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"Au!" Verdammt. Dieser Dornenbusch war aber auch widerspenstig. Kai streckte sich und platzierte das kleine Osterpräsent im Gras hinter besagtem stacheligem Strauch.

Normalerweise machte es ihm Spaß die Osternester für die Gäste des Hotels zu verstecken. Seit seiner Kindheit durfte Kai diese Aufgabe übernehmen und die Gäste freuten sich über diese unerwartete Überraschung. Der modern umgebaute Gutshof seiner Eltern lag in wunderschön ländlicher Umgebung; perfekt für ruhige Spaziergänge und sorgenfreie Erholung. Das Beste aber war die große alte Scheune, in der Tausende von Büchern standen, genauso wie im gesamten Hotel gefüllte Bücherregale zu finden waren. Die Gäste durften schmökern und stöbern so viel sie wollten. Auch tauschen. Der Handel hieß: bringe zwei Bücher mit her und nehme eines wieder mit. Ein tolles Konzept, was viele Leseratten und Bücherwürmer anzog.

Das hieß aber auch meistens Gäste im mittleren Alter oder sogar älter. Kai hatte da nichts gegen. Besser als ein Familienhotel mit schreienden, nervenden Minimonstern. Denn Kai mochte die Ruhe und die Natur, die er oft hoch zu Ross genoss. Sein Pferd Sundae stand ganzjährig draußen auf der Weide, gemeinsam mit einer kleinen Herde Schafe.

Wie gesagt, Kai liebte sein Leben hier auf dem Land mit Hotel und immer wechselnden Gästen und mochte es auch, die Osternester im weitläufigen hinteren Garten zu verstecken. Doch dieser gemeine Brombeerstrauch hatte ihn heute eindeutig zu viel gepikst. Er hätte sich auch ein einfacheres Versteck aussuchen können, aber dieses Geschenk mit dem extragroßen Schokohasen musste an einem schwer erreichbaren Ort versteckt werden. Denn dieses gehörte Konstantin.

Konstantin war ein Gast, der mit seiner Oma die Osterfeiertage in diesem Hotel verbrachte. Kai hatte Konstantin das erste Mal vor zwei Tagen morgens draußen im Wald getroffen. Kai auf Sundae, Konstantin in Laufklamotten zu Fuß. Sie verstanden sich sofort, kamen ins Quatschen und seitdem waren sie jeden Morgen gemeinsam unterwegs gewesen. Kai zeigte ihm so seine Lieblingsplätze im Wald und erfuhr dafür, warum Konstantin überhaupt in diesem ruhigem Hotel gelandet war.

Da er seine Oma sehr liebte, hatte Konstantin zugestimmt, mit ihr den Urlaub hier zu verbringen. Sie war nämlich so ein besagter Bücherwurm. Doch leider war das alles nichts für Konstantin, denn er war ein sehr aktiver Mensch. Er machte tagsüber gerne Sport und abends gerne Party. Das Bücherhotel war also so gar nicht sein Platz. Um ihm ein wenig Abwechslung zu bieten, wollte Kai für seinen bisherigen Lieblingsgast ein schwer zugängliches Versteck. Dafür nahm er also auch die Stacheln in Kauf.

Er zupfte noch etwas Gras zurecht, damit der goldene in Tigerstreifen getarnte Lindt-Osterhase nicht sofort zu sehen war und krabbelte rückwärts aus dem Gebüsch wieder hinaus.
"Na, das nenne ich doch mal einen hervorragenden Anblick", hörte er es da hinter sich lachen. Oh nein! Das war Konstantin! Was machte der denn hier? Die Gäste sollten doch alle im Gebäude sein, da es gleich Mittag gab. So hatte Konstantin das Versteck jetzt schon entdeckt.
"Das ist unfair!", beklagte sich Kai und versuchte ohne größere Kratzer da endlich wieder heraus zukommen.
"Was ist unfair? Mir so eine nette Ansicht zu bieten?"
Kai fand, dass das sehr anzüglich klang und wurde rot bei dem Gedanken, dass es ihm gefiel.
"Nette Ansichten kannst du auch später haben", war er mutig, denn bisher gingen ihre Gespräche nie um so etwas. "Hilf mir lieber!", forderte er.

