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du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Alexander Ried - Teil 11"

 

 


 

Alex blinzelte etwas und war überrascht, dass Sonne ins Zimmer und auf sein Bett fiel. Nach dem trüben Morgen hätte man nicht mehr gedacht, dass sich die Sonne noch durch die Wolken kämpfen könnte. Oder war es schon wieder ein anderer Tag? Er hatte einfach kein Zeitgefühl mehr. Er fühlte dafür aber auch keine Schmerzen. Es war alles eher wie in Watte gepackt. Warm, weich, hell.

Dann stieg ihm ein herrlich angenehmer Geruch in die Nase. Er fühlte sich wohl, obwohl er sich wieder an all seine Probleme erinnerte. Aber in diesem Moment war es ihm egal. Er zog sich seine Decke noch einmal zurecht und drehte sich auf die Seite, wollte aus dem Fenster schauen.

Neben ihm am Bett saß Rian!

Er hatte diesen schönen meerblauen Kaschmir-Pullover an und schaute ihn unverwandt an. Alex konnte die Sorge in seinem Gesicht erkennen, Erleichterung und Müdigkeit. Sie blickten sich einfach an und obwohl Alex sich sagte, dass er ihn nicht mehr sehen wollte, konnte er nicht wegschauen. Im sanften Licht der Sonne sah Rian friedlich und ehrlich aus. Er wirkte nicht wie ein Chef einer großen Firma. Und jetzt erkannte er etwas: Das hier war Rian! Einfach Rian! Nicht Markus-Alexander Trennwolf, der Unternehmer. Der Mann, der über Millionen-Geschäfte entscheiden musste, der langweilige und schwierige Gespräche führen musste, mit ausländischen Geschäftspartnern, die nur den deutschen Weihnachtsmarkt im Sinn hatten. Er musste kurz bei diesem Gedanken schmunzeln. Aber ja. Das war Rian, der gerne Bagels aß und im Wald spazieren ging und der Fernweh nach Oxford hatte. Der Mann, der sich um Alex sorgte, egal was diesem passierte. Und ihm war einiges passiert…

Er schob unwillkürlich eine Hand in Richtung Rian und ließ sie wenige Zentimeter vor ihm auf dem Bett liegen. Als er endlich die warmen Finger spürte, die seine Hand umfassten, mogelte er seine Fingerspitzen unter den Bund von Rians Pulloverärmel, seufzte zufrieden auf und schloss die Augen. Das war schööön.

Er spürte der Sonne in seinem Gesicht nach und Rians Hand auf seiner.

***

Er musste doch wieder gedöst haben, denn er wurde davon wach, dass er Stimmen um sich herum hörte. Er erkannte zuerst Casper, dann Dirk und auch Rian. Aber er spürte noch immer Rians Hand an seiner. Er regte sich etwas und alle drei verstummten, bis er sich aufgesetzt hatte. Dafür musste er Rian loslassen, und gleich war es ihm wieder kälter. Doch er konnte sich doch nicht die ganze Zeit an seinem Chef festklammern.

Es war Casper, der ihn gleich bestürmte.
"Mensch, Alex. Was machst du denn nur für Sachen? Und das mir. Ich wusste erst gar nicht, was ich machen sollte." Alex blickte sich fragend um, da er gerne wüsste, was denn nun eigentlich mit ihm los war.
"Du hattest einen Kreislaufkollaps", antwortete ihm Dirk. "Daher musst du jetzt viel trinken und auch essen und natürlich brauchst du viel Ruhe." Es klang ein gewisser Vorwurf dabei mit und noch ehe er sich's versah, hatte er plötzlich eine Büchse mit Keksen vor sich. Seine Büchse, die ihm seine Mama geschickt hatte. Hatte Rian die aus seiner Wohnung geholt? Er suchte sich zögerlich seinen Zimtstern heraus, behielt ihn aber in den Fingern, und blickte Rian fragend und auffordernd an.

Rian seufzte auf, dann bestimmte er ganz Chef, dass Alex zuerst einen Becher Tee trank. Danach wollte er ihm erzählen. Dabei hielt er die Zettel hoch, die Alex vorhin erst geschrieben hatte. Alex wurde rot, fühlte sich ertappt und blickte Casper strafend an. Dieser lächelte nur, zuckte die Schultern und hielt ihm den Tee hin.

Alex blieb brav und trank den kalten Pfefferminztee in kleinen Schlucken aus. Währenddessen überredete Rian Dirk und Casper draußen zu warten. Aber erst als Alex zustimmend nickte, verließen die beiden das Zimmer. Es war rührend, wie sich alle um ihn sorgten.

Aber ihm war schon mulmig zumute, als Rian die Tür schloss und sich vorerst schweigend an sie lehnte. Er wirkte mit einem mal müde. Alex beschlich eine gewisse Unruhe. Nervös drehte er den Keksstern in den Fingern. Dann endlich schien Rian sich entschieden zu haben. Er lief zum Fenster hinüber und schaute hinaus. Er klang sachlich, als er mit sprechen begann.

