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du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Alexander Ried - Teil 2"

 

 


 

"Du, Alex", wurde er kurz vor der Mittagspause von Inge Meyer angesprochen. Es klang nicht so, wie sie sonst sprach. Da war ein lauernder Unterton in ihrer Stimme, den er noch nicht so genau zuordnen konnte. Im Hintergrund sah er die restlichen drei Kollegen frech grinsen.
"Also, Inge. Ich weiß, dass ich noch der Neuling bin und auch eigentlich erst im August ausgelernt habe und ich noch gar keine Erfahrung habe und all so was, aber ich glaube, ich weiß genau, wann ich flüchten sollte." Dirk, Frank und Caspar lachten laut und zogen Inge damit auf, dass sie wohl doch nicht so die Verführung in Person wäre. Alex zuckte etwas zusammen und dachte sich, dass es wohl eher an ihm lag, dass Inge bei ihm nicht landen konnte. Denn ihre Reize waren eigentlich sehr überzeugend. Nur eben für Alex nicht.

"Ach, seid doch still. IHR wolltet doch, dass ich es Alex sage", motzte Inge nach hinten und wendete sich mit einem süßen Lächeln zurück zu ihrem Opfer.
"Also, Alex. Folgendes. In dieser Firma ist es so, dass jede Abteilung einmal dran ist, die Weihnachtsfeier auszurichten. Das wird jedes Jahr im Sommer per Los bestimmt. Nun, und dieses Jahr hat es uns getroffen. Und wie du ja selbst merkst, haben wir unheimlich viel hier zu tun, was zum Jahresende nicht besser wird. Und da haben wir gedacht, dass du das vielleicht übernehmen könntest, da du noch nicht so voll im Arbeitsstress drinnen steckst." Inge machte eine Pause und sah ihn hoffnungsvoll an.

Alex war überrumpelt. ER sollte eine Weihnachtsfeier ausrichten? Für die GANZE Firma? ALLEIN?
"Aber… aber." Inge tätschelte ihm den Arm.
"Keine Sorge. Wir helfen natürlich, aber das Telefonieren und so solltest du machen. Du darfst das während der Arbeitszeit tun, der Chef hat das so bewilligt. Geh mal dann gleich in die Buchhaltung und frag nach, wieviel Budget Markus für dieses Jahr bereitstellt und geh bei Martina vorbei und gib Bescheid, dass du an der Sache dran bist. Markus will immer gerne wissen, wer da grade direkt dabei ist, falls er noch was mit dir besprechen will."

Alex musste das alles erst mal in Ruhe verdauen. Markus war ihr Chef. Wie alle wurde auch er nur mit dem Vornamen angesprochen. Sein voller Name lautete Markus-Alexander Trennwolf und es wurde sich schon gut darüber amüsiert, dass Alex ein Drittel gleichen Namen besaß. Als ob Alexander so ein seltener Name wäre, dachte er brummig, denn er hatte bisher den ominösen Markus noch nie gesehen. Anscheinend war er immer unterwegs und beschäftigt, aber gleichermaßen stets gut über die Dinge informiert, die sich in seiner Firma so abspielten. Er telefonierte meistens morgens einmal alle Abteilungen durch und fragte nach, ob es Probleme gäbe oder besprach Termine und Zeitpläne. Dirk war deswegen auch immer bis spätestens 8 Uhr im Büro, um Markus am Telefon nicht zu verpassen, obwohl die Büroabteilungen alle bis 9 Uhr Gleitzeit hatten.

Auch nach der Mittagspause noch in seinen Gedanken vertieft, ging Alex tatsächlich zur Buchhaltung durch und machte riesige Augen, als er die Summe gesagt bekam, die er jetzt also zur freien Verfügung hatte.
"Bring nur immer alle Quittungen her und lass dir vernünftige Rechnungen ausstellen", bekam er noch mit auf den Weg.

