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du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Alexander Ried - Teil 14"

 

 


 

Es war warm und kuschelig. Blinzelnd öffnete Alex die Augen und stellte fest, dass es bereits hell war. Er lag auf und unter einem gemütlichen Lager an Decken und Kissen. Sein kaputtes Bein war sorgfältig auf ein kleines Sofakissen gelegt, sodass es nicht schmerzte. Zwischen den herrlich weichen daunengefüllten Stoffhüllen, wanden sich Arme und Beine hervor und waren um Alex geschlungen. Rian hatte ihn fest umarmt, als wolle er ihn nie mehr loslassen.

Gleich darauf spürte er seine drückende Blase und wusste auch wieder, was ihn geweckt hatte. Er kämpfte sich aus dem Meer an Decken, Kissen und Rian, und schaffte es zumindest sich aufzusetzen, doch lagen Rians Arme noch immer um seinem Bauch und schlossen sich automatisch fester. Er lächelte und strich sachte durch die dunklen Haare, stupste ihn dann an die Nase.
"Rian", rief er ihn leise. "Loslassen." Das einzige, das er damit erreichte, war ein Grummeln und ein Näherkuscheln. Na das hatte ja Prima geklappt.
"Rian. Ich muss mal ins Bad. Dringend." Tatsächlich wurde Rian wacher, murmelte etwas, gähnte und ließ Alex wirklich frei. Dafür griff er sich gleich ein Kissen und umarmte das nun fest, drückte die Nase tief in das herrlich nach Alex riechende Bettstück. Was war das denn? War er so leicht gegen ein Kissen ersetzbar? Na das würde noch ein Nachspiel geben.

Aber erst mal kämpfte er sich aufrecht. Sein Bein ziepte noch immer, auch wenn es schon besser war. Aber die Ärzte hatten wohl Recht. Es würde noch eine ganze Weile dauern, bis er es wieder voll belasten können würde.

Da er sich ausgeruht und munter fühlte, ging er nicht nur zur Toilette, sondern absolvierte gleich sein ganzes Morgenprogramm. Er duschte, wechselte dabei Pflaster und Verband vom Bein, rasierte sich, cremte sich ein und putzte sich gut gelaunt die Zähne.

Er machte eine erste Runde durch die Küche und schaltete die Kaffeemaschine ein und bestückte sie ausreichend mit Wasser, Filter und Kaffee. Es war noch eine traditionelle Maschine. Nicht so eine Capsule-Maschine, die unnötig viel Müll produzierte oder eine Pad-Maschine, die für einen Vieltrinker auch nicht geeignet war. So konnte er den Kaffee einfach durchlaufen lassen und die Platte hielt ihn auch schön heiß.

Als er zurück ins Wohnzimmer kam, wurde ihm erst bewusst, wo er geschlafen hatte. Rian hatte des nächstens einiges umgeräumt. Den Couchtisch hatte er beiseite geschafft und auf dem warmen dicken Teppich zwischen Kamin und Sofa ein sehr bequemes Nachtlager gerichtet. Dafür hatte er die hohe Matratze aus der Bettnische herangeschafft und alle Kissen und Decken, die er finden konnte, dazu geworfen, zum Schluss auch Alex und sich selbst.

Und während Alex sich aus dem gemütlichen Getümmel schon herausgekämpft hatte, lag Rian noch immer dort und schnarchte behaglich vor sich hin. Er wirkte erschöpft, aber auch sehr zufrieden und relaxt. Er setzte sich wieder auf die Matratze, vorsichtig sein rechtes Bein ausgestreckt, und blickte Rian eine ganze Zeit lang schweigend an.

Er fand, dass Rian ein toller Chef war. Immer darum bemüht, alles im Griff zu haben und Entscheidungen nicht nur nach dem Umsatz zu entscheiden, sondern auch nach moralischen Standpunkten. Das war zumindest das, was er aus Erzählungen seiner Abteilung herausgehört hatte. Da war zum Beispiel vor einem Jahr die Frage, für einen riesigen Neukunden eine komplett neue Produktionslinie aufzubauen. Eine Menge Gewinn stand in Aussicht. Dies wäre aber nur im Ausland möglich gewesen und somit wären zwar dort neue Arbeitsplätze entstanden, aber es war abzusehen, dass bald Arbeitsplätze im Inland abgebaut würden. Rian hatte sich dagegen entschieden. Er wollte lieber ein mittelständiges Unternehmen bleiben, das die Arbeitsplätze im Inland sichern konnte. Außerdem war "Made in Germany" nach wie vor ein hochwertiger Qualitätsstempel.

