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du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Alexander Ried - Teil 12"

 

 


 

Alex angelte sich einen Keks aus der Büchse, wuschelte dabei Hanni durch das struppige Fell und blätterte eine Seite weiter. Hanni hieß eigentlich Hannibal und war ein riesiges graues Ungetüm aus Irland. Der nordische Wolfshund machte mächtig Eindruck, wenn man ihn nicht kannte, doch sobald man als Freund der Familie vorgestellt wurde und möglichst noch ein Stück Wurst dabei hatte, gab es kein Entkommen mehr. Dann war man verpflichtet ihn bei jeder Gelegenheit zu kraulen und das schwere Gewicht auf Füßen und Beinen zu erdulden.

Alex hatte nichts gegen Kuscheln mit einem wärmenden Hund, doch dass er sich auf sein verletztes Bein hat fallen lassen, brachte Hanni ein Jaulen seines Herrschens in Spe ein. Reumütig hatte er an Alex' kaputtem Schenkel geschnuppert und seitdem legte er sich immer um dieses Bein drum herum.

Hanni war ihm als Wachhund abkommandiert worden. Dieser nahm seine Pflicht sehr ernst und verließ nie Alex' Seite. Sogar wenn er mit der Krücke zum Bad humpelte folgte er ihm bis zur Tür. Sonst bewachte er die Autowerkstatt nebenan, doch sobald Rians bester Freund Alex bei einem kurzen Besuch so lädiert vorgefunden hatte, hatte er seinen Hund als Aufpasser für Alex hiergelassen, da er tagsüber allein im Haus war.

Abends ließ sich Hanni immer noch einmal ausgiebig von allen kraulen, bevor er abgeholt wurde, wenn der ältere Alexander seine Werkstatt schloss und mit ihm noch einmal einen Gang über die Wiesen nebenan machte. Alex selbst hätte es Hanni gegönnt, mit ihm auch tagsüber über die schneebedeckten Wiesen spazieren gehen zu können, wenn er es denn könnte und nicht so blöd verletzt wäre. Er liebte Spaziergänge durch Wald und Wiesen und glaubte, dass auch Hanni mit seinen langen Beinen perfekt durch hohe Schneefelder tollen konnte.

So aber lag Alex seit zwei Tagen auf diesem riesigen Sofa mit wärmender Decke, kuscheligem Hund, diversen Leckereien zum Naschen und Trinken, sowie sämtlicher Unterhaltungsmedien, die in diesem Hause zu finden waren. Es gab den großen HD-Flachbild-Fernseher mit einer Unmenge an DVDs und Blu-Rays. Bücher, meistens Krimis, stapelten sich um das Sofa herum. Musik-CDs und eine große MP3-Sammlung fanden sich an der sehr teuer aussehenden Soundanlage. Und sein Laptop war natürlich längst übers WLAN im Internet eingeloggt.

Alex fühlte sich hier sehr wohl. Obwohl Rians Haus groß war - direkt neben das Gutshaus der Eltern gebaut - war es heimelig. Es wirkte auf angenehme Art recht englisch mit dem Kamin, der gerade jetzt zur Weihnachtszeit schön geschmückt war, und den antiken Möbeln, zwischen denen sich die modernen Mediageräte stylisch einfügten. Er hatte alles um sich herum, was er sich nur wünschen konnte. Außer Rian selbst.

Nach einer weiteren Nacht im Krankenhaus, die er ruhig und gut geschlafen hatte, durfte er nach Hause. Rian beschloss sofort, ihn zu sich zu holen, allein schon der Treppen in seine Wohnung wegen, die Alex mit seinem kaputten Bein unmöglich schaffen konnte. Alex stimmte zu. Sie machten noch einen Abstecher bei Alex' Wohnung vorbei, wobei nur Rian hochging und für Alex alle Sachen zusammensuchte, die gebraucht wurden. Nebenbei prüfte er nochmals, ob alle Geräte soweit ausgeschaltet waren und auch keine Lichter unnötig brannten. Der Kühlschrank wurde von den wenigen verderblichen Lebensmitteln befreit. In seiner Wohnung war dann alles in Ordnung, was Alex außerordentlich beruhigte.

Als sie endlich bei Rian ankamen, fühlte sich Alex augenblicklich wohl, sobald er durch die Eingangstür kam. Im Grunde wurde er von Rian über die Schwelle getragen. Die Auffahrt war nämlich winterlich rutschig und um einen weiteren Sturz von Alex zu verhindern, fand er sich plötzlich in Rians Armen wieder. Er quiekte mit seiner Nichtstimme erschrocken auf, dann wurde er rot und bekam auf die heißen Wangen einen neckenden Kuss. So lernte er sein zu Hause für die Weihnachtstage auf angenehme Art kennen.