Mit der enormen Zahl vor Augen kam er schließlich bei Martina an. Er war erst einmal bei ihr gewesen, das war, als er seinen Arbeitsvertrag unterschrieben herbrachte. Martina Maschke war die persönliche Sekretärin von Markus und ohne sie gab es eigentlich kein Rankommen an den Chef. Er stellte sich nur kurz als den diesjährigen Weihnachtsfeier-Organisator vor, was sie begeistert aufnahm.
"Super, das gebe ich Markus dann gleich durch. Hier habe ich die Adresse der Location, die Markus sich gewünscht hat. Ich habe bereits seit dem Sommer die Reservierung fest. Deine Aufgabe ist es jetzt, das Programm zu gestalten. Du kannst eigentlich

deiner Fantasy freien Lauf lassen, solange es unserer Firmenethik nicht entgegenspricht." Alex nickte dazu, nahm sich den Zettel mit und trottete zurück in seine Abteilung.

***

Alex schaute kritisch nach draußen. Es war noch November, aber schon der 27. Also in vier Tagen Dezember und auch das Wetter schien verstanden zu haben, dass das Winter bedeutete. Es schneite dicke Flocken, gerade heute, wo er noch einen Termin nach der Arbeit hatte. Er hatte mit dem Inhaber der Weihnachtsfeier-Location telefoniert und der bat ihn, doch einfach mal direkt vorbei zukommen, sodass er seine Entscheidungen besser fällen konnte. Es war ein alter Gutshof, viel Fachwerk und altehrwürdige Bausubstanz, aber modern und schick eingerichtet und vor allem viel Platz in der ehemaligen Scheune über zwei Etagen. Zumindest was man im Internet sehen konnte.

So verabschiedete sich Alex heute schon zum zeitigen Nachmittag von der Arbeit und seine Abteilung wünschte ihm viel Glück. Der Gutshof lag außerhalb, dafür idyllisch im Grünen bzw. heute im Weißen. Ihm wurde bewusst, dass er hier noch einen Bus organisieren musste Die Hinfahrt dauerte. Er kam zu spät, weil er sich einmal kurz verfuhr und dann auch Angst hatte, mit seinem kleinen Alten schneller als nötig zu fahren. Der Schnee ließ den Toyota trotz Winterreifen ganz schön schlingern.

Er kam auf einen weitläufigen Hof an, der an drei Seiten von ehemaligen Bauernwirtschaftsgebäuden umgeben war. Es standen große Feuerschalen bereit; ein kleines Außenzelt für Raucher war aufgestellt. Die einstige Scheune war mit Fenstern ausgestattet, die über die gesamte Höhe der Vorderwand verliefen. Von außen sah man also schon den kompletten Innenraum in hellem neuen Holz und die beiden Etagen; Spots in den Trägerbalken verbreitete angenehmes Licht.

Alex fühlte sich ein wenig verloren, da rief eine Stimme und ein älterer Mann kam auf ihn zu.
"Sie sind Alexander Ried? Der Absprachetermin?", fragte er freundlich. Alex nickte erleichtert, der andere war über sein Zuspätkommen nicht böse, trotzdem entschuldigte er sich.
"Keine Sorge, wir haben morgen Abend eine Feier hier und bereiten gerade alles vor. So kannst du gleich den Aufbau sehen. Komm mit rein. Magst du einen heißen Tee?" Er wechselte vom unpersönlichen Sie zum leichteren Du, als er näher kam und sah, wie jung Alex noch war.
"Übrigens heiße ich Wolfgang Tegeder. Wolfgang reicht völlig. Ich bin der Eigentümer. Dieser Hof gehört seit mehreren Generationen meiner Familie. Vor einigen Jahren …" Wolfgang erzählte einfach drauf los, während sie bereits ins Gebäude gingen. Alex war von so viel Freundlichkeit ein wenig überrumpelt und folgte stumm. Er freute sich aufgrund seiner kalten Füße und Hände auf den Tee und fühlte sich vom ersten Augenblick an in diesem Ambiente sehr willkommen.


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