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du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Nagusamé - Teil 1"

 

 


„Ich muss gehen. Ich wünsche Ihnen weiter alles Gute.“

Langsam stehe ich von dem Stuhl auf und werfe meinem Gegenüber noch ein trauriges Lächeln zu. Einige Münzen fallen klappernd zwischen die Becher und den Weinkrug auf den Tisch. Die lauten, unangenehmen Stimmen um mich herum beachte ich schon seit einiger Zeit nicht mehr.

„Ich wünsche Ihnen dasselbe. Auf ein baldiges Wiedersehen.“

Mit einem leisen Lachen senke ich den Kopf.

„Nein. Dazu wird es nicht kommen.“

Mit einem Ruck hebe ich meinen Kopf wieder an, nehme meinen Mantel und ziehe ihn mir schnell über.

„Wie schon gesagt. Ich wünsche Ihnen alles Gute.“

Mit diesen Worten deute ich eine kleine Verbeugung an und schicke mich an das Wirtshaus zu verlassen. Auf dem Weg, an rauhen und besoffenen Kerlen vorbei, zu der grob gezimmerten Holztüre spüre ich noch lange seinen Blick auf mir. Tief in Gedanken versunken, stoße ich unsanft mit einem anderen Körper zusammen

„Kannst nich' aufpass'n, Mann?“

Schnell entschwinde ich den Pranken, die nach mir greifen. Das wütende Schimpfen des Mannes erstirbt, als sich die Tür endlich hinter mir schließt.

Die Nacht ist kalt, feucht und schwarz. Ein eisiger Wind bläst über die Themse.

Nicht mal der Abschaum der Stadt traut sich in dieser Nacht heraus, denke ich hasserfüllt. Vor Kälte zitternd ziehe ich meinen Mantel noch enger um mich. Das Material meiner Hose und des Umhangs besteht nur aus sehr dünnen Stoff. Zu wenig für diese Jahreszeit. Schon nach kurzer Zeit spüre ich meine Beine kaum noch und mit steifen Schritten gehe ich an dem dreckigen Ufer des Flusses entlang. Der Weg ist nur mühsam zu erkennen. Der sonst so helle Mond wird heute von Wolken verdeckt.

Eine gute Nacht. Eine Nacht des Fortgehens und Vergessens.

Lange laufe ich am Ufer entlang. Die Kälte spüre ich schon nicht mehr. Von der Themse zieht bald dichter Nebel auf. Man kann nur noch drei, höchstens vier Fuß weit sehen.

Wie aus dem Nichts taucht plötzlich die Brücke vor mir auf. Ohne zu zögern führen mich meine Schritte auf sie zu. In der Mitte der Brücke bleibe ich an einer einsamen Laterne stehen und schaue in den Nebel hinunter. Das Wasser ist nicht zu sehen. Nur ein dumpfes Rauschen ist zu hören. Es braucht lange, bis ich es endlich geschafft habe auf das Geländer zu steigen. Meine Gliedmaßen sind taub und kalt.

Erst jetzt wird mir bewußt, was ich tue. Noch einmal schaue ich in den Nebel unter mir. Die plötzliche Angst, die in mir aufsteigt, lässt mich schwindlig werden und alles um mich herum beginnt zu verschwimmen. Eine Stimme schreit durch die Nacht. Es ist nur Einbildung. Oder doch nicht? Mühsam wende ich den Kopf und während ich in die eisigen Fluten der Themse stürze, sehe ich einen dunklen Schatten im Nebel. Bevor mich die Kälte des Flusses verschlingt, verliere ich das Bewußtsein.

 

***

 

Dann spüre ich undeutlich einen festen Druck um meinen Körper. Als ich die Augen schwer öffne, blicken mich die zwei grau-grünen Augen, welche mich am selben Abend so lange warm angelächelt haben, entsetzt an. Der intensive Blick brennt sich wie Feuer in mein Gehirn und setzt sich dort fest. Mir entfährt ein heißeres Stöhnen, dann schwinden mir abermals die Sinne.