Trotzdem hatte er auch mit einem "nur" kleinerem Unternehmen eine Menge zu tun und jeder wollte etwas von ihm. Anruffreie Tage gab es nie. Umso erstaunlicher war das, was Rian ihm gestern mit leuchtenden Augen auf dem Flug eröffnet hatte. Wahrscheinlich würden sie keine Anrufe erhalten und ein wirklich ruhiges Weihnachten und Sylvester hier feiern können. Rian hatte sein Telefon auf Graham umgestellt und erst wenn die Firma in Flammen stände, würde der sich hier melden. So ein Freund war wirklich Gold wert. Alex grübelte schon eine ganze Weile, wie er Graham dafür danken könnte.

Aber jetzt wollte Alex nicht weiter an die Arbeit denken. Markus war sein Chef, Rian aber sein Freund. Und mit seinem Freund hatte er Urlaub! Ohne Telefon vor allem. Das musste genutzt werden. Sie wollten heute noch einkaufen und ein wenig bummeln gehen. Entschlossen packte er also sein Kissen und zog es mit einem kräftigen Ruck aus Rians Armen.
"A~~alex", gähnte dieser anklagend. "Warum lässt du mich nicht schlafen? Es ist mitten in der Nacht." Er drehte sich um und verkroch sich unter einer Decke.
"Mitten in der Nacht?! Es ist bereits hellster Tag! Los! Der Kaffee ist auch schon fertig." Er ignorierte gekonnt das gemurmelte "Sklaventreiber" und "Wer ist hier der Chef?" und zog ihm die Decke weg. Mit seiner Beute flüchtete er zurück in die Küche.

Dort kramte er in einem der Schränke nach der noch verschlossenen Keksbüchse mit scottish shortbread fingers, die er bereits gestern entdeckt hatte. Die Butterkeksriegel ersetzten nicht unbedingt ein ganzes Frühstück, aber um etwas in den Magen zu bekommen, bis sie in der Stadt waren, reichten sie völlig aus. Er hörte im Wohnzimmer Rascheln und Räumen, dann die Badtür klappen. Es brachte ihn zum Lächeln und zu einem leisen schlechten Gewissen. Sollte man müde Leute nicht einfach schlafen lassen?

Er nahm sich schon mal einen Becher Kaffee und öffnete die Cottagetür nach draußen. Er blinzelte direkt in die Sonne und herrlich klare Luft, die nach Schnee roch, empfing ihn. In der Nacht hatte es nicht mehr geschneit und zeigte daher ihre Spuren im Schnee. In dem Gartenwald war reger Betrieb. Vögel und sicher auch anderes Kleingetier raschelten sich durchs Gehölz und die Baumwipfel.

Er spürte einen warmen Körper, der sich von hinten an ihn kuschelte und mit der Nase durch seine Haare wuselte.
"Hmmm… du riechst gut, Alex. Guten Morgen übrigens. Achso. Was war das eigentlich mit dem Deckenklau?" Alex vermisste plötzlich seine Tasse, dafür hatte er einen Keks in der Hand.
"Deckenklau? Nur Aufstehmotivation. Außerdem: zuvor wurde ich umgehend durch ein Kissen ersetzt." Schmollend bis er vom Keks ab.
"Also Rache. Mensch, Alex. So habe ich dich gar nicht eingeschätzt." Rian lachte leise und trank noch einen Schluck Kaffee.
"Wie geht es denn deinem Bein?"
"Na ja. Tut ein bisschen weh."
"Der Tag gestern war einfach zu viel. Nimm besser eine deiner Schmerztabletten. Wenigstens geht es deiner Stimme schon sehr viel besser. Wir werden heute einen ganz ruhigen Tag verbringen und einen gemütlichen Abend in der Hütte. Ich werde uns was leckeres Kochen. Immerhin ist ja Weihnachten."

Stimmt. Heute war Weihnachten. Er drehte sich in Rians Armen und gab ihm einen langen Festtagskuss.
"Ja. Fröhliche Weihnachten."

***

Der Range Rover war aufgrund seiner Innenraumgröße, aber auch seiner Sitzhöhe für Alex' kaputtes Bein optimal. Er konnte gut ein- und aussteigen, ohne das Bein zu sehr beugen zu müssen. Rian half ihm fürsorglich, indem er ihm die Gehstützen immer abnahm und in der zweiten Sitzreihe verstaute oder sie auch schon in der Hand hatte, wenn Alex aus dem Auto ausstieg. Zudem zügelte Rian seinen Schritt. Seine langen Beine brachten ihn immer recht schnell voran, doch jetzt ging er bewusst langsamer, um Alex nicht wegzurennen und seinen Schatz zu verlieren, weil er nicht hinterherkam.

