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du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Alexander Ried - Teil 13"

 

 


 

Rians Überraschung war gelungen. Noch am zeitigen Nachmittag des 23. Dezembers hatte er Alex entführt. Erst ins Schlafzimmer und nachdem sie recht schnell eine gemeinsame Reisetasche gepackt hatten, an den Flughafen. Graham begleitete sie und fuhr den Amarok anschließend wieder zurück. Er würde sie auch wieder abholen.

Alex konnte gerade noch so das kleine Päckchen heimlich in den Rucksack stopfen. Am Airport konnte Rian nicht länger das Geheimnis zurückhalten, denn als sie am Gate 19 standen, konnte auch Alex endlich lesen, dass der Flug nach London ging. Er war aufgeregt und konnte sogar beim Start des Flugzeuges noch immer nicht glauben, dass sie mal eben auf die Insel flogen. Ihm war bewusst, dass Rian das öfter machte: wenn es schnell gehen musste, war er ganz flott im Flieger und düste um die halbe Welt. Aber Alex eben nicht. Für seine Urlaube musste er erst etwas sparen und geflogen war er sowieso noch nie.

Dafür lernte er jetzt gleich die 1. Klasse kennen. Er konnte sein Bein lang ausstrecken und trotzdem gemütlich mit Rian kuscheln. Eine der zwei Flugbegleiterinnen, die ausschließlich für die Gäste der 1. Klasse zuständig waren, kümmerte sich rührend um ihn und brachte noch ein Extrakissen, so dass Alex es sogar bequem hochlegen konnte. Seine Krücken hatte sie bereits zuvor sicher in die obere Handgepäckklappe verstaut. Da sie über den Nachmittag hinwegflogen, wurde ihnen schon kurz nach dem Start ein Kaffeetrinken serviert. Es gab Kaffee oder Tees, sowie verschiedenes Süßgebäck. Alex fand es übertrieben für einen Flug von einer knappen Stunde so einen Aufwand zu betreiben. Aber als er in eines der kleinen Petit Fours biss, die er sich ausgesucht hatte, bemerkte er den leichten Hunger. Mittag war nämlich ausgefallen.

Zwischen Kaffee und Kuchen verriet ihm Rian, dass er nicht immer so komfortabel flog. War er beruflich unterwegs, nahm er mit der einfachen Klasse vorlieb, doch da er diesmal Alex dabei hatte, der krank war und zudem noch nie geflogen war, wollte er ihm einen schönen ersten Flug bieten. Das war ihm bisher ausgesprochen gut gelungen, wie ihm Alex mit süßen Küssen versicherte, die nach Marzipan und Vanille schmeckten.

Die Landung schüttelte sie allerdings gut durch. Schneefall machte es dem Captain schwer, eine sanfte Ankunft zu bereiten. Alex war es etwas schwindelig, als er sich vom Sitz erhob. Er folgte Rian unsicher bis zum Ausgang des Flugzeuges. Dort stand ein Flugbegleiter mit einem Rollstuhl bereit. Rian hatte den tatsächlich für ihn organisiert. Erst wollte er ablehnen.
"Der Londoner Flughafen ist sehr weitläufig, Alex. Tu mir den Gefallen. Wenn du möchtest schiebe ich dich auch selbst." Damit konnte sich Alex schließlich anfreunden.

Rian hatte Recht. Der Flughafen war riesig, selbst bei zwei gesunden Beinen. Bei der Gepäckausgabe mussten sie auch gar nicht lange warten. Ihre große Reisetasche lag gleich am Anfang auf dem Band. Alex nahm sie entgegen und setzte sie vorsichtig auf seinen Beinen ab, so dass Rian die nicht noch tragen musste.

Gleich darauf steuerte Rian zielstrebig die Stände der Autovermietungen an. Er lieh ihnen einen wintertauglichen Range Rover und schon bald konnte Alex begeistert die britische Landschaft bestaunen, zumal alles sehr unbekannt in weißem Schnee lag. Mit den üblichen Fotos von Werbebildern konnte er es nicht vergleichen, wo man vorzugsweise saftige grüne Wiesen zeigte.