Als ich die Augen wieder öffne, scheint noch nicht viel Zeit vergangen zu sein. Eine warme Hand liegt auf meiner Stirn. Ich wende den Kopf etwas und sehe, dass ich mich in einer kleinen Kutsche befinde. Durch meine leichte Bewegung ziehe ich die Aufmerksamkeit der grau-grünen Augen wieder auf mich. Besorgt schauen sie zu mir herab und die Hand auf meiner Stirn streicht leicht über meinen Kopf. Langsam spüre ich auch meinen Körper wieder und merke, dass mir kalt und heiß zugleich ist. Das vorher kaum wahrnehmbare Zittern verstärkt sich und mir wird bewusst, wie ein Arm mich weiter an den warmen Körper zieht, auf dessen Beinen mein Kopf schon die ganze Zeit gelegen hat. Doch die Wärme des anderen hilft nicht viel gegen das Beben meines Körpers. Auch sein Mantel, den er über mich gelegt hat, kann die Kälte nicht vertreiben und die Hitze in mir lindern.

Die Dunkelheit in meinem Bewußtsein nimmt wieder zu. So sehr ich mir vor einer Stunde den Tod gewünscht hatte - jetzt habe ich Angst davor. Verzweifelt krallen sich meine Finger in seine Weste und sein Hemd. Eine warme Hand legt sich auf meine verkrampften Finger, hält sie fest und drückt sie gegen seine Brust. Das rhythmische Schlagen seines Herzens, dass ich spüren kann, hält meinen Geist davon ab, in die Dunkelheit zu gleiten. All meine Sinne konzentrieren sich nur noch darauf. Halten sich daran fest und bald gleicht sich mein rasender Herzschlag allmählich dem seinen an.

Auch wenn ich mein Bewußtsein in den darauf folgenden Minuten nicht verliere, driftet mein Geist weit ab und ich bekomme nur undeutlich mit, wie die Kutsche ruckartig hält und zwei starke Arme mich tragen. Der kurze Weg von der Kutsche bis zum von einer Laterne schwach beleuchteten Eingang in den kleinen Vorhof scheint für mich eine Ewigkeit zu dauern, in der sich die Kälte und Hitze in meinem Körper erneut ausbreiten, schlimmer denn zuvor.

Eine dumpfe Übelkeit nistet sich in meinen Gedärmen ein, die stetig wächst. Sie steigt in mir auf, bis ich sie in meinem Hals merke und ich nur noch schwer atmen kann. Bevor ich mich übergebe, kann ich mich von den starken Armen freikämpfen und falle in dem Gras auf die Knie. Der schlechte Geschmack von dreckigen und faulen Wasser bleibt in meinem Mund zurück und reizt die Übelkeit weiter. Immer neue Krämpfe lassen meinen Magen sich zusammenziehen und mich bittere Galle spucken, als der Magen schon leer ist. Mein Hals ist so gereizt, dass er schmerzt, meine Innereien liegen schwer in mir. Mein gesamter Körper tut weh. Heiß laufen Tränen meine Wange herunter. Eine Hand hält mich fest umarmt, während die zweite wieder auf meiner, trotz der Kälte, schweißnassen Stirn liegt. Lange halte ich es nicht aus. Meine Arme knicken unter mir zusammen und es wird schwarz um mich herum.

