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du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Alexander Ried - Teil 10"

 

 


 

Aufwachen im Krankenhaus war so eine Sache für sich. Vor allem, wenn man gar nicht wusste, wann, wie und weshalb man da hingekommen war. Doch Alex wusste sofort, wo er sich befand. Es roch typisch nach Desinfektionsmittel, wie er es vom Zahnarzt kannte. Es gab Geräusche um ihn herum, die er aus diversen Arztserien aus dem Fernsehen kannte, wie geschäftiges Treiben auf dem Flur, Menschengemurmel, sogar eine Sirene von einem Krankenwagen war weiter weg durch die Fenster zu hören.

Draußen war es noch dunkel und nur ein wenig gelbes Licht von den Straßenlaternen fiel zu ihm herein. Er tastete nach einer Lampe und fand eine direkt neben sich an der Wand. Es machte ein sanftes Licht, so dass er sich im Zimmer umblicken konnte. Er war verwundert, dass er allein hier war und wusste, dass seine normale Krankenversicherung das niemals bezahlen würde. Und da war er schon wieder: Rian. Oder vielmehr Markus. Markus-Alexander, wenn man es ganz genau nahm. Sein Chef. Ex-Chef! Er hatte ja gekündigt. Und auch Ex-Freund. Das war sicher Weltrekord. Zusammen für eine Woche.

Die Gedanken bereiteten ihm Kopfschmerzen. Doch damit befanden sie sich in hervorragender Gesellschaft mit den Halsschmerzen, den Schmerzen im Bein und vor allem der Pein in seinem Herzen. Er wollte doch nichts mehr empfinden, aber war das gar nicht so leicht wie gedacht. Und die verdammten Tränen waren auch schon wieder da.

Er wischte sich mit zittriger Hand die Nässe aus den Augen und ließ sich dann wieder zurück in die Kissen fallen. Um nicht wieder in den Gedankenkreisel zu fallen, lauschte er auf die Geräusche um sich her. Auf dem Flur wurde es immer reger, Leute kamen und begrüßten sich oder sagten Tschüs. Es klang, als wenn Schichtwechsel wäre.

Er lag so eine ganze Weile, bis die Tür leise geöffnet wurde und eine Krankenschwester hereinkam. Als sie sah, dass er wach war, ging ein Strahlen über ihr Gesicht.
"Oh. Guten Morgen, Herr Ried. Das ist aber schön, dass sie wach sind. Dann geht es Ihnen schon sehr viel besser. Ich überprüfe gerade noch einmal wie hoch Ihre Temperatur ist…" Damit untersuchte sie mit einem kleinen pistolenartigen Gerät seine Temperatur im Ohr.
"… und öffne das Fenster. Nun, ein wenig Fieber haben Sie noch, aber es ist schon sehr viel besser geworden. Es gibt übrigens gleich Frühstück. Möchten Sie versuchen etwas zu essen?"

Von so viel begeisterter Fröhlichkeit am frühen Morgen war Alex baff. Er schüttelte auf ihre Frage nur den Kopf. Er wollte gewiss nichts essen. Sie lächelte ihn warm an und ihre Geschäftigkeit schwand, machte ehrlicher Sorge platz.
"Ich bin Nadine und für diese Station zuständig. Aber hast du wirklich keinen Hunger? Du hast ja schon seit dem du eingeliefert wurdest nichts mehr gegessen." Er hätte gerne gewusst, welcher Tag heute überhaupt war, aber er wollte nicht reden. Er schüttelte noch einmal den Kopf. Eigentlich wollte er ja nur seine Ruhe.
"Na gut. Nach dem Frühstück macht der Arzt seine Visite. Und wenn etwas sein sollte, dort an der Seite vom Bett hast du einen Rufknopf." Sie strahlte ihn noch einmal aufmunternd an, dann war sie wieder verschwunden.

