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du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Alexander Ried - Teil 3"

 

 


 

Nach über zwei Stunden verließ Alex etwas müde aber glücklich die Scheune, um zu seinem zugeschneiten Auto zu stapfen. Schon nach wenigen Minuten hatte Alex gemerkt, dass Wolfgang ganz genau wusste, was für eine Weihnachtsfeier für seine Firma passend schien. Er begann sofort mit einer genauen Auflistung der Dinge, die gebraucht wurden oder einfach nur kitschig weihnachtlich mehr Atmosphäre versprachen. Er bot Alex verschiedene Buffetformen an und Alex suchte sich eine etwas teurere Variante aus, die mit verschiedenen Sorten Fisch für das Kaltplatten-Buffet aufwartete und warme Speisen aus der Region anbot. Die Dessert-Kompositionen klangen auch allzu verlockend. Alex nahm sich also die Freiheit, sehr nach seinem eigenen Geschmack zu bestellen und freute sich für sich selbst immer mehr auf die Feier.

Man einigte sich noch über das Getränke-Angebot, den DJ und die Deko, wo Alex klassisch in rot-gold bleiben wollte. Er fand es für die Firma geeignet, zumal im Eingangsbereich der Geschäftszentrale ein schöner Tannenbaum in rot-gold geschmückt stand. Alex bat Wolfgang, ihm die Liste per Mail noch einmal zu schicken, damit sie abgleichen konnten, ob alles für beide Seiten klar war.

Während er überlegte, wie er das gesamte Programm im zeitlichen Ablauf gestalten konnte, kehrte er mit einem kleinen Handfeger sein Auto vom Schnee frei und flüchtete endlich in die kalte Trockenheit des Wagens. Er drehte den Zündschlüssel, das Auto sprang an, aber verreckte ihm sofort wieder. Nach dem dritten Mal blieb der Motor endlich an und Alex seufzte, da er das Auto morgen wohl noch einmal in der Werkstatt vorbei bringen musste.

Langsam zuckelte er im schwindenden Licht des Wintertages den einspurigen Weg zurück. Weil er an der Kreuzung zur Hauptstraße bremsen musste, um einem anderen Auto die Vorfahrt zu gewähren, geriet er plötzlich ins Schlingern. In Zeitlupe nahm er wahr, wie er den kleinen Abhang runterrutschte und dann mit einem heftigen Ruck schräg im Graben liegen blieb. Der Motor war erneut verreckt und Alex blinzelte verwirrt. Dann fragte er sich, ob er heulen sollte oder einfach laut brüllen. Es war beides; mit einem geschrienen Fluch kamen einige Wuttränen. Dann sprang er aus dem Auto, kämpfte sich den kleinen Hang hinauf und besah sich die Schererei. Allein kam er da nicht mehr heraus. Er musste die Polizei anrufen.

Frierend suchte er sein Handy in der Jackentasche. Da konnte er es nicht finden. Also musste er noch einmal runter zum Auto, rutschte natürlich mit seinen klassischen Schnürschuhen fürs Büro aus und schlitterte eher unelegant gegen den Wagen, stieß sich dabei derb den rechten Oberschenkel. Es tat sehr weh und nur langsam ließ der Schmerz nach. Erst nach einer Weile konnte er sich weiter auf seine Suche konzentrieren. Er wühlte sich durch das schräg liegende Auto und fand das Telefon hinter dem Beifahrersitz und zum Glück auf der Rückbank seinen dicken Schal. Er schnappte sich noch seine Umhängetasche, bevor er das Auto schloss.

Mittlerweile war die Kälte durch die dünnen Schuhe gedrungen und sehnsüchtig dachte er an seine Badewanne zu Hause, gerne mit heißem wohlduftendem Wasser gefüllt. Wieder auf dem Weg oben, schlang er sich den bereits älteren aber warmen Schal eng um den Hals, sodass er ihn sogar noch etwas über die Ohren ziehen konnte. Der Wind auf dem offenen Feld war eisig.

Er wollte sein Handy gerade entsperren, als ihn Scheinwerferlichter blendeten. Ein großes Auto kam die Hauptstraße entlang, wurde aber langsamer, als er Alex wohl da stehen sah. Dann sah er, dass es ein großer VW war. Als das Auto schließlich direkt neben ihm hielt, erkannte er den wintertauglichen Amarok und hinter dem Steuer - … seinen Retter vom Arbeitsamt!

"Alex? Bist du das?", fragte der auch gleich durch das geöffnete Beifahrerfenster.
"Ja, leider. Mein Auto ist weggerutscht und liegt jetzt im Graben. Ich muss die Polizei anrufen, dass die mich rausholen."
"Was machst du denn für Sachen?", wurde er nur gefragt, doch bevor Alex antworten konnte, wurde ihm der Befehl erteilt, sich gefälligst erst mal ins warme Auto zu setzen.

Alex kletterte auf den Beifahrersitz und bemerkte sofort, dass das Auto sogar Sitzheizung hatte. Er wollte sich gerade bedanken, als der andere aus dem Wagen sprang und sich seinen Toyota im Scheinwerferlicht des Amaroks näher anschaute. Dann zog er sein Mobiltelefon aus der Tasche und sprach kurz mit jemandem. Alex sah, wie er mit einigen Handzeichen seine Worte unterstrich, obwohl es der Gesprächspartner ja gar nicht sehen konnte. War wohl so seine Art. Dann fotografierte er mit dem Smartphone das kleine Auto von der Seite und das Nummernschild, bevor er mit reichlich kalter Luft wieder zu Alex ins Warme kam.