 

***

 

Noch einmal wache ich kurz auf. Ich liege in einem Bett. Man hat mir die nassen und kalten Kleider ausgezogen. Wie von selbst sucht mein Blick die grau-grünen Augen und findet sie. Beruhigend blicken sie mich an. Ein feuchtes Tuch wird auf meine heiße Stirn gelegt und eine Hand fährt über mein Gesicht. Nur ganz leicht. Kaum spürbar. Der Weg von meiner Stirn, über die Schläfe und Wange bis zu meinem Kinn brennt sich, wie zuvor der Blick der grau-grünen Augen, in mein Gehirn. Gleichzeitig spüre ich seine zweite Hand. Sie liegt auf meiner Brust und fühlt sich angenehm kühl an, auf meiner heißen Haut. Während er sie langsam über meinen schmerzenden Körper gleiten lässt, löst sich ein leises Stöhnen aus meiner Kehle, dann zieht die Schwärze meinen Geist wieder in die Tiefen der Bewußtlosigkeit.

 

***

 

| Zuerst ist da nur die unendliche Schwärze, wie sie mich festhält und nicht mehr loslässt - so sehr ich es auch versuche. Sie schließt mich ein und nimmt mir die Luft zum Atmen. Mein eigenes Keuchen klingt laut in meinen Ohren wider. Nein. Kein Keuchen. Es klingt wie das Rauschen von Wasser, wird es mir schlagartig bewußt. Obwohl die Schwärze noch immer um mich herum ist, kann ich mich jetzt bewegen. Ich höre Schritte und drehe mich auf der Brücke um. Aus dem dicken Nebel taucht eine Gestalt auf und schließt mich in ihre starken Arme. Eine sanfte Stimme flüstert mir einige Worte in das Ohr und zwei blaue Augen strahlen mich an. Eine kräftige Hand legt sich um mein Kinn und zieht mein Gesicht näher an das seine. Weiche Lippen treffen auf meine. Der Kuss ist dieses Mal so intensiv, dass es mich taumelig macht. Seine andere Hand legt sich um meine Hüfte und zieht mich näher an sich heran. Seine Lippen schmecken gut. Sie schmecken fast wie ... Blut? Entsetzt weiche ich von ihm weg. Mit weit aufgerissenen Augen sehe ich, wie er vor mir auf die Knie fällt, der Schaft eines Messers ragt aus seinem Rücken. Dunkle, bedrohliche Schatten verschwinden wieder im Nebel. Doch sie sind nicht weg, schleichen weiter um mich herum. Ich nehme ihn in die Arme und halte ihn fest. Das viele Blut, welches meine Kleider durchtränkt lässt mich erstarren. Sein Atem ist nur noch ein Röcheln. Seine Lebenskraft verlässt ihn schnell. Und immer mehr Blut. Die blauen Augen umwölken sich, werden glasig und blicklos. Und das Blut nimmt noch mehr zu. Meine Kleider sind vollständig mit seinem Blut getränkt, mein Körper ist feucht davon.

Ein letztes Mal schauen mich die blauen Augen an, dann beginnen sie sich rot zu färben, wie sein gesamter Körper. Alles wird rot und verwandelt sich in Blut. Sein Gesicht zerläuft vor mir wie eine aus der Hölle stammende Todesfratze. Ich greife nach ihm und wie Wasser läuft Blut durch meine Hände und in den brodelnden Fluss unter mir. Es brennt wie Feuer auf meinem Körper und frisst sich in mein Inneres hinein. Es zieht mich mit fort. Hinunter in die heißen Fluten des Styx.

Mein gellender Schrei verliert sich hilflos in der Nacht.

Wird in einem sanften Echo zurückgeworfen. Das kühle grau-grüne Wasser des Styx hüllt mich behutsam ein. Lindert den Schmerz meines verbrannten Körpers und lässt mich unmerklich zur Ruhe kommen.|

 

***

 

Schwer wache ich aus der tiefen Schwärze auf. Zuerst höre ich nur ein Rauschen, welches ich langsam als zwei Stimmen erkenne. Leise reden sie miteinander. Nicht weit von mir entfernt.

Lange Zeit liege ich einfach nur da. Lausche den zwei angenehmen Stimmen. Mir fehlt die Kraft die Augen zu öffnen oder etwas anderes zu machen. Mein Körper fühlt sich nicht mehr heiß an, aber er tut weh - wie von tagelangen Krämpfen befallen.

