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du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Alexander Ried - Teil 4"

 

 


 

Alex stolperte am nächsten Morgen verschnupft und humpelnd ins Büro.
"Hoppla, Alex", stieß er dabei mit Frank fast zusammen, der grad auf dem Weg zur kleinen Teeküche war, um seinen leeren Kaffeebecher wieder aufzufüllen.
"Was ist denn mit dir passiert?"

Als Frank mit vollem Becher den schmalen Gang zurückkam, berichtete Alex seiner Abteilung ausführlich über den Gutshof und was schon alles gebucht und geplant war. Sie waren mit seinen Ideen einverstanden und lobten ihn für seine gute Organisation und übersichtliche Planung. Nur so nebenbei erwähnte er, dass sein Auto stecken geblieben war und jetzt in der Werkstatt stand. Beiläufig fragte er nach Rian.

"Rian? Nie gehört. Aber in letzter Zeit sind bei unseren Außendienstlern zwei neue Leute dazugekommen. Die bekommt man im Büro nie zu Gesicht. Und Markus sprach vor kurzem davon, dass er einen persönlichen Assistenten einstellen will. Einen mit Studium im Ausland, damit er ihn bei verschiedenen Terminen vertreten kann, die Markus selbst nicht mehr schafft. Zur Weihnachtsfeier sind sie aber eigentlich alle da", wusste Dirk zu berichten.

So hatte Alex also den neuen Assistenten vom Chef kennengelernt. Doch das wollte er so nicht erzählen. Es war die Sache von Markus, seinen Assistenten offiziell vorzustellen. Vielleicht machte er das sogar bei der Weihnachtsfeier, wo alle zusammen waren. Er fragte also nicht weiter, weil er nicht unverschämt neugierig erscheinen wollte, obwohl er die Nacht kaum schlafen konnte. Immer hatte er den besorgten Blick, die warme Berührung an seiner Wange und die liebevolle Umarmung vor Augen.

Er trollte sich an seinen Schreibtisch und wollte erst mal die neuesten Unterlagen nach Büro und Weihnachtsfeier sortieren, damit nicht mehr so ein Chaos herrschte. Doch zuerst erledigte Alex einen wichtigen Anruf. Denn gerade war eine SMS von Rian bei ihm angekommen, der ihm die Kontaktdaten der Werkstatt durchsimste. Als Schlussgruß stand eine seltsame Symbolenhieroglyphe. Das war bestimmt ein grafisches Smiley, was sein altes Handy nicht anzeigen konnte. Er freute sich trotzdem und bedankte sich mit ein paar kurzen Worten und einem traditionellen Smiley mit Doppelpunkt-Minus-Klammer-zu.

Nach kurzer Vorstellung erfuhr er von einem bereits morgens irritierend gut gelaunten Alexander, dass sein Auto in sicherer Verwahrung bei ihm stand, aber leider einiges zu machen wäre. Durch den Unfall sei das Fahrgestell etwas verbogen wurden und eine Seitenscheibe hatte sogar einen Knacks abbekommen. Außerdem saß der Kühler nicht korrekt; ein Wunder, dass der nicht schon längst verrutscht war. Seine Winterreifen waren schon so abgenutzt, dass Alexander sich weigerte, ihn damit auch nur einen Meter weiter fahren zu lassen und sich fragte, wie Alex bisher damit überhaupt durch den Schnee gekommen war. Und im Motor oder beim Anlasser war auch ein Fehler, den er jetzt gerade versuchte zu finden. Es könnte auch die Lichtmaschine sein. Außerdem wäre wohl eine große Inspektion von Nöten, die auch den Austausch des Keilriemens empfahl. Der sah schon sehr spröde und verformt aus. Die wegen Rost schlecht funktionierenden Bremsscheiben wurden nur nebenher erwähnt, genau wie die quietschende Beifahrertür und die verklemmte Heckklappe.