Nur wenige Minuten später kam tatsächlich das Frühstück, obwohl er doch nein gesagt hatte. Es war ein großer Pfleger, der es verteilte, der zwar grimmiger aussah als Nadine, aber nicht weniger höflich.
"Ich bin Alex", stellte dieser sich vor und als er die rollenden Augen seines Patienten sah, fragte er mit einem mürrischen "Was?" nach. Alex zuckte nur die Achseln und dachte sich seinen Teil. Ein weiterer Alex hatte ihm gerade noch gefehlt. Der Pfleger ließ sich von Alex' abweisendem Verhalten nicht beirren und erklärte, dass sein Name der Beste Name der Welt sei, der zu den Besten der Welt gehöre, und stellte ihm das Frühstück hin.

Alex hörte zu, auch wenn er darauf nicht antwortete. Die Besten der Welt? Der eine war ein hinterhältiger Typ und der andere zu doof, das zu bemerken. Der große Alex ließ sich aber von seiner trüben Stimmung nicht ärgern und stellte ihm sogar das Bett passend ein, damit er gut an sein Essen herankam.
"Ich weiß, Nadine sagte schon, dass du nichts essen möchtest. Doch du musst wieder zu Kräften kommen. Das steht so auf meinem Zettel. Und wenn du nur ein paar Bissen nimmst. Und die Medikamente, bitte. Aber vor allem brauchst du Flüssigkeit. Hier am Bett steht auch immer eine Wasserflache und du kannst soviel Tee bekommen, wie du willst. Und außerdem gibt es heute zum Mittag ein ordentliches Hühnerfrikassee mit Pudding zum Nachtisch. Und entgegen aller gängigen Vorurteile über Krankenhausessen, mag ich den besonders…" Damit ließ er Alex allein.

Alex nahm den Tee und schluckte die Tabletten, auch wenn er nicht wusste, für was sie waren. Der Tee tat seinem Hals sehr gut und Durst hatte er wirklich. Sonst befand sich auf seinem Teller eine Scheibe Schwarzbrot und ein bereits geteiltes Brötchen, daneben etwas Aufschnitt und sogar Marmelade und Nutella in diesen kleinen Plastikpäckchen, wie man es aus einem günstigen Hotel her kannte.

Es sah wirklich nicht schlecht aus, aber er konnte nicht. Allein der Gedanke wollte wieder die bekannte Übelkeit heraufbeschwören. Er seufzte und schob das Tablett weit von sich, auch wenn es um das Essen selbst schade war.

Während er den Tee trank und auf den Arzt wartete, wanderten seine Gedanken doch wieder davon. Er grübelte darüber nach, was eigentlich passiert war. Er konnte sich nicht erinnern, beim Arzt angerufen zu haben. War jemand bei ihm gewesen? Rians sichere Hände gerieten in seine Gedanken, doch er schüttelte den Kopf. Das konnte nicht sein… Seine Nachbarn vielleicht… Und warum tat eigentlich sein Bein weh? Jetzt erst bemerkte er, dass etwas an seinem Bein dran war und als er danach tastete, fühlte er einen straffen Verband.

Er ließ sich frustriert wieder ins Kissen zurückfallen und nur wenige Minuten später kam der Pfleger zurück.
"Na, Alex?", zwinkerte er ihm zu. Er hatte also in der Zwischenzeit seinen Vornamen in Erfahrung gebracht.
"Wirklich keinen Appetit?" Er strich ihm ungeahnt sanft über die Schulter und sprach leiser weiter.
"Es wird dir nicht besser gehen, wenn du nichts isst. Ich lasse dir das Brötchen da. Wenn du doch noch Hunger bekommst, kannst du ja etwas davon essen. Ansonsten sehen wir uns zum Mittag wieder." Er stellte den Teller auf den Nachttisch und räumte alles andere weg, nach draußen in sein Wägelchen, das er dann weiter den Gang entlang schob.