Um mich von den Schmerzen etwas abzulenken, höre ich weiter den zwei Stimmen zu. Höre sie jetzt klar und deutlich. Eine klingt zierlich und zart. Und dann ein leises Lachen, hell und freundlich.

Die zweite Stimme antwortet auf ihr Lachen. Und wie zuvor der Blick der grau-grünen Augen und die leichte Berührung auf meinem Gesicht, brennt sich diese Stimme in mein Gehirn. Sanft hüllt sie meinen Verstand ein, bis ich nur noch diese Stimme höre und fühle und alles andere vergessen habe. Doch dann merke ich, wie die Stimmen sich von mir weg bewegen. Sie werden leiser.

Mit Schrecken verstehe ich, dass die Stimme mich verlassen will. Mich alleine in der Dunkelheit lassen will. Ich habe wieder Angst. Angst vor den Schmerzen, der Schwärze und Tiefe und dem Blut. Angst vor dem Blut. So rot. So heiß...

... mit einem Ruck öffne ich die Augen. Versuche etwas zu sagen um die Stimme zurückzuhalten. Doch meine eigene versagt mir den Dienst. Nur ein Röcheln kommt aus meiner trockenen Kehle. Als ich versuche mich aufzurichten beginnt mein gesamter Körper noch mehr zu schmerzen. Verbissen kneife ich die Augen zu und presse die Kiefer hart aufeinander. Doch ich schaffe es mich etwas auf meine Arme zu stützen. Diese Bewegung lässt mich schwindlig werden. Nur ungenau spüre ich eine Hand auf meiner Schulter. Meine Augen finden wieder die Grau-grünen. Die sanfte Stimme sagt etwas zu mir, was ich nicht verstehe. Erst nachdem das Schwindelgefühl nachgelassen hat, kann ich die Worte auch ihrer Bedeutung zuordnen.

Leicht und doch bestimmend drückt mich die Hand wieder auf das Kissen. Bereitwillig lasse ich mich zurücksinken. Schwer atmend liege ich da und schaue noch immer in das Grau-grün über mir. Die kleine Bewegung hat mich völlig erschöpft und ich kann auch die Augen nicht mehr offen halten, obwohl die Angst wieder in mir aufkommt, dass die Stimme mich verlassen könnte. Doch ich spüre weiterhin die Hand auf mir. Sie liegt jetzt auf meiner Brust, die sich unregelmäßig hebt und senkt.

Ich höre ein paar eilige Schritte, die sich mir nähern, dann die zarte Stimme von vorhin. Es wird etwas neben das Bett gestellt (auf dem ich liege), dann entfernen sich die Schritte - eilig wie sie gekommen sind. In dieser kurzen Zeit hat sich meine Atmung beruhigt und ich versuche erneut meine Augen zu öffnen. Das Grau-grün lächelt mich an.

„Ich bin froh, dass es dir wieder besser geht. Vor ein paar Stunden dachte ich nicht, dass du noch einmal die Augen aufmachen würdest.“

„Warum...“

Meine Stimme ist nur ein Krächzen. Und mehr als ein Wort schaffe ich nicht zu sagen. Meine Kehle ist völlig ausgedörrt. Ich habe Durst

„Nicht sprechen. Ich habe Wasser da. Du solltest etwas trinken.“

Der Gedanke an das kühle Nass lässt wieder etwas Energie in mir aufkommen und erneut versuche ich mich aufzurichten. Die Kraft reicht nicht aus.

„Ich stütze dich.“

Die warme Hand auf meiner Brust verschwindet, ein starker Arm drängt sich unter mich und zieht mich in eine sitzende Position. Gleich darauf spüre ich einen kräftigen Körper an meinem Rücken, gegen den ich mich lehne.