Bevor Rian ihm jedoch das Haus zeigte, wurden zu allererst Alex' Eltern angerufen. Wie erwartet war vor allem seine Mutter in heller Aufregung und wollte gleich die Koffer packen. Da Alex nach wie vor nur ein Krächzen herausbrachte und gegen seine Mama sowieso keine Chance hatte, übernahm Rian das Gespräch.

Er stellte sich mit seinem vollen Namen vor. So wusste Alex nun auch endlich, dass sein Liebster sich mit dem unvorteilhaften weil ellenlangen Namen Markus-Alexander Rian Trennwolf herumschlagen musste. Rian verschwieg auch nicht, dass er der neue Partner ihres Sohnes war, und da es nicht seine eigene Mutter war, konnte er distanzierter mit ihr sprechen. Sein Posten als Chef einer großen Firma half ihm noch einmal mehr die besorgte Mutter zu beruhigen und ihr zu versichern, dass Alex zwar eine fette Erkältung und ein gezerrtes Bein hatte, aber alles schon wieder auf dem Weg der Besserung war und ihr Junge zu Weihnachten gewiss nicht allein sein wird.

Leidlich überzeugt ließ sich seine Mama auf den Deal ein, dass Alex Weihnachten und Sylvester bei einem fremden Mann verbringen durfte, wenn er dafür im Januar gleich zum Geburtstag seiner Patentante vorbeikäme. Natürlich nur, damit er sie mal wieder besuchen würde. Und er solle sich nicht einfallen lassen, den netten Mann zu vergessen. Sie wollte natürlich wissen, bei wem er die heiligen Feiertage wird verbracht haben.

Alex nickte also ergeben und Rian gab sein Einverständnis am Telefon so weiter, bevor er sich höflich verabschiedete und versprechen musste, dass sie zum Heilig Abend kurz anrufen würden. Das wäre geschafft!

Dann aber zeigte ihm Rian endlich das Haus und nachdem das auch erledigt war, wurde Alex auf das Sofa verbannt mit dem Befehl sich zu erholen und sonst gut umsorgen zu lassen. Das mit dem Erholen klappte ganz gut, das Umsorgen lassen beschränkte sich leider nur auf den Morgen und den Abend. Rian war nämlich tagsüber nicht da. Trotz dass es nur noch wenige Tage bis zu Weihnachten waren, war Rian im Büro versumpft. Gemeinsam mit Graham. Wenn sie am späten Abend nach Hause kamen, waren sie abgespannt, so dass Alex lieber gar nicht nachfragte. Er hätte ihnen zu gerne geholfen, doch fühlte er sich ehrlich schwach und allein die kurzen Strecken zum Bad oder mal in die Küche erschöpften ihn sehr. Lungenentzündung sei dank. Und das ungewohnte Nutzen der Gehhilfen bescherte ihm Muskelkater im Arm und Schwielen an den Händen, sodass auch hier noch Schmerzen dazukamen.

Graham hatte bis auf weiteres ein Gästezimmer in Rians Haus bezogen und so lümmelten sie Abends zu dritt auf den Sofas und guckten bei Tee und Keksen Filme an. Nur durch einige wenige Worte fand Alex heraus, dass Rian Graham intensiv in sein Heiligtum - sein Büro - einarbeitete. Doch viel sprachen die beiden nicht über die Arbeit. Manchmal kam es Alex so vor, als solle er etwas Bestimmtes nicht erfahren.

Ansonsten lernte Alex in den wenigen Tagen Graham sehr viel besser kennen. Graham Hewitt hatte einen ähnlichen Werdegang wie Rian: seine Familie hatte bereits selbst ein kleineres Unternehmen, weswegen Graham in die Arbeit des Vaters hineinwuchs und vieles schon neben der Schule mitbekam. Durch das Studium lernte er dann Rian kennen. Grahams einziger "Nachteil" war es, dass er einen älteren Bruder hatte, der bereits offiziell als Nachfolger des Vaters galt. So konnte Graham zwar in Ruhe ohne Zwänge lernen und im Unternehmen auch mal andere Stellen praktizieren, doch für eine leitende Position musste er sich woanders umsehen. Die Firma war einfach zu klein für zwei zukünftige Chefs. Und da kam Rian ins Spiel. Den Job in der Firma seines besten Freundes wollte er nicht unversucht lassen. Zwar haperte es noch mit der deutschen Sprache, doch war Graham zukünftig eh mehr für den Auslandseinsatz geplant.

Alex verstand sich überraschend gut mit Graham. Von der kurzen Eifersucht, die Alex bei der Weihnachtsfeier in sich selbst gefühlt hatte, war nichts mehr da. Graham hatte ihm deutlich gemacht, dass Rian für ihn wirklich nur ein Freund war. Wenn auch ein sehr guter Freund. Der Engländer wirkte auf angenehme Art zurückhaltend, gar etwas schüchtern, doch hatte er den typischen britischen Humor, der oft ein wenig trocken war.