"Alex. Mir geht immer viel durch den Kopf. Die Firma, die Geschäfte, die Familie. Selbst wenn ich Feierabend habe oder eigentlich Wochenende, steht mein Handy selten still. Und seit Oktober ein junger Mann, der es schafft, ständig in Schwierigkeiten zu geraten."

Alex hörte einfach nur zu und blickte nur auf seine Finger. Kribbelig begann er den Zimtstern zu zerbröseln, weil er nicht wusste, auf was Rian eigentlich hinaus wollte.

"Ich habe mich im wahrsten Sinne des Wortes auf den ersten Blick in dich verliebt, Alex. Ich dachte nicht, dass es so etwas gibt. Doch als ich an diesem Morgen dort beim Arbeitsamt vorbeigelaufen bin und dich entdeckt hatte, dachte ich nur… dachte ich…" Rian brach ab und drehte sich zu Alex herum, der ihn staunend anblickte. "… ich dachte gar nichts mehr. Alles war weg und nur du warst noch da. Und dann stand ich schon vor dir."

Jetzt wo Rian erzählte und nicht mehr nur ‚erklärte', klang seine Stimme wieder warm und voller Emotionen. Das war eine Liebeserklärung, erkannte Alex errötend und schaute wieder zurück auf seine Finger. Lauschte den weiteren Worten.

"Ich konnte gar nicht glauben, dass du einfach so für mich dort vom Schicksal hingestellt wurdest. Wie auf dem sprichwörtlichen Silbertablett serviert. Und dann sah ich deine Sorge und machte sie zu meiner eigenen. Ich dachte sofort darüber nach, wie ich dir helfen könnte. Dass es sich natürlich so optimal fügt, ahnte ich nicht."

Ja. Das war damals schon großartig. So hatte sich Alex noch nie beworben. Mit Rumstehen vor dem Amt. Da musste er schon etwas lächeln.

"Leider war ich ab dem Zeitpunkt fast immer unterwegs. Über Dirk konnte ich mir immer nur Bericht erstatten lassen. Erst als ich dich auf dem eisigen Feldweg aufgegabelt habe, konnte ich dich wiedersehen. Als ich dich im Scheinwerferlicht erkannte, war es genau wie zuvor. Ich sah nur dich, war glücklich und schon wieder sah ich Sorgen. Aber auch da konnte ich helfen. Und als du meinen Namen sagen wolltest, entschied ich mich, dir meinen irischen Namen zu nennen. Von dir wollte ich nicht mit ‚Herr' angesprochen werden. Herr Trennwolf bin ich in der kalten Geschäftswelt. Und Markus war genauso unpersönlich. Das bin ich auf der Arbeit. Von dir wollte ich so nicht genannt werden."

In Alex flammte kurz wieder der Unmut auf. Das war doch genau der Punkt, weswegen er so wütend und enttäuscht gewesen war! Doch jetzt, so wie Rian es erzählte, klang es einfach nur wie ein großes Missverständnis. Und er glaubte ihm.

Seufzend kam Rian zu Alex ans Bett heran, setzte sich dann auf den Stuhl. Er griff nach Alex Hand und umschloss sie warm und sicher, streichelte mit dem Daumen zärtlich über den Handrücken.

"Ich wusste nicht, dass du mich nicht kanntest, Alex. Ich dachte, es ist klar, wer ich bin. Alle kennen mich doch in der Firma. Ich stehe oft in der Zeitung. Auf der Website der Firma gibt es Fotos von mir mit kurzem Lebenslauf. Ich war so glücklich, dass du einfach Rian zu mir sagtest und mit mir so normal umgegangen bist. Als wenn ich ein normaler Angestellter bin. Aber erst nach diesem schönen Wochenende, dass wir zusammen verbracht hatten, wurde mir bewusst, dass du es doch nicht wusstest."

Alex schüttelte verwirrt den Kopf und zuckte mit den Schultern. Wodurch wurde es Rian denn klar? Und warum hatte er dann nichts gesagt?

"Deine SMS, Alex. Die du mir am Montagnachmittag geschickt hattest. Du hast geschrieben, ich solle mich von unserem Chef Markus nicht so ärgern lassen. Ich habe die ganze Nacht gegrübelt, wie du das wohl meintest. Ob du einen Scherz machen wolltest. Dann habe ich Dirk dazu befragt. Dieser erzählte mir, dass du ganz am Anfang mal nach einem Rian gefragt hättest. Da merkte ich, dass du in mir wirklich zwei unterschiedliche Personen siehst."