"So, Alex. Dein Auto wird heute Abend noch abgeholt. Mein Kumpel hat eine kleine Werkstatt, keinen Kilometer von hier im Dorf, wo ich wohne. Ich gebe dir noch die Adresse durch."
"Danke", keuchte Alex vor Überraschung. Was sollte er denn jetzt darauf noch sagen?
"Das kann ich gar nicht…" … ja was?
"… gar nicht annehmen", stammelte er hervor.
"Vielen Dank, Herr…", fügte er noch an, und in dem Moment wurde ihm bewusst, dass er gar nicht wusste, wie sein Retter eigentlich hieß.

Doch bevor er danach fragen konnte, antwortete der andere.
"Rian. Nenn mich einfach Rian." In einer kleinen Bewegung berührte er Alex sanft an der Wange und lächelte ihn sachte an. Das Leder der Handschuhe war weich und warm und Alex roch wieder frisches Rasierwasser, aber diesmal auch eindeutig des anderen Mannes herben winterlichen Duft. Bevor er sich zu tief in diesem Geruch verlieren konnte, war die Hand schon wieder weg.
"Rian mit "i", nicht mit "y". Es ist irisch. Mein Großvater ist Ire", erklärt Rian dann weiter.
"Und lass bitte das "Sie" weg. Und jetzt fahr ich dich erst mal nach Hause. Wie gesagt, dein Auto holt Alex ab. Der checkt es auch gleich durch. Wer weiß, was da jetzt noch für Schaden entstanden ist. Aber du bist in Ordnung, Alex?"

Alex nickte und lachte leise.
"Noch ein Alex", sagte er dann. Schien hier ein beliebter Name zu sein.
"Ja", begann Rian zu erzählen, während er langsam wieder losfuhr.
"Alex ist mein bester Freund seit Kindheitstagen. Nach meinem Studium im Ausland war ich mir da nicht mehr sicher, weil wir kaum noch Kontakt hatten, doch es hatte sich nichts verändert. Wir sind noch immer Nachbarn und die besten Freunde, trotz dass er bereits Frau und Kinder hat. - Ach ja. Einen Hund hat er auch noch. Ein riesen Vieh, fast wie ein Löwe, aber lieb und in kalten Jahreszeiten der beste Wärmespender."

Alex sah Rian von der Seite her an, als dieser sprach und dabei in Erinnerungen versunken war. Er war erstaunt, wie offen Rian ihm von sich erzählte, doch gestand er sich ein, dass er Rian ebenfalls so von seiner Familie erzählen würde. Er fühlte sich… hmmm… vertraut mit Rian. Obwohl sie sich ja gar nicht kannten. Vertraut, sicher - und gemocht. Da war jemand, der ihm half, und das immer zur richtigen Zeit.

Es war still geworden. Rian hatte aufgehört zu sprechen und Alex wollte ihn bei seinen Erinnerungen nicht stören. So nutzte er die Gelegenheit, um seinen Retter noch ein wenig zu betrachten: er trug sehr ordentliche Kleidung, als wolle er noch zu einem wichtigen Termin. Seine dunklen Haare waren modisch kurz geschnitten, aber noch so lang, dass man gut mit den Fingern hindurch wuseln konnte. Alex erschrak! Wo war der Gedanke hergekommen?

Hastig wendete er sich ab und starrte in die weiße Ferne nach draußen, bis sie die Stadt erreichten und Rian nach dem Weg fragte.

Alex spielte ein gut programmiertes Navi, das alle Einbahnstraßen und hinterhältig versteckte Radarfallen kannte und auch aktuelle Baustellen im Upload-Abo anbieten konnte. So fand Rian sicher zu Alex' Wohnhaus am anderen Ende der Stadt. Alex erzählte zudem auf dem Weg durchs Feierabendchaos hindurch, warum er eigentlich da draußen gewesen war.

"Wie kommst du denn jetzt zur Arbeit, Alex?"
Alex griff sich seine Tasche als Rian parkte.
"Es gibt Haltestellen in der Nähe. Ich muss das heute Abend noch mal anschauen, wann und wie der Bus abfährt. Es ist mit dem Auto natürlich bequemer, aber so ist es auch kein Problem. Nur mehr Zeitmanagement", lachte Alex etwas.
"Oh ja. Zeitmanagement", stöhnte da Rian auf.
"Du hast es gut, wenn du es noch so frei einteilen kannst. Ich habe gleich noch ein wichtiges Meeting. Zum Glück im ‚La Vie'. Bei gutem Essen lässt es sich immer besser verhandeln. Ach, würdest du mir deine Handynummer noch geben? Dann schicke ich dir die Adresse von Alex' Werkstatt, ja?"

Alex nannte seine Nummer und Rian tippte sie gleich in sein iPhone 6 ein.
"Danke, Alex. Ich wünsche dir trotz Schreck noch einen schönen Abend. Und lass' dich auf der Arbeit nicht unterkriegen." Überrascht ließ Alex sich kurz drücken, dann stolperte er verwirrt aus dem Auto und zum Eingang des Mehrparteienhauses, in dem er ganz oben seine kleine Wohnung hatte.


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