zurück zur Bibliothek

Impressum

 

 

du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Blind-Date auf dem Weihnachtsmarkt"

 

 


 

Heute war aber auch wieder eine Völkerwanderung. Anna hatte gerade so noch einen Platz in der Bahn bekommen. Ihr graute es schon vor der Innenstadt. Wenn so viele auf den Weihnachtsmarkt wollten, wie viele mochten bereits dort sein? Wie sollte sie so ihr Date finden? Ein Blind-Date? Sie wusste nicht, wie das Date aussah oder was er tragen könnte. Eigentlich wusste sie gar nichts von ihm, denn sie hatte Freunde, die seit gestern keine Freunde mehr waren.

Die hatten nämlich heimlich ohne ihr Wissen ein Date für sie organisiert und sie mit dieser freudigen Neuigkeit gestern Abend überrumpelt. Sie war so perplex, dass sie gar keine Möglichkeit hatte "Nein" zu sagen.

Trotz aller Bedenken und ihrer Entrüstung über diese unverschämte Aktion ihrer Nicht-mehr-Freunde, hatte sie sich auf den Weg gemacht. Sie hatte sich nicht extra herausgeputzt, nur ihre schwarze Lieblingsjacke für kalte Zeiten angezogen und die bunte Strickmütze, unter der ihre längeren Haare hervorlugten. Wenn ihm das nicht gefiel, Pech. Dann war er eh nicht der Richtige.

Die Bahn hielt und sie schreckte auf. Oh, hier musste sie doch raus. Das wollten auch die meisten anderen und obwohl Anna so flink gewesen war und ganz vorne an der Tür stand, war sie nicht die erste, die auch ausstieg. Eine bereits gut angetüdelte Truppe lustiger Frauen drängelte sich an ihr vorbei, als würde der Weihnachtsmarkt in den nächsten fünf Minuten schließen. Sie wurde grob in die Seite gestoßen und stolperte, dann lag sie schon auf den Knien.

Es tat etwas weh, aber viel schlimmer war, dass sie auf dem Bahnsteig lag, ihr Fuß sich aber irgendwie zwischen der Tür verhakt hatte. Sie zog kräftig am Fuß, doch bekam ihn nicht frei. Wenn der Zug jetzt weiterfuhr, würde sie mitgeschleift. Und die dummen Gänse, die sie dahingebracht hatten, interessierte das gar nicht. Sie pilgerten laut lachend dem Ausgang zu.

Verdammt! Das war nicht gut. Sie bekam Angst, vor allem, da die Türen sich jetzt schon wieder alle automatisch schließen wollten und mit lautem Piepen dies ankündigten.

Da sprang ein dunkler Schatten heran, griff ihren Fuß und hatte den Schuh in wenigen Augenblicken gelöst. Ihr Bein war frei und mit einem beherzten Griff wurde sie auf die Füße gezogen und von der Bahnsteigkante weggebracht, gerade als der Zug anrollte und gemächlich seinem nächsten Ziel entgegenfuhr.

Anna blickte dem Zug zittrig hinterher, bis sie merkte, dass ihr Helfer sie noch immer festhielt. Das war gut so, denn sie war noch ganz unsicher auf den Beinen.
"D~danke", stieß sie schwer atmend hervor. "Das war Rettung in höchster Not."
"Keine Ursache. So etwas tun Ritter nun mal", lachte er und verbeugte sich scherzhaft vor ihr. Erst jetzt schaute Anna direkt hinauf in das fröhlich lachende Gesicht ihres Helfers.

Wow! Was für strahlende Augen.

Überhaupt war ihr Retter eine wahre Augenweide. Groß, ein langer Mantel unterstützte das noch. Ein hübsches Gesicht, das zwar gepflegt, aber eindeutig männlich war. Ein starkes Kinn, das ihm Selbstbewusstsein und Sicherheit verlieh. Und anlehnen konnte man sich an ihn sowieso hervorragend.

"Die blöden Weiber da haben mich einfach auf den Bahnsteig gestoßen und keine hat es interessiert. - Ich glaube, ich brauche jetzt einen kräftigen Glühwein. Willst du auch einen? Ich gebe dir einen aus, ach, ich bezahle dir den ganzen Abend Glühweine. Soviel du willst."

Das war das mindeste, was sie als Dank tun konnte.
"Heißt das, dass ich den ganzen Abend mit dir verbringen muss, um meine Glühweine zu bekommen?"
"Ähm. Wahrscheinlich. - Außer du hast natürlich anderes vor. Da hab ich gar nicht drüber nachgedacht. - Ich will mich auch nur bedanken. Du musst nicht mit mir den ganzen Abend unterwegs sein. Eigentlich habe ich ja auch so eine blöde Verabredung."

