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du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Alexander Ried - Teil 1"

 

 


 

Die Abteilung Einkauf war gar nicht groß und seit neuestem mit fünf Leuten besetzt. Der Abteilungsleiter Dirk Lehmann saß so, dass er alle Tische im Raum gut im Blick hatte. Dirk war schon langjährig im Unternehmen dabei, hatte schon so manche Krise mitgemacht und wusste über fast alles Bescheid. Er hatte einen engen, fast freundschaftlichen Draht zum Chef und war öfter bei ihm zu vertraulichen Gesprächen. Er arbeitete viel, war oft zeitig da und sträubte sich auch nicht vor Überstunden. Er hatte feuerrote Wuschelhaare und wirkte immer ein wenig, wie gerade aus dem Bett gefallen. Der Eindruck war irreführend, er hatte stets alles im Griff und verteilte die Aufgaben gerecht unter seinen Mitarbeitern.

Das waren zum einen Inge Meyer, die gutaussehende blonde Kollegin, die für alles und jeden Verständnis hatte und die einzige Raucherin in der Abteilung. Sie war Mitte 30 und ständig auf der Suche nach dem perfekten Ehemann und daher immer gut angezogen. Als einzige Frau in der Abteilung hatte sie schnell gelernt, klare und kurze Anweisungen zu geben, wenn sie etwas brauchte. Plaudern konnte sie mit einer Freundin aus der Abteilung nebenan, dann aber wie ein Wasserfall. Auch gerne mal am Telefon.

Weiter war da Frank Schütz, Kaffeejunkie und Vater 4-jähriger Zwillinge, die ihn ordentlich auf Trab hielten. Man könnte ihn als langweilig ansehen. War er doch immer mit Jeans und Hemd begleitet, was ihm aber einfach stand und damit war er auch immer gut genug angezogen, wenn mal zufällig der Chef vorbeikommen sollte. Er war sehr strikt am Arbeitsplatz organisiert und sehr zuverlässig. Bei ihm ging kein Zettel verloren.

Erst als Azubi im Unternehmen begonnen, jetzt fest in der Abteilung angestellt, fand sich hier auch der junge Caspar Neumann, der gerade seinen 22. Geburtstag gefeiert hatte. Er war ein Riese, das allein brachte ihm eine Menge Respekt ein, wenn er irgendwo auftauchte. Seine dunkle Stimme grollte wie ferner Donner, wenn er lachte, und er lachte gern und viel. Zudem stammte seine Mutter aus Kenia und so war Caspar aufgrund seiner sehr dunklen Hautfarbe selten zu übersehen.

Und jetzt auch Alexander Ried. Doch während sich die anderen direkt mit Preisgestaltungen und Vertragskonditionen mit Kunden und Lieferanten auseinandersetzten, war Alex mit leichter Verwaltung beschäftigt, wie allgemeine Bürobestellungen der Firma oder auch mal Hotelreservierungen für Firmenkunden in der Stadt oder für Kollegen, die auf Reisen waren. Bevor man ihn an wichtigere Sachen heranließ, sollte er sich erst einmal in Ruhe in seinem neuen Arbeitsgebiet einfinden, danach jeden Bereich des Einkaufs einmal durchlaufen und dann eigentlich als Springer in der gesamten Abteilung einsatzfähig sein um vor allem Dirk zu entlasten.

Bisher schlug Alex sich sehr gut, die Kollegen waren mit ihm zufrieden und er selbst fühlte sich in der anderen Umgebung wohl, obwohl er bei Neuem oft sehr unsicher war. Noch immer war die Freude über die unverhoffte Einstellung Anfang Oktober in ihm nicht abgeklungen. Nachdem ihn seine Ausbildungsfirma nach dem eigentlich hervorragenden Abschluss doch nicht wie versprochen übernommen hatte, stand er plötzlich sich arbeitslos meldend vor dem Arbeitsamt. Er war niedergeschlagen und leicht verzweifelt, wusste nicht, was er falsch gemacht hatte und zum Überdruss war auch noch sein alter Toyota kaputt gegangen; der Kühler war defekt und musste ausgetauscht werden. Das war nicht gerade billig und sein Ausbildungsgehalt war nicht sehr üppig gewesen, reichte gerade so für seine Miniwohnung und das alte Auto und ein wenig Sparen.

