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du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Alexander Ried - Teil 6"

 

 


 

Kratzen im Hals und brennender Durst weckten Alex. Außerdem musste er dringend aufs Klo. Desorientiert blinzelte er an die Schlafzimmerdecke und hinaus aus dem Fenster in den dunklen Sternenhimmel, bis er seine Wohnung im kleinen Licht der Nachttischlampe erkannte. Mühsam rappelte er sich auf und entdeckte neben der Lampe eine große Tasse mit einem aufgedruckten Weihnachtselch. Erleichtert nahm er sie auf und trank vom kalten Hustentee.

Während er sich wacklig auf die Beine kämpfte, überlegte er, wie er hier hergekommen war. Er war doch mit Rian in diesem Herrenausstatter gewesen. Und dann? Er hatte einen Schal gekauft. Mehr wusste er nicht mehr.

Er hangelte sich am Schrank zur Tür hin und kam in sein Wohnzimmer. Sein Stern leuchtete, aber auch der Fernseher war an. Und davor auf dem Sofa saß Rian.

"Rian?", krächzte er. Wo war seine Stimme hin? Doch auch so hatte ihn der andere Mann gehört und kam bereits auf ihn zu.
"Alex! Wie geht es dir?", fragte er besorgt und schon fühlte Alex wieder eine sichere große Hand auf seiner Stirn, gleich darauf sanft streichelnd an seiner Wange. Alex schaute auf in Rians dunkle Augen und konnte nur lächeln. Es musste wohl am Fieber liegen, als er sich einfach näher beugte und seinen Kopf an Rians Brust lehnte, um dessen betörenden Duft tief einzuatmen. Rian schlang beide Arme um ihn und kraulte ein wenig durch seine Haare oder strich über den Rücken.

Alex genoss es eine ganze Weile, bis er seine drückende Blase nicht mehr ignorieren konnte. Er schob sich etwas auf Abstand und flüsterte mit rauer Stimme "Bad". Rian verstand. "Vielleicht solltest du auch kurz unter die Dusche gehen. Dann fühlst du dich besser. Ich mache dir in der Zwischenzeit einen frischen Tee, ja?"

Alex nickte dazu und freute sich tatsächlich auf eine warme und belebende Dusche. Erst erleichterte er sich, dann legte er sich sein Duschtuch zurecht. Bevor er jedoch unter das warme Wasser trat, öffnete er die Badtür wieder und ließ sie angelehnt. So unsicher, wie er sich noch immer fühlte, wollte er nicht hinter verriegelter Badezimmertür zusammenbrechen, die Rian dann aufbrechen musste.

Das warme Wasser tat ihm gut und er konnte sogar den schmerzenden Hals vergessen. Er ließ sich Zeit und kam erst dann aus der Dusche, als das ganze Bad schon diesig war. Er schlang sich das große Tuch um und rubbelte durch die Haare, da fiel ihm auf, dass neben seinem T-Shirt und Shorts ein neues Paar lag. Er stockte kurz: das hieß, Rian war im Bad gewesen und hatte ihn nackt durch die klare Duschwand gesehen. Dann merkte er, dass es ihm gar nichts ausmachte. Im Gegenteil spürte er einen kleinen aufgeregten Schmetterlingsschwarm in sich aufsteigen. Und ein wohliges Gefühl: da war jemand in seiner Wohnung, kannte sich anscheinend schon ganz gut aus, und Alex mochte es. Mochte Rian in seiner Wohnung haben, auf seinem Sofa unter dem Stern, in seiner Küche, in seinem Bad - und in seinem Leben.