***

Die Fahrt dauerte fast zwei Stunden, da Rian aufgrund des Schnees vorsichtiger fuhr. Nur wenige Autofahrtminuten entfernt von Oxford lenkte er den großen Wagen sicher durch eine kleine Ortschaft, die ganz typisch englisch war; mit kleinem Kreisverkehr, Pub, Kirchlein und Friedhof, sowie einigen niedlich kleinen Häusern, die von Steinmäuerchen umgeben waren. Oxford selbst würden sie am nächsten Tag besuchen und auch noch einige Einkäufe erledigen, um über die Feiertage zu kommen. Wie in Deutschland war auch in England der 24.12. ein halber Arbeitstag und wer es sich wagte, ging tatsächlich an diesem Tag im Supermarkt noch einkaufen.

An einem kleinen Häuschen hielt er den Wagen und Alex sah sich einem so typischen britischen Cottage gegenüber, dass er sich wie im Film fühlte. Das gesamte Grundstück war mit einem niedrigen weißen Zaun eingegrenzt und der Garten war ein schön gepflegtes natürliches Landschaftsbild. Das Häuschen selbst lag inmitten dieser Pflanzenvielfalt und bestand nur aus einem Erdgeschoss. Das stabile Fachwerk war mit Natursteinen aufgefüllt und das Dach war dicht mit Reet gedeckt. Die kleine Gartentür quietschte etwas, als Rian sie für Alex öffnete. Der grinste, als er neben der überdachten Eingangstür auch die kleine obligatorische Sitzbank vorfand, auf der eine schöne unberührte Schicht Schnee thronte. Linker Hand führte ein kleiner Weg um das Haus herum in den hinteren Garten.

Alex hatte ein wenig Schwierigkeiten den noch zugeschneiten Weg zu gehen und hielt sich geschickt in Rians Spuren. Rian rappelte ein wenig an der Tür, bis er sie mit einem herzhaften Stoß mit der Schulter endlich aufbekam. "Im Winter klemmt es immer mal ein bisschen", murmelte er dazu und lud Alex mit einer einladende Handbewegung ein, endlich einzutreten.

Sie fanden sich direkt in einer großen, urgemütlichen Wohnküche wieder mit einem langen stabilen Tisch und zwei Bänken auf beiden Seiten, um eine ganze Familienhorde aufzunehmen. Die Küche war im Landhausstil gehalten, aber modern ausgerüstet.

Rian führte Alex erst einmal weiter in den nächsten Raum, wo sie die Taschen abstellen konnte.
"Hier ist der Wohnraum. Es gibt ein großes Sofa und hier hinten abgetrennt eine Bettstatt. Da wir nur zu zweit sind, darfst du dir aussuchen, wo du schlafen möchtest." Alex wunderte sich, dass Rian sich hier so augenscheinlich gut auskannte. Er entdeckte einen Kamin. Er war feiner gestaltet mit einigen Verkleidungen und Natursteinapplikationen. Auf dem Sims standen Fotos von Menschen verschiedener Generationen. Es gab schwarz-weiße Fotos im Stile des 18. Jahrhunderts und farbige moderne Bilder, auf denen Alex einen Jungen entdeckte, der nach einem sehr jungen Graham aussah.
"Ja. Du hast mich ertappt", antwortete Rian lachend auf Alex' fragenden Blick hin. "Dieses Häuschen gehört Grahams Familie. Er hat es mir über die Feiertage zur Verfügung gestellt. Du kannst dich also ganz wie zu Hause fühlen." Und Alex fühlte sich wie zu Hause. Es gab keinen Fernseher, aber er war sich sicher, dass er genug anderes zu tun haben wird.

Rian stellte die Heizung gleich an, denn es war wirklich kalt im Haus. Er bat Alex, einen Tee aufzusetzen und zeigte ihm den Teevorrat, der sicher in einer Dose gelagert war. Er selbst wollte in der Zwischenzeit eben mal mit dem Schneeschieber ums Haus herum, um den Eingang frei zu machen und eine vernünftige Lücke für das Auto zu schaffen.

Alex bewunderte die Energie seines Freundes und machte sich ein wenig mit der Küche vertraut. Er humpelte von Schrank zu Schrank und guckte überall mal hinein. So fand er auch das Geschirr und Kandiszucker und deckte damit an einer Ecke vom langen Tisch.

