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du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Alexander Ried - Teil 8"

 

 


 

Der Freitag verlief wie ein typischer kurzer Arbeitsfreitag. Alle waren etwas lockerer drauf. Sogar Frank hatte die Nacht mal wieder vernünftig schlafen können und war gesprächiger. Alex hatte für den nächsten Tag - den Weihnachtsfeiersamstag - einen Busfahrplan mit den festgelegten Haltestellen für Hin- und Rückfahrt aufgestellt, sowie einen detaillierten Zeitplan für die Weihnachtsfeier angefertigt und besprach die gerade ein letztes Mal mit allen in der Abteilung.
"Wow, Alex! Das ist super. Aber was machen wir, wenn Markus nicht kommen kann morgen? Er soll doch nach der Vorspeise das Buffet eröffnen. Wer macht das dann?"
"Das macht Alex", platze Inge mit ihrer Idee hervor und alle nickten begeistert, außer Alex. Der konnte sich aber gar nicht dagegen sträuben. Er wurde nicht gefragt und auch nicht weiter beachtet, da Frank und Dirk die Route des Busses näher studierten und Inge und Caspar über letzte Details des Weihnachtsmann-Kostüms beratschlagten.

So verkrümelte sich Alex zurück an seinen Schreibtisch und kramte sein Handy hervor. Keine Nachricht von Rian. Rian wusste selbst nicht, wann sie es zurück schafften, so konnte er das schon verstehen, aber er vermisste ihn trotzdem und wünschte sich, er könne pünktlich wieder da sein, zumal er endlich wissen wollte, was Rian sagen wollte. Insgeheim hoffte er ja, dass er mit Rian am Wochenende noch sehr viel mehr erleben könnte als nur eine Weihnachtsfeier. Sein Husten ist merklich besser geworden und auch sein Bein sah nicht mehr so schlimm aus. Es tat zwar manchmal noch weh, wenn er es zu lange belastete, aber sonst war die Schwellung schon etwas zurückgegangen und der blaue Fleck auch nicht mehr ganz so blau. Es schimmerte eher in sämtlichen Schattierungen von dunkellila bis hellgrün.

Alex fühlte sich daher auch fit genug für eine kurze Shoppingtour in der Innenstadt. Er hatte gestern einen Blick auf sein Konto riskiert und mit Freude gesehen, dass er ein wenig übrig hatte. Vor allem, da sie bei der letzten Monatsabrechnung schon den ersten Teil des 13. Monatsgehaltes überwiesen bekommen haben. So wollte er Saschas Angebot annehmen und schauen, ob er bei dem teuren Herrenausstatter vielleicht ein schickes neues Hemd zu seinem Anzug finden konnte. Diesen hatte er sogar dabei, damit später auch alles zusammenpasste.

Als er schon am frühen Nachmittag dort war, wurde er auch gleich freudig von Sascha empfangen. Er wusste sogar noch seinen Namen und die führsorgliche Frage, ob es ihm wieder besser ginge, zeigte deutlich, dass er um seine Mitmenschen ehrlich besorgt war.

Sie kramten sich durch eine Auswahl verschiedener reduzierter Hemden; Sascha wurde noch einmal lockerer und scherzte viel. Sie entschieden sich für ein intensiv blaues Hemd, das ausgezeichnet zu seinem anthrazit farbenen Anzug passte. Als Alex bezahlt hatte und Sascha das Hemd in einer schönen Papiertüte verpackt hatte, überraschte er Alex mit der Frage, ob sie nicht einen Kaffee gemeinsam trinken gehen wollten. Alex nickte perplex, fragte aber gleich zurück, ob der Chef denn Sascha so einfach gehen lassen würde.
"Ach, der Alte kann das hier auch mal allein", lachte er. Das klang schon sehr derb, beinahe böse, doch stellte sich gleich darauf heraus, dass der Laden ein Familienbetrieb war. ‚Der Alte' war Saschas Vater und hatte seinem Sohn nur schmunzelnd über den Kopf gewuschelt, die ordentlichen Haare zur Strafe durcheinander gebracht und sie beide dann nach draußen gescheucht.