Er schüttelte über sich und seine Gedanken und Gefühle nur den Kopf. Er kannte Rian doch gar nicht! Im Prinzip hatten sie sich erst dreimal getroffen. Er wusste nur, dass er der Assistent vom Chef war, in diesem kleinen Dorf wohnte, einen wintertauglichen Amarok fuhr und einen Freund mit Autowerkstatt hatte, von dessen Familie er bereits mehr wusste, als von Rian selbst. Doch da war mehr. Rian war irgendwie immer zum richtigen Zeitpunkt für ihn da. Er half ohne eine Gegenleistung zu fordern. Er fühlte sich in seiner Gegenwart sicher. Er brachte ihn zum Lächeln und er war der perfekte Einkaufsberater. Er gab Alex das Gefühl, gleichberechtigt zu sein, obwohl er etwas älter war, merklich eine höhere Ausbildung hatte und auch viel mehr verdiente. Sicher tummelte er sich sonst in viel besserer Gesellschaft und hatte Meetings oder ähnlich wichtige Treffen. Und doch war er an einem Samstagabend noch hier und umsorgte Alex. Wie spät war es eigentlich?

In der frischen Kleidung und mit geputzten Zähnen fühlte sich Alex wieder vorzeigbar und kam ins Wohnzimmer zurück. Rian saß bereits auf dem Sofa, zwei große Tassen Tee vor sich. Kleine heiße Dampfkringel zogen nach oben weg. Alex machte noch einen Abstecher durch die Küchenecke und brachte eine kleine Blechdose mit selbstgebackenen Weihnachtskeksen mit, die ihm seine Mutter vor zwei Tagen geschickt hatte. Er kam um das Sofa herum und sah, das Rian bereits eine Kuscheldecke für ihn bereithielt und ihn wartend ansah.

"Na, magst du mit herkommen?", fragte er lächelnd und hielt ihm einladend die flauschige Sofadecke auf. Alex nickte, stellte die Büchse neben die Tassen und ließ sich in die Decke einpacken, dann die heiße Tasse mit dem Elch in die Hand drücken. Durch den dicken Wollstoff waren seine Finger vor der Hitze geschützt und doch konnte er die direkte Wärme genießen. Außerdem saß er so dicht an Rian, dass er dessen Duft angenehm beständig in der Nase hatte.

"Wie geht es dir denn, Alex? Außer der Stimme. Fühlst du dich noch schwindelig? Und was ist mit deinem Bein passiert? Das sieht schlimm aus." Alex schüttelte den Kopf, er war nur noch etwas müde und fühlte sich ein klein wenig schlapp. Aber sonst war alles gut. Und der Wirbel in seinem Bauch hatte ganz andere Gründe.
"Das Bein ist vom Unfall, es ist nur ein blauer Fleck", krächzte er. Rian blickte ihn zweifelnd an.
"Ich würde das am liebsten von einem Arzt untersuchen lassen, da es so groß ist. Es tut sicherlich auch weh." Jetzt, wo Rian das sagte, spürte er wirklich wieder das drückende Ziehen im Bein. Er versprach, gleich Anfang der Woche wirklich zum Arzt zu gehen und um vom Thema abzulenken deutete er schließlich auf die Plätzchendose und flüsterte "Mama". Und weil er eingewickelt und mit voller Tasse sich nicht bewegen konnte, angelte Rian die Keksbüchse für sie heran, öffnete sie und hielt sie Alex hin, der sich gleich für einen Zimtstern entschied.

"Die sehen toll aus. Deine Mutter backt gerne, nicht?" Verblüfft, dass er Recht hatte, blickte Alex Rian fragend an und vergaß vom Keks abzubeißen.
Rian lachte. "Na, weil es so viele verschiedene Sorten sind. Das macht man nicht nur, weil man dem Kind eine Leckerei schenken will, sondern weil es auch Spaß macht zu backen." Das stimmte. Seine Mutter backte unheimlich gern und gerne auch sehr viel. Wenn er mal heiraten sollte - so hatte sie schon längst beschlossen - würde sie die Hochzeitstorte backen, und wehe nichtů