"Achso. Eine blöde Verabredung? Warum ist sie blöd?"
Er hatte sie noch immer am Arm und führte sie Richtung Treppe, die sie vom Bahnsteig wegbrachte. Augenscheinlich hatten sie beide das gleiche Ziel: den Weihnachtsmarkt auf dem Domplatz.

Sie berichtete in Kürze, was ihre Freunde gemacht hatten und ließ auch keine Zweifel daran, wie sehr sie das ärgerte.

"Aber trotzdem bist du hier", stellte ihr Retter fest und lächelte sie wieder so lieb an, dass sie dahinschmelzen könnte.
"Ja. Weil ich den armen Teufel nicht einfach so stehen lassen will. Wenigstens begrüßen will ich ihn und das Missverständnis aufklären. Dann sehe ich ja, ob man noch einen Glühwein gemeinsam trinken kann oder nicht. Vielleicht hat er dann auch schon keine Lust mehr. - Wenn ich nur wüsste, wie er aussieht oder was er anhat…."

"Ihr habt euch kein Verabredungsmerkmal ausgemacht?"
"Nein. Nur dass wir uns direkt am Eingang zum Dom treffen sollen. Wenn dort also ein einsamer Mann wartet, dann ist er es vermutlich."

"Dann begleite ich dich dorthin. Nicht, dass dich wieder eine feierwütige Menschenmasse nieder rennt. Ich bin übrigens Anton."

"Oh! Danke. Das ist aber lieb von dir. Ich bin Anna."

Sie schlenderten also in aller Ruhe zum Dom und unterhielten sich über Weihnachtsmärkte im Allgemeinen, dass Anna eigentlich sehr gerne die Märkte besuchte und es schade war, wenn man von Freunden zu so einer Aktion gezwungen wurde. Anton erzählte ihr, dass er auch solche Freunde hatte, die gerne Dinge für ihn planen, ohne dass er davon wüsste. Er konnte ihr Leid also gut nachempfinden.

Sie kamen schon bald an der ersten Glühweinbude an. Anna machte ihr Versprechen wahr und kaufte für sie beide gleich einen Heidelbeerglühwein. Einerseits konnte sie sich so direkt bedanken, andererseits brauchte sie etwas, um sich Mut zu machen. Und wer wusste, wie lange sie Anton noch sah. Sobald ihr ungewolltes Date da war, würden sich ihre Wege sicherlich trennen.

Das stimmte sie traurig. Anton war ein liebevoller und frohgestimmter Mensch, mit dem sie gerne noch länger zusammen über den Weihnachtsmarkt geschlendert wäre. Ihn für ein unbekanntes Date aufzugeben, fiel ihr schwer. Ob sie nach seiner Telefonnummer fragen sollte?

Der Gedanke kam leider zu spät. Sie waren schon am Dom angekommen. Es standen einige Leute dort, aber alle in Grüppchen. Bisher noch kein einsamer Mann. Sie stellten sich direkt in den Eingang, der sie ein wenig vor dem Wind schützte und tranken ihren Glühwein und plauderten. Irgendwann schlug einmal die Glocke des Doms und Anna schreckte auf.

"Es ist ja schon eine halbe Stunde über unserem ausgemachten Zeitpunkt."
Sie hatte gar nicht gemerkt, wie die Zeit vergangen war.

"Also wenn er bis jetzt noch nicht aufgetaucht ist, wird er es auch nicht mehr", stellte Anton fest. "Oder willst du noch etwas warten?"
"Nein, eigentlich nicht", schüttelte Anna den Kopf. Zwar war sie enttäuscht, dass man sie versetzt hatte, aber eigentlich freute sie sich umso mehr, da sie Anton nun zumindest noch auf einen weiteren Glühwein einladen konnte.

"Dann kannst du eigentlich dein Versprechen einlösen und mir den restlichen Abend Glühwein ausgeben", sagte er da auch schon und lachte sie fröhlich an. Der machte sich ja nicht viel aus einem geplatzten Date! Na ja, es war ja auch nicht seines.

"Wenn du nichts anderes vorhast? Ich will dich nicht von irgendetwas abhalten", fragte Anna etwas schüchtern nach.
"Keine Sorge. Ich habe heute nichts anderes vorgehabt. Ich stehe dir also ganz und gar zur Verfügung", sagte er und zwinkerte ihr zu.