Alex seufzte frustriert auf. Rians Freund hatte wirklich sein ganzes Auto auseinander genommen. Und was er dabei fand, waren Reparaturen, deren Kosten seine derzeitigen finanziellen Möglichkeiten weit überstiegen. Zumindest würde er es nicht in einem bezahlen können. Er war so ehrlich, das dem Werkstatt-Alex gleich direkt zu sagen. Der lachte unbesorgt auf und meinte nur, dass er erstmal alle weiteren Mängel finden wolle und dann Alex einen Gesamtkostenvoranschlag machen würde, bevor er mit irgendetwas anfing. Vielleicht wäre auch ein Autotausch schon fast besser. Alex hätte in seiner Werkstatt grad einen kleinen Opel Corsa zum Verkauf, den er aufbereitet hatte und der sogar letzte Woche TÜV-geprüft worden war. Allerdings in giftgrün.

Sie einigten sich, dass Alex ihm seine Mail-Adresse von der Arbeit zuschickte, dann konnte er ihm die Kostenaufstellung gleich weitergeben, wenn alles beisammen war. Alex verabschiedete sich und hörte im Hintergrund noch einen Hund bellen, bevor er auflegte. Er war zumindest froh, dass sein Auto in guten Händen schien. Die andere Werkstatt, die ihm den Kühler ausgetauscht hatte, war ihm schon vorher reichlich suspekt vorgekommen, was ihm Alex ja nun bestätigt hatte.

Mit den Gedanken beim Auto versuchte er sich auf die Arbeit zu konzentrieren. Es fiel ihm nicht leicht, da er neben den Geldsorgen auch immer wieder an Rian denken musste. Es lagen fast zwei Monate zwischen dem Treffen vor dem Arbeitsamt und gestern auf schneeumwehtem Felde im Nirgendwo. Und trotzdem hatte Alex sich gefühlt, als träfe er einen sehr guten Freund wieder. Er hatte sich ungewöhnlich wohl in Rians Nähe gefühlt, was ihm einerseits ein Lächeln auf die Lippen zauberte, aber auch noch ganz andere Sorgen hervorrief: was erwartete Rian jetzt von ihm? Er hatte ihm zweimal geholfen ohne eine Gegenleistung zu verlangen. Er war ihm verpflichtet…

Die Gedanken drehten sich im Kreis. Er konnte sie nur mühsam abschütteln, holte sich einen Kaffee aus der Teeküche, was ihm sein rechter Oberschenkel mit Schmerzen dankte, und konnte sich schließlich so leidlich auf seine Aufgaben konzentrieren. Außerdem war es im Raum ungemütlich warm und er riss bald das hohe Fenster neben seinem Schreibtisch auf.

***

Zum späten Vormittag hin kam Inge an seinem Platz vorbei. Sicher wollte sie im Hof mal eine Rauchen und Alex als Passiv-Begleiter zum Quatschen dabei haben.
"Hey, Alex. Kommst du mit …" raus, wollte sie wohl sagen, doch stockte sie mitten im Satz. Dann fühlte er schon eine Hand auf seiner Stirn, was ihm unangenehm war und blickte verschwommenen zu ihr auf.
"Mensch, Alex! Du hast ja Fieber. Du bist auch ganz blass. Du gehst wohl besser nach Hause." Dirk stimmte ihr zu und rigoros wurde er seiner Arbeit verwiesen. Inge half ihm in seine Jacke und begleitete ihn bis an die Tür nach unten.

Erst als er vor der Firma im freigeschippten Hof stand, fühlte er seine Schwäche. Er hustete trocken und rieb sich über die müden Augen, um scharf sehen zu können. Inge und Dirk hatten Recht. Er würde jetzt den direktesten Weg nach Hause nehmen und im Bett verschwinden.

***

Alex schaffte den Weg gerade so. Keuchend und völlig fertig gelangte er in seine Wohnung. Ihm schmerzte die Lunge etwas und bevor er ins Bett ging, machte er sich doch noch einen heißen Tee mit Honig. Es half etwas, aber vor allem entspannte er so weit, dass er schließlich ohne verwirrende Träume von chaotischen Weihnachtsfeiern oder zärtlichen Blicken mit innigen Umarmungen fest einschlief.