Da er noch einen knappen Monat in der alten Firma angestellt aber freigestellt war, drängelte das Arbeitsamt zum Glück nicht mit Bewerbungen und so konnte sich Alex die ersten Tage in aller Ruhe in seinem Selbstmitleid aalen und sich zu Hause mit Cookie-Dough-Vanille-Eis und den Lieblingsfilmen verkriechen. Am dritten Tag hatte er es satt. Erst putzte er wie wild die Wohnung, dann machte er einen ausgedehnten Spaziergang durch den nahen Wald. Er genoss den Sommer und kehrte mit frischer Energie in seine Wohnung zurück. Dann setzte er sich an seinen Laptop und begann, seine Bewerbungsunterlagen zusammenzustellen und gleichzeitig sämtliche Stellenangebote auf diversen Plattformen zu durchforsten.

***

Ende September hatte Alex noch immer keine neue Stelle. Die meisten Bewerbungen kamen direkt zurück, manche erst, als er telefonisch nachfragte. Zwei Vorstellungsgespräche verliefen vielversprechend, aber er konnte sich gegen die Mitbewerber nicht vollends durchsetzen. Bei einer Firma hätte er anfangen können, fühlte sich aber bereits im Eingangsbereich und später beim Personalchef so unwohl, dass er absagte. Zudem wäre es nur eine Stelle auf Zeit gewesen.

Mit dem Geld wurde es jetzt richtig knapp. Er erhielt nur eine kleine Menge Arbeitslosengeld, die so gerade seine normalen Kosten trug, doch er musste bereits sein Sparkonto einfrieren und die Betriebsrente konnte er auch nicht mehr weiterzahlen. Sein Speisezettel reduzierte sich auf das Nötigste: Kartoffeln mit diversem Gemüse, was gerade so im Angebot war. Da er billige Wurst nicht mochte, aber Bratenaufschnitt zu teuer war, verzichtete er ganz auf fleischigen Brotbelag. Er schaute mehr nach Käse. Fisch konnte er sich gar nicht mehr leisten. Statt Marmelade achtete er auf reduziertes überreifes Obst und pürierte es sich dann selbst. So hatte er ganz günstig eine kleine Wochenration Pfirsich-, Erdbeer- und Blaubeeraufstrich für sein Toast im Kühlschrank. Anstelle von Mineralwasser kochte er sich täglich eine große Kanne Früchtetee. Mit Freunden Essen gehen oder mal ins Kino war natürlich auch nicht mehr drin.

Und obwohl er arbeitslos war, hatte er Stress. Er musste heute früh erst zum Arbeitsamt. Beratungstermin. Anschließend direkt zu einem weiteren Vorstellungsgespräch und Alex beschloss für sich, diese Stelle auch wirklich anzunehmen, egal wie er sich dabei fühlte. Er zog sich seine guten Sachen an, sah damit sehr gepflegt aus, doch als er sich selbst im Spiegel in die Augen sah, konnte er die Müdigkeit darin erkennen. Er fühlte sich ausgelaugt und deprimiert. Trotzdem packte er alle Quittungen von der Post und den Nachweisbogen der Firmen ein, bei denen er sich beworben hatte, um zumindest dieses Geld vom Amt erstattet zu bekommen und dazu einen neutralen Bewerbungshefter für das Vorstellungsgespräch. Alles ordentlich in die kleine Mappe gesteckt, machte er sich auf den Weg.

Er kam einige Zeit vor seinem Termin am Arbeitsamt an und wollte noch nicht in das große Gebäude hinein, das so deprimierend war, wie es bereits von außen aussah. Die herbstliche Luft tat ihm gut und erinnerte ihn an seinen Waldlauf heute früh, als alles noch ein wenig nebelig und ruhig war.