Anna lachte, vor Glück und weil Anton einfach wirklich witzig war - und außerdem hatte sie gerade einen riesengroßen Schmetterlingsschwarm in ihrem Bauch. Das Date hatte sich also doch gelohnt, wenn auch auf so unverhofft andere Art und Weise.

Mit guter Laune zog sie ihn ins Getümmel und die Menschenmassen. Nun hatte sie ja einen Wächter an ihrer Seite, also selbst wenn sie dem gefährlichen Weiberclan noch einmal begegnen sollten, war sie sich sicher, dass Anton sie beschützen würde.

Bei Glühweinen war es natürlich nicht geblieben. Anna und Anton tranken und naschten sich systematisch von einer Seite des Weihnachtsmarktes zum anderen durch, wobei Anna stets die Getränke bezahlte und Anton ihre Beköstigung.

Sie lachten und quatschten viel und Anton half ihr sogar, noch einige kleine Geschenke für ihre Familie zu finden. Er war als Einkaufsberater wirklich hervorragend und zeigte eine Menge Geduld, wenn Anna sich zwischen einem süßen Ren oder einem putzigen Weihnachtsmann einfach nicht entscheiden konnte.

Enttäuscht merkte Anna auf, als sie erste Buden sah, die schon geschlossen wurden.
"Schade, sie machen schon zu."
Es war so ein toller Abend gewesen und eigentlich wollte sie den noch gar nicht beenden.
"Was machen wir denn jetzt?"
"Jetzt werde ich dich zurück zum Bahnhof bringen und aufpassen, dass du heil in den Zug kommst", erklärte Anton und lächelte noch immer so toll, wie schon den ganzen Abend.
Anna spürte noch mehr Enttäuschung. Er wollte sie also los haben.

"Und wenn du mir deine Telefonnummer gibst, können wir uns für ein weiteres Date verabreden, denn ich habe den Abend sehr genossen", sagte er und brachte Anna damit völlig aus dem Konzept.
"Was? Du willst mich noch mal treffen?"
"So, wie ich eben sagte. Außer du möchtest nicht mehr. Doch ich hatte den Eindruck, dass wir viel Spaß zusammen hatten."
"Hatten wir auch. Gerne will ich dich noch einmal treffen."
Sie tauschten ihre Nummern aus und tatsächlich brachte Anton sie anschließend bis zum Zug. Sie winkte ihm bis sie ihn nicht mehr sehen konnte.

Nun musste sie überlegen, was sie mit ihren Verräter-Freunden tat. Denn eigentlich hatte sie heute Abend wirklich ein Date gehabt und es zudem auch noch genossen. Dass es ein anderer Mann gewesen war, tat da ja nichts zur Sache.

Sie wurde von ihrem Handy aufgeschreckt und freudig las sie Antons Nachricht.

*

Und Anton? Der lächelte glücklich. Wie sehr war er doch heute Nachmittag noch angespannt gewesen. Er hatte eigentlich gar nicht in die Innenstadt gewollt. Hatte seine Freunde zum Teufel gewünscht, die ihm einfach so ein Blind-Date verschafft hatten, ohne dass er davon gewusst hatte.

Aber er wollte das Mädchen, das dann sicherlich vor dem Eingang des Doms warten würde, nicht allein stehen lassen und ihr zumindest "Hallo" sagen, vielleicht mit ihr etwas trinken und alles erklären.

Dass er gar nicht bis zum Dom hatte laufen brauchen, dafür sein Blind-Date in so einer gefährlichen Situation entdeckt hatte, war natürlich weder beabsichtigt noch vorauszusehen gewesen. Dass sich das süße Mädchen mit der lustigen bunten Strickmütze dann aber wirklich als sein Blind-Date herausstellte, war ein unerwarteter und schöner Zufall.

Bestimmt wäre Anna, aber auch er selbst, nicht so locker miteinander umgegangen, wenn sie sich gezwungen planmäßig am Dom erst getroffen hätten.

Anton grinste vor sich hin, als er auf den nächsten Zug wartete. Ja, es war ein wirklich sehr schöner Abend gewesen. Er musste es ihr einfach noch einmal schreiben.

Er zog sein Handy hervor und schrieb es genauso. Dann wünschte er Anna eine schöne Nacht und bekam fast sofort eine niedliche Antwort, die ihn in seinem Plan bestärkte: morgen würde er sie gleich auf einen Kaffee einladen.

Er musste nur entscheiden, ob er ihr auch verraten sollte, dass er ihr geheimes Blind-Date war. Ende.

10/ 2018

 


 

nach oben