So verbrachten sie einen für Alex völlig ungeplanten gemütlichen Nachmittag, bei dem er erfuhr, dass Sascha nur zwei Jahre älter war als er und den Familienberuf des Schneiders und nun Verkäufers erlernt hatte. Erst dachte Alex noch, dass Sascha mit ihm flirten wollte, doch erfuhr er gleich: Sascha war von Grund auf eine Frohnatur und hatte eine feste Freundin, die er nur so anhimmelte. Alex fand er sehr sympathisch und wollte schauen, ob er in ihm einen neuen Freund finden könnte, um einfach mal gemeinsam ins Kino zu gehen. Zu Filmen, bei denen er seine Freundin nicht reinbekam oder sich auch mal für einen Kaffee in der Stadt zu treffen.

Alex genoss seinen Latte Macciato mit Schuss und musste sich dann sogar noch einladen lassen. Doch Sascha hatte eine so unbekümmerte Art an sich, einfach über Alex' Einwand hinweg zu schauen, dass er sich dies gefallen ließ. Sie tauschten noch ihre Handynummern, betonte, dass er nicht WhatsApp-fähig war, dann machte sich Sascha auf zurück ins Geschäft, während Alex den Bus nach Hause nahm.

***

Der Samstag begann für Alex ruhig und erholsam. Er hatte sehr gut geschlafen und hatte für den Tag ein aufgeregtes und doch sicher geordnetes Gefühl. Der Plan stand, er hatte vernünftige Klamotten. Er würde einen tollen Abend mit den besten Kollegen der Welt verbringen und hoffentlich Rian wieder sehen. Es würde Gaumen- und Augenschmaus gleichermaßen geben, wenn er an das extra ordinäre Buffet und Caspar als Weihnachtsmann dachte. Die Location war außergewöhnlich schön und die Feuershow würde inmitten von weißem Schnee der Höhepunkt des Abends werden.

Er ließ sich Zeit, machte sich ein süßes Frühstück und genoss sogar noch einen Spaziergang durch den Schneewald, bevor er sich für die Feier zurecht machte.

Mit einem kleinen Rucksack für die nötigsten Dinge machte er sich schon recht zeitig am Nachmittag auf zur ersten Haltestelle ihres gemieteten Busses. Er war nicht lange allein. Schon ein paar Minuten später kam Caspar mit einem Jutesack auf dem Rücken, in dem sein Kostüm auffällig versteckt war, dazu. Sie umarmten sich herzlich und Alex war froh, dass der immer gut gelaunte Schwarze bei ihm war, der vor allem jeden im Unternehmen kannte. Als der Bus vorfuhr, besetzten sie gleich die beiden vordersten Plätze direkt hinter dem Fahrer und Caspar begrüßte alle Kollegen, die neu in den Bus kletterten mit viel Spaß und lautem Gejubel. Die Fahrt dauerte eine gewisse Zeit, da die Route einen Kreis durch die Innenstadt beschrieb und an mehreren Stellen weitere Leute einsammelte. Plötzlich ging die erste Flasche Sekt um und die Stimmung wurde bereits jetzt ausgesprochen locker und fröhlich.

Kurz vor 17 Uhr erreichten sie endlich den Gutshof, einige Kollegen mit eigenen Autos waren auch schon da, und eine ausgelassene Meute strömte aus dem Bus heraus. Man hörte erstaunte Ahs und Ohs. Der Innenhof war mit den großen Feuerschalen beleuchtet und durch die Fenster sah man schon den geschmückten Innenraum. Es war herrlich romantisch und gefiel allen. Manche fanden sich sofort im abgegrenzten Raucherbereich ein, der mit Zeltbahnen überspannt war, andere drifteten nach und nach in den weitläufigen Vorraum, der mit Stehtischen zum Verweilen einlud. Hier waren auch die Garderoben und einige Kellner die kleine Hors d'œuvre und Sekt, Saft oder Sekt-Saft anboten. Doch statt gewöhnlichem O-Saft, gab es Kirschsaft.

Im Foyer fand Alex Inge und Frank fröhlich quatschend in einer kleinen Runde. Dirk war noch nirgends zu sehen und Caspar schlich sich mit seinem Jutesack in einen hinteren Raum davon. Er winkte seinen Kollegen kurz zu, bevor er seine Jacke und den Rucksack in der Garderobe verstaute. Nur sein Handy packte er in die Anzugshose und hoffte auf ein baldiges Vibrieren.