***

Er schlief tatsächlich den ganzen restlichen Tag und die komplette Nacht durch und fühlte sich am nächsten Morgen zwar verschwitzt und noch ein wenig kraftlos, aber ausgeruht. Er nahm eine erfrischende Dusche und erschrak, als er den riesigen blauen Fleck auf seinem Bein sah. Der Bluterguss war sehr dunkel, fast schwarz und zog sich einmal quer über die gesamte vordere Seite. Er kramte die Arnika-Salbe aus seinem Badschränkchen und cremte sich vorsichtig ein. Er wusste jetzt schon, dass es in den nächsten Tagen wohl noch schlimmer aussehen wird, wenn sich das Blut unter der Haut verteilte, aber solange er normal laufen konnte, war es oK. Er beschloss trotzdem auf Arbeit zu gehen, selbst auf die Gefahr hin von Dirk und/oder Inge wieder weggeschickt zu werden.

Er wollte seinen Tisch zumindest noch etwas abarbeiten und vor allem die letzten Vorbereitungen zur Weihnachtsfeier organisieren, wie einen Weihnachtsmann - kleine Geschenke für alle Mitarbeiter hatte er schon - oder mit der Gruppe ‚Feuerteufel' noch die genaue Zeit für ihre Feuershow besprechen. Dann wollte er einen detaillierten Ablaufplan des Abends zusammenstellen, da die Rede von Markus, des Betriebsrates und auch des Senior-Chefs einen passenden Zeitpunkt brauchten. Zudem wollte Martina eine Leinwand mit Beamer haben, um Fotos des Jahres von verschiedenen Veranstaltungen wie die jährliche Fahrradtour oder das Sommerfest in Endlosschleife zu zeigen.

Dirk versperrte Alex wirklich den Weg, als er ins Büro kam. Erst als Alex versprach, nicht länger als bis zum Mittag da zu bleiben, wurde er durchgelassen. Um sein Pensum zu schaffen, begann er ohne Umschweife seine Liste abzuarbeiten. Als er im Internet nach einer Agentur für Weihnachtsmänner suchte, stand plötzlich Caspar neben ihm, kaffeetrinkend.
"Na, willst du so einen Weihnachtsmann mieten?", brummte seine tiefe Stimme.
"Ja, die Geschenke habe ich schon, sie werden direkt zum Restaurant geliefert. Wolfgang stellt sie dort in einer Scheune unter."
"Und du willst wirklich so einen typischen Santa Claus mit dickem Bauch und weißem Rauschebart?", fragte Caspar seltsam lauernd weiter. Alex guckte zu seinem Kollegen hoch und versuchte aus seinem Blick zu erkennen, was er ihm sagen wollte. Der grinste aber nur und die weißen Zähne strahlten ihm aus dem dunklen Gesicht entgegen.
"Willst du lieber ein sexy Weihnachtsbunny, oder was?", war das erste, was ihm da einfiel. Für ihn war das nicht nötig, vielen männlichen Arbeitskollegen würde das aber sicherlich gefallen.
"Nee", meinte Caspar. "Aber ich habe da so einen heimlichen Wunsch, Alex", redete er leise weiter.
"Ja, Mensch, Caspar! Rück endlich raus mit der Sprache!", wurde Alex ungeduldig und erschrak über sich selbst, da er sonst nicht so aufbrausend war. Aber solche Geheimnistuerei konnte er nicht leiden.

Auch Caspar starrte kurz verwirrt, dann stellte er den Kaffeebecher ab und beugte sich näher zu Alex, dem mulmig zumute wurde.
"Also. Es ist so. Ich bin Halbafrikaner, weißt du - …ne, siehst du ja", lachte er kurz auf, bevor er weiter erzählte. "Und meine Mutter ist zu Weihnachten immer mit mir und Vater nach Kenia geflogen, weil sie katholisch ist und bei ihrer Familie eben feiern will. Wir haben also die Familie meines Vaters zu Weihnachten nie gesehen, immer nur zu den anderen Feiertagen. In den letzten Jahren konnte ich die Arbeit immer vorschieben, weil ich Weihnachten auch mal in Deutschland feiern wollte. Aber Mutter und Vater sind trotzdem weiter nach Afrika gereist. Sie nutzen jetzt sogar die Gelegenheit, dass sie ohne mich sind und machen gleich ihren Jahresurlaub daraus. Ich habe die letzten Jahre also bei meiner Tante mitgefeiert. Vaters Schwester ist eine ganz traditionelle Weihnachtsfeiernde. Doch eines habe ich immer vermisst. Meine Cousins sind alle in meinem Alter, also eine typische Geschenkübergabe von einem Weihnachtsmann gab es nie. Und ich habe mir schon immer mal gewünscht… hmmm… also… - ich wollte den schon immer mal spielen!"