Er war so in seine kleine Morgenerinnerung versunken, dass er den Mann erst bemerkte, als dieser ihn ansprach. Ein leises Lachen war aus der Stimme zu hören.
"Na, so verträumt vorm Arbeitsamt? Das sieht man selten." Alex fühlte sich veralbert und wollte schon eine patzige Antwort geben, als er sich umdrehte. Vor ihm stand ein hochgewachsener Mann, der sicher noch keine Dreißig war. Er war in legerer Jeans, aber schickem wollenem Langmantel gekleidet, der ihm unheimlich gut stand. Genauso wie dieses Lächeln. Es war fröhlich und offen, ein wenig neugierig und warmherzig und machte, dass man sich gleich besser fühlte. Deswegen brummte er nur "Hmmm…"

"Na, das klingt nicht so toll. Dann musst du doch da rein, nicht?" Alex nickte nur verdrossen.
"Was hast du gelernt? Welche Stelle suchst du?", wurde er dann ziemlich direkt gefragt. Sein Gegenüber betrachtete ihn sehr ernsthaft, aber noch immer freundlich.
"Na ja. Ich habe Industriekaufmann gelernt und dieses Jahr abgeschlossen", stellte er seinen Werdegang in Kürze vor. Dann erinnerte er sich an seinen Bewerbungshefter mit den Zeugnissen und Lebenslauf, zog ihn hervor und reichte ihn einfach weiter, nahm dabei leicht den angenehmen Duft von frischem Rasierwasser wahr.

Der Mann nahm freudig überrascht die schmale Mappe entgegen und blätterte so souverän in den Unterlagen, als mache er das täglich.
"In welcher Abteilung warst du am meisten?"
"Die haben mich immer in die Buchhaltung abgeschoben, weil die permanent unterbesetzt waren, aber eigentlich war ich überall mal drin."
"Wie hat es dir im Einkauf gefallen?"
"Da war ich nur kurz. Ich kann dazu gar nicht viel sagen."
"Aber würdest du es machen wollen?"
"Ja. Eigentlich ist es mir egal, ich kam in allen anderen Bereichen gut klar", zuckte er eher lässig mit den Schultern und merkte erst dann, dass er nicht mit dem schrecklich kühlen "Sie" angesprochen wurde. Der andere wurde ihm gleich noch einmal sympathischer.

Es blieb noch ein paar Momente still, in denen eifrig in Alex' Unterlagen gelesen wurde, dann bekam er seinen Hefter mit einem sehr gut zufriedenen Lächeln wieder.
"Alex. In dieser Firma wird dringend noch eine Person für den Einkauf gebraucht", sprach der Mann weiter und holte dazu gleich noch eine Visitenkarte aus seiner Manteltasche.
"Hier sind alle Kontaktdaten drauf. Am besten rufst du dort sofort an. Sie werden dich sicherlich noch einmal zu einem Vorstellungsgespräch einladen, aber das ist nur pro Forma. Mach es gleich, dann musst du da nicht mehr rein", sagte er noch und deutete vage zum Arbeitsamt hin.

Etwas überfahren nickte Alex nur, schob den Hefter in die Mappe und behielt nur die Visitenkarte draußen.
"Gut. Ich muss weiter. Ich hoffe, wir sehen uns wieder, Alex." Und Alex sah einen davoneilenden und bereits mit einem sauteuren Smartphone telefonierenden Menschen hinterher, von dem er noch nicht einmal den Namen wusste. Ah! Die Karte! Sie führte alle notwendigen aber neutralen Kontaktdaten der Firma auf, keinen speziellen Namen. Er wusste also noch immer nicht, wem er da begegnet war.

Dann erinnerte er sich an die drängenden Worte, dass er am besten sofort anrufen solle und tat es dann auch. Und bereits einen Tag später hielt er tatsächlich seinen neuen Arbeitsvertrag in Händen. Natürlich unterschrieben. Doch seinen Retter hatte er noch nicht wieder getroffen und neugierig nachfragen wollte er auch nicht.

Und so begann für ihn eine interessante neue Zeit und der Herbst war schneller vorbei, als er gucken konnte.

 


 

Teil 2

 

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