"Na, bei solch guten Angeboten kann ich schlecht Nein sagen", ging Konstantin auf den Deal ein und hielt geschickt einige Brombeerzweige beiseite, damit Kai endlich wieder hervorkriechen konnte. Etwas zerrupft stand er schließlich vor seinem Gast, der ihm grinsend einige Blätter und Ästchen aus den Haaren sortierte.
"Was machst du denn da eigentlich?", fragte er Kai dabei.
"Geht dich nix an. Und jetzt husch ins Haus. Es gibt doch gleich Mittag", scheuchte Kai ihn, denn das gemeinsame mehrgängige Ostermenu zum Mittag war eine große Sache. Da sollte keiner zu spät kommen.
"Oh. Und meine Belohnung?"
Kai verdrehte die Augen. Der Kerl meinte das wohl ernst.
"Später", bestimmte er.
"Abgemacht. Später. Ich suche nach dir", versprach Konstantin, gab Kai einen kleinen Kuss auf die Wange und spazierte dann grinsend von dannen.

Und Kai? Der stand verdattert da und glühte. Konstantin meinte es wirklich ernst. Na gut! Wenn Konstantin ihn suchen wollte, dann sollte er suchen! Schließlich war Ostern.

*

Kai versteckte noch die restlichen kleinen Geschenkchen, dann lief er in den privaten Bereich des Hotels, wo die Wohnung seiner Familie lag, um seinen Rucksack zu holen und sich für einen Ausritt umzuziehen. Abgesehen davon, dass er Konstantin die Suche gewiss nicht leicht machen wollte, war der sehr warme Frühlingstag heute optimal für einen Ausritt. Es waren über 20 Grad und damit schon fast sommerliche Temperaturen.

In der Hotelküche deckte er sich mit genug Vorrat fürs Mittag ein. Er musste gar nicht lange suchen, denn die Köchin hatte in weiser Voraussicht für ihn bereits ein kleines Mittag zusammengestellt, das sie schnell passend für ein Picknick einpackten. Er bekam sogar noch etwas Kuchen fürs Kaffee und einige Möhren für Sundae mit. Er bedankte sich mit einer kräftigen Umarmung und flitzte dann vom Hotel weg. Nicht dass ihn doch noch jemand der Gäste entdeckte und verriet. Konstantin sollte ihn schon selbst finden.

Er musste ein paar Minuten gehen, denn die kleine Herde stand seit letzter Woche auf der hinteren Weide am Waldrand. Schon von weitem leuchtete ihm die weiße Wolle der Schafe entgegen und als er näher kam entdeckte er auch sein Pferdchen hinter einigen Bäumen. Sundaes fast golden glänzendes Fell mit schwarzer Mähne, Schweif und vier dunklen Stiefelchen fügte sich in die Landschaft fast natürlich ein. Aber er brauchte nur kurz nach ihm zu rufen, da kam Sundae schon angetrabt. Er wieherte freudig zu Begrüßung und schnaubte zufrieden, als er eine Möhre bekam.

Kai nahm derweilen den Beutel von der Schulter, in dem er Putzzeug und Trense dabei hatte. Er angelte den Striegel hervor und begann Sundae richtig feste zu schrubben. Das hatte er bitter nötig, denn Sundae hatte sich wieder in einer Schlammkuhle gewälzt. Mit der Wurzelbürste bürstete er danach alles ordentlich vom Fell bis es in der Sonne glänzte. Er ging noch mit Hufkratzer, Mähnenkamm und Kardätsche zu Werke, dann war sein Quarterhorse zum Ostersonntags-Ausflug hübsch gemacht.

Er klopfte Sundae ordentlich den Hals und zog ein wenig an den Ohren. Schon als Fohlen hatte das seinem Pferd gut gefallen und auch jetzt streckte es sich und brummte zufrieden. Es gab noch ein kleines Leckerli, da Sundae ohne anbinden so brav bei ihm stehen blieb, dann holte er das Knotenhalfter heraus. Sundae war von klein an auf gebisslose Halfter trainiert und sie beide kamen damit sehr gut zurecht. Und heute wollte Kai auch auf den Sattel verzichten. Manchmal war das eine herrliche Abwechslung. Außerdem war sein Pferd eine Wasserratte und wenn sie jetzt zu ihrem Lieblingsplatz am See ritten, wollte Sundae bestimmt auch baden.

