herauszufinden, was ihm der Mensch da zum Trinken gegeben hatte. Er schnupperte daran und konnte sich nicht erinnern, so etwas jemals im Himmel getrunken zu haben.

"Heiße Schokolade", erklärte der Mensch und lächelte ihm aufmunternd zu. Ganz vorsichtig traute sich Keelan und nahm einen kleinen Schluck. OH! Das schmeckte ja noch leckerere als es duftete. Und aufwärmen tat es auch sehr gut. Während er also in kleinen Schlucken trank, erzählte ihm sein Gastgeber, wie er ihn gefunden hatte.

"Meine Sita hat dich entdeckt, als wir über die Weiden spazierten und wir haben dich gleich hergebracht. Zum Glück hast du dir beim Sturz nicht noch etwas gebrochen. Aber du warst ganz schön erschöpft. Du hast fast einen ganzen Tag durchgeschlafen. Ich hatte schon Sorgen, aber dir scheint es so weit wieder gut zu gehen. Und damit du wieder richtig fliegen kannst, bekommst du jetzt meine spezielle Flügelmassage."

Keelan war baff. Dieser Mensch sprach, als würde er die Engel kennen und sich sogar in deren speziellen Anatomie auskennen. Während er noch versuchte hinter dieses Rätsel zu kommen, ließ er sich von dem Menschen auf den Bauch drehen und dann hatte er ein Erlebnis wie noch nie zuvor in seinem Leben.

Der junge Mann griff sich seine Flügel und lockerte sie, streckte sie und löste mit festen und angenehmen Strichen jede kleinste verspannte Stelle, die er nur finden konnte. Keelan wusste erst nicht, wie er sich verhalten sollte, doch bald seufzte er nur noch vor Genuss und döste endlich zufrieden und entspannt weg.

*

Als Keelan ein zweites Mal erwachte, fühlte er etwas Schweres auf seinen Beinen. Sita lag wieder mit im Bett und beobachteten ihn. Er kraulte sie kurz und bewegte probehalber seine Flügel. Es tat noch immer etwas weh, aber war schon viel besser, als zuvor. So schob er seine Beine aus dem Bett, angelte nach seiner Tunika und verließ mit Sita gemeinsam das Zimmer.

Er folgte dem Hund, der zielstrebig zur Treppe in die untere Etage tapste und vor einer Tür hielt, hinter der Stimmen zu hören waren. Keelan klopfte höflich an und trat ein, als ihn Wynns Stimme hereinbat.
"Guten Mor…" Weiter kam Keelan nicht. Wynn saß am Tisch, eine große Tasse in der Hand und ihm gegenüber saß ein Engel. Keelan konnte nur den Rücken mit den Flügeln sehen, aber das reichte schon. Weiße Flügel mit goldenem Schimmer. Solch herrliche Flügel hatte nur einer.
"Herr Michael! Was tun Sie denn hier?"

"Ah, Keelan. Du bist aufgewacht. Komm, setz dich zu uns", bat der oberster der Engel. Keelan folgte der Aufforderung und als er saß, schob Wynn ihm einen Becher mit heißem Tee zu. Es duftete nach Zimt und anderen Gewürzen. Doch Keelan fühlte sich unwohl. So locker an einem Tisch mit Herrn Michael zu sitzen war nicht gerade alltäglich. Nicht, weil der hohe Erzengel sich zu fein war mit den einfachen Engeln zu sprechen, sondern weil er schlicht viel zu viel zu tun hatte. Umso seltsamer, dass man ihn mal außerhalb seines Büros in aller Ruhe Tee trinken sah. Und dass auf der Erde bei einem Menschen. Wynn, besagter Mensch, wirkte ebenfalls seelenruhig, als würde er täglich einen goldleuchtenden Engel und einen Cupido bei sich am Tisch sitzen haben. Da war mehr, als Keelan wusste, doch er getraute sich nicht, danach zu fragen. Lieber leckeren Tee trinken.

"So, Keelan", nahm Michael das Wort wieder auf, als der verschüchterte Liebesengel einige Schlucke getrunken hatte. "Wynn hat mir erzählt, was passierte. Wie geht es dir jetzt?"
"Wieder viel besser. Ich kann bestimmt mit der Arbeit weitermachen."
"Wenn Wynn dich für gesund erklärt, darfst du wieder arbeiten", sagte Michael.
"Ich verstehe nicht", sagte Keelan ehrlich. Warum sollte gerade Wynn die Entscheidung treffen, ob er wieder fliegen durfte oder nicht?
"Na, Wynn ist unser Physiotherapeut. Es gibt keinen, der so gut Flügel wieder einrenken kann, wie Wynn. Deswegen lebt er gleich an der Himmelspforte. So kann ihn jeder Engel schnell besuchen. Ich glaube, ich bin sein häufigster Patient", erklärte Michael und raschelte ein wenig mit seinen Flügeln. "Die Massage von eben war auch wieder ganz hervorragend."