Rian kam schon bald wieder herein und rieb sich die Hände.
"Es ist kalt draußen", ergänzte er und wollte seine kalten Finger an Alex warmen Bauch aufwärmen. Der quietschte, konnte nicht flüchten und bewarf Rian mit dem Kaffeelöffel. Alex' Magenknurren beendete die kleine Küchenrauferei.
"Wir wärmen uns jetzt noch einmal richtig auf, dann ziehen wir uns warm an. Zum Abendbrot gehen wir in den Pub, an dem wir vorhin vorbei gefahren sind." Alex freute sich auf den kurzen Winterspaziergang durchs gemütliche Dorf, das schon im Dunklen lag. Durch Rians Schiebeaktion, kam er diesmal auch ohne Schwierigkeiten mit seinen Gehilfen bis auf die Straße hinaus.

Bald darauf fand er sich im éThe Talking House' wieder. Restaurant und Pub seit vielen Jahren, kannten sich die Leute hier alle. Sogar Rian wurde von der vollbusigen Barbedienung sofort herzlichst begrüßt und als sie den lädierten Alex vorgestellt bekam, war er sofort mit mütterlicher Fürsorge konfrontiert, die ihm doch ein wenig Furcht einjagte. Sie sprach auf ihn ein, fragte ihn Verschiedenes und schob ihm gleich ein kleines warmes Ale zu, das ihn aufwärmen sollte. Er verstand nur die Hälfte, musste sich von Rian übersetzen lassen und erntete dafür von der drallen Rothaarigen mehr als einmal ein "how cuuute".

Zum Abendessen war heute Wild im Angebot. Für Alex gab es daher honey-roasted lemon rabbit. So etwas Leckeres hatte er noch nie gegessen. Ab und zu stibitzte er sich etwas von Rians pie with pigeon and onion filling. Es gab also Deftiges zu Essen und Guinness zum Trinken. Alex mochte eigentlich kein Bier, aber dieses war nicht so bitter und er vertrug es ganz gut. Als Nachtisch wurde eine Riesenportion fruit tart with whisky and ginger cream gereicht, die sie sich teilten.

Der Rückweg kam ihm anschließend länger vor, was wohl nicht nur daran lag, dass sein Bauch nun voll und kugelrund war, sondern auch, dass es ein aufregender und überraschender Tag gewesen war. Zum Mittag lag er noch faul auf dem Sofa in Rians Haus in Deutschland herum und zum Abendessen war er in einem kleinen Dorf bei Oxford und trank irisches Bier in einem Pub.

Er kuschelte sich tiefer in seine warme Winterjacke. Es schneite zwar nicht, aber es war knackig kalt. Die Sterne blitzen im klaren Nachthimmel über ihnen und versprachen einen frostigen nächsten Tag. Er sah schon das Licht am kleinen überdachten Eingang des Cottages. Dahinter verbarg sich behagliche Wärme und ein romantisch knisterndes Kaminfeuer. Nun, zumindest letzteres würde Rian noch entfachen müssen.

Er blieb einen Moment stehen, um durchzuatmen. Der Weg war eigentlich nicht lang, aber es schmerzte noch immer und zu stark durfte er sein kaputtes Bein einfach noch nicht belasten.
"Hey. Alles oK?"
Rian kam einige Schritte zurück und nahm ihn in die Arme, gab ihm einige leichte Küsse auf die kalte Nase.
"Ja. Nur eine kurze Pause."
So schob Rian einen Arm um seinen Rücken und stütze ihn die letzten wenigen Meter.

Im Cottage war es wirklich herrlich warm und dadurch gleich noch gemütlicher. Rian verfrachtete ihn umgehend auf die Couch, nachdem er ihn aus der Jacke und den Schuhen gepellt hatte. Er wurde in eine flauschige Decke gekuschelt und alsbald mit einem hochprozentigen Heißgetränk versorgt. Tee mit einem ordentlichen Schuss Scotch. Nachdem Rian recht geschickt das Feuer im Kamin in Gang gebracht hatte, kam er mit zu ihm. Alex gab Rian großzügig ein wenig von der Decke ab und schmiegte sich zufrieden seufzend an ihn.

Der Tag war lang und aufregend gewesen. Der Alkohol entfaltete seine Wirkung vor dem knisternden Kaminfeuer jetzt erst richtig und hüllte Alex in eine Wolke vollster Zufriedenheit und glückvoller Leichtigkeit, die ihn schweben ließ. "Ich liebe dich", murmelte er - dann pennte er Rian gnadenlos weg.


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