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du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Alexander Ried - Teil 5"

 

 


 

In der Innenstadt war die Hölle los. Neben der üblichen vorweihnachtlichen Geschäftigkeit zog nicht nur der historische Weihnachtsmarkt ungeahnte Menschenmassen bereits vor dem Mittag ins Zentrum, auch das schöne Wetter - kalt, aber sonnig wolkenlos - lockte so manchen Sonnenanbeter heraus.

Alex war bereits seit dem Vormittag unterwegs, hatte aber bisher nichts gefunden, was ihm als Geschenke für seine Familie gefallen hätte. Zudem fühlte er sich aufgrund seiner Erkältung, die ihn verstärkt mit Husten und Halsschmerzen quälte, genervt und sein Bein schmerzte auch. So streifte er ziemlich planlos durch die Innenstadt.

Die große Dom-Uhr schlug gerade 13, als er beschloss, eine Pause zu machen. Er suchte sich ein kleines Café, welches direkt auf seinem Weg lag und ließ sich vom Menschengedränge einfach dahinschieben. Er musste nur den Absprung schaffen…

Im erstaunlich ruhigen und kaum besetzten Gastraum bestellte er direkt am Tresen einen heißen Kräutertee. Noch ehe er sich einen gemütlichen Platz suchen konnte, hörte er ein erstauntes "Alex?" hinter sich und fühlte eine Hand auf seiner Schulter. Er erkannte die Stimme sofort und wollte Rian ehrlich erfreut begrüßen, als er sich zu ihm drehte, doch machte ihm ein Hustenanfall einen Strich durch die Rechnung. Sofort wurde er von Rian in eine bequeme Ecke geführt und auf die gepolsterte Sitzbank geschoben. Gleich kam auch schon Alex' Tee und Rian nahm für sich einen großen Milchkaffee in Empfang. Und erst als Alex vorsichtig einige Schlucke getrunken hatte, beruhigte er sich soweit, dass er wieder sprechen konnte.

"Tut mir leid, Rian. So wollte ich dich gewiss nicht begrüßen", brachte er tief einatmend heraus. "Mir hängt die Erkältung jetzt schon seit einigen Tagen an." Wieder trank er vom Tee und genoss die Wärme im Hals.
"Schon gut. So eine Erkältung kann lästig sein, aber normalerweise ist sie nach wenigen Tagen vorbei. Vorausgesetzt man schont sich." Dabei wurde Alex so intensiv angeschaut, dass er tatsächlich ein schlechtes Gewissen bekam.
"Ich musste aber die Weihnachtsfeier fertig organisieren diese Woche. Und heute musste ich los, um Geschenke für die Familie einzukaufen", verteidigte er sich, dann sackte er deprimiert in sich zusammen. "Bisher ohne Erfolg. Ich finde einfach nichts Schönes", und eigentlich will ich auch lieber heim in mein Bett, dachte er sich noch im Stillen.

Seinen großen Kaffee genießend hörte Rian ihm nachdenklich zu.
"Hmmm… ich habe heute endlich ein wenig Zeit für mich und war auf dem Weihnachtsmarkt und habe selbst ein paar Kleinigkeiten besorgt", sprach er und deutete auf einen Beutel mit Weihnachtmannaufdruck neben sich.
"Wenn du möchtest, kann ich dich begleiten."

Alex brauchte ein paar Momente, bevor er Rians Worte begriff. Er blinzelte ihn verwirrt an. "Das würdest du tun?", fragte er erstaunt. Rian lachte. "Ja. Warum nicht? Ich habe Zeit und freue mich, wenn ich sie mit dir verbringen könnte. Vorausgesetzt du willst auch."
"Ja, ich will", nickte Alex heftig, dann wurde ihm seine Antwort bewusst und er fügte errötend dran "… mit dir einkaufen gehen." Rian lachte nur weiter.

