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du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Alexander Ried - Teil 9"

 

 


 

Alex stand an die Rückseite der Scheune gelehnt, im tiefen Schnee und atmete hektisch. Die Tränen wollten gar nicht mehr aufhören. Alles war noch so verworren und doch plötzlich so klar. Rian war Markus. Wie der Namenswirrwarr entstand, fragte er sich nur kurz. Vielmehr tauchte immer wieder die Frage auf, warum Rian das gemacht hatte. Hatte er Spaß daran, andere so hinters Licht zu führen? Hatte er mit einer Firma und deren Leitung nicht schon genug zu tun? Wer war Graham? Und vor allem, was wollte Rian überhaupt mit Alex? Viel zu jung, viel zu naiv und viel zu emotional. Er wusste, wie er war, wusste, dass er dadurch viel leichter zu lesen und zu verletzen war. Er hatte schon oft gedacht, dass er diese Gefühle irgendwie loswerden müsse, wenn er im Leben nicht immer wieder enttäuscht werden wollte. Dies bewies es ja nur.

Entschlossen schluckte er die nächsten Tränen herunter, trocknete die Augen mit dem schönen blauen Einstecktuch, das Sascha noch so voller Eifer für ihn herausgesucht hatte, und ging mit steifen Schritten zurück zum Festsaal. Im Foyer war keiner mehr, außer einer jungen Kellnerin, die gerade einen vollen Karton mit Sektflaschen trug. Er ging in die Garderobe, suchte seinen Rucksack und seine Jacke heraus und verabschiedete sich bei der verblüfften jungen Frau, die fragte, ob sie ihm helfen könne.
"Nein. Oder doch. Vielleicht können sie Dirk ausrichten, dass ich mich nicht gut fühle und gegangen bin. Dirk ist - ähm, suchen sie Caspar. Das ist der schwarze Hüne. Ihm können sie das auch sagen. Danke." Sie nickte nur und schaute zu, wie er ins Dunkle nach draußen verschwand.

Alex vermied die hell erleuchteten Stellen um die Feuerschalen, die man auch von drinnen deutlich sehen konnte und senkte den Blick, um ja nicht nach innen zu sehen. Sein Entschluss stand fest und daran war nicht zu rütteln. Er ging die ersten Schritte auf der Zufahrtsstraße entlang, die durch die vielen Autos trotz Schnee leicht begehbar war. Als auch das letzte Licht vom Gutshof verschwunden war, wollte er schon seine kleine Taschenlampe herausholen, doch stand heute der Mond fast voll genau über ihm, so dass er im weißen Schnee gar kein weiteres Licht benötigte.

Er zog also nur seinen Schal aus dem Rucksack, den er dort aufgrund seines Alters versteckt hatte, und wickelte ihn sich um den Hals, denn auch wenn er gerade keinen Sinn für Kälte um sich herum hatte, wusste er, dass es Minusgrade und Wind hatte. Der Frost in seinem Inneren war viel stärker. Als er seinen Rucksack wieder ganz auf den Rücken schieben wollte, rutschte er jedoch in einer Schneemulde aus und wollte mit einem weiten Schritt sein Gleichgewicht wieder finden. Dabei überdehnte er sein verletztes Bein zu weit, er spürte ein Ziehen, ja fast ein Reißen, dort wo der blaue Fleck war und konnte sich nicht mehr halten. Er fiel, aber weich, in den Schnee. Das passte ja ganz ausgezeichnet, dachte er wütend und rappelte sich energisch wieder hoch. Er konnte ja schlecht hier liegen bleiben. Das Bein wollte nicht so ganz und er zischte schmerzvoll auf. Scheiße, tat das weh! Er blieb einige Minuten ruhig stehen, bis sich sein Puls wie auch der Schmerz etwas beruhigt hatten. Als er dann den ersten Schritt machte, war es sogar erträglich und wurde nach weiteren immer besser, es wich einer unbestimmten Taubheit.