Sie fanden einen kleineren Supermarkt und obwohl sie gar nicht so viel brauchten, verbrachten sie recht lange Zeit darinnen. Alex war einfach begeistert von den Produkten, wie er es aus Deutschland her nicht kannte und stöberte sich durch die Regalreihen. Rian ließ ihn machen und bewies unendlich viel Geduld. So fanden sie dann aber noch eine kleine Lichterkette, hübsche Strohsterne und rotes Schleifenband. Da das Cottage so gar nicht weihnachtlich geschmückt war, schlug Rian vor, im Garten einen Ast eines Nadelbaumes zu sägen, den Alex heute Abend noch etwas schmücken konnte. Für das verspätete Frühstück nahmen sie sich ein paar typisch englische Sandwiches in Dreiecksform mit und verputzten sie noch auf dem Parkplatz.

Im Anschluss besuchten sie die Innenstadt und sie hatten wirklich so viel Glück, dass der kleine Laden mit den besten Cookies der Welt noch aufhatte. Mit Genuss verspeiste jeder einen der Riesenkekse auf einer Bank im Sonnenschein mit Blick auf eines der vielen tollen Gebäude und Alex konnte nur zustimmen: DAS waren wirklich die allerbesten Cookies der Welt.

Viel waren sie nicht gegangen. Rian wollte ihn nicht überanstrengen. Doch auch so hatte Alex sehen können, dass es hier unheimlich viel zu besichtigen gab. Er war Feuer und Flamme, die Stadt besser kennenlernen zu können und Rian versprach, die nächsten Tage zu nutzen und ihm die interessantesten Museen und die schönsten Gärten und Parks zu zeigen, ihm auch die Universitätsgebäude vorzustellen, wenn möglich sogar von innen.

Rian nahm die Tüte mit der restlichen 12er Cookie-Auswahl auf, die sie hoffentlich über die Feiertage retten würde, und gemeinsam machten sie sich auf den Rückweg. Alex glaubte, dass die Tüte nicht lange vorhalten wird.

***

Im Cottage zurück verstauten sie zuerst ihre Lebensmittel in der Küche, dann gingen sie zum Zweig sägen noch einmal hinaus. Alex folgte Rian um das Häuschen herum und entdeckte noch mehr Garten. Es war eigentlich schon fast ein kleiner Park. Ein Schuppen stand an der Seite und beherbergte diverses Gartengerät inklusive der Säge und nebenan lag bereits geschlagenes Brennholz.

Sie suchten sich eine schöne Tanne aus und nahmen einen Ast von weiter hinten, wo es nicht auffiel, wenn eine Lücke entstand. Leider stand Alex unter den Ästen, als Rian diese erst einmal vom Schnee freischüttelte. Er quiekte erschrocken auf und hüpfte zur Seite, trotzdem rutschte es ihm schon in den Kragen hinten rein.
"Ihhh… War das die Rache fürs Wecken heute Morgen?" Er revanchierte sich mit ein paar Schneebällen und lachend schleppten sie alsbald den Ast und neues Kaminholz ins Häuschen hinein.

Rian verschwand nach einem kurzen Badbesuch direkt in der Küche und begann gut gelaunt zu werkeln. Leise drangen bald Weihnachtsmusik und diverse Kochgerüche durch die zwei Räume und stimmten Alex besinnlich ein. So dekorierte sich der Zweig gleich viel leichter. Alex stellte ihn in einer großen Vase in der Nähe des Wohnzimmerkamins auf einen kleinen Hocker und verteilte diverse Weihnachtssüßigkeiten in kleinen Schalen im Wohnzimmer.

Er brachte auch eine gefüllte Schale in die Küche, damit Rian nicht leer ausging und erhielt dafür im Gegenzug einen nach Zimt duftenden Fruchtpunch und einen Kuss. Er fragte, ob Rian Hilfe bräuchte, doch der schüttelte nur den Kopf und drängte Alex geschickt aus der Küche.

Nun, wenn Rian ihm eine Überraschung machen wollte, hatte er da nichts gegen. Er musste selbst noch eine vorbereiten. Im Wohnzimmer zurück kramte er in seinem Rucksack nach dem Päckchen, das er nun leider nicht mehr schön verpacken konnte, weil doch Rian so plötzlich in der Tür stand und ihn an den Flughafen entführt hatte. Er beließ es einfach in der grauen Versandverpackung und dekorierte es mit einem kleinen Zweigchen und einer roten Schlaufe. Unter dem Tannenzweig sah es an die Vase gelehnt trotzdem schön aus.

Dann versuchte er sich selbst am Feuer machen und es gelang ihm recht ordentlich. Es knisterte und knackte und bald brannte gleichmäßig das Feuer und tauchte das Wohnzimmer und den Weihnachtsast in schönes Licht. Er griff sich einen Cookie und setzte sich auf die Couch, starrte in die Flammen und genoss den Fruchtpunch, hörte Rian im Hintergrund hantieren. Allmählich rutschte er zur Seite, stellte die leere Tasse ab und schlummerte weg…


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