Caspar holte tief Luft und guckte Alex forschend in die Augen. Der zwinkerte verwirrt und versuchte zu verstehen, was jetzt eigentlich das Problem an der Sache war.
"Du willst zur Feier als Weihnachtsmann verkleidet die Geschenke verteilen?", reduzierte er Caspars langen Monolog auf das Wesentliche.
"Ja", sagte Caspar nur und schaute noch immer Alex intensiv abwartend an.
"Aber nur, wenn du keinen Bart trägst und deinen Mantel offen lässt", mischte sich eine dritte Stimme ein. Sie blickten sich beide um und entdeckten Inge hinter sich. Caspar begann breit zu grinsen und Alex wurde rot und musste wieder husten. Hastig trank er von seinem Honigtee, auch um sich von diesem Gedanken abzulenken. Denn Caspar war durchtrainiert ohne Ende, was durch die Bürokleidung leider viel zu selten zu erkennen war. Dann haben wir ja doch ein sexy Weihnachtsbunny, dachte er sich und freute sich still über ihren Weihnachtsmann. Inge freute sich unbekümmert laut und weihte Frank und Dirk in den Plan mit ein.

***

Zum Mittag war Caspars Einsatz geplant und auch die Bereitstellung eines Kostüms geklärt. Alex hatte auch sonst alles von seiner Feier-Liste erledigen können und war entsprechend so kaputt, dass er freiwillig gar nicht länger bleiben wollte. Der Husten war trotz Tee wieder stärker geworden und er fröstelte leicht, obwohl er diesmal statt das Fenster aufzumachen die Heizung voll aufgedreht hatte.

Er packte sich warm in seine Jacke und legte auch den Schal bereits im Bürogebäude fest an, dann eilte er nach Hause. Er stolperte noch über den Postboten, der ihm ein Päckchen von seiner Mutter brachte und kämpfte sich damit die Stufen hoch. Schon während er im Bett liegend wegdämmerte, überlegte er noch, dass er das kommende 2. Adventswochenende endlich nutzen musste, um für die eigene Familie Weihnachtsgeschenke einzukaufen. Das Wochenende drauf wäre schon die Weihnachtsfeier und danach keine Zeit mehr, um in Ruhe passende Geschenke zu finden. Heilig Abend kam dieses Jahr sehr früh.

***

Den Freitag hielt Alex schon besser durch, obwohl sein Bein noch mehr schmerzte. Der schwarz-blaue Fleck hatte sich wirklich noch weiter ausgebreitet und spannte unter der Haut. Er versuchte es so wenig wie möglich zu belasten und kam damit auch gut zurecht. Einziges wirkliches Problem, dass auftauchte, war der Kostenvoranschlag für die Reparatur seines Autos, der ihm kurz nach der Frühstückspause per Mail erreichte. Fast 2000 € und er hatte gesehen, dass Alex noch nicht einmal die Arbeitsstunden mit angegeben hatte. Das war eindeutig zu viel und er musste eine Entscheidung treffen. Er wollte sich das Wochenende Zeit nehmen darüber nachzudenken, um gleich am Montag mit der Werkstatt zu sprechen.

Er ging auch an diesem Tag bereits zum Mittag nach Hause, putzte da sogar noch ein wenig seine Wohnung und hängte endlich seinen beleuchteten Weihnachtsstern auf, der das Wohnzimmer mit seinem gedämpften Licht noch gemütlicher machte.

Nach einer Tomatensuppe mit selbstgerösteten Croutons ließ er sich doch noch einmal Wasser in die Wanne und genoss einige Minuten das heiße Nass mit Kräuterzusatz zur Linderung des Hustens. Noch vor neun Uhr Abends war er bereits im Bett, um einigermaßen fit für den geplanten Shopping-Samstag zu sein, der doch noch aufregender sein würde, als Alex es sich vorstellte.


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