Er lief lange, bis seine Konstitution nicht mehr mit machte. Er wurde langsamer, die Wut im Kopf weniger. Er begann wieder rationaler zu denken. Taxi! Das musste jetzt her. Er holte sein Handy hervor, doch bevor er wählen konnte, sah er Scheinwerfer im Dunkeln vom Gutshof auf sich zukommen. Er dachte "Rian" und wollte sich schon kindisch im Seitengraben hinter einem Strauch verstecken, doch schüttelte er nur den Kopf und ging also einfach weiter. Je näher das Auto kam, umso deutlicher hörte er, dass es nicht der große Amarok war. Er atmete erleichtert auf und wendete sich dem Auto zu. Es war Dirk. Dieser hielt das Auto an, ließ aber den Motor laufen, als er ausstieg und zu Alex kam.
"Alex, geht es dir gut? Bist du in Ordnung?" Alex nickte nur, wurde aber kritisch angeschaut.
"Ich weiß nicht, was gerade vorgefallen ist, aber du kannst doch nicht so einfach verschwinden, Alex. Wir machen uns doch alle Sorgen."
"Mir geht es gut, danke. Außerdem habe ich der Kellnerin Bescheid gegeben."
"Ja. Das arme Ding kam aufgeregt zu uns und sagte verwirrend, dass du mit verweinten Augen davongerannt wärest." Alex biss sich auf die Lippen. Er dachte, er hätte sich schon so weit wieder im Griff gehabt.
"Willst du mir nicht sagen, was passiert ist, damit wir das klären können?" Er schüttelte nur vehement den Kopf. Auch Dirk sah wohl ein, dass heute Abend da nichts mehr zu machen war. Er schob ihn zum Auto hin und bemerkte dabei die kalten Finger.
"Na gut. Komm, ich fahre dich wenigstens nach Hause. Meine Güte, du bist ja eiskalt. Bist du im Schnee ausgerutscht?" Alex schwieg stur vor sich hin, auch wenn Dirk eigentlich derjenige war, der eine Erklärung wirklich verdient hätte. Er brauchte die ganze Strecke bis zu seiner Wohnung, bevor er endlich wieder etwas sagen konnte, aber auch merkte, wie er am Körper zu zittern begann. Die Klamotten waren feucht und der Weg übers Feld hatte ihn auch schon reichlich ausgekühlt.
"Es tut mir leid, Dirk. Wegen mir verpasst du jetzt die Feier. Aber ich kann dir nicht sagen, was passiert ist. Das… das geht nicht."
"Alex. Hat es mit Markus zu tun? Hat er dir etwas getan? Ihr wart dort draußen und Martina sagte, ihr hättet miteinander geredet, dann wäre Markus aber allein hereingekommen. Auch wenn er unser Chef ist, darf er nicht alles."
Oh nein! Jetzt wurde Rian sogar zum Straftäter abgestempelt. Das wollte er auch nicht.
"Nein, Dirk. Ri… äh, Markus hat nichts getan. Wir sind wohl nur unterschiedlicher Auffassung was …" … was Ehrlichkeit betraf, wollte er sagen, doch konnte er nicht.
"Dirk. Ich weiß nicht, was ist. Ich brauche Zeit und ich glaube, auch eine heiße Dusche. Ich bin wirklich im Schnee ausgerutscht."
"Ist gut, Alex. Schlafe dich aus. Montag sprechen wir gemeinsam darüber. Wenn du dich stark genug fühlst, auch mit Markus. Aber das musst du nicht allein tun. Ich bin dabei, wenn du willst, oder auch Casper, wenn du dich mit ihm sicherer fühlst." Dabei grinste er Alex wölfisch an und konnte ihm sogar ein kleines Lächeln abringen.
"Danke, Dirk. Bitte sag allen, ich wollte euch nicht vom Feiern abhalten. Casper hat ja noch seinen Auftritt. Vielleicht kommst du noch rechtzeitig, um ihn zu sehen…"
"Klar. Ich geb' Gas. Das will ich nicht verpassen. Außerdem macht Inge bestimmt viele Fotos, extra auch für dich…"

Sogar in dieser Situation spürte Alex, wie er bei diesem Gedanken rot wurde. Er sprang hastig aus dem Auto, winkte Dirk noch einmal und kletterte dann die vielen Stufen in seine Wohnung hinauf.

Er ließ alles von sich fallen, kaum dass er seine Wohnungstür hinter sich schloss. Er zitterte am ganzen Körper und hatte das Gefühl, gar nicht mehr warm werden zu können. Er ging direkt unter die Dusche, stellte das Wasser immer heißer und fühlte ein Kribbeln durch den Körper rieseln, als er so langsam wieder auf Normaltemperatur kam. Noch einmal musste er einen Kälteschauer über sich ergehen lassen, als er mit blanken Füßen in sein Schlafzimmer tappte, um sich dort mit seinem warmen Schlafanzug, Socken und einem Strickpullover zu versorgen.

Und auch wenn ihm eigentlich viel zu viel durch den Kopf ging, kaum lag er, war er auch schon eingeschlafen. Die vielen Gefühle und die Kälte forderten ihren Tribut.