Als er zurück an die Begrüßungstische kam, fiel ihm eine Gruppe junger Auszubildender auf, die alle sehr übertrieben gekleidet waren, mit viel Bling Bling und die Mädchen mit hohen Stöckelschuhen, als wollten sie zu einer It-Party. War es das, was die Firma heute hier erwartete? Eine moderne etwas überhobene X-Mas-Party?

Er wurde von Dirk in seinen Gedanken aufgegriffen.
"Hey, Alex. Was ist los? Was gibt es so deprimiert zu schauen, wo doch alles so perfekt ist?"
"Perfekt? Ich weiß nicht. Manche erwarten wohl etwas anderes?", sagte er skeptisch und deutete auf die jungen Leute. Dirk begriff sofort, was Alex so bedrückte.
"Ach, unsere Azubis. Die sind jung, vielleicht wollen sie heute Nacht noch weiter zu einer Disco. Wer weiß. Doch die sind nicht der Maßstab. Schau dir die Kollegen an. Sie sehen alle sehr angenehm überrascht aus und sehr zufrieden. Und auch ich finde es wunderbar. Wir wussten doch, was du planst und hätten dich sicher auf den richtigen Kurs gelenkt, wenn deine Ideen falsch gewesen wären." Er drückte Alex aufmunternd die Schulter. "Du wirst sehen, alle werden begeistert sein. Spätestens, wenn unser Weihnachtsmann auf der Bühne erscheint…"

Damit schien der Abend für Alex gerettet. Er lachte mit Dirk mit, ließ sich von ihm von Gruppe zu Gruppe ziehen und musste sich peinlicher Weise als der Feieroperator vorstellen und loben lassen. Dann saß er mit seiner gesamten Abteilung, mit Martina, der Chefsekretärin, und dem Abteilungsleiter der Buchhaltung an einem der runden Tische recht weit vorn.

Zur Einleitung des Abends sprach der Betriebsratsvorsitzende ein paar Worte, begrüßte den Seniorchef mit Ehegattin und im Namen von Markus auch noch einmal die offiziell geladenen Gäste von Partnerfirmen oder Geschäftspartnern. Er entschuldigte Markus für seine Abwesenheit und brachte die Hoffnung an, dass er es heute Abend doch noch schaffen könnte. Dann wurde die Vorspeise am Tisch serviert. Es gab grünen Spargel mit Lachs auf einem kleinen Rucola-Bett mit Kräuterdressing.

Es war köstlich und stimmte alle auf das zu erwartende Buffet ein. Und während Alex auf einem letzten grünen Blatt herumknabberte und über Inges Scherze lachte, vibrierte seine Hosentasche. Er schreckte mit einem uneleganten "Hah" auf und zog somit die Aufmerksamkeit aller am Tisch auf sich.
"Was ist? Wichtige Nachricht?", fragte Caspar neben ihm. Alex kramte das Handy hervor, klappte es auf und las still die kurze Info: "Wir fahren gleich auf den Hof. Muss dich sprechen. Allein. Kommst du raus?"

"Sie sind gleich da. Ich gehe kurz nach draußen, und weise sie ein, oK?" Alle nickten erleichtert, waren froh, dass ihr Chef da war und waren damit einverstanden, dass Alex freiwillig in die Kälte ging. Dieser eilte schnell und möglichst unauffällig seitlich aus dem Raum und musste zittern, als er endlich in den Schnee trat. Da sah er die Lichter eines Wagens gerade auf das Gehöft einbiegen und sich weiter hinten noch einen freien Platz suchen. Zu seinem Erstaunen erkannte er im flackernden Licht der Flammenschalen, dass es sich um Rians Amarok handelte. Er ging auf den parkenden Wagen zu, sah Rian aussteigen und einen zweiten Mann auf der Beifahrerseite das Auto verlassen. Der Mann schaute sich neugierig um, sah Alex auf sie zukommen, doch blieb er stehen und wartete auf Rian.