Eine Schale mit klarem und frischen Wasser wird an meine Lippen gesetzt. Ich versuche einen großen Schluck zu nehmen.

„Nicht so hastig. Immer nur etwas und langsam.“

Die Stimme dringt von hinten dicht an mein Ohr. Dabei berührt mich der warme Atem an meinem Hals. Ein angenehmer Schauder läuft über meinen Rücken. Ich höre auf die Stimme und trinke nur langsam. Die Schale wird in kurzen Abständen von meinen Lippen genommen, so dass ich Zeit habe zu schlucken. Unbemerkt hat sich ein Arm um meinen Oberkörper gelegt und hält mich fest. Ich lehne mich noch weiter an den Körper hinter mir und in die sichere Umarmung.

Als die Schale geleert ist, wird sie auf den Schemel neben dem Bett gestellt. Obwohl ich nicht viel getan habe bin ich unendlich müde. Meine Augen schließen sich von selbst. Ein zweiter Arm legt sich um meinen Oberkörper und zieht mich noch näher in die feste Umschlingung...

| ... Eine Umarmung. Eine Umarmung voller Vertrauen. Voller Liebe. Kein Wort war nötig um die Gefühle zu beschreiben. Allein diese Umarmung genügte um alles zu sagen. Das Versprechen niemals fortzugehen ... niemals fortzugehen ... niemals fortzugehen ...|

Ein Finger hält die Tränen auf, die über mein Gesicht laufen. Es sind zu viele. So lange habe ich vergebens auf sie gewartet. Nie wollten sie kommen. Und jetzt sind sie nicht zu stoppen. Unaufhörlich treten sie aus mir hervor. Mein Körper bebt unter dem Schluchzen, welches ich nicht mehr unterdrücken kann. Es schmerzt zu sehr. Die Arme ziehen mich noch fester an den starken Körper hinter mir und wiegen mich lange sanft vor und zurück. Die Müdigkeit übermannt meine Trauer und ich schlafe in den Armen ein.

 

***

 

Jemand hat das Fenster des kleinen Zimmers geöffnet, in dem ich liege. Ich höre einige Vögel zwitschern und die Bäume, die durch den Wind bewegt werden. Meine linke Hand fühlt sich warm an, im Gegensatz zu meinem restlichen Körper. Leicht öffne ich meine Augen. Die Sonne fällt hell durch das Fenster auf das Bett und auf meine Hand. Diesmal fühle ich mich ausgeruht. Die Schmerzen sind nicht mehr zu spüren. Trotzdem bleibe ich einfach so liegen und genieße die Wärme, die von meinen Fingern ausgeht, die frische Luft und die Geräusche, die von draußen kommen. Ab und zu höre ich Stimmen von der Straße. Das Gespräch wird in sittlicher Form geführt. Es muss eine der guten Gegenden von London sein. Ich stelle mir vor, wie ein Pärchen unter dem Fenster vorbeigeht. Arm in Arm erfreuen sie sich an dem schönen Tag. Ein freundliches Lachen...

| ... ein Lachen ... so offen und ehrlich ... ein Lachen ... so rein und unverfälscht ... ein Lachen ... das zerfällt ...|

Wieder fühle ich nasse Spuren auf meinem Gesicht. Ich drehe mich auf die Seite, ziehe die Beine unter der Decke an und weine still in das weiße Kissen hinein. Es vergeht eine lange Zeit bis die Tränen versiegen. Das Kissen, in welches ich den Kopf vergraben habe, ist durchnässt. Die Sonne, die durch das Fenster scheint, ist weiter gewandert, denn jetzt fallen die warmen Strahlen auf mein Gesicht und trocknen die restlichen Spuren der Tränen.

| Eine Hand, die sich auf mein Gesicht legt ... so warm wie die Sonne ... eine Hand ... die mich sanft näher an sein Gesicht zieht ... eine Hand ... die zerfällt ...|

Langsam schlage ich die Augen wieder auf und blicke in die Grau-grünen vor mir. Seine Hand liegt auf meiner Wange und mit dem Daumen wischt er einige Tränen weg, die gerade erst wieder über mein Gesicht gelaufen sind.