Dann kam der Arzt; hinter ihm lief Nadine mit. So erfuhr Alex endlich, was nun eigentlich mit ihm war. Er hatte sich eine richtige Lungenentzündung mit gefährlichem Fieber eingehandelt, was zum Glück endlich gesunken ist. Dazu hatte er sich das Bein so sehr überdehnt, dass der bereits durch den Stoß beim Unfall lädierte Muskel anriss. Die ältere Prellung war noch nicht verheilt, Blutödeme hatten sich im Gewebe gesammelt. Diese waren per chirurgischen Eingriff geöffnet und ausgeräumt worden, die Fasern des Muskels wieder zusammengefügt. Er musste sich jetzt sehr schonen. Damit der Muskel wieder voll funktionstüchtig heilen konnte, müsse er 6 Wochen lang das Bein ruhig stellen. Und gut essen, um wieder zu Kräften zu kommen. Alex überhörte das mit dem Essen großzügig. Als der Arzt noch fragte, ob er Schmerzen hätte, nickte er leicht mit dem Kopf.
"Gut. Sie bekommen noch weiterhin Antibiotika und können auch ein leichtes Schmerzmedikament einnehmen. Zudem haben wir bei der Blutuntersuchung festgestellt, dass es Ihnen an Mineralien und Vitaminen mangelt, was auch Ihre Abwehrkräfte schwächte. Von daher geben wir Ihnen noch einige Vitaminpräparate. " Während er sprach, kritzelte er etwas in seine Akte. Dann nickte er ihm grüßend zu, wünschte gute Besserung und ließ ihn wieder allein.

Allein war gut. Das waren fast zu viele Informationen auf einmal. Muskelfaserriss, Lungenentzündung, Mangelernährung. Er ließ sich wieder ins Kissen zurückfallen, drehte sich ein wenig seitlich, so dass er einfacher aus dem Fenster blicken konnte. Gedankenverloren schaute er in den dunstigen nebeligen Morgen hinaus.

Es war alles schief gelaufen. Er hätte gar nicht erst in dieser Firma anfangen sollen. Und schon gleich gar nicht mit Rian, Markus oder wem auch immer flirten oder noch viel schlimmer, sich wirklich verlieben sollen. Zudem lag er jetzt, nur wenige Tage vor Weihnachten, im Krankenhaus, wo er eigentlich zu Hause schon längst seine Tasche fertig hätte haben müssen, um für die Feiertage zu seinen Eltern fahren zu können. Die musste er auch noch irgendwie kontaktieren. Es war einfach nur frustrierend. Er konnte erneute Tränen gar nicht mehr verhindern und schlief irgendwann ein.

***

Er wachte davon auf, dass an seine Tür geklopft wurde. Dann ging sie auf und … Casper steckte den Kopf herein, grinste Alex an, als er sah, dass dieser wach war. Er kam ganz herein und stellte seinen Rucksack neben dem Bett ab.

"Hey, Kleiner. Na? Wach? Schön, dass es dir besser geht." Er wurde von Casper geknuddelt und fragte sich, warum der da war. Er hatte doch gekündigt. So richtig war er noch nicht ganz bei sich. Er gähnte, streckte sich vorsichtig und versuchte sich ein wenig aufzusetzen.
"Komm. Ich helfe dir. Diese Dinger sind ganz praktisch", sagte Casper und bediente die Steuereinheit, um das Bett höher zu stellen, sodass er sitzen konnte.

"Danke. Was machst du hier?", fragte Alex. Oder: er wollte fragen. Es kam kein Ton heraus. Wo er zuvor einfach keine Lust hatte zu reden, konnte er es jetzt nicht. Seine Stimme war komplett weg. Er trank einen Schluck Tee und versuchte es noch einmal, doch kam nur ein Krächzen heraus.
"Dich hat es wirklich ganz schön erwischt, Alex. Der Arzt sagte ja auch was von Lungenentzündung. Aber wart mal, ich glaub', ich habe was dabei." So zog Casper nach einigem Wühlen einen Kuli aus seiner Tasche. "Bin gleich wieder da", sagte er dann, verschwand für wenige Augenblicke aus dem Zimmer und kam mit einem Notizblock wieder. Triumphierend hielt er ihn der Hand und reichte ihn an Alex weiter, während er sich einen Stuhl heranholte und sich neben das Bett setzte.

Alex nickte und schrieb jetzt also auf den Zettel seine Frage von vorhin.
"Na, wir machen Krankenbesuch. Wie sich das gehört." Na ja. Das war eine Antwort, die sich Alex bereits denken konnte. Dann fiel ihm noch etwas anderes ein. Er schrieb nur "Tag?" und wartete auf Caspers Antwort.
"Na Mittwoch", sagte der verwundert. Und als Alex ihn groß anstarrte, hängte er noch erklärend dran: "Du bist Montagmorgen eingeliefert wurden. Als Notfall. Man hat dich gleich untersucht und operiert. Seitdem hast du geschlafen. Wir haben uns alle echt Sorgen gemacht. Schön, dass es dir jetzt besser geht."