***

Alex erwachte, da er sich nicht gut fühlte. Ihm war schlecht und er hatte Kopfschmerzen und ein taubes Gefühl in seinem angeschlagenen Bein. Kein Wunder, nach so einem Abend. Er kämpfte sich hoch und machte sich einen Kaffee, diesmal trank er die ersten Schlucke pur, bevor er Milch dazugab. Er blickte in den Kühlschrank, befragte seinen Magen und schloss dann die Tür, ohne sich etwas zu nehmen. Er griff sich ein Stück trockenes Toast und aß es ohne irgendetwas drauf. Allein bei dem Gedanken an süße Marmelade oder Deftiges wurde ihm übel.

Er holte sich seinen Laptop heran und ließ ihn hochfahren. Er hatte sich entschieden und brauchte auch nicht lange, die Kündigung zu schreiben. Da er sogar noch in seiner Probezeit war, konnte er also sofort und ohne Angaben von Gründen aufhören, und als er kurz daran dachte, dass er erst seit Oktober da war, merkte er, wie viel er in dieser Zeit erlebt hatte und wie sehr ihm manche Menschen in dieser kurzen Zeitspanne wichtig geworden waren. Doch für ihn gab es keine Alternative.

Er druckte alles aus, unterschrieb und zog sich seine warmen Wintersachen an. Er machte sich direkt auf den Weg, auch wenn es noch sehr früh war. Er wollte es hinter sich bringen und da es Sonntag war, brauchte er auch keine Angst zu haben, jemanden in der Firma zu begegnen. Er fand auch alles still vor, warf den Brief in den schicken, modernen Briefkasten und fühlte sich danach erleichtert, wenn auch traurig. Auch ein genervtes Gefühl machte sich breit. Jetzt ging der ganze Quatsch mit dem Arbeitsamt und den Bewerbungen erneut los.

Dafür hatte er aber Zeit. Jetzt musste er erst mal wieder nach Hause kommen, was sich als schwieriger herausstellte, als gedacht. Im Bus begann er zu zittern, ihm war wieder so kalt wie gestern Nacht. Gleichzeitig war ihm die Winterjacke zu viel, da es ihm plötzlich heiß wurde. Er verpasste seine Haltestellte und musste die nächste nehmen und eine ganze Ecke weit zurückhumpeln. Die Treppen bis in seine Wohnung hätte er fast nicht geschafft. Er schnaufte und seine Lunge schmerzte und sein Bein tat höllisch weh. Er machte Wasser für Tee heiß, pellte sich aus den verschwitzten Klamotten, konnte sich aber nicht durchringen, schon wieder nass zu werden. Er zog den Schlafanzug direkt an und verkroch sich mit der Tasse aufs Sofa, hatte seine warme Bettdecke dabei.

***

Er wachte auf, weil er dringend musste. Er humpelte mit Schmerzen im Bein zur Toilette und trank dann etwas vom kalten Tee, bemerkte den Fernseher laufen und schlief auf dem Sofa wieder ein.

***

Er hatte Bauchschmerzen, dachte daran, dass es Hunger sein könnte, und spürte sofort Übelkeit, wenn er auch nur an irgendetwas zu Essen dachte. Lieber noch einen Tee. Der Mond hing über seinem schrägen Küchenfenster. Er schaffte zwei kleine Schlucke vom Kräutertee, dann schlief er schon wieder fest. Zitternd vor Kälte und Hitze gleichermaßen.

Er träumte wirres Zeug. Rian tauchte darin immer wieder auf und dieser Graham auch. Sein Handy klingelte, er hat ja auf Rians Anruf gewartet, doch als er es abhob, war keiner dran. Stattdessen klingelte es weiter. Und weiter. Es ließ ihm keine Ruhe und holte ihn ein wenig in die Wirklichkeit. Er begriff, dass es seine Haustürklingel war. Warum?, fragte er sich. Er kämpfte sich zur Tür, drückte auf den Summer für den Hauseingang unten. Ihm war schwindlig, immer wieder verschwamm seine Wohnung vor seinen Augen und er musste sich an die Wand anlehnen, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren, da er das rechte Bein nicht belasten konnte. Er schloss die Augen, als es nicht besser wurde und schreckte auf, als es an seiner Tür direkt klopfte. Ein Rauschen auf seinen Ohren. Er fand kaum Kraft, die wenigen Schritte zu gehen, um zu öffnen. Er sah, wie die Tür weiter aufgeschoben wurde, spürte, dass jemand bei ihm war. Das letzte, was er wahrnahm, war ein angenehmer beruhigender Geruch, der ihn einhüllte. Endlich!, dachte er und zufrieden seufzend überließ er sich diesem bekannten winterlichen Duft und den sanften Händen.


Teil 8

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