Alex hörte zu und nickte. Ja, so war es gewesen. Aber wenn Rian dann gewusst hatte, dass er, Alex, etwas durcheinander brachte, warum hatte er dann nichts gesagt? Er kritzelte das auf Caspers Schreibblock. Um dafür aber Rians Hand nicht loslassen zu müssen und in der anderen aber noch den Zimtstern hatte, schob er den Keks unbewusst einfach in den Mund, kaute darauf herum, während er versuchte mit Links zu schreiben.

Er sah Rians Schmunzeln nicht und als er ihm den Zettel hinschob, blickte sein Chef schon wieder ernst drein.

"Wollte ich doch. Dienstag bin ich extra bei dir zu Hause rumgefahren. Doch du warst nicht da. Am Mittwoch habe ich dich abends per Telefon nicht mehr erreichen können. Das war die ganze Zeit besetzt. Und als ich mich entschloss, trotz später Stunde doch noch zu dir zu fahren, bekam ich aus England einen Anruf rein. Der, weswegen ich dann plötzlich am Donnerstag weg musste. Es ging um Geschäfte in London. Die Reise konnte ich nutzen, um auch gleich Graham mitzubringen. Aber viel lieber hätte ich dich endlich sprechen wollen. Doch am Telefon irgendwo aus dem Ausland raus wollte ich so etwas auch nicht erklären und diskutieren. Ich hoffte, dich zur Weihnachtsfeier allein abpassen zu können. Soweit hatte es ja sogar geklappt. Doch wolltest du mir nicht zuhören. Es ging aber auch alles schief in dem Moment. Zum Glück hat dich Dirk dann noch nach Hause gefahren. Aber wirklich beruhigt hat es auch nicht. Und die schöne Weihnachtsfeier konnte ich auch nicht genießen. Wie auch?"

Rian machte eine Pause, blickte Alex ein paar Momente in die Augen und strich ihm einmal liebevoll durch die Haare. Alex ließ es geschehen, genoss sogar die Berührungen. Er war nicht mehr nervös. Rian erzählte einfach nur was passiert war, seine Sorgen und Gedanken. Es klang niemals ein Vorwurf darinnen. Er konnte ihn verstehen und bewunderte, wie Rian all die persönlichen Probleme zusammen mit den Schwierigkeiten in der Firma unter einen Hut brachte.

"Sonntag war ich Hin- und Hergerissen. Sollte ich zu dir? Sollte ich dich erstmal das Wochenende in Ruhe lassen? Wie ging es dir eigentlich? Es drehte sich alles im Kreis. Am Montag brachte mir Martina einen Briefumschlag ins Büro. Deine Kündigung! Das Ding ist übrigens umgehend in meinem Reißwolf gelandet! Und ich bin sofort zu dir gefahren."

Rian rückte noch weiter an Alex heran und als dieser nicht zurückwich, schob er sich sogar bis auf das Bett und umarmte ihn fest. Alex traute sich auch, kuschelte sich näher und lehnte seinen Kopf an Rians Brust, genoss den herrlich weichen Pullover und Rians behaglichen Geruch.

"Ich hatte noch nie so viel Angst in meinem Leben, Alex. Keine Prüfung, kein Geschäftsessen, kein Verhandlungsgespräch war je so besorgniserregend. Ich hatte alles Mögliche erwartet von dir: eisiges Schweigen, Anschreien, vielleicht auch, dass du mich gar nicht reinlässt. Doch es kam viel schlimmer. Du bist mir in der Tür regelrecht in die Arme gefallen. So ein hohes Fieber und dabei hast du vor Kälte nur so gezittert. Ansprechbar warst du sowieso nicht mehr. Ich habe sofort den Notruf gewählt. Es fühlte sich an wie eine Ewigkeit, bis der Arzt kam. Und auch als er meinte, dass du wieder gesund werden wirst, konnte ich mich kaum beruhigen.

Das war Montag. Heute haben wir Mittwoch und es geht dir wirklich besser. Dein Bein braucht natürlich Zeit zum Heilen und auch die Lungenentzündung wird nicht morgen schon weg sein, aber du hast jetzt die Feiertage, die du zum Ausruhen nutzen kannst und danach solange, wie es nötig ist, dass du wieder ganz gesund wirst."

Alex blieb an Rian gekuschelt liegen. Er wusste erstmal auf alles gar nichts weiter zu sagen. Er konnte sich eigentlich nur einen Idioten schimpfen, denn eigentlich ist dieser ganze Ärger nur durch ihn entstanden. Doch Rian war nicht missbilligend. Er seufzte nur einmal auf und drückte Alex noch weiter an sich, richtete ihm fürsorglich die Decke und ließ dann seine Hände auf Alex' Armen liegen.

Alex verbrachte ein paar stille Minuten in Gedanken, bis er merkte, dass Rians Atmung an seinem Ohr in sehr tiefen und gleichmäßigen Zügen ging. Er schielte in Rians Gesicht und erkannte, dass sein Chef eingeschlafen war…


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