***

Um Alex eine Pause zu gönnen, blieben sie noch länger im Café sitzen. Rian bestand darauf, Alex den gewünschten Shrimp-Avacado-Bagel auszugeben und suchte sich selbst ein Sesam-Bagel mit Frischkäse, Salat und Putenbruststreifen aus. Sie aßen eine Weile lang schweigend bis Rian ihn nach seinem Auto fragte. Alex sagte nur kurz, dass es ihm einfach zu teuer wurde. Durch die Arbeitslosigkeit hatte er alle Reserven aufgebraucht und das jetzige Gehalt reichte zwar aus, alle laufenden Rechnungen zu begleichen und über eine gewisse Zeit hin auch wieder sparen zu können, doch im Moment war das Auto einfach zu teuer. Er hatte sich bereits heute Morgen dafür entschieden, seinen alten Toyota komplett abzugeben und auch kein neues mehr zu kaufen. Innerhalb der Stadt kam er gut mit dem Bus zurecht und im Sommer konnte er sein Fahrrad wieder herausholen. Zu den Weihnachtsfeiertagen wollte er zu seinen Eltern. Das war dann etwas umständlich, doch sie konnten ihn im Nachbarörtchen mit dem Auto am Bahnhof abholen.

Rian brummelte dazu etwas Unverständliches in seine Kaffeetasse, sagte aber nichts weiter dazu. Er erzählte dann, wie hektisch gerade alle in der Stadt waren und dass sogar das Meeting im ‚La Vie' von Alex' Unfallabend davon nicht verschont geblieben war. Seine Verhandlungspartner, darunter ein Japaner und ein Schweizer, waren so auf den deutschen Weihnachtsmarkt, den Glühwein und Kuckucksuhren fixiert, dass ein Verhandeln kaum möglich war. Rian berichtete das trotz allem in einer gelassenen Art und Weise, die Alex zum Lachen brachte. Er hätte nicht geglaubt, dass die Schwarzwalduhren noch so im Trend lagen bei ausländischen Besuchern, doch war das noch immer ein Muss für viele nicht-europäische Touristen. Genauso wie das Hofbräuhaus oder Schloss Neuschwanenstein.

Alex genoss das ruhige und doch vergnügliche Zusammensein mit Rian und fühlte sich für den weiteren Nachmittag im überwältigenden Gedränge vorweihnachtlich aggressiver Menschenmassen gestärkt.

***

Nur eine knappe Stunde später war Alex' Weihnachts-Shopping-Liste abgearbeitet. Es fehlte nur noch etwas für seinen Vater, weswegen ihn Rian in diesen exklusiven Herrenausstatter gezerrt hatte, den Alex von sich aus allein nie betreten hätte. Viel zu fein war das hier und entsprechend auch die Preise. Er ließ einen weinroten weichen Schal durch seine Finger gleiten und wünschte sich, ihn auch bezahlen zu können. Der würde ihm wirklich gut gefallen. Nicht als Geschenk, sondern allein für sich selbst. Doch es war echtes Kaschmir und er brauchte den Preis gar nicht erst anzusehen. Seufzend legte er ihn wieder zurück und ärgerte sich, dass in letzter Zeit immer alles nur am Geld hing und seine Gedanken schon ganz davon eingenommen waren. Außer es kam zu Rian.

Er schaute sich unauffällig um und entdeckte ihn bei einem älteren Herrn in schwarzen Anzug - einer der zwei Verkäufer. Man schien sich zu kennen, denn Rian war mit Handschlag begrüßt wurden, während Alex bereits durch den Laden streunte.

Er fühlte sich hier drin deplatziert und wollte nur noch raus. Zudem hatte ihn seit Betreten der warmen Räume ein leichter Schwindel erfasst. Als er sich die Jacke ein wenig mehr öffnete, um besser Luft zu bekommen, erschien neben ihm der zweite, sehr viel jüngere Verkäufer. Sein Lächeln wirkte echt, als er Alex fragte, ob er ihm helfen könne.

Ohne rumzudrucksen erzählte Alex ihm, dass er noch ein Geschenk für den Vater bräuchte und deswegen von dem Kerl da vorn hier her verschleppt wurde. Dass er auch die Sachen hier ausgesprochen schön fand, aber es sich wirklich nicht leisten konnte, auch wenn er die Qualität sehr zu schätzen wusste.

Der junge Mann zog nachdenklich die Nase kraus, dann hellte sich sein Gesicht auf. "Ich glaube, ich habe da etwas für dich", rief er und war im Raum hinter dem Verkaufstresen verschwunden. Schon nach kurzer Zeit kam er mit zwei ordentlichen Stapeln Krawatten und Schals wieder und breitete sie vor Alex auf dem Glastisch aus. "Das sind Modelle aus den letzten Saisons. Sie gehören nicht mehr zur aktuellen Kollektion, aber es gibt einige, die ich persönlich noch immer schön finde, die auch zeitlos wirken. Sie werden natürlich zu einem viel geringerem Preis verkauft."