Das Halfter war schnell angelegt. Den Putzbeutel hing er einfach an den Weidenzaun, wo er ihn nachher griffbereit wieder zur Hand hatte. Er führte Sundae noch aus der Umzäunung, der schon aufgeregt mit den Hufen scharrte. Sich in der Mähne festhaltend schwang sich Kai auf Sundaes Rücken, ruckelte sich zurecht, dann konnte es losgehen. Er ließ das Halfter locker, gab Sundae Raum nach vorn und schon trabte sein Pferd in seichtem Tempo los.

*

Der Weg ging eine kurze Weile zwischen Weide und Wald entlang, dann aber lichteten sich die Bäume und machten einer offenen Wiese Platz. Kai führte Sundae vom Pfad, beugte sich weit nach vorn und legte ihm eine Hand zwischen die Ohren. Dann flüsterte er ihm leise Los zu. Da gab es für Sundae kein Halten mehr. Er machte ordentlich Tempo und flog nur so im gestreckten Galopp über die weite Wiese. Kai ließ ihn einfach laufen und genoss den Wind in den Haaren.

Irgendwann trabte Sundae nur noch locker eine lange Anhöhe hinauf und verfiel in den Schritt, als er oben angekommen war. Hier gab es nämlich zwei Richtungen. Links herum ging es auf sehr direktem Wege zurück zum Hotel, rechts herum aber zum See. Er wartete auf Kais Kommando, der nur leicht das linke Bein anlegte und das Halfter nach rechts hin offen machte. Und schon ging Sundae eifrig dem See entgegen.

Wie erwartet, steuerte Sundae sofort das Wasser an, als sie den Waldsee erreichten. Er ließ Kai gar nicht erst absteigen, sondern stapfte gleich ins kühle Nass und schob die Nase hinein, nahm einige große Schlucke.

Kai schob sich von Sundaes Rücken, bekam nasse Füße und suchte sich daher einen schönen Platz in der Sonne, während sein Pferdchen Schritt für Schritt tiefer in den See lief. Als das Wasser den Bauch berührte, blieb Sundae stehen und blähte die Nüstern. Er sah nachdenklich aus und bewegte neugierig die Ohren hin und her.

"Na. Ist wohl doch noch zu kalt, um ganz darinnen zu baden, was?", fragte Kai ihn und wurde ignoriert. Er lachte. Sein Pferd war schon ein besonderer Charakter. Er nahm den Rucksack vom Rücken und streckte sich in der Sonne aus. Allmählich nahm er auch die verschiedenen Stimmen des Waldes und Sees war. Das war einfach herrlich. Er lauschte auf Sundae, der zufrieden durch das Wasser stapfte, auch wenn er wirklich noch nicht ganz hinein ging. Irgendwann kam er zurück ans Land, schüttelte sich da wie ein übergroßer Hund und beregnete zielgenau auch Kai, der damit aus seinem leichten Schlummer hochgeschreckt wurde.
"Hey. Das war gemein!", rief er und wusste, das sein Pferdchen es wirklich extra gemacht hatte. Sundae suchte sich derweilen frisches Gras nahe dem Ufer. Eine gute Idee, befand Kai, und angelte aus seinem Rucksack sein eigenes Mittagessen. So hatte jeder seinen Snack. Sundae bekam zum Dessert auch noch einmal eine Möhre und irgendwann lagen beide da und dösten vor sich hin. Sundae hatte sich zu Kai gelegt und Kai durfte den kräftigen Hals seines Pferdchens als Kopfkissen nutzen.

*

Kai begann sich zu sorgen. Es war schon lange Nachmittag und sein Lieblingsgast war noch immer nicht am See aufgetaucht. Der direkte Weg von Hotel zum See war nicht lang, vor allem wenn man den kleinen Waldweg nahm, den auch ein Auto oder ein Traktor benutzen konnte. Er hatte vorhin ja nur einen weiten Kreis gezogen, damit Sundae ordentlich rennen konnte. Wollte Konstantin doch nichts von ihm und hatte vorhin nur Scherze getrieben? Oder suchte er sie an einem anderen Ort? Aber dass der See Kais und Sundaes Lieblingsplatz war, hatte er Konstantin genau gesagt.