Mittwoch also! Das schockte ihn. Ihm fehlten zwei ganze Tage. Das war seltsam und ein wenig beängstigend. Zum Glück war Casper da, der ihn mit seiner guten Laune wieder aufmunterte.

"Jetzt geht's dir ja bald wieder gut. Das Bein wird schon wieder. Aber am meisten freue ich mich, dass ich gewonnen habe. Eigentlich wollten Inge und Frank mit. Doch ich konnte mich durchsetzen. Dafür hat mir Inge aber einen Briefumschlag für dich mitgegeben." Diesen holte er auch aus seiner Tasche und reichte ihn mit einem gemeinen Grinsen rüber. Alex nahm ihn, aber traute sich nicht ihn im Beisein von Casper auch zu öffnen. Doch der ließ sich es nicht nehmen und redete so lange auf Alex ein, bis dieser endlich die Fotos herausholte, die da natürlich drinnen waren.

Inge hatte fleißig fotografiert. Nicht nur Caspers Auftritt. Sie hatte schon vorher Bilder geschossen und somit den ganzen Abend von Anfang bis Ende festgehalten. Alex nahm sich Zeit und schaute mit Casper gemeinsam die Bilder an. Dies lenkte ihn von all den Fragen ab, die in seinem Kopf wirbelten und auf die er keine Antwort finden konnte. Er fand es interessant, was Inge manchmal fokussiert hatte. Nicht nur Leute, auch einfach mal nur ein Schmuckelement vom Tannenbaum, eine einzelne Feuerschale. Sogar Eisblumen am Fenster. Er fand ein Bild, auf dem ihre ganze Abteilung drauf war. Sie hatten es noch beim Sektempfang geschossen, entsprechend waren alle gut drauf.

Dann kam Casper. Zuerst sah man ihn in seinem kompletten Kostüm: mit Mütze, weißem Bart, langem - geschlossenen - Mantel, roter Hose und schweren schwarzen Boots. Erstaunlicherweise hatte er einen dicken Bauch. Natürlich verriet ihn die Gesichtsfarbe und das riesige für ihn typische Grinsen. Alex musste mitgrinsen. Auf dem nächsten Bild erklärte sich der riesige Bauch. Es war einfach nur ein großes Kissen, dass sich Casper unter dem Mantel geschoben hatte. Dann nahm er sich den Bart ab und dann folgte ein klassischer Striptease. Zumindest bis der Mantel weg war.

Alex konnte es wirklich nicht verhindern. Er wurde rot. Casper hatte aber auch einen genialen Sixpack. Zu gerne würde er da wirklich mal drüber streicheln, doch erstens war Casper hetero und würde sicherlich keinen anderen Mann so nah ran lassen und zweitens… zweitens war da Rian. Es fühlte sich schon allein in Gedanken wie Betrug an, obwohl es doch gar nichts mehr gab, was man betrügen könnte. Und noch ehe er mit seinen Gedanken soweit war, sah er Rian auf dem nächsten Foto. Inmitten der Gäste an seinem Tisch, die augenscheinlich begeistert Casper applaudierten, saß ihr Chef in Gedanken versunken einfach so da. Es wirkte fast traurig.

Er schaute wohl zu lange auf das Bild, denn Casper, der bis eben noch leidenschaftlich jedes Foto kommentiert hatte, wurde still. Dann sprach er ernst weiter.
"Alex, ich weiß nicht, was passiert ist. Dirk wollte nichts näher sagen. Aber dass du und Markus euch gestritten habt, ist deutlich. Dirk bat mich, heute deswegen auch mit herzukommen." Alex seufzte bei den ersten Worten auf, dann stockte er. Auf seinen Zettel schrieb er, was das zu bedeuten hätte.
"Na ja", druckste Casper ein wenig herum. "Dirk ist auch da. Und… na ja… der Chef halt auch."

Alex machte große Augen. Dirk war hier und auch Rian?
"Keine Angst. Ich lasse dich nicht allein, Alex. Ich habe dir schon einmal gesagt: wenn dir einer was tun will, muss er erst an mir vorbei."