Und weil es seine Mama war, und sie ihn liebte und stolz auf ihn war, versicherte sie ihm auch, dass es egal war, ob sie nun einen Schwiegersohn bekäme oder doch eine -tochter. Er hatte ihr die Liebe seines Lebens jedenfalls vernünftig vorzustellen, damit die Hochzeitsvorbereitungen auch in die richtigen Bahnen gelenkt werden konnten. Daran musste Alex denken, als er seinen Zimtstern aß und vom Tee trank, und vermisste seine Familie ein wenig. Es war die Ausbildung, die ihn hat wegziehen lassenů

***

Zwischen Kekse knabbern und Tee trinken, erzählte Alex ein wenig über seine Kindheit, seine Familie, die er sehr liebte und dass er aber nur hier eine vernünftige Lehrstelle gefunden hatte. Irgendwann brauchte seine Stimme jedoch eine Pause. Er kuschelte sich im Schutze seiner Decke näher an Rian und ließ sich wieder genussvoll durch die Haare kraulen, während Rian nun im Gegenzug von seinem Studium im Ausland berichtete. Er hatte sich schon immer gewünscht, einen Studienplatz an der Oxford University zu erhalten und hat hart dafür gearbeitet. Sein Abi schloss er mit 1,1 ab und auch das Studium schaffte er trotz Fremdsprache mit summa cum laude. Er berichtete von der Stadt, der Historie und wie ehrfurchtsvoll er immer durch die Gänge seiner Universität gelaufen war. Natürlich war er in dieser Zeit auch im Ruderteam und fuhr zweimal die Boat Race mit, die jährlich im März oder April zwischen der Oxford und Cambridge University ausgetragen wurde. Unvergessen war auch der kleine Laden um die Ecke seiner Uni, der ausschließlich Cookies verkaufte. Und zwar die besten der Welt!

Rian berichtete so lebendig aus seiner Studienzeit, dass Alex sich alles fast bildhaft vorstellen konnte. Er war bisher noch nie in England gewesen. Sein einziger Auslandsurlaub war Dänemark, eine Klassenfahrt in der 9. Stufe. Sie war toll gewesen, aber so wie Rian von Oxford und Großbritannien erzählte, war es dort ganz anders. Er spürte, wie Rian Sehnsucht hatte. Während Alex sich zu seiner Familie wünschte, hatte Rian Fernweh nach England.

Alex war beim Zuhören irgendwann samt Decke längs auf dem Sofa zusammengesunken, durfte seinen Kopf auf Rians Beine legen, spürte dessen warme Hand angenehm auf seiner Seite liegen und fühlte sich rundum sehr wohl; war schon langsam am wegdämmern, als er diesen einen Gedanken doch noch aussprechen musste: "Das würde ich gerne alles mal sehen wollen", sagte er in den Raum hinein. Sie hatten schon eine ganze Weile nichts mehr gesprochen und einfach nur eine TV-Serie geschaut. Irgend so etwas wie CIS, CIA oder ähnliches. Alex kannte sich da nicht aus.

"Was?", fragte Rian irritiert, als er so plötzlich aus der Fernsehwelt gerissen wurde.
"Na, Oxford, England. Wo du studiert hast. Das würde ich gerne mal sehen. Und die Cookies natürlich probieren", erklärte Alex. Er lächelte Rian von unten her an und wusste nicht, was diesen so überrascht starren ließ. Dann endlich fragte Rian: "Würdest du es mit mir zusammen anschauen?"

Rians dunkle Augen hielten Alex fest im Blick. Und Alex verstand, dass es hier nicht nur um eine Urlaubsreise ging. Sein Herz pochte plötzlich sehr viel lauter und schneller. In seinem Bauch wirbelte es und in seinem Kopf war gar nichts mehr. Er brachte kein Wort heraus. Rians warme Hand kam näher, legte sich wieder auf seine Wange. Mit dem Daumen strich er Alex zärtlich über den Nasenrücken.

Und obwohl Alex wusste, wie kitschig das hier alles war, mit Tee, Plätzchen und Weihnachtsstern, war es genau so richtig. Er rappelte sich auf, rutschte noch etwas näher an Rian und gab ihm einen zaghaften Kuss auf die Lippen.


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