Frustriert ärgerte er Sundae mit einem langen Grashalm, bis dieser den Halm endlich erwischte und einfach aufaß. So was. Einfach seinen Grashalm auffuttern. So nicht. Er stürzte sich auf Sundae und umklammerte ihn mit allen Vieren, zog an seinen Ohren. Er war immer wieder überrascht, wie sehr Sundae ihm vertraute und solche Albernheiten ruhig mitmachte. Er blieb nämlich einfach liegen und brummte zufrieden. Bis er den Kopf hob und mahnend schnaubte. Da war jemand!

"Na, das ist doch eine tolle Ansicht. Genau wie versprochen", erklang es da auch schon hinter Kai und dieser wurde rot. Denn er streckte gerade schön ansprechend seinen Po in die Luft, weil er doch auf Sundaes Bauch liegend die Ohren seines Pferdchens gefasst hatte.

Er rappelte sich hoch und erblickte Konstantin hinter sich, in bequemen Wandersachen und einem Rucksack. Er freute sich riesig, wollte das aber seinem Lieblingsgast so nicht verraten. Er verschränkte die Arme und setzte ein beleidigtes Gesicht auf.
"Du bist zu spät!", schimpfte er.
"Ah, wirklich? Und wessen Schuld war das wohl?"
Hä? Warum schob Konstantin plötzlich den schwarzen Peter ihm zu? Hinter sich hörte er Sundae, der sich auch wieder in die Höhe kämpfte und sich kräftig schüttelte.
"Ich habe nichts getan. Ich war hier und habe gewartet - und gewartet - und gewartet", wollte er Konstantin ein schlechtes Gewissen machen.
"Ah ja? Dann hättest du mein Ostergeschenk nicht so gut verstecken sollen", ließ Konstantin sich gar nicht beirren.
Na, der Kerl hatte gut reden. So sehr versteckt hatte er sich nun auch wieder nicht. Sundaes Nase schob sich derweilen von hinten in seinen Rücken und stupste ihn etwas. Er kraulte Sundae unter dem Kinn und holte aus seinem Rucksack noch eine Möhre hervor. Die zufrieden knuspernd, verkrümelte sich sein Pferdchen an das Wasser zurück.

"Ich habe mich gar nicht versteckt. Ich hatte dir doch genau erzählt, dass ich am liebsten hier bin."
Das Grinsen in Konstantins Gesicht verwirrte ihn. Was hatte er jetzt wieder gesagt?
"Was?", wollte er wissen.
"Du sagst also, dass du mein Ostergeschenk bist?", fragte Konstantin hinterlistig und kam näher.
"Ähm - ähm Du hast doch davon angefangen", stammelte Kai. Hatte er irgendwas verpasst? Und warum war Konstantin plötzlich so nah? So nah, dass er ihn riechen konnte. Wald und Sonne und etwas Aftershave.
"Ich habe von dem Versteck im Garten gesprochen. Immerhin hast du den Hasen dort nicht nur hineingebracht, ich musste ihn ja anschließend wieder hervorholen."
"Oooh!" Davon hatte Konstantin gesprochen. Das war peinlich. "U~und? Hast du ihn bergen können?", wollte er vom Thema ablenken. Konstantin streckte ihm seine Arme hin, mit verräterischen Kratzern. Da gesellte sich auch noch schlechtes Gewissen zu Kais peinlichen Gedanken.
"Ich wollte es dir nicht zu einfach machen…", gestand er dann leise.

"Einfach war es gewiss nicht. ~ Aber es war sehr belustigend für die anderen Gäste", erzählte Konstantin. "Sie wollten mir alle helfen, aber ich war mannhaft und habe den Kampf gegen Tigerhase und Brombeerstrauch selbst ausgefochten, auch wenn es etwas dauerte", endete er und war sichtlich stolz auf seine gewonnene Schlacht. "Und da ist er!", rief er und hielt siegreich den Lindt-Hasen wie eine Trophäe Kai entgegen. "Ich dachte, mein Ostergeschenk vernaschen wir gemeinsam." Und warum klang das so, als wenn Konstantin da nicht nur von dem Hasen sprach?

Sundae hatte einen wunderschönen Nachmittag am See und hatte sich irgendwann sogar noch etwas weiter in das klare Wasser getraut. Und es war wirklich ganz unabsichtlich, dass er sich danach in der Nähe des verliebten Pärchens trocken schüttelte. Zufrieden in der Sonne kuscheln und dösen war damit hin.

Ende.

 


 

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