Etwas an dieser Situation schien Alex nicht richtig. War das wirklich Markus? Er wirkte eher etwas schüchtern. War das der Chef einer großen Firma? Dann tauchte Rian hinter dem Wagen auf, erblickte Alex und ein Strahlen breitete sich über seine Züge aus. Er kam in seinem langen Wollmantel ums Auto herum, zeigte dem gleichaltrig wirkenden Mann an, dass sie gehen könnten und lief mit weiten Schritten auf Alex zu. Rian sah toll aus und das flackernde Licht ließ ihn geheimnisvoll erscheinen. Er blieb stehen und wartete einfach bis Rian bei ihm war. Dieser stürmte heran, blieb jedoch kurz vor ihm stehen und gab ihm schließlich einen Kuss auf die Stirn, bevor er ihn kurz an sich drückte.

"Du bist wunderhübsch", flüsterte er ihm zu, dann war der junge Mann schon neben ihnen. "Graham, that's Alex. Alex, this is Graham. I know him from Oxford. Graham, may you go on ahead? I've to talk with Alex alone." Graham grüßte Alex kurz mit "Nice to meet you, Alex". Es klang höchst akkurat nach Oxford-Englisch und Alex konnte nur leise "Hallo" sagen, bevor Graham auch schon davon ging, zum Eingang hin. Etwas war hier völlig verkehrt.

"Rian, was ist hier eigentlich los? Wo ist Markus? Warum ist dieser Graham hier?" Rian unterbrach ihn mit einem Kuss, jetzt, wo sie allein waren, direkt auf den Mund.
"Hmmm… du schmeckst nach Kirsche und Sekt, Alex. Ich bin so froh, dass ich dich jetzt noch einmal allein sprechen kann." Er unterbrach Alex erneutes Fragen mit einer kleinen Geste.
"Bitte. Ich möchte dir etwas erklären und möchte dir vorher sagen, dass es mir leid tut, wie es gelaufen ist. Es war so gar nicht meine Absicht und erst am Montag habe ich das begriffen." Alex fühlte sich kalt. Nicht wegen der Kälte des Wintertages. Sondern kalt im Herzen, als er begriff, dass Rian ihm doch sagen wollte, eine Beziehung mit ihm ist nicht richtig. War Graham gar sein Neuer? Sie wirkten recht vertraut. Ganz ohne sein eigenes Zutun machten seine Füße einen Schritt zurück, weg von Rian.
"Warum hast du mir nicht gleich gesagt, dass ich dir zu jung bin?", fragte er dann auch schon mit tränenerstickter Stimme.
"Was? Nein! Alex! Das verstehst du falsch. Ich will dich, so wie du bist. Ich will…"
"Markus", rief es da vom Eingang zu ihnen herüber und Schritte näherten sich ihnen.
"Markus, bitte, alle Gäste warten nur auf dich." Alex hatte Martinas Stimme sofort erkannt, blinzelte zu ihr hin, dann zu Rian zurück. Dieser schloss gepeinigt die Augen und atmete tief durch. Mit plötzlich kühler Stimme antwortete er:
"Ich komme sofort, Martina. Ich brauche nur eine Minute." Dann wendete er sich wieder Alex zu.
"Alex. Ich wollte es dir erklären. Bitte, lass es mich erklären."

Die Welt um Alex begann sich zu drehen, seine Sicht verschwamm vollends, als die Tränen schon aus seinen Augen strömten, ohne dass er es verhindern konnte. Er schämte sich für sie, doch andererseits war ihm alles egal. Rian war Markus?! Hatte ihn hinters Licht geführt. Sicher über Dirk und andere gewusst, was er so machte. Privat ihn ausgefragt.

"Nein", flüsterte Alex leise, schüttelte den Kopf und machte noch einen Schritt zurück.
"Alex, bitte. Lass es mich erklären. Bitte, schmeiße nicht weg, was wir erst so kurz hatten."
"Was wir hatten? Ich hatte eine Lüge!", würgte Alex hervor. Er konnte nicht mehr, er blickte in das Dunkle hinter ihnen und stürmte plötzlich davon. Er wusste, dass dort die Scheune war und dahinter nur noch weites Feld. Noch bevor ihn Rian aufhalten konnte, war er schon weg, in der Nacht verschwunden.

Rian rief ihm nach, doch folgte er nicht. Dann hörte er Martina noch einmal nach Markus rufen und hoffte, dass er endlich gehen würde. Leiser sprach Rian in die Dunkelheit "Ich bitte dich, Alex. Du bist mir wichtig.", dann ging er zum Festsaal davon.


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