Warum habe ich nur so viele Tränen?

Seine Hand bleibt auf meinem Gesicht liegen und ich schaue ihm in die Augen. Sie ziehen mich an und lassen mich nicht mehr los. Halten mich fest. Ich versinke tief in sie und vergesse für einige Augenblicke...

Erschöpfung steigt wieder in mir auf. Die Tränen haben mich ausgelaugt. Meine Augenlider sinken herab und trennen mich von seinen grau-grünen Augen. Eine Bewegung verrät mir, dass er aufsteht um aus dem Zimmer zu gehen. Meine Hand streckt sich nach seinem Arm aus. Hält ihn schwach fest. Noch einmal heben sich meine Lider und blicken ihn sehnsüchtig an. Ich will nicht, dass er geht und mich alleine lässt. Ich erinnere mich an die enge Umarmung von gestern. Die Wärme, die er stets ausstrahlt, wenn er mich berührt. Das Grau-grün lächelt mich sanft an und ich schließe beruhigt die Augen. Dann spüre ich den warmen Körper neben meinem und zwei feste Arme, die mich an ihn ziehen. Mit einem leisen Seufzen lege ich den Kopf an seine Schultern und schlafe wieder ein.

 

***

 

Es ist dunkel um mich herum. Doch diesmal ist es kein Traum, keine Erinnerung. Noch immer spüre ich den warmen Körper neben mir, in dessen Umarmung ich nun schon zum zweiten Mal eingeschlafen bin.

| ... eine Umarmung ... so fest und doch so sanft ... die ich nie wieder spüren werde ...|

Nie wieder werde ich diese Umarmung spüren. Nie wieder werden mich diese Hände halten. Nie wieder werde ich dieses Lachen hören. Nie wieder werden mich diese Lippen berühren... Warum hat er mich nicht sterben lassen? Dann wäre ich frei...frei von den Qualen und den Schmerzen...

Langsam versuche ich mich aufzusetzen. Diesmal schaffe ich es, ohne dass es mir schwindlig wird. Ich schlage die Bettdecke zur Seite und stehe auf. Schwankend komme ich auf die Beine und stütze mich kurz an der Wand ab, bis ich fest stehe. Mit einigen Schritten, mich an der Wand weiterhin festhaltend, gehe ich auf das Fenster zu. Licht fällt schräg durch das Glas in das Zimmer und erhellt dieses, so dass man hätte ein Buch lesen können. Als ich die wenigen Schritte geschafft habe, sehe ich endlich den vollen Mond am klaren Himmel. Die vielen Sterne scheinen hell und lassen die Nacht friedlich erscheinen.

|... eine Nacht ... still ... überraschend ... eine Nacht, in der mir der Verstand geraubt wurde ... von blauen Augen ... |

Nur der Mond und die Sterne sehen mich weinen. Lautlos und still.

So viele Tränen. Werden sie denn nie weniger?... Warum hat er mich nicht sterben lassen? In diesem Fluss. Wo ich hätte vergessen können. Vergessen können ... die Trauer ... den Schmerz ... diese blauen Augen ...so nah schon am Tod ...

Meine Gedanken sind weit weg. Treiben hilflos umher auf der Suche nach einem Halt, der von mir gegangen ist. Dem sie folgen wollen, aber nicht können.

Die leisen Schritte hinter mir höre ich nicht. Aber ich spüre die Wärme an meinem nackten Rücken. Sanft drängt sich eine Stimme in meinen Kopf und zwingt meine Gedanken zurück zu kommen. Ich werde von starken Armen umfangen. Sein heißer Atem streicht über meinen Nacken und Hals.