Nein! Die dachten wirklich, Rian hätte ihn irgendwie … hmmm… unsittlich oder schmerzhaft angefasst. Das stimmte doch gar nicht! Er wollte nicht, dass sie so über Rian dachten. Er hatte ihn einfach nur belogen. Einfach! Wenn es mal so wäre. Er schüttelte heftig den Kopf und wollte auf Casper einreden, bis er wieder merkte, dass seine Stimme weg war. Frustriert ballte er die Faust um eine Deckenecke, dann schrieb er auf den Block. Und er schrieb alles. Von Anfang bis Ende. Casper ließ ihn schreiben, blieb stumm und hörte nach den ersten Zeilen auf, mitlesen zu wollen, da Alex immer heftiger schrieb, bald schon die Zettel umblätterte, da er eine neue Seite brauchte.

Nach langen Minuten kam er endlich im Hier und Jetzt an. Er schob Casper den Block rüber und wartete, bis dieser es gelesen hatte. Es war verworren geschrieben, so wie es ihm in den Sinn gekommen war. Es war gut, es jemanden endlich mal so sagen zu können, schreiben zu können, doch es brachte ihm auch keine Antworten auf die Fragen, was er jetzt tun konnte. Er fühlte sich abgekämpft.

Er starrte erschöpft aus dem Fenster und spürte, dass er zitterte. Er wollte Rian nicht mehr sehen, aber gleichzeitig vermisste er ihn, was ihn wütend auf sich selbst machte. Er wollte ihm all das sagen, was er da aufgeschrieben hatte, konnte aber ja nicht reden. Er wollte sich in seine Arme kuscheln, weil es kalt war, wollte Kekse mit ihm essen und wollte nach England mit ihm reisen. Und er wollte ihm nie wieder begegnen.

Er war müde, wusste aber, dass er noch viel zu tun hatte. Da waren die Kündigung und das Arbeitsamt. Heute war Mittwoch, da hätte er sich schon längst beim Amt melden müssen… Ohne Gehalt oder Arbeitslosengeld würde er bald auf der Straße sitzen. Er hatte kein Angespartes, was ihn über ein, zwei Monate hinweghelfen könnte. Neue Bewerbungen in seinem Zustand zu schreiben, war zwar nicht unmöglich, doch wer stellte schon jemanden ein, der grad krank war und zu keinem Vorstellungsgespräch kommen konnte? Er wusste nicht, wie er das hinbekommen sollte. Er kroch frierend weiter unter die Decke und zog diese bis zur Nase hoch.

Seine Gedanken gingen weiter zu seiner Familie, der er alles erklären musste und wo er jetzt schon wusste, dass seine Mutter in Sorge vergehen würde und ihm war klar, dass sie hier trotz Feiertage anrücken wird. Und da wusste er noch nicht mal, ob er jetzt im Krankenhaus blieb oder nicht. Doch mit diesem Bein konnte er gewiss nicht allein in seine Wohnung zurück. Wie sah es eigentlich in seiner Wohnung aus? Brannten die Lichter? War der Fernseher noch an? Er konnte sich nur noch daran erinnern, dass er nach Hause gekommen war, nachdem er die Kündigung abgegeben hatte. Er hatte die Tür geschlossen, Tee gemacht und sich aufs Sofa gekuschelt. Ab dann war in seinem Kopf nur Leere.

Er hatte wieder einige Tränen in den Augenwinkeln und sah das Zimmer verschwommen. Er wischte sich über die Augen, doch wurde es nicht besser. Im Gegenteil sah er dunkle Ränder und konnte sich kaum noch auf einen Punkt fokussieren. Ein ungewöhnlicher Druck auf seinen Ohren kam hinzu. Er hörte ein Pfeifen, das ihm Schwindel bereitete und Übelkeit. Obwohl es ihm gerade kalt war, ging eine Hitzewelle durch ihn hindurch.

Er wollte Caspar etwas sagen, brachte aber nur ein Krächzen heraus. Er bekam Panik, da sich sein Sehfeld immer schneller einschränkte, das Atmen wurde schwer. Es wurde schwarz und still um ihn…


Teil 9

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