"Weil du es einfach übertreibst, Michi. Du solltest auch weniger tun. Genau wie Keelan. Er braucht Urlaub. Er wird in nächster Zeit gar keine Aufträge mehr erledigen, sondern sich schonen und am besten gar nicht fliegen." Na, da hatte er was gesagt. Keelan schaute erschrocken auf.
"Werde ich bestraft, dass ich meine Aufträge erfüllt habe?", wirkte Keelan völlig verstört. Warum durfte er nicht mehr seine Aufgabe erfüllen?
"Keelan, du wirst nicht bestraft. Du bekommst freie Zeit, um dich zu erholen. Danach kannst du wieder voll und ganz Liebesengel sein. Du hast jetzt also Urlaub", erklärte Wynn dem verwirrten Engel.
"Urlaub?"
"Ja. Urlaub. Das ist Zeit, in der du nicht arbeiten musst und all das tun kannst, was du schon immer mal tun wolltest. Ausschlafen zum Beispiel."

Das musste Keelan erst einmal sacken lassen. Urlaub. Urlaub im Winter zu Weihnachten, wo es doch die meisten Aufträge gab. Er blickte fragend zu seinem Chef, ob es wirklich so sein sollte. Der nickte.
"Es ist so, wie Wynn sagt. Da du so fleißig warst, sind auch schon mehr Aufträge erledigt, als geplant waren und die restlichen werden auf andere Engel verteilt. Du musst jetzt nur noch eine Entscheidung treffen: möchtest du deinen Urlaub im Himmel machen oder auf der Erde? Wynn hat nichts dagegen, über die Feiertage einen Gast zu haben." …

"Oh", fiel da Keelan erst einmal nur ein und er blickte zwischen Wynn und Herrn Michael hin und her. Konnte er sich wirklich einfach bei Wynn einquartieren? Die Entscheidung wurde ihm abgenommen: Sita schob seine Schnauze auf Keelans Schoß und wedelte freudig mit dem Schwanz.
"Sita jedenfalls würde sich riesig freuen, wenn du eine Weile bleibst und mit ihr spazieren gehst", übersetzte Wynn das Verhalten seines Hundes.
"Nun, wenn Sita das möchte", sagte Keelan und kraulte den Kuschelwolf hinter den Ohren.
"Sehr schön. Willkommen auf meinem Hof. Ich hoffe, du wirst einen schönen Urlaub haben", lachte Wynn und stellte für alle noch einen Teller mit frisch gebackenen Plätzchen hin.

*

Wynn schaute aus dem Fenster und schmunzelte. Auf der Weide bei den Schafen und Alpakas sah er Keelan. Der Engel knuddelte die Tiere und sah glücklich und zufrieden aus. Neben her lief Sita und freute sich mit dem Engel. Und Wynn selbst freute sich, dass er dieses Weihnachten nicht allein verbrachte. Er hatte allerhand zutun, denn sein Weihnachtsgast wollte alles über das Weihnachtsfest wissen und ausprobieren, denn Keelan wusste zwar, dass er zu dieser Zeit mehr Arbeit hatte, aber nicht, warum. So war er fast immer in Wynns Nähe und schaute, was der so trieb, inklusive Geschenke verpacken, die Wynn dann an gute Freunde verschickt hatte. Außerdem hatten sie mehr als einmal die Küche unsicher gemacht und Plätzchen in rauen Mengen gebacken.

Jetzt aber hatte Wynn den Urlaubsengel nach draußen verbannt, um für den Abend alles schön herzurichten. Er hatte sogar mit Hilfe Michis heimlich ein Geschenk für Keelan besorgt und kochte nun den Festtagsschmaus. Da sollte Keelan nicht mithelfen. Er sollte sich austoben und bedienen lassen und ein richtig schönes Weihnachtsfest haben. So schnippelte Wynn an den Zwiebeln für den Schmorbraten weiter, damit auch alles pünktlich fertig wurde.

*

Oben im Himmel lächelte Michael vor sich hin. Mit einem extra dicken Stempel markierte er Wynns Akte mit "ERLEDIGT" und schob ihn in die passende Ablage. Es hatte gedauert, aber auch für ihren persönlichen Engel-Physiotherapeuten hatte er schlussendlich eine passende Seele gefunden und Keelan hatte seinen Auftrag noch vor dem Sturz beenden können. Die junge Frau war schon auf dem Weg zu Wynn, was sie natürlich nicht wusste, und würde in der Nähe des Hofes eine Panne mit ihrem Auto haben. Keelans Schüsse würden bis dahin noch ausreichend Magie haben, um die beiden sich Herz über Kopf verlieben zu lassen, wenn Wynn ihr zur Hilfe eilen würde.

Zwar wird das erst nach den Feiertagen passieren, anders hatte es sich einfach nicht einrichten lassen, aber damit Wynn Weihnachten nicht allein verbringen musste, hatte Michael ja auch die Lösung parat gehabt. Keelan war einer der fleißigsten Engel, die er je gesehen hatte und ihm jetzt Urlaub zu geben und damit Wynn auch ein schönes Fest bereiten zu können, war doch mal ein ausgezeichneter Plan - und der hatte auch noch so gut geklappt.

Michael streckte sich und spreizte stöhnend die Flügel. Auch er würde jetzt ein Tag Pause machen und mal bei Gabriel und Raphael vorbeischauen. Und Wynn müsste er auch bald noch mal besuchen. Nicht nur der Massagen wegen, auch die Plätzchen, der Tee und der Kakao waren immer wieder gut.

 

 

Fröhliche Weihnachten

 


 

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