"Nicht weinen. Bitte. Höre auf zu weinen.“

Er legt seinen Kopf auf meine Schulter.

"Es schmerzt mich, wenn ich dich weinen sehe.“

"Warum hast du mich nicht sterben lasssen?

Meine Stimme ist nur ein Flüstern. Ich weiß nicht, ob er mich überhaupt verstanden hat. Er antwortet nicht.

Lange stehen wir da. Ich spüre sein gleichmäßiges Atmen auf meiner Haut. Wann die Tränen versiegt sind, weiß ich nicht mehr. Ich bin noch immer schwach, versuche mich auf den Beinen zu halten ohne zu schwanken und stütze mich etwas mit der Hand auf der Fensterbank ab. Aber ich merke, wie meine Kraft langsam nachlässt. Bevor ich jedoch in die Knie sinke, greifen die Hände fester zu und halten meinen Sturz auf. Dann werde ich auf die Arme genommen und zu dem Bett getragen. Dabei sehe ich in die grau-grünen Augen, die sanft auf mich herunterschauen und meinen Blick nicht mehr loslassen.&xnbsp;

Er legt mich auf das Bett und kniet sich über mich. Mit einer Hand zieht er die Linie nach, die er schon einmal gezogen hat. Mein plötzlich heftiges Atmen überrascht mich, als er mit seiner Hand weiter gleitet und über meinen Oberkörper fährt. Die Augen noch immer fest auf die meinen gerichtet. Warme Lippen senken sich auf meine herab. Sie schmecken gut. Und sie rauben mir den Verstand. Wie die Hand, die sich weiter nach unten bewegt und auf meinem flachen Bauch verharrt.

| ... eine Hand ... sanft berührt sie meinen Körper ... blaue Augen, die mich in ihrem Blick gefangen halten ... |

Scharf schneidet sich das Bild in mein Gehirn. Ich merke, wie ich mich verspanne. Mich gegen ihn zu wehren beginne, so weit es meine Kraft zulässt.

"Nein."

Meine schwache Stimme klingt wie ein Schrei in meinen Ohren und mein Atem geht in kurzen Stößen.

"Nicht. Bitte."

Ich wende den Kopf zur Seite, so dass ich nicht mehr in die grau-grünen Augen blicken muss. Er lässt meine Lippen frei, doch seine Hand liegt nach wie vor auf mir.

| ... bleibt kurz auf mir liegen und streicht schließlich über meine Hüften ... die Beine herab ... |

Die Erinnerung blitzt kurz und schmerzvoll in meinem Kopf auf. Meine Augen beginnen zu brennen; ich versuche die Tränen zurückzuhalten, schließe fest meine Lider und beiße mir auf die Unterlippe. Bald schmecke ich mein eigenes Blut.

| ... Seine Lippen schmecken gut. Sie schmecken fast wie ... Blut?... |

Rot überflutet meine Gedanken. Rot und der Geschmack von Blut. Ich sehe wieder das Messer vor mir. Die blauen Augen, welche mich ein letztes Mal anschauen, bevor sie für immer vor mir geschlossen werden. Panik breitet sich in mir aus. Ein Zittern durchläuft mich von oben bis unten. Ich höre laut mein eigenes, unregelmäßiges Keuchen und meine Finger krallen sich in die Bettlaken. Der Geschmack des Blutes nimmt meine gesamten Sinne ein. Lässt mich nicht mehr los. Steigert die Panik immer mehr. Ich höre das Blut in meinen Ohren rauschen. Ich schmecke es in meinem Mund. Ich rieche es sogar. Ich fühle die zähe Flüssigkeit mein Kinn herunterlaufen. Ich sehe es vor mir, wie es durch meine Finger läuft. Unaufhaltsam hinunter in diesen Fluss.

Mein Körper bäumt sich in schmerzvollen Krämpfen auf...