Zur Nacht verabschiedete sich Graham stets zuerst. Wahrscheinlich machte ihm die Zeitumstellung noch ein wenig Probleme und auch das viele Neue machte müde. So hatten Alex und Rian immer noch ein paar Minuten für sich, die sie sich küssen und umkuscheln konnten, ohne ihren Gast zu beschämen oder einfach dreist zu ignorieren. Sehr auf Alex' Gesundheit bedacht und den frühen Arbeitsbeginn auch morgen zum 23.12. noch, verlegte Rian das Kuscheln auch schon bald ins Schlafzimmer. Da Alex frech geworden war, wurde er von Rian diesmal einfach über die Schulter geworfen und trotzdem sicher in die 2. Etage gebracht.

Rian hatte ein tolles Bett. Wo es unten im Wohnzimmer alles eher behaglicher war, eröffnete sich hier eine wahre Riesenspielwiese mit einem Heer an Kissen. Alex ließ sich sorgsam ablegen und streckte sich gemütlich aus. Den ganzen Tag nur sitzen und liegen, war nicht so sein Fall, aber im Moment ging es nicht anders. Die wenigen Meter, die er heimlich auf der Terrasse versucht hatte, waren schon fast zu viel gewesen. Hanni war immer neben ihm geblieben und er hatte die hohe Schulter wirklich zum Abstützen gebraucht. Zum Glück konnte der Hund nichts verraten. Doch die Spuren im Schnee waren Hinweis genug. Weswegen Rian ihn also heute Abend so ungewohnt die Treppen heraufgeschleppt hatte.

Nach einem kurzen Badbesuch, wurschtelte Alex sich in seinen warmen Schlafpyjama, während Rian jetzt im Bad war. Er wollte Rian nicht in Versuchung führen, wo sie doch nicht konnten.

So lag Alex schon unter der großen Decke, als Rian aus dem Bad zurückkam und das Fenster wieder schloss, das er für ein kurzes Durchlüften vorher weit geöffnet hatte. Dann schob Rian sich mit unter die Decke, zog Alex dichter und dieser schmiegte seinen Kopf zufrieden an Rians Schulter. Kurz huschte der Gedanke durch seinen Kopf, dass Rian ja sein Chef war, doch hatte er ihn von Anfang an anders kennengelernt und Rian behandelte ihn so liebevoll und gleichwertig, dass er sich gar nicht komisch fühlen konnte.

Er drückte noch einen Kuss auf Rians Hals und krächzte ein unromantisches "Gute Nacht" heraus, ehe er auch gleich einschlief.

***

Es klingelte an der Eingangstür. Alex schrak aus seinem leichten Mittags-Schlummer hoch und das Buch rutschte von seiner Brust auf den weichen Teppich vor dem Sofa. Hanni sprang auch gleich auf und bellte aufgeregt den Besucher an der Tür an.

Es dauerte ein wenig, bis Alex zur Tür gehumpelt war. Als er öffnete stand der Briefträge davor. Er nahm diverse Briefe für Rian entgegen und ein kleines Päckchen. Aufregung sprudelte in ihm hoch, als er seinen Namen auf dem Empfängerfeld des kleinen Kartons las. Seine Überraschung hatte noch geklappt und war rechtzeitig eingetroffen. Er bedankte sich überschwänglich beim Postboten, auch wenn es schwer war zu sprechen, und war in Gedanken schon am Grübeln, wo er in Rians Haus wohl Geschenkpapier finden könnte. Zum Glück hatten sie schon vor wenigen Tagen die Geschenke seiner Familie in einem großen Paket nach Hause geschickt, sodass diese auf jeden Fall rechtzeitig unterm Baum liegen konnten.

Er kramte grad in der kleinen Abstellkammer unter der Treppe, als es erneut an der Tür rappelte. Nochmal der Briefträger? Er linste um die Ecke und sah Rian im Eingang stehen. Was machte Rian denn schon hier?

Hanni lief freudig auf ihn zu und ließ sich zur Begrüßung wuscheln, auch von Graham, der gleich hinter Rian kam.
"Was macht ihr denn schon hier?", fragte Alex aufgeregt, als er auch zur Tür gehumpelt kam.
Rian antwortete erst mit einem tiefen Kuss.
"Wir haben einen Termin", sagte er dann.
"Was? Ihr müsst noch wohin?" Alex hatte sich gerade noch gefreut, nun war schon wieder alles dahin. Es hatte gewiss seine Vorteile, Chef zu sein, aber eindeutig auch manchen Nachteil. Ihm blieb keine Zeit Trübsal zu blasen, denn Rian schnappte ihn sich und zog ihn wieder dichter.
"Genau. Wir zwei haben einen Termin!" Damit warf er ihn sich kurzerhand wieder über die Schulter und verschleppte ihn ins Schlafzimmer. Graham winkte ihm grinsend hinterher.


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