Alex vergaß über diese Überraschung sein Unwohlsein und wühlte sich mit dem Verkäufer durch die schönen Sachen. Er fand mehrere Schals, die ein leichtes Muster aufwiesen, aber nicht übertrieben waren und entschied sich für einen anthrazitfarbenen Schal mit Karodesign in weiß und rot. Er war eine Mischung aus Wolle und Kaschmir, so dass er noch einmal viel günstiger war, als die reinen Sorten.

Sein gut gelaunter Verkäufer namens Sascha, wie sich beim Durchstöbern herausstellte, verpackte ihm diesen sogar gleich als schönes Geschenk in einer edlen schwarzen Schachtel und legte in die Tüte noch eine Visitenkarte des Geschäftes bei.
"Du kannst gerne öfter vorbeikommen. Wir haben immer einige Einzelexemplare, die von einer Kollektion übrig bleiben. Auch Anzugteile. Sicher finden wir da auch für dich ein schickes Teil, dass zu dir und auch zu deinem Portmonee passt."

Sascha war Alex sympathisch, vor allem da er merkte, dass dieser sich nicht über sein weniges Budget lustig machte, sondern ihm ehrlich helfen wollte. Er nahm sich vor, sobald sich sein Konto ein wenig aufgebessert hatte, wirklich wieder herein zu schauen.

Alex bedankte sich bei Sascha mehrfach für die ausgezeichneten Hilfe und präsentierte Rian schließlich stolz und dankbar seine Beute, der schon in der Nähe auf ihn gewartet hatte.
"Na, das hat ja wunderbar geklappt. Auf Sascha ist eben Verlass", erklärte Rian, während er für Alex die Tür aufhielt, damit dieser mit seinen Taschen gut durchkam.

Alex nickte Rian bestätigend zu, als ihn erneut ein starker Husten schüttelte. Er musste sich sogar an der Wand abstützen, damit er das Gleichgewicht behielt und als er sich endlich beruhigt hatte, sah er die Welt nur noch verschwommen. Und trotz der Kälte war es ihm noch immer warm, geradezu heiß. Sein Bein schmerzte unangenehm und er wünschte sich mehr denn je in sein Bett.

"Rian, ich muss nach Hause. Danke für den schönen Nachmittag und die Hilfe", sagte er nur kurz angebunden und wandte sich auch gleich ab. Er wusste, dass er extrem unhöflich war, doch er hatte keine Kraft für mehr. Er musste den Bus erreichen.

Er kam gar nicht weit. Rian hielt ihn fest, zog ihn sanft näher und gleich spürte er auch eine Hand auf seiner Stirn.
"Du hast Fieber, Alex. Ich bringe dich nach Hause. Mein Wagen steht gleich um die Ecke in der Tiefgarage." Die Stimme war besorgt aber ruhig und Alex kam sie ungewöhnlich nah vor, dann merkte er erst, dass er an Rian lehnte, das Gesicht in den Stoff des Mantels versteckt. Er nahm Rians eigenen Duft vermischt mit Schnee wahr. Tief zog Alex diesen herrlichen Geruch ein, fühlte sich dadurch sicher und geborgen. Er murmelte nur noch etwas und ließ sich von Rian wegführen.

Plötzlich saß er in Rians großem Auto, liebte die Sitzheizung noch einmal mehr, lehnte aber den Kopf an die kühle Fensterscheibe. Er schloss die Augen und döste zitternd vor sich hin, bis ihm Rian aus dem Auto half. Er wunderte sich, dass sie so schnell da waren und fragte sich, wie er die Treppen in seine Wohnung schaffen sollte, doch die Welt versank erneut in einem starken Husten und einem so heftigen Schwindelgefühl, dass Alex sich wieder in den wohlriechenden Wollmantel vergrub, um etwas Halt zu finden. Er hörte Rians Stimme und spürte dessen Hände, die ihn hielten.

Das letzte, was er noch bewusst wahrnahm, war, wie er vor Kälte und Hitze abwechselnd zitternd auf seinem Bett saß und Rian ihm ein frisches T-Shirt über den Kopf zog, ihn dann unter die Bettdecke schob. Eine angenehm kühle Hand legte sich auf seine Wange. Dann war nichts mehr…


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