...Bis ich von seinem Körper niedergehalten werde. Seine Hände halten mich an den Schultern fest. So fest, dass es weh tut. Doch der körperliche Schmerz dringt in meine Gedanken und holt mich allmählich zurück.

Seine Stimme ist direkt neben meinem Ohr und spricht leise auf mich ein. Nach einer langen Zeit öffne ich die Augen und schaue in das Dunkel des Zimmers. Bleibe von ihm abgewendet und lausche nur der Stimme. Seine Hände lassen meine Schultern frei und ich höre ein leises Rascheln von Stoff. Er beugt sich weiter zu mir herum und wischt vorsichtig mit seinem Hemd das Blut von meinem Kinn. Dabei schiebt er sanft meinen Kopf zurück, bis ich ihm in die Augen blicke.

„Warum hast du mich nicht sterben lassen?“, stelle ich leise die Frage. Er gibt mir erneut keine Antwort, sondern beugt sich weiter zu mir herunter. Seine Lippen berühren meine nur leicht. Seine Augen lassen meinen Blick nicht los und erkennen die Angst, die in mir wieder aufsteigt.

„Sch...Du brauchst keine Angst zu haben. Ich tue dir nichts.“

"Nein – ich habe keine Angst vor dir. Ich habe Angst, dass du ebenfalls fortgehen wirst."

„Ich bin hier. Ich werde bei dir bleiben. Ich werde dich nicht alleine lassen.“

In dem Grau-grün kann ich das Versprechen sehen, welches mir schon einmal gegeben wurde.

"Wie kannst du sicher sein, dass du mich nicht alleine lassen wirst?"

„Ich werde immer bei dir sein. Und auch wenn du mich nicht mehr sehen kannst, wirst du mich fühlen können.“

Er legt eine warme Hand auf meine Brust, genau über dem Herzen.

„Dort werde ich bei dir sein. Immer. Und er ist auch dort.“

Seine Worte und die Berührung seiner Hand auf mir dringen tief in mich ein. Durchbrechen die schwarzen Nebel, die meinen Geist in sich gefangen hielten und schwemmen das Rot aus meinen Gedanken. Das Grau-grün über mir verwandelt sich in ein klares Blau...

| ... seine Arme ziehen mich näher an ihn heran ... sein Gesicht nähert sich mir ... seine Lippen legen sich auf meine ... spüre sein Leben durch sie fließen ... seinen Herzschlag ... gleicht sich dem Schlag meines Herzens an ... bis er eins wird mit dem meinen ...|

Stumm blicke ich in die grau-grünen Augen und merke, wie sich abermals heiße Tränen bilden. Doch diesmal sind es Tränen der Erleichterung. Ein zittriges Lächeln entsteht auf meinem Gesicht. Mein Kopf hebt sich etwas und ich überwinde die kurze Distanz. Berühre zaghaft seine Lippen, bevor ich mich wieder zurücksinken lasse. Er folgt meiner Bewegung, legt aber den Kopf auf meine Schulter. Mit beiden Armen drückt er mich fest an sich.

„Bitte. Vergieße keine Tränen mehr. Ich kann es nicht ertragen, wenn ich dich weinen sehe.“

Ich höre seine sanfte und tiefe Stimme direkt an meinem Ohr. Sein Atem streicht über meinen Hals, bis ich einen leichten Kuss von ihm in meinem Nacken spüre. Er wandert langsam mit seinen Lippen an meinem Hals entlang und wendet sich dann meinem Gesicht zu. Küsst die restlichen nassen Spuren weg und blickt mir noch einmal tief in die Augen. Auf seine stumme Frage findet er eine Antwort. Weich senken sich seine Lippen wieder auf die meinen und diesmal ist es nicht nur einfach ein Kuss. Das pure Verlangen strömt durch seine Lippen in meinen Körper und setzt mich in Flammen. Ich schließe die Augen und gebe mich ihm ganz